Liebe Kinder

11. Dezember 2009

Liebe Kinder,
ich schreibe diese Zeilen (hoffentlich) noch einige Jahre vor eurer Geburt, am Morgen meines 30. Geburtstages, aber das will womöglich nur der Zufall so. Heute könnte auch ein anderes Jahr sein oder ein noch anderes, sucht es euch aus. Und das könnt ihr euch eh schon mal merken: es kommen sowieso immer neue und andere Jahre – Erinnerungen und Zahlen, bei knapp 1500.000.000 vorangegangenen Jahren, bilden eine seltsam absurde Verwechslung mit der Wirklichkeit.
Das Ziel dieser Seiten wird erstens sein: euch kurz zu schildern, wie unverankert und rein himmelverbunden das Leben eures Vater bislang war, und zweitens: euch die Lehre all dessen mit auf den Weg zu geben, was ich bisher in meinem Leben an Wahrheit, Wesen und Welt festgestellt und erfahren habe – darum wird es auch ein sehr kurzes Schriftstück und ich hoffe zuinnigst und herzallertiefstens, dass ihr Bengel und Görren überhaupt noch wisst was das eigentlich ist, das Lesen!
Aber ich will nicht wieder mit euch schimpfen, nicht wahr, und mit der guten alten Zeit anfangen, als es noch Papierbücher gab, jedes anders und einzigartig, und man schön an ihnen riechen konnte.
Ich habe es euch immer verschwiegen, um psychologische Macht auf euch auszuüben: aber euer Vater war keinen Deut besser als ihr und ist die ersten 30 Jahre seines Lebens wie ein Blatt durch die Wogen der Welt getrieben. Alles, was wahre und feste Welt war, konnte ich nicht berühren. Ich war extrem tollpatschig und absolut unfähig irgendein Dokument zu behalten, Geld zu verdienen, die Wäsche richtig aufzuhängen oder einem mir unbekannten Ziel zu folgen, was gemeinhin als Karriere bekannt ist.
Bei keiner Frau blieb ich lange, in keiner Wohnung, keinem Ort und keinem Land. Meine genau sieben Sachen, absolut schwächelnde und gar alberne Besitztümer, sind, ich habe es soeben ausgerechnet, an genau sieben Orten der Welt verteilt. Ich bin wie jene Frauen, die nach wunderbaren Liebesnächten immer und wie ganz zufällig ein Schmuckstück neben dem Bett ihres Liebhaber zurücklassen; oder wie Katzen, die als Zeichen der Zuneigung die weichgekloppten Gedärme einer erlegten Ratte vor die Türe schleppen. So können die meisten Menschen, die mir in meinem Leben etwas bedeuten, glücklich auf eine Kiste Bücher oder ranziger Klamotten herabblicken, die ich, ob sie es wollten oder nicht, bei ihnen in irgendeine Ecke pfefferte.
Ich besaß keine Ersparnisse, kein Vermögen, keine Wohnung und keine Krankenversicherung, keine Rentenbescheinigungsirgendwasnummer, kein Auto und keine Aktie und keine dieser überdimensionalen 80iger Brillen, deren man sich heute wieder so gerne und beinah schamlos bedient. Ich hatte ein Fahrrad und ein Bett, beides geliehen; habe Eltern, die nichts dafür können, aber mich trotzdem immer noch lieb haben. Oft wird mir grenzenlose Freiheit, Freigeistlertum und ein romantisches Nomadendasein assistiert; ich aber denke, ich bin einfach nur zu doof für die gewöhnliche Ordnung des sich auf der Erde einrichtenden Menschen und letztlich ehrlich und gewissenhaft wenn ich behaupte, ich verstehe diese Sachen nicht, die der Rest der Welt so scheinbar linkshändig vollbringt: es ist, als wolle man dem Stuhl, auf dem ich gerade sitze, das Bohr´sche Atommodell beibringen.

Und es ist darüber hinaus, liebe Kinder, meine unabrückbare Überzeugung und Erfahrung, dass die Wirklichkeit und der gleichzeitige Grund und Urgrund dieser Welt, die auch genauso gut nicht existieren könnte, das jeweils andere unserer Gewohnheit und ontologischer Anpassung ist – gegen den Instinkt, und gegen das Urteil. Heißt: es sind die kleinen, unbeachteten, die allzu alltäglichen Dinge eines offensichtlich sinnlosen Daseins, die die niemals zu besitzende Heiligkeit der Welt ausmachen. Überprüft alles, was euch zur Gewohnheit geworden ist, alles, was ihr an einem Tage mit geschulten Sinnen und regelmäßiger Wahrnehmung streift und berührt – dort findet ihr, mit einem kleinen Sprung der Betrachtung, alle Magie und Zärtlichkeit, die sich woanders ein Leben lang vergebens suchen lässt. Die naheliegensden Dinge vermögen das größte Wunder: dass unser Herz rast, wenn wir nervös sind, und ruht, wenn wir lieben. Dass wir einen Arm haben und ein einziger Gedanke (?) genügt, seine tausend Zellen durch die äußere Welt, die nur durch die jeweils Innere hervorgebracht wird, zu bewegen. Dass ein Samstag auf einen Freitag folgt, auf das Leben der Tod und auf den Tod neues Sein. Dass in einer Sekunde Millionen von Blutblättchen entstehen. Dass ein Mensch aus Organen besteht und Organe aus Zellen und eine Zelle aus Molekülen und Moleküle aus Atomen und Atome aus was? Nichts? Licht? Strahlung?
Einstein und indische Rishis postulieren die Realität, der sich niemand annehmen will. Masse und Energie sind äquivalent, sind lediglich verschiedene Formen ein und derselben Sache. Energie ist freigesetzte Materie und Materie Energie, die auf ihre Befreiung wartet. 2 Zustände einer einzigen Kraft, derenthalben eine kosmische Ungeheuerlichkeit von 100 Milliarden Galaxien und fettarmer Joghurt existiert. Jeder weiß das und keiner versteht es, keiner will da hinein! Und lustig: Das Wissen, für das die menschliche Erfahrung kein Wort besitzt, kann nicht habhaft gemacht werden. Es wird verleugnet und ist in einem gewissen Sinne niemals real, weil nicht vorstellbar. Und andererseits werden die unbegreiflichen Phänomene und Gegebenheiten, derer man sich allzu oft gewahr wird, mit Worten ausgestattet und somit „verstanden“. Dabei weiß niemand, was ein Baum oder eine Aminsosäure wirklich ist und bedeutet. Aber es ist uns egal. Das Wort ist Erklärung genug. Das arme, diskursiv-gebrechliche Wortding…
Hat man das nicht verstanden, dann weiß man schon alles. Dass es einen verdammten Planeten in der Leere des Kosmos gibt. Dass wir aus Kräften entstehen, deren Farbe wir nicht kennen. Dass zwischen Traum und Wachen nur eine Entscheidung liegt. Dass Karies Zähne befällt. Dass sich Pole umpolen und sich die Zeit krümmt. Dass. Dass alles. Plötzlich fällt einem der vorbestimmte Fall eines Herbstblattes auf, den noch niemand ausgerechnet hat. Von Sekunde zu Sekunde verwandeln gestaltlose Kräfte die Gestalten der Welt und wälzen ihre mannigfachen Manifestationen durch eine ewig andauernde Vorhersehung. Unser Beiwohnen dieser zeitlosen und alles gestaltenden Kräfte, das ist es. Das ist alles was wir sind und tun können. In dieser Welt, die nicht für uns gemacht ist, sind wir trotzdem vorhanden. In dieser Heimatlosigkeit sind wir voll und ganz Zuhause wie Nietzsches tragischer Dichter, der das Leben, sinnentleert wie es ist, illusionslos aushält und es schöpferisch bejaht. „Die ewige Lust des Werdens selbst zu sein – jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich schliesst.“ Werde, der du bist, schrieb Nietzsche. Und das ist mein Rat an euch Kinder: Werdet, die ihr seid und füllt die Augenblicke, die euch so ungefragt geschehen. Sie sind der Glanz, der Zauber. Sie sind das Wunder.
Macht euch zu Dichtern eures eigenen Lebens.

actus fidei, 30

7. Dezember 2009

1.

Auch das
ein Leben:
Das Rauschen der Gasetagenheizung
wie ein heranrollendes Meer
in einer Nacht aus dunklem Regen
langsam
dem gestalteten Land zu.
Ausbauendes Material, sich
gegenfließend, Gewichte von Haut, Blut-
kreisläufen, Gewichte von Zahlen und Torf.
Gewichte.

(Fragen, noch immer:
Sinkt die Welt, schwebt sie, hat
sie sich lieb?)

2.

Was bleibt
wird Unumkehrbares sein.
Wie Laublaut, wie Ur:
einer sperrig kargen Gegenwart
lächelt man Lichtjahre voraus.

(Nun?: Trinkt die Welt, nährt sie, frißt
sie sich auf?)

Atem und
der Gang durch blaue Stunden.
Wahrhaft, dann wahrhaft
blütenweise Ding um Ding
zeitlose Kraft
man selbst darinnen
das ist es
mehr nicht.

Berlin, 07122009