Homo Habilis, frame two

8. Januar 2010

Fettabsaugung, Dialyse, Prostata: mit neuem Schwung ins alte Leben. Prost…

Homo Habilis, frame one

8. Januar 2010

Neu bei www.ElitePartner.de: Wolfgang Klöppel, Kennwort: Harnausgang

Berlin, Ausflug ins Wattenmeer. Der einige Tage zuvor gefallene Schnee steht noch immer, ist mittlerweile nass geworden und durchsichtig, saugt sich in die Schuhe. Es regnet leicht, wahrscheinlich aus Süden. Wind flaut nicht ab. Keine Menschen auf der Straße. Darunter: ab und zu Eis.
Als befände sich mein Herz am Ausgang meines rechten Ohres, verkleinert, aber mit derselben Schlag- und Leistungskraft, pumpt es einen anhaltenden Strahlungsschmerz in jede Ecke meines Gehirns, beatgenau; selbst in jenen Schläfenlappen, in den die schöneren Erinnerungen feste Axone bebildet haben, stur und zäh – und weiter, immer weiter in den Schädelknochen, die Kopfhaut, Epithele, Ribosomen. Der Körper ein hämmernder, vibrierender Kosmos gehärteten Lichts. Aber warum eigentlich nicht? Und keine Menschen auf der Straße, keine weiteren Stimmen…
Ich setze meinen Weg fort, ganz in der Nähe sollte es sein, allein der Name scheint wenig verheißungsvoll: Scharnhorststraße. Was für ein beschissener Name. Ein schlechtes Omen unter einem kaum verwirklichten Tag, bedacht von einem Permanentgrau, wie es nur der Osten, dem anscheinend alles egal ist, zustande bringen kann. Noch vor diesem Himmel, in dem sogar die Farben enden, scheint es endgültig aus zu sein mit der bekannten Welt.
Bundesamtgebäude, umzäunte Ministerien ohne Klingel, endlose Vorgärten, lange leere Häuser, scheinbar unbewohnt, dazwischen Baustelle oder einfach nur nichts. Ich laufe und es hört nicht auf. Hausnummer 33a, gefolgt von 33b und 33c. Zwei Minuten Marsch. 33d. Auf der anderen Straßenseite hängt nach langer Durststrecke ein großes schwarzes Schild an einer unverputzten Hauswand. „Cafe am Ende der Welt.“ Und darunter, in kleiner, schnörkelloser Schrift: „Cappuccino, Mokka, Tee.“
Ich gehe weiter. Eine Polizeistreife bleibt das einzige Auto, was mir in den folgenden Minuten entgegen kommt, dann sehe ich das kleine rote Kreuz auf weißem Untergrund, auf das ich so lange gewartet habe, Hausnummer 13, zwei leere Bierflaschen stehen direkt vor dem Eingang zum Bunderwehrkrankenhaus, der Pförtner liest in der BZ, ich trete ein, ein riesiger Teppich empfängt mich, „Meine Stadt, mein Krankenhaus“, dazwischen das Bunderwehrwappen; ich finde zur Notaufnahme. Drei Schilder hängen im Gang: Anmeldung, Untersuchung, Kaffeeautomat. Überall Flaggen und Poster. Ein Oberst. Ordenträger. Ich stelle mich an und klammer mich an den Briefumschlag. Es ist alles, was ich dabei habe.
Der Dame am Schalter übergebe ich meine Papiere aus der Charite, die mich hierher geschickt haben, da in ihren Räumen keine Betten mehr frei sind. Bunderwehrkrankenhaus! Noch immer weiß ich nicht, ob ich mich fürchten soll oder nicht, umkehren oder bleiben.

Alle Untersuchungen, die ich Stunden zuvor schon ein Mal über mich habe ergehen lassen, werden hier, trotz meiner unaufhörlichen Einwände, wiederholt. Zum erneuten Hörtest betrete ich die schallgeschützte Kabine, man reicht mir den Kopfhörer; bevor es los geht schlummer ich ein. Seit eineinhalb Tagen nicht mehr geschlafen. Mein Körper gibt auf, knallt gegen die Wand. Als die Ärztin mich aufweckt und ankeift, habe ich bereits Fieber, schwitze kalt, friere.
Der Hörtest ist eine Katastrophe, ich wartete draußen, schlafe erneut ein. Schließlich bringt man mich auf die HNO-Station, um mich zu operieren. Fortgeschrittene Mittel- und Innenohrentzündung mit kompletten Hörverlust rechts, man wolle mir mein Trommelfell aufschneiden, damit die Infektion abfliesen könne. Es sei die einzige Möglichkeit, mich vor der vollständigen Taubheit oder Schlimmerem zu bewahren. Bundeswehrkrankenhaus also. Ich entschließe mich, zu bleiben.
„Sie können das unter Vollnarkose machen oder mit Lokalanästhesie, dann könnte es aber etwas wehtun. Nehmen sie irgendwelche Drogen, Kokain?“
„Äh, nun. Nein.“
Der Arzt fährt fort. „Bei der lokalen Anästhesie wird ihr Ohr mit Kokain betäubt.“
Ist es ein Traum, schweißfiebere ich, oder hat das der Onkel Doktor gerade wirklich gesagt? „Sie können es sich aussuchen, welche Narkose sie wollen, so oder so wird es eine kurze Operation.“
Er faltet die Hände vor der Brust und wartet. Ich überlege kurz.
„Kokain. Die lokale Betäubung wird reichen.“
Er lächelt, nimmt die Hände auseinander, sagt: gut. Und schon steigt mir die Angst in die Knochen.

Einige Spritzen, nachdem man in meinem Ohr herumgesaugt hat. Kurz warten.
Dann lustig: obwohl das Ohr taub und gefühllos ist, denkt man, es blähe sich auf und werde drei Mal so groß. Man hat mich gewarnt, dass es schmerzhaft werden könnte, aber das wurde es nicht – nur sehr unangenehm. Trotz aller Narkose spürt man die kalte, leicht raue Klinge, die in zwei langsamen und vorsichtigen Handwerkszügen das Trommelfell aufschlitzt. Man spürt das Geräusch, das der Schnitt macht, überall im Körper. Scharf auf stumpf. Mitten in deinem Ohr. Jetzt bloß nicht bewegen. Nicht husten, nur das nicht, jetzt bloß nicht rumhusten.
Vorbei, ich zittere, komme auf Station, endlich steht da ein Bett, ich bin vollgepumpt mit Drogen und Antibiotika, es scheint nun alles gut zu werden, der Bundeswehr sei Dank. In meiner alten Wohnung stehen meine Rucksäcke, gepackt, eigentlich wollte ich heute in Hessen sein, nun liege ich schwitzend vor Schüttelfrost unter der weißen Krankenbettdecke und fühle die schweigende Decke mir zuschweben. Hinter den zugezogenen Vorhängen ahne ich immer noch das kalte, ziellose, schwersitzende Berlin, das ebenfalls mit sich selbst hadert und wahrscheinlich schon in seine Dunkelheit übergegangen ist. Vier oder fünf Tage soll ich mindestens hier bleiben, über die Weihnachtsfeiertage. Es gibt wahrlich schlimmeres, flüstere ich dem Nachtschränkchen zu. Menschen zum Beispiel, die unter einem verdammten Zählzwang leiden oder keine Niere mehr haben, kein Bein, oder in Bangladesh geboren sind. Milchallergien und Asylanträge. Menschen ohne Musikgeschmack. Der Verteidigungsminister, Akutes Lungenödem. Mit 70 Jahren feststellen, dass man sein Leben nicht gelebt hat, oder, nach Benn: nicht im Sommer sterben, wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.
Der Fernseher funktioniert. Doku über Heesters, ein Mann, der mit 106 Jahren noch rumschreit wie ein zwanzigjähriger und seine junge Geliebte „Poppy“ ruft, liebevoll, wie der Kommentator behauptet. Dann Augen, die zufallen, verschwommenes Bewusstsein, das hingeht, neue Veneninfusion Cortison, Antibiotika, NaCL, die Nadel ungünstig im Ellenbogen, man habe keine bessere Vene gefunden, wenn es sich infiziert, soll ich bescheid sagen.
Schlaf, noch bevor jemand das Licht ausknipst, dumpf und lang; und im Traum eine lange Landschaft, abgerundet und weiß wie Schnee. Wie ein stillgelegtes Tier, das sich und die Welt schon hinter sich hat, frei und allein.

Weihnachten 2009. Ich werde geweckt. Links und rechts des Bettes eine Schwester. Ich solle mich aus dem Bett machen, Bettzeugs würde nu gewechselt. Jetzt sofort? Wissen die Damen denn nicht, dass jungen Männern nachts Blut in ihren wichtigsten Schwellkörper steigt, dem Lebenserhaltungsmittelpunkt überhaupt? Ich druckse rum. Versuche, ein Gespräch aufzubauen. Wie Weihnachten bisher gelaufen sei? Ob man denn bis abends arbeiten müsse? Kinder? Geschieden? Als mein Ständer abgesunken ist, steige ich aus dem Bett uns gehe zum Fenster, während die Damen mein Bett machen und sich über Bettzeugs unterhalten. Ich ziehe den Vorhang auf, draußen ist es noch dunkel. Hinter einigen kahlen hohen Bäumen blitzen die Lichter eines anderen Gebäudes auf, ebenso lang und hoch, und der Morgen scheint überall luftleer zu sein, ein symmetrisches Vakuum von stechender Dunkelheit. Ich lehne meine Stirn gegen die Scheibe, die Scheibe ist kalt, die Kälte beruhigt. Nur noch ein leises Brummen im Ohr, Hunger, und etwas schwach auf den Beinen. Ich falte die Hände hinter dem Rücken, die Infusionsnadel drückt sich mir in den Arm. Dann erscheint in kleinen Perlen, winzigen Archipelen, mein Atem auf der Glasscheibe. Wie ein Zauber, denke ich, das Leben, die Luft. Kondensierungen. Von Form zu Form, anhaltende Kräfte. Und Übergänge. Und Wiederholungen.
Im Bett gegenüber schlüpft ein Gesicht aus der Bettdecke und schaut mich an.
„Was haste?“ fragt er.
„Ohrscheiße“, antworte ich. „Und selbst?“
„Steißbeinfistel, schon rausgeschnitten. Zivil oder Bund?“
„Zivil“, sage ich und finde, es hört sich lächerlich an. Damit ist unser Gespräch aufs erste beendet, ich gehe aufs Klo; der Abfluss der Toilette ist so eng, dass selbst meine Pisse Schwierigkeiten hat, da durch zu kommen. Wenn ich einmal kräftig meinen Kuchen da rein setze, denke ich, ist das Ding tagelang verstopft. Als ich wieder im Zimmer stehe ist mein Bett neu bezogen und die Schwestern sind verschwunden. Ich muss inhalieren, nasensprayen, trinke Krankenhauskaffee. Eugen selbst, mein einziger Genosse im Vierbettzimmer, ist Soldat. Fallschirm-jäger. Hat sich im August die Schulter bei einer Landung gebrochen und nun eine 7cm lange Narbe am Arsch, die er drei Mal am Tag mühsam reinigen muss. Eugen ist ein wahrer Bundeswehrhühne, etwas jünger als ich, mit einem aufgeweckten slawischen Bübchengesicht, rund und gesund, das seltsamerweise zu dem massiven, bodygebuildeten Körper passt, der ihn gerade so im Stich lässt. Der Leib, so sage ich ihm, als er sich an seiner Narbe herumfummelt und dabei flucht, ist nur eine kleine Einheit bei Wasser und Brot, mehr nicht. Er nickt. Sagt: ja. Ich zeige ihm meinen bunten und angeschwollenen linken Knöchel.
„Besoffen“, sage ich. „Hab nen Kumpel an der Friedrichstraße aus der Hocke auf die Schultern genommen, er hat einige von der Decke baumelnde Weihnachts-pakete abgerissen, die wir unbedingt haben wollten, weiß der Himmel warum! Dann bin ich eingeknickt.“
Er reckt seinen Daumen und lacht. Woher?, frage ich. Kasachstan, antwortet er, greift in eine Schublade und schenkt mir eine Tafel Schokolade. Ob das ein guter alter Brauch ist?
Die Schwester kommt wieder, es gibt Frühstück, ich solle meinen Nachtschrank aufräumen, ein bisschen Ordnung müsse schon sein, schnauft sie, obwohl ja Zimmer Vier schon immer als chaotisch bekannt sei. Ich gelobe Besserung. War halt nicht bei der Bundeswehr, musste nichts falten oder wegräumen. Immerhin lacht sie nun, wie sie mir mein Antibiotika anklemmt, und verabschiedet sich. Ich nehme mein Buch aus der Schublade, Zur Genealogie der Moral:
„Der Mensch, der sich, aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen , eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriß, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wundstoßende Tier, das man „zähmen“ will, dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelt Gefangene wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Mit ihm aber war die größte und unheimlichte Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich.“

Meine Drogenrationen liegen in einem länglichen blauen Plastikpacken, wie ihn auch meine Oma täglich benutzt. Mit kleinen Fächern für Morgens, Mittags, Abends und Nachts. Weiße und rosa Pillen. ATA steht auf den rosanen, sieht aus wie Extasy. Oder träume ich das schon wieder. Jedenfalls, der Eiter fließt gut durch das geöffnete Trommelfell, mein Kissen ist eingesaut von dutzenden dunkelgelben Flecken, das Zeug krustet am Ohr. Trotzdem muss ich zum Aussaugen. Da ist noch einiges drin, sagt der Arzt, und beginnt, abzupumpen. Der Kerl sieht so sehr nach Doktor aus, das man glauben könne, er sei nur gecastet worden. Zurück im Zimmer klagt Eugen über seine Schmerzen, der Körper, sagt er, sei wirklich ungeeignet.
„Genau wie der Geist“ ergänze ich, „der ja nur eine Erweiterung des Körpers, eine Verlängerung der Sinne ist. Alles, was gewöhnlich im Geist herrscht, wird vom Körper gespeist. Das sind plumpe Instinkte und tierphysiologisches, eben nur in einer anderen Form.“
Wieder nickt er.
„Dann stirbt auch der Geist, wenn der Körper stirbt.“
„Ja“, sage ich, als sei das mir völlig einleuchtend. „Der Geist ist Körper.“
„Und die Seele?“
„Was soll das denn sein, eine Seele?“
Eugen überlegt. Kurz schließt er seine runden, tief liegenden Augen, als müsse er sich auf die Suche konzentrieren. „Die Seele ist das, was bleibt, das Innerste des Menschen, etwas Unauslöschbares, mit dem man geboren wird.“
Klingt wie auswendig gelernt. Klingt wie aus einem Hollywood Film. Irgendjemand hat sich das wohl mal ausgedacht, um ne Menge Kohle zu verdienen, und wurde sehr erfolgreich.
„Ich glaube, das ist ein frommer und eigentlich nicht besonders durchdachter Gedanke, auf den man sich aus lauter Verzweiflung geeinigt hat, genau wie ein Gott. Anattavada, sagen die Buddhisten, Nicht-Seele. Wir sind sterblich und wollen das nicht einsehen, unser unabwendbares Ableben ist uns kein willkommener Gedanke. Die Wahrheit gefällt uns nicht, sie wirkt nicht für uns. Und komischerweise halten wir das für einen Skandal! Und darum erfinden wir uns die Liebe und die Religion, tausend Götter und eine luftphantasme Freiheit. Wir wollen nicht sterben, weil es alles so flüchtig und fahl erscheinen lässt, und schon erfindet man sich ein Jenseits, einen Himmel, ein Leben und sogar ein Leben nach dem Tod. In dieser Ewigkeit haben wir dann plötzlich all das, was wir auf Erden vermissen, Frieden, andauernde Glückseligkeit, Unsterblichkeit, ein Ziel, Dauer. Also all das, was sich so schön anhört, aber leider nicht ist. Dieser Wunsch nach Seele ist genauso absurd und kindisch, wie er nun mal menschlich ist.“
Eine Schwester kommt, steckt mir einen Beutel an, Eugen bekommt Besuch von einigen Kumpels. Er sagt, er kann das Essen hier nicht essen, und seine Freunde bringen ihm laufend Futter von außerhalb. Sie alle sprechen Kasachstanisch, obwohl sie alle so aussehen, als seinen sie Polen. Vielleicht sind alle Polen, die man so auf der Straße sieht, in Wahrheit aus Kasachtan. Eine verwirrende Sprache: einer seiner Freunde, ein Riese von fast zwei Metern und einem Nacken, der so dick ist wie manchermanns Oberschenkel, spricht fantastisch melodisch und tief, und wüsste ich es nicht besser, ich würde wetten, es sei Französisch. Seine Freundin hingegen bringt nur den kalten, abgehackten und wenig zarten russischen Sonor über die fast ebenfalls wasserstoffblondierten Lippen, während ein anderer Kerl seine Sätze wie ein Bayer keltert, der um drei Uhr morgens das Oktoberfest in einem Polizeibus verlässt. Spricht man sie an, wechseln sie augenblicklich in ein akzentfreies Deutsch, jeder von ihnen. Erstaunlich.
Ich nehme den Infusionsständer an die Hand und laufe den Flur auf und ab, eine der Rollen klemmt, ständig stockt das verdammte Ding, draußen fließen neblige Konturen über den schwindenden Tag, vage dunkle Fetzen an einer weißen geschlossenen Wand, dahinter schon der weite Antritt der Dämmerung von unbestimmter Kraft, vielleicht sogar Desinteresse, wer weiß. Ich bleibe am Fenster, die Topfpflanzen sind in Geschenktüten gepackt worden; meine Oberschenkel pressen sich gegen die warme Heizung, eine halbe Stunde: das Weiß ist gelöscht, tief sitzt die Dunkelheit. Am Horizont reißt die dichte Wolkendecke noch einmal auf und zeigt einen glühenden Schlitz, der das Schwarz der Wolken mit einer goldenen Patina belegt. Für einige Minuten brennt noch einmal diese bereits lahm gelegte Welt, steigt mit sich in die Höhe, schenkt sich ihr Licht. Dann ist es aus. Nur noch die roten Signallichter einiger Baukräne strahlen in den Abend. Irgendwo las ich, dass bald die Tage wieder länger werden sollen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ein Patient in einem roten Pyjama kommt den Flur entlang, ich sage, Guten Abend, und er antwortet, Danke. Vielleicht werden die Tage bald länger werden.

N24, Dokus, Evolution des Fliegens, St. Pauls Church, Braunbären, die Verbotene Stadt. Eine daumendickgeschminkte Schwester überreicht ein Geschenk, frohe Weihnachten, flötet sie, ihr billiges Parfüm verbreitet sich im Raum, Eugen misslingt ein Lächeln. Er reißt das Fenster auf und schmeißt sein Geschenk ungeöffnet in den Schrank. Legt sich hin. Isst hier nichts und nimmt keine Geschenke an, denkt sich Seelenentwürfe aus – ein guter Soldat.
Lebkuchen, Schokolade, ein Porzellanweihnachtsschlitten bestäubt von billigen Glitter, der an den Händen kleben bleibt. Schlimmer geht’s nicht. Jetzt kann ich auch HIV oder Leukämie haben, Hepatitis, Eugens beschissene Arschfistel, stören würde es mich nicht mehr. Ich rolle zur Seite und entschließe mich, zu schlafen.
Abends kommen Eugens Eltern, er ein dicker, gutmütiger Bär, sie eine dicke, gemütliche Bärin mit ewigem Lächeln. Umarmungen, Küsse. Ich werde zum Abendessen eingeladen, zu viert sitzen wir um den Tisch und erzählen uns Geschichten, es gibt Hähnchen, Pommes und einen Kasachstanischen Salat, Kartoffel Zwiebeln Mayonnaise, darüber geraspelten Rotkohl. Es schmeckt hervorragend. Vater knallt ein Flasche Wodka auf den Tisch, Mutter lacht, und es geht los. Eugen zwinkert mir zu. Na´sdrowje.
Später, als die Eltern laut forttorkeln, öffnen wir eine weitere Flasche (in einem russischen Haushalt gibt immer irgendwo noch eine weitere Flache, sagt Eugen) und spielen Poker. Eugen gewinnt, ich aber geh kotzen, der Infusionsschlauch baumelt gegen die Klobrille, wenn es losgeht; im ersten Moment finde ich das witzig. Jetzt noch Gürtelrose, denke ich, oder Hodenkrebs. Das wär´s dann.
Der Wodka zerstört mein Blut, ich kann es sich aufspalten fühlen. Es ist fast nackt, kochsalzverdünnt, cortisont, und durch das trübe Weiß schaut man bis in die Leere, die den Großteil aller Atome ausmacht. So viel Dinge, luminöses Material, und im Grunde ist es nichts. Die Kacheln des Badezimmers sind kalt, meine Stirn senkt sich zur Wand, die Kälte beruhigt. Ich stemme mich auf und schleiche ins Bett, lösche das Licht. Weihnachten geht seinem Ende zu. Der Heilige Geist, was auch immer, erschienen ist er nicht.

Mitten in der Nacht packe in meine Infusionen, der Schädel brummt, so das Ohr: Ein dunkler und leerer Flur. Ich laufe. Fahre mit dem Fahrstuhl auf die verschiedenen Stockwerke, durchlaufe die verlassenen Flure und Gänge, ein Schnarchen irgendwo, das war´s, spärliches Licht. Die Türen öffnen sich automatisch, oder man muss eine dieser riesigen Türöffnungstasten bedienen, die Wege scheinen endlos, sie sind schön. Die Stille beruhigt, genießt sich. So könnte eine Wirklichkeit aussehen. Eine zweite Art Luft liegt zwischen den verschlossenen Zimmertüren, es ist nicht kalt. Jetzt wiedergeboren werden, denke ich, reinkarniert: als Mittelmeerzufluss, oder sich setzender Staub. Als Gedanke an Salz, als Achatstruktur. Oder als das leise Geräusch bei der Entstehung von Haut.
Gerne hätte ich jetzt Zigaretten. Keiner würde mich stören. Alles wäre gut. Eine Fahrstuhltür öffnet sich, heraus tritt eine Schwester. Sie sieht mich und bleibt im Fahrstuhl stehen. Was ich hier mache? Warum ich nur eine Unterhose anhabe? Ob ich hier Patient sei?
„Zivil“, sage ich. Und finde, es hört sich von mal zu mal besser an.
Sie bringt mich zurück auf meine Station, informiert die zuständige Nachtschwester. Als ich schon wieder im Bett liege und mir noch eben ein paar Gedanken zur ewigen Seelenwanderschaft notiere, platzt sie herein, dies sei ein Krankenhaus, nicht mein privates Badezimmer. Ich verstehe. Nicke, decke mich zu, nehm eine Tablette. Rosa.
Warum ich keine Hose angezogen hätte?
Ich hatte einen Pulli an, antworte ich.
Warum keine Hose?
Ich hab nur die eine Jeans dabei. Die krieg ich immer so schwer an.
Nächstes Mal machen sie sich die Mühe.
OK.
Gute Nacht. Sie haben nicht etwa getrunken?
Natürlich nicht.
Dann fällt die Tür zu, Stille kehrt zurück, die Nacht drängt an Fenster, ich kippe es leicht. Auch auf dieser Seite stehen Baukräne feste in der Nacht und bauen an einem Berlin, das sich stets von sich selbst entfernt und niemals wirklich ankommen wird, egal, wo es sich sucht. Auf dem Balkon sehe ich die Plastiktüte, in denen Eugens Bärenmutter die Überreste des Hähnchens verpackt hat. Ich ziehe mir den Pulli über, drücke die Klinge. Etwas weiter links sehe ich einen anderen Patienten auf dem Balkon, er raucht. Als er mich sieht winkt er mir zu. Ich winke zurück. Mit der Hähnchenkeule. Es schmeckt noch immer vorzüglich.

Ich werde geweckt, links und rechts des Bettes eine Schwester, ob man denn nicht wisse, sage ich, dass selbst einem kariesgeplagten Fast-Krüppel von 30 Jahren, der nicht laufen kann und auf einem Ohr taub ist, nachts noch das Blut in den Schwanz steigt? Man dreht sich weg. Ich zwänge mich in die scheiß Jeans.
Pillen, dann kalter Venenstoff! NaCL gegen die weiße Pille, die das Blut klumpt, Antibiotika gegen die Bakterien, die meine Hörsinne auffressen, rosa gegen die Magenkatastrophe, die das Antibiotika verursacht, und immer so weiter. Bald brauch ich Tabletten gegen all die Tabletten. Nichts heilt, alles macht etwas anderes kaputt. Übergänge. Kreisläufe. Und niemals ein Ziel.
Da ist ein schwarzes Haar in meinem Pillenkasten, sage ich. Die Schwester nimmt es weg.
„Das mit der Seele“, beginnt Eugen, als wir allein sind, „warum leben wir dann? Warum sind wir alle unterschiedlich?“
„Du meinst, es muss einen Grund haben, dass es uns gibt?“
„Natürlich.“
„Voltaire schrieb einmal in seinem Candide, die Nase sei wohl nur geschaffen worden, weil sie perfekt ist, um eine Brille zu halten.“
„Lustig. Das erklärt aber noch nichts.“
„Stimmt. Aber er weißt auch nur darauf hin, dass alle Wahrheiten und Überzeugungen immer nur unsere eigenen sind. Was kann ich von einer Seele wissen? Oder du? Oder irgend jemand?
„Es gibt Weise Menschen, Philosophen.“
„Ja. Und die sind auch alle gestorben. Übergänge, sonst nichts.“
Ich stehe auf, gehe aufs Badezimmer und verstopfe das Klo. Stochere so lange mit der Klobürste im Becken, bis es abfließt. Dann säubere ich die Bürste, dusche, putze die Zähne, inspiziere mein Ohr. Der abartige Schmerz ist vorbei. Das reicht, denke ich, um fürs erste zufrieden zu sein, und ich bin sauber.
Die Schwester kommt, klemmt mich an einen Schlauch, kalte Flüssigkeit tröpfelt in die Vene, ich schalte den Fernseher an. Eugen bekommt Besuch, wir pokern. Durch die wenige Bewegung fängt mein geschwollener Fuß an zu schmerzen und ich denke, wenn ich schon hier rum liegen muss, kann ich meine Verletzung ja auch gleich mal abklären lassen. Ich drücke den roten Knopf, der die Schwester herbeiruft; eine, die nicht nach schlechtem Parfüm stinkt. Ich ziehe den Socken aus und zeige ihr meinen lädierten Fuß.
„Was ist das? Wie lange haben sie das schon?“
„Genau eine Woche.“
„Und sie waren nicht beim Arzt?“
„Ich konnte noch ganz gut laufen.“
„Und das haben sie jetzt davon. Der muss geröntgt werden.“
Eugen nickt der Schwester zu als wolle er sagen, ja, so ist das. Ich mag ihn immer mehr. Wir sollten bald anfangen, um richtiges Geld zu spielen.
Das Laufen wird mir verboten: jetzt ist es ihre Verantwortung, die der Schwestern und des Hauses. Man besorgt mir einen Rollstuhl, schiebt mich auf die Röntgenstation und dann zur Notaufnahme, wo ich eine Stützschiene bekomme, die ich für die nächsten 4 Wochen tragen muss. Heparininjektion, Thrombosestrümpfe. Dieselben, die Eugen auch hat, nur zwei Nummern kleiner. Wir steigen in unsere Strapsen und schießen ein Foto mit seinem Handy. Eugen lädt das Bild sofort hoch, anschließend spielen wir eine Runde, noch immer ohne Geld.
Ich gewinne. Dafür muss Eugen raus und uns Kaffee schnorren. Er macht das vorzüglich, die Plörre wirkt homöopathisch: über unserem Spieltisch schlafe ich ein und wache erst auf, als wieder irgendein Essen kommt.

Das Fernsehen spricht vom Fest der Liebe. Oder: der Besinnlichkeit. Ich aber lerne anderes Vokabular: Muskelansatzschmerz, Kreuzblut, Spriv (Super-Privatpatient), Schmerzskala (1 bis 10), Parazentese. Seit ich die verdammten Thrombosestrümpfe trage, schmerzt mir mein ganzer Fuß, und ich schwitze in den Vollbeinsocken.
„Ich habe im Internet nachgeschaut. Das Wort Seele hat wohl das alte Wort Spirit als Vorgänger, kommt aus dem Lateinischen, und im Original bedeutet es eigentlich Atem, weißt du!“
Er wirft mir einen Lebkuchen herüber. Eines seiner Geschenke. Das Mittagessen ist schon längst abgeräumt, fast habe ich das Gefühl, der Himmel vertiefe sich erneut. Eine glatte Wolkendecke füllt den Blick aus den Fenstern und hat sich den ganzen Tag noch nicht bewegt. Ich esse den Lebkuchen.
„Siehst du“, sage ich, als gebe es da wirklich was zu sehen. „Atmen tut man ja immer, ständig. Und wenn man es eh ständig tut, ist es immer Gegenwart und dein ständiger Begleiter. Eigentlich bedeutet deine Feststellung nur, dass die Seele allgegenwärtig ist, solange man eben lebt und atmet. Das omnipräsente Eine.“
Ich stelle mein Antibiotika nach, ein kleines orangefarbenes Rädchen. Es träufelt mir zu langsam in die Vene.
„Der Lebensatem quasi“, sagt Eugen.
Lebensatem, wiederhole ich und frage mich, wie wir überhaupt auf das Thema gekommen sind. Ich versuche, etwas zu laufen, aber mit der neuen Schiene hinke ich wie ein Idiot, zudem ist es schmerzhafter als vorher. Ich hätte einfach den Mund halten sollen. Bereits am Ende des Flurs mache ich kehrt. Im Aufenthalts-raum sitzt eine zehnköpfige Familie zusammen und fährt großes Essen auf, der Fernseher läuft stumm nebenher, der Tee, der für die Patienten umsonst ist, schmeckt außerordentlich schlecht, ich kippe ihn weg, gehe an unserem Zimmer vorbei und stelle der nächsten Schwester, die ich treffe, eine völlig belanglose Frage. Sie hat schöne und weite braune Augen, eine gesunde Haut und weiche Unterarme, mit denen sie, so meine ich jedenfalls, kokettiert; sie ist das einzige, was ich hier gerne sehe. Diese Art Sehnsucht. Ein kleines bisschen Sommer. Als ich gehe, drückt sie kurz meinen Arm. Wahrscheinlich lächel ich sie an.

„Mein Chirurg war da, ich werde morgen früh entlassen, Alter.“ Eugen geht auf den Boden und macht 30 Liegestütze. Fasst sich danach an die Brustmuskeln, den Trizeps, fühlt seinen Bauchspeck. Grinst. Eine Freundin sagte einmal, alle Russen und Ostblöckler trügen eine Faust im Gesicht. Würden dich allein durch ihre Blicke schlagen und einschüchtern. Und wahrlich, es sind keine schönen Menschen, keine eleganten; ein Acker steckt in all ihren Zügen und die Unbarmherzigkeit rauer russischer Landschaft. Eine Vergangenheit, die zu lange wirkte, immerzu dieses derbe Verlangen nach Auflösung, überall Rausch und Gewalt schwerer Lider, die bereits so viel erlebt zu haben scheinen, so viel dunkler erdiger Nachklang, zu viel.
Aber nicht Eugen. Er ist ein weiches Kind, und wird es immer bleiben. Da wo sonst eine Last sitzt, ein unaufgeklärtes Erbe, ist Freude und Leichtsinn. Jetzt den Bizeps. Ordentlich, sag ich. Er grinst und schaltet den Fernseher ein, knipst ihn wieder aus. Draußen ist es stockdunkel. Vielleicht 18 Uhr oder so.
Atem, sagt er und zeigt auf sein Herz. „Muss ein Geschenk sein.“
„Wie meint du das?“
„Naja, wenn alles, was wir sind und haben, nur jetzt da ist, wenn wir leben, und später eben nicht mehr…dann ist es doch ein großartiges Geschenk, oder?“
Ich weiß, was er meint. Ob ein Geschenk oder eine Strafe, darüber streiten sich die Menschen schon immer. Aber es ist da. Ungefragt. Unser Leben ist uns vorausgesetzt und bewirkt aus sich selbst wiederum alles andere Leben, fertig! Eine bewusst werdende Ordnung mitsamt jenen unerschütterlichen Weltenbewegungen, Stürmen und Unter-Grund-Erfahrungen – einmal zart wie junges Holz oder gestählt wie dutzende Winter – die allen inneren und äußeren Kosmos in unser Bewusstsein transkripieren, so, als seien sie auf immer beheimatet in dieser sich austräumenden, überwölbenden Erde, seit jeher verankert in den sich suchenden Wellen von Schicksal und Wille. So steht der Kreis. So gerät die Bedingung. Und wir können nichts dafür, haben nichts dafür getan oder dagegen, es nicht gewollt. Aus Ideen und Fluten, die andauern, kommt es zustande; so wie man um eine unbekannte Ecke biegt und stets eine weitere Welt vorfindet, einfach so; morgens aufwacht, zurückkehrt, und die Dinge sind schon entstanden. Was fragt man sich dann? Wie weit kann man noch kommen? Eine alles hervorbringende Kraft ist da, ein Atem, manifestiert in allen Massen, Gewichten und Gasen, und wälzt sich durch Äonen und wälzt sich, bildert, nährt, höllt, kapituliert – und hin und wieder bläht man die Lungen zusammen und stößt auf Gedanken, die nach Azur klingen.
„Du hast recht“, sage ich. „Es ist kostbar. Mann kann einfach nicht anders.“

Die Thrombosestrümpfe runter, Eis aufs Bein, die Röntgenbilder sind leider noch nicht eingetroffen, man versuche, schnell zu machen, aber es ist halt Weihnachten und keiner da, ich müsse eben warten. Schon OK, sag ich, und zappe mich durchs Weihnachtsprogramm der privaten und öffentlichen Sender, bis das Abendessen kommt, Schwarzbrot mit Handkäse, ein kleines Stück Gurke, ein Joghurt. Dazu Rosa, einmal, und zwei von den weißen. Dann klemme ich meine Schiene an und gehe ein wenig spazieren. Die Schwester ist nicht zu sehen.
Ich warte auf den Fahrstuhl und steige im zweiten aus. Alle Gänge sind leer und spärlich beleuchtet. Langsam lasse ich meine Stimme lauter werden, links höre ich alles, rechts die Hälfte. Als ob einige Kartons meine Stimme dämpfen. Ich versuche zu schlucken, meinen Kiefer so weit wie möglich aufzureißen, Druckausgleich, zu gähnen. Das Dumpfe bleibt. Ich weiß, ich habe Schmerzen, aber ich fühle sie nicht. Ob es ein Trommelfell, pneumokokkenbefallen und aufgeschlitzt, überhaupt gibt? Und was wäre, wenn nicht?
Zurück im Zimmer empfangen mich Eugens Eltern und seine magersüchtige Schwester. Ich staune nicht schlecht, als sie den Nugat annimmt, den ich ihr anbiete, und ihn sich sofort in den Mund schiebt. Mutter lacht. Vater packt das Essen aus und zeigt uns später seine Lieblingsvideos auf YouTube. Um 23 Uhr müssen sie gehen, die Nachtschwester kommt, durchaus besorgt. Ihre letzte Nacht, sagt sie zu Eugen, die müssen sie überstehen, ohne durchzujucken.
Er schaut in meine Richtung und grinst. Darauf scheint es hinaus zu laufen, und er weiß es. Nicht durchjucken. Nicht von den Bäumen fallen. Auf den Frühling warten, gerädert: Die Wahrheit ist nie sehr lang und kompliziert.
Draußen bilden die roten Kranlichter ein fast rechtwinkliges Sechseck, dahinter der dunkle Horizont, dahinter weitere Erde oder weiteres Nichts. Ich stehe auf und lösche das Licht. Die kahlen Bäume, kaum mehr erkennbar, sehen aus wie Bronchien oder Kapillare.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.