BerlinBlues – Classic
9. August 2008
Der Klassiker des BerlinBlues. Rechtzeitig zum 1. Geburtstag. Viel Spaß beim lesen.
Es war die schnellste Autofahrt, die ich je von Köln nach Berlin unternahm, und meine erste.
Dieter, dessen Beschreibung ich mir hier großzügig spare, da sie allein die von mir angepeilte Länge des Textes sprengen würde, fuhr, man kann es ohne Umschweife sagen, (nahtod)beherzt, aber sicher.
Nur soviel:
Er und sein polnischer, nur polnisch sprechender Kumpel schafften es, in einem einzigen Nebensatz das Wort „Kurva“ mindestens drei Mal und manchmal derartig oft hintereinander zu gebrauchen, dass mir schon der Verdacht durch die farblosen Hirnsynapsen strich, die beiden Doofköppe hätten in Wirklichkeit ein neues, wenngleich sonderbares System der simplifizierten Verständigung mittels syntaktischer und phonetischer Codierung des Wortes „Schlampe“ erfunden, dessen Gewitztheit ich in meiner Ignoranz nicht zu dechiffrieren imstande war. Zudem sahen sie lustig aus.
Der vierte Mann im Objekt hieß Janosch, kam aus der Ukraine und hatte die gesamte Fahrt über einen schweren Stand, da er von Dieter, nachdem er sich bei diesem vorgestellt hatte, zuallererst von der Tatsache in Kenntnis gesetzt worden war, dass ein ebenfalls ukrainischer Janosch ihm vor zwei Wochen in Polen die Frau ausgespannt hatte, aber, so fügte er halbehrlich guttuerisch hinzu, dafür könne er ja nix. Worte haben die beiden trotzdem keine gewechselt; das Eis, es ist nie wieder gebrochen worden.
Janosch aber war ein stiller und somit tiefer Denker und seit 17 Semestern mit dem Studium der Philosophie beschäftigt. Den etwas langen Zeitraum schob er seiner Prüfungsangst zu, die ihm erst im 14. Semester zu Bewusstsein trat. Unser Gespräch wurde so freundschaftlich, dass wir uns Sätze wie „Der Skandal des Menschen ist, dass er sich selbst finden kann, ohne sich gesucht zu haben“ aus Peter Sloterdyks „Weltentfremdung“ vorlasen, tiefsinnig und aus wässrigen Augen die endlos vorrüberhuschende Zeit durch die Fenster beobachteten und ungemein glücklich miteinander waren. Als uns Dieter irgendwo am Rand von Berlin absetzte, gab er mir die Hand, Janosch nicht.
Berlin. Wenn ich an Berlin denke, denke ich an Max Goldt und an osteuropäische, sozialistische Winter. Und das Essen soll günstig sein. Und die Mieten. Und es gibt einen Berliner Bären. Spree. Tempelhof. Mauer. In Berlin spielt die Hertha, aber das interessiert keinen.
Ich fuhr mit der S-Bahn in die Stadt und sah als erstes einen wollgrauen Hund, der an einen Straßeneckbaum schiss und dabei von seiner Herrin das Bäuchlein gestreichelt bekam. Womöglich eine Berlin-typische Szene. Sind diesortige Urbaner bekannt oder verschrien dafür, dass sie ihren Hunden durch sorgfältiges Entlangstreicheln am Bauchfell den Stuhlgang erleichtern? Ich hatte nichts dergleichen gehört, aber machte mich auf einiges gefasst; schließlich war das hier ja auch mal DDR.
26 Jahre Leben haben nicht ausgereicht, um den Weg nach Berlin zu finden, und nach eingehender Besichtigung von Auslandshauptstadtmetropolen wie Oslo, Bonn, Delhi, Kairo oder Ramallah wartete ich gespannt darauf, was in der mittlerweile wolkenkratzerhochgeschätzen und überflorierenden Hauptstadt meines Heimatlandes an Aufregung und Mitteilbarkeit zwischen die Straßenschluchten rieselte und sich in den nunmehr vorhandenen Sommer eingrub, abgesegnet oder widersetzt wurde, aufgenommen und verschlungen. Berlin, das ist in meiner Erinnerung das Berlin des 19. Jahrhunderts, das Syphilis-Berlin zur Zeit Schopenhauers und Napoleons, als man sich gutdünklich darüber einig war, dass dieses Loch ein abgewracktes Loch sei, ein furchtbar dreckiges, gährendes und unwitterliches Loch, ein quasi anrüchiges Loch mit dem Suddelboden eines derben, eben anrüchigen Loches, also fern jedweder Lebbarkeit. Loch. Aber das war. Nun sind wir Deutschen stolz auf Berlin, und die Welt beneidet uns.
Später
So, dachte ich bei jedem Passanten, das ist also einer, der wohnt in Berlin. Die Kreuzberger U-Bahn Stationen schienen durch rumlungerndes Pack ordentlich ghettorisiert, etwas, was zu jeder Stadt gehört und froh macht, weil es den Zustand der Welt und des Menschen wunderbar illustriert: Warum nehmen wir uns so ernst, wenn wir doch eh wissen, dass wir (gegenwärtig) nicht mehr sein können, als das, was wir sind.
Fahrrad, dachte ich. Zuallererst brauche ich ein Fahrrad.
Am nächsten Morgen stand ich in der Regenbogenfabkrik, dort gab es Fahrräder auszuleihen und ich war glücklich über das Fahrradausleihen und über die kolumbianische Landschaft, die mich mit zarten, aber wildbraunen Augen und offener Liebenswürdigkeit durch ihre fliederbunte Topographie dieser fremden Stadt begleitete, auf ihrem Rad saß wie ein Engel und ich war und wurde froh über den Zustand der Welt, dass wir das sind, was wir nicht vermeiden können und guterdings fähig, zu sein
und zu lieben.
Lauf
Mit leichthändiger Schnarchnasigkeit bediente uns eine nette, dicke Frau, und gab mir ein Fahrrad. Schon sattelte ich auf und war fast verschwunden, da schrie sie, halt, Moment, sie habe was vergessen, die Vorderbremse funktioniere nicht. Als sie nun so schnellen Schrittes auf mich zukam, fiel mir auf, dass ihre Gangart in mir das Wort „olympisch“ heraufassoziierte. Ich entgegnete, die Vorderradbremse sei mir egal, das Rad verfüge über einen einwandfreien Rücktritt und das reiche allemal aus.
In Indien, fügte ich dann noch weltfachmännisch hinzu, besäße mein Fahrrad überhaupt keine Bremsen. Es half wenig. Die nette, dicke Frau sagte, sie könne das Fehlen der Vorderradbremse nicht verantworten. Nicht verantworten!
Man schien mir hier ein wenig knauserisch zu sein, schließlich ist das hier nicht irgendein Acker in Vorpommern, sondern Berlin, kurzum: Weltstadt!
Der sich selbst in elegantem Weltvertrauen wiegende Tourist und kulturkritische Beobachter muss sich hier zwangsläufig die Frage stellen, was denn genau der Berliner verantworten kann und was nicht.
Bereits fiel mir eine Bäckerei ins Auge, die „Bäcker-lecker“ hieß. Hosen, die Jeans waren, aber Leggins sein wollten. Zwei Freunde verabschiedeten sich mit dem Ausspruch „Wir bleiben in Kontakt“. Oder dass der Berliner überall uneinsichtige Stufen hinbaut. In Badezimmer, an Kiosk-Eingänge, in Nachtclubs, sogar in Parks. Überall Fallen. Wenn man mich demnächst fragen wird, die es denn in Berlin so gewesen sei, käme ich nicht drumrum zu sagen, ich wäre in Berlin vor allem gestolpert.
Bier
Pluspunkte dieser Stadt: Man trinkt richtiges Bier, keine Kölsch-Plörre, die nach abgestandenem Sudwasser schmeckt oder nach dem, was nach einem übersäuerten, rundum alkoholisierten Abend am nächsten Morgen in die Toilette entleert wird.
Das Warten an Fußgängerüberwegen wird durch die Berliner Ampelmännchen enorm aufgeheitert, befinden sich hier nämlich nicht die üblichen Geh- oder Stehsymbole in Form eines etwas trantünig wirkenden Menneken, der steif steht und bei Grün etwas gelangweilt einen Fuß leicht in Gang und über das Interface setzt, sondern der krülle Jazzer, der Ampelmann mit Ska-Hütchen, etwas ausfallender Bauchpartie (welche auf große Lebensfreude und sinnlichem Appetit schließen lässt) und flockigen Takt im Schritt, innerlich durchbeschallt vom Swing eines Sonny Clarks oder Thelonious Monk. Ja, ich ging in Berlin lockerer über Strassen. Pfeifend. Fröhlich.
Weite Leere
Partout bestand man also auf einer Vorderradbremse. Das einzige noch vorhandene Rad war allerdings, wie die nette, dicke, olympische Frau mir entschuldigend mitteilte, ein Damenrad. Das machte mir nichts. Im Gegenteil. Damenfahrräder sind durchaus praktischer, da der Auf- und Abstieg nicht durch eine von Lenker zu Sattel gezogene Stange unnötig behindert und erschwerlicht wird. Ein Damenrad besitzt eindeutig mehr Jazz, während das Herrenrad eher Blues ist.
Neun Stunden fuhren wir durch Berlin.
In der Gegend um den Reichstag überkam mich das Gefühl, in einer zweidimensionalen Architekturskizze gelandet zu sein, und dem exorbitanten Raum fehlte es an Inhalt, an Fülle. Ein weniger optimistischer Mensch könnte zweifelsohne behaupten, das Scheitern bzw. die Seelenverlorenheit des Deutschen Volkes sei an dieser Stelle stadtplanerisch ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht. Aber ich lag auf einer Wiese vor der so genannten Waschmaschine und fand diesen Ort hervorragend, um Eve zu küssen und mit ihr durchs sommernasse Gras zu toben, aber ich traute mich noch nicht und aß stattdessen einen spritzigen Apfel.
Am Berliner Dom entlud sich faltiges Licht, zwei dreimal gefaltet, die Schattenklekse von Jahrhunderten. Materie und Zeit bildeten hier ein wunderbar klotziges Gerüst, und man erkennt sofort, dass die Farbe der Verwandlung und des Untergangs Schwarz ist, Schwarz, in welches das Wetteifern von Vergangenheiten greift. Wir fuhren über die Museumsinsel, die mir leider nur als Baustelle in Erinnerung bleiben wird, und tauchten unsere Füße in einen Brunnen an der Staatsbibliothek, die einzusehen einem Nichtmitglieder wie mir verboten wurde.
Ich bezwang ein Falafel-Sandwich in einem türkischen Grill in Berlin-Mitte, der sich „All-in-One“ nannte, und wir ruhten etwas in einem efeubehangenem Hof, den ein schwuler Guide einer Touristengruppe einem Block von Einheimischen zuschrieb, deren Merkmale er als die folgenden postulierte: Jung, Wohlhabend, Modebewusst und Kreativ.
Wir besichtigten Tacheles, die Oranienstrasse, das beeindruckende Holocaust Mahnmal (auf gar keinen Fall sollte man Denkmal zu diesem Mahnmal
sagen!), welches zum großen Glück ein durchweg lebendiger und heiterer Ort ist. Nicht dass diese Adjektive zu jenen Geschehnissen passen, die das Dritte Reich herauf beschwor, jedoch sind Kinder und Erwachsene und Verliebte, die zwischen den Graustelen lachend fangen und verstecken spielen und dabei die Vergangenheit ruhen lassen die bestmöglichste Methode, eben jene traurige Vergangenheit nicht mit noch mehr Traurigkeit und Leid aufzupäppeln und einen ungezwungeneren Umgang v.a. mit der bestmöglichsten Gegenwart zu pflegen. Das einzige Schlimme an diesem Ort fand man in Gestalt einer hochkurzfrisierten Kampflesbe, die sich als Ordnunghut verdingte und züngelnd auf jeden Fehltritt verwies bzw. mit einem bismarkhaften „Runter da!“ dort für Recht sorgte, wo sonst nur noch die Waffen SS hätte eingreifen können.
Wir fuhren weiter und ich winkte andere Touristen an. Überhaupt sind die meisten Berliner gar keine Berliner, sondern eben Touristen, die nur aufgrund ihres Aufenthalt in Berlin von anderen Berlinern oder Touristen nicht als Touristen, sondern Berliner ausgemacht werden, obwohl ich nicht glaube, das dass soeben Geschriebene stimmt, denn die Berliner Touristen ( also Touristen, die sich in Berlin tourisieren ) treten in mächtigen, schwarmartigen Konglomeraten ihren Sehenswürdigkeiten entgegen und können meist weder Deutsch noch Englisch. Eve, seit sieben Jahren in Berlin, kann einen waschechten Hauptstadtbewohner auf 500 Meter von einem lediglich Dahergekommenen präzise unterscheiden.
Der schlimmste Ort Berlins ist aber der umgangssprachliche Alex, der Alexanderplatz. Nur hier war ich aufrichtig erschüttert.
Himmelzweig
Wir fuhren in den Osten. Das Cafe Moskau schien mir ein klasse Glaskasten zu sein. Niemand parkte irgendwo und die Strassen waren leer. Dann fuhren wir wieder aus dem Osten heraus.
Eve zeigte mir ihr Lieblingsgebäude, ein in Kreuzberg aufgestellter Eckblock, grau, grauschwarz, schwarzgrau hässlich und doch oder vielleicht gerade deswegen hat sich jemand die wundervolle Mühe gemacht, an eben dieses Stück emporgeschraubten Steins die Worte „Bonjour Tristesse“ zu verewigen, welche im Kopf munter nachhallen.
Abend. Langer Sonnenuntergang. Eine kosmische Rotation legte sich vor das fliehende Licht; still verabschiedete sich ein Freitag. Ich trank ein Club-Mate und wir besuchten eine Graffitti-Street-Art-Kunstaustellung, ich schmierte einige Punkte und Striche und ein Haiku an die Wand und ruhte mich, um meinen von der vielen Bewegung angeschwollenen Fuß zu entlasten, etwas auf einem Bett aus: Den Hintern rückte ich bis an die Wand und stieß die Beine senkrecht und wandlängs in die Höhe.
Dieses Verhalten fand Nachahmer und bald lagen wir zu viert, bald zu fünft und bald wieder zu viert auf diesem Bett und warfen unsere Beine in den Himmel, eine Frau sagte, ach genau, das sei gut gegen Krampfadern, und jeder machte ein Photo von uns und unserer unkomplizierten wie heiteren Neuinszenierung eines an die Wand gerückten Schlafgestelles. Mit nur einer winzigen Übertreibung könnte ich behaupten, wir waren das Hochlicht der Ausstellung, welche sich immerhin auf vier Stockwerke verteilte und unerwartet wenig von diesen legginsartigen Jeanshosenträgern besucht war, von denen schon mal die Rede war und die sich heutzutage unverblümt und scheinbar überall in Berlin antreffen lassen.
Es spielte eine klasse Jazz-Band und ich redete mich in einen Rausch über Sinne und die daraufhin entstehende Persönlichkeit, das ultrasichere Ende der Sinne und das damit schon rein sachlich und rechnerisch unausweichliche Ende der Persönlichkeit, was auch immer man da an etwaigen Seelenfabulierungen ins Feld führen mag. Mein eloquentes Todesgeschwätz machte Eindruck auf Eve.
Wir gingen in den „Club der Visionäre“, und sie küsste mich. Um im Club nicht völlig aus der Reihe zu fallen, trank ich ein Bier, und sie hatten das wunderbare Augustiner aus Bayern und ich trank es gerne, weil es gut schmeckte und ein richtiges Bier war. Schnell schon wurde mir klar, welchen – wenig utopischen – Visionen das Publikum in diesem Establishment nachging; nie in meinem bisherigen Leben bin ich binnen einer Stunde derartig oft gefragt worden, ob ich etwas „E“, „Pillen“ oder „Was“ hätte. Setzt man die Buchstaben dieser so häufig an mich herangetragenen Fragen anders beisammen ( und verschluckt mit Hilfe eines großen Schluckes Augustiners das mickrige wie unwichtige i ), so kommt der wertvolle Satz „We all ESPN“ heraus, den ich bald als Paradeantwort parat hatte und dessen wie ein Fragezeichen im Raum wankender Mystizismus dem gut durchgeflöteten Hirn des Fragestellers einiges an Einbildungskraft abverlangte. Komischerweise wurde nie nachgefragt, was denn ESPN sei, und wer alles drauf sei auf ESPN. Etwas irritiert wandte man sich ab. Keine Neugier, nix. Eventuell kennt man den gleichnamigen Fernsehsender, weiß aber nicht, dass ESPN auch für
„E sowie Pillen narkotisiert“ oder „Evangelischer Sängerhain Pottersstett-Nansenhausen“ stehen könnte.
Gebäudereinigung Unker
Als wir übernachteten und uns liebten und aufwachten und ich ganz glücklich war über ihre Anwesenheit und die gleichzeitige Abwesenheit von allem anderen, kletterte ein Bauarbeiter draußen am Gerüst vorbei (ihr Wohnhaus wird gerade renoviert) und um nicht gesehen zu werden (sie lag auf der zum Fenster zugewandten Seite des Bettes) drehte sie sich zu mir um und somit dem Fenster den Rücken zu, so als ob sie von hinten kein Mensch mehr wäre. Ich grub mich in ihre Wärme und dachte noch zwei Tage darüber nach, wie wenig sich wohl die meisten Menschen von hinten definieren; alles, was uns gemeinhin ausmacht, ist gut und ohne weitere Accessoire frontal einzusehen. Und wie ein Kind, das die Augen schließt und meint, es könnte somit die objektive Welt auslöschen, glauben auch die meisten Menschen, dass sie von hinten nicht bzw. weniger existieren. Allein sexuelle Lustgegenstände wie Nacken, Schulterblatt, Lendenwirbelsäule und Arsch verdingen sich durch eine von ihrem Besitzer zumeist nicht einsehbare Importanz. Aber das bleibt Ansichtssache. Was jeder weiß und fernab jeglicher grenzpersönlicher Interpretation liegt, ist, dass es verdammt cool ist, im Vorüberradeln von einer verkifften Bande Jamaikaner im Görlitz-Park mit „Peace, Man!“ gegrüßt zu werden und seinerseits, aus ernsthaftem wie souveränem Schweigen mit dem Peace/Victory Zeichen zu antworten und einfach weiterzufahren, einfach so, als wäre nicht gerade etwas vollkommen cooles geschehen.
Ascorbinsäure
Samstag war Wetter. Paula hatte frei und Eve und Paula und ich lagen im Treptower Park. Man machte sich lustig über mich, weil ich anfangs und aus versehen „Treppeltow“ zu Treptow gesagt hatte. Irgendwann schliefen wir alle ein, wachten auf, der Himmel hatte sich zugezogen, wir fütterten einen Schwan und ich erfuhr, dass die Stadt Berlin Ein-Euro-Jobber anstellt, um Schwäne auseinander zu ferchen.
Dahinter steckt: Rotten sich auf Spree und Kanälen zu viele der vielfedrigen Eleganzgenossen zu einem buschelweißen Haufen zusammen, gibt es Ärger und man fällt übereinander her. Dann bekriegt sich selbst der so himmlisch anmutende Schwan, weil er ein Tier ist und es wahrscheinlich für immer bleiben wird, außer, und an dieser Stelle wirft man sich vielleicht und trotz des schlechten Wetters noch einmal auf die Wiese und lässt die Fantasie einige Stunden schweifen, wenn der Mensch die Besten der Besten miteinander paart, mutieren lässt und so ein Wesen heranzüchtet, das ( im Flug ) kompliziert ausgefräste Holzstückchen ineinander stecken kann und weiß, welcher Wochentag nicht auf der Silbe „Tag“ endet.
Generell lässt sich nicht nur darunter leiden, dumme, einfältige und gewalttätige Tiere zu romantisieren, sondern auch Ein-Euro-Jobs. Das Leben, dachte ich bei mir, wäre doch gar nicht so schlecht, wenn man tagein tagaus damit beschäftigt wäre, im freien an einem Flussufer entlang zu spazieren und ab und an ein „Kuschkusch“ oder „Frrrrinnnnggg“ auszustoßen, damit man ein wunderschön zu betrachtendes Tier in alle Himmelsrichtungen verscheucht und somit sicherstellt, dass es seinen edlen Nachbarn nicht totschnabelt, denn man hört immer wieder, ein Schwan könne gehörig zulangen mit dem verhärteten Lippenersatz.
Soviel Ruhe und Anmut also. Demütigkeit gewönne der Euro-Jobber, und Respekt vor der Natur. Hin und wieder könnte man die Füße ins Wasser baumeln lassen, den Liebenden entlang der Coniche zusehen, ein Bier öffnen, in ein belegtes Käsebrötchen beißen und glücklich sein.
Fährte
Beim reisenden Hugo kauften wir lecker Softeis. Als ich meine Schoko-Vanille Mischung schon aufschlürfte und herzhaft in das Hörnchen biss, erklärte mir Pauli als alteingesessene Berlinerin, jenau so habe die DDR jeschmeckt – nach Pappe.
Ich wollte dann auch nicht mehr aufessen. Nicht, weil es zu sehr nach angestaubten Bolschewismus mundete, sondern weil ich generell keine Dinge esse, von denen ich weiß, dass sie keinerlei brauchbare Nährstoffe für meinen Körper enthalten und in diesem Waffel-Fall das angekaute Zuckerknaster noch nicht mal Objekt meiner Begierde war, lediglich Mittel zum Zweck, also Mittel zum Softeiscremehalten. Den Hinweis mit dem Osten aber notierte ich mir, um ihn später auf meinem Laptop erneut zu notieren.
Sonderbares, verwunschenes Berlin! – Niemand stellt leere Pfandflaschen auf Mülleimern ab. In Köln existiert eine unglaubliche Armada an Menschen, die nicht auf Ein-Euro-Jobs angewiesen sind, da sie das einsammeln, was andere leer stehen lassen. Und es werden immer mehr.
In der ganzen Stadt sichtet man Abends Altbärtige, Langzeit- pfandflascheneinsammler und rumänische Kleinfamilien, die mit Einkaufswägen und 35 Liter Plastiktüten die Stadt leer sammeln wie tollwütige Stadtleersammler. Auch habe ich interne Ausschreitungen miterlebt. Wüste Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Womöglich sollte man Ein-Euro-Jobber anstellen, die Pfandflascheneinsammler bei kritischer Versammlungsstärke mit einem „Kuschsch“ oder „Flllirrrtzz“ auseinander treiben und so Böses rechtzeitig abwenden.
Jedenfalls machte Evelyn den Vorschlag, beim nächsten Kioskgang, den ich schon ankündigte, doch die leere Flasche abzugeben; eine Idee also, auf die ich überhaupt gar nicht mehr gekommen wäre. Des Weiteren, und um noch etwas in der schmuddeligen Ecke zu verweilen, traf ich in Berlin niemanden, der in ein Gebüsch pinkelte und traf beim Ins-Gebüsch-Pinkeln niemanden, der ebenfalls die von mir verrichtete Tätigkeit ausführte. Im Gegenteil:
Ich habe viele Damen und Herren – eigentlich befand sich feines Grünland zur Hand – auf ein Klo gehen sehen, an dessen Pforte ein Betrag von 50 Cent zu entgelten war, übersetzt heißt das, eine Mark (Mack). Fürs pinkeln! Das hätte damals niemand bezahlt …
Übrigens ist es eine interessante Tatsache, dass die Love Parade im Tiergarten verboten wurde, da sich dort eine derartige Anzahl internationales pseudoliebesbesessenes Provinzdrogentum auf alles emporkeimende Grün und Gras entwässerte, dass die gute Muttererde samt ihren Blümchen, Pflänzchen und Sträuchlein diese exorbitante Überstrapazierung an Empathie und altruistischer Fürsorge nicht verkraftete und wegstarb.
Aber genug vom in die Ecke pinkeln, schließlich geht es hier um die Hauptstadt.
Also. Berlin. Ab und zu riecht es. Dies stamme aus der Kanalisation, wurde ich aufgeklärt. Folgendes geschah: Mit Zunahme der Spülstoptasten in deutschen Klos sparten die Deutschen, und natürlich auch die knauserigen Berliner, viel Wasser, was nunmehr dazu führte, das die Kanalisation unzureichend durchflutet wurde und all die Bracke, die der Mensch in sein Klo setzte, fäulend und schmoddernd an Ort und Stelle, also unter der Erde, verweilte. Das stank. Also müssen nun die Berliner Wasserwerke zusätzlich Wasser durch die Kanalisation pumpen, damit alles wieder so reibungslos läuft und abfließt wie früher. Soviel zum Wassersparen in Berlin.
Das indische Auge:
Es existiert eine fast schon ermüdende Anzahl an indischen Restaurants, die alle beim selben Möbelgroßhändler einkaufen. Und den Tandori-Palace, der sich sonst in jeder Stadt, die etwas auf ihre Weltbürgertauglichkeit hält, mindestens zwei Mal antreffen lässt, habe ich in Berlin (noch) nicht gefunden.
Termin
Leider wurde mir nicht gestattet, einen Berliner Flohmarkt zu besuchen, da es am Sonntag heftig runterregnete und so frühstückte ich in einem Cafe am Heinrichplatz und fuhr nach Hause mit einem in ein Nofx T-Shirt gekleideten Mittzwanziger, dem die Haare an allen Enden gleichzeitig lichte zu werden begannen, der des weiteren sechs Stunden lang „Die Ärzte“ hörte und dabei unentwegt mit seinen schlaksigen Krähenfingern Mal-mehr-meistens-Weniger rhythmisch das Lenkrad penetrierte.
An einer Raststätte kaufte ich Salat, der sehr gut war, und eine Beerenschorle. Am Abend stand der Mond halbgeschnitten über den Hügeln, die Deutschland waren und unsere Fahrt begleiteten. Eine weitere Mitfahrerin kam gerade aus Hongkong zurück, wo sie einige Zeit lebte und studierte.
So quatschen wir über ausländische Sitten und den neuen, einzig dem Internet zu verdankenden Trend drittweltiger Länder, dort, im Netz also, Übersetzungen für ausländische Gäste vorzunehmen. Ich wusste um die beste Anekdote, die sich in Uganda ereignete:
Dort wollte man zur Zeit der Fußball WM in einem Lokal mit Television um deutsche Besucher werben. Flugs im Zwischennetz nachgeschaut und „Welcome all World-Cup Fans“ übersetzt, so dass auf einem prächtig vorzeigbaren Banner über der Eingangstüre „Willkommen alle Welt-Schalen Ventilatoren“ in großen Lettern zu bewundern stand.
Meine Mitfahrerin verschluckte vor lauter Gekicher ein Stück ihres Rosinenbrötchens und wir mussten anhalten, dass sie etwas laufen, atmen, und ich ihr auf den Rücken klopfen konnte.
Zurück in Köln endete die Berlinreise mit einer heiteren wie außer-gewöhnlichen Begebenheit, von der mir ein Freund berichtete: Am Nachmittag war er Laufen gewesen und bekam aufgrund des an der Brust scheuernden Hemdes eine Brustwarzenüberreizung, im Zuge derer er das nunmehr zur Qual gewordene Joggen abbrechen musste.
Halfejeer. Ein Märchen.
25. Juli 2008
Seinen eigentlichen Charme bezieht dieses Märchen aus einer Wahrheit, bzw. aus verschiedenen Tatsachen, die wahr wurden in kollektiver Phantasie. Vier Menschen saßen an einem Abend zusammen, und aus einem genuschelten “ half a year“ wurde „Halfejeer“, und der Rest der Geschichte fügt sich aus Themen und Situationen zusammen, die an besagtem Abend von den besagten vier Menschen ansatzweise verlautbart wurden. Am nächsten Morgen wurde dieser Text geschrieben, eigentlich für den kleinen illustren Kreis der anwesenden Herrschaften; darüber hinaus bleibt es aber ein Märchen, und ein Märchen kann man ja einfach so lesen, auch wenn man es nicht selbst erlebt hat:
Es war einmal ein Dorf namens Halfejeer, welches kaum 50 Kilometer nordöstlich von Osaka lag und zum Bundesstaat Kleusbelg gehörte. Dieses Dorf besaß sieben Hütten und drei Bäume: den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.
Es waren die einzigen Nahrungsquellen des Dorfes (hier und dort wurde etwas Rotwein konsumiert), und sie alle trugen verschiedene Früchte, die, in ihrem Äußeren entweder niedlich oder grotesk, vom den weit in den Himmel gewölbten Bäumen baumelten.
Allein der aufgezwungenen Fruchtmischung war es zu verdanken, dass ausgewogen genascht wurde. Nie trug einzig ein Baum alleine seine niedlichen oder grotesken Früchte, stets standen sie alle gleichzeitig in Blüte; das ganze Dorf war somit stets versorgt und hatte genug Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern: zum Beispiel warum es auf Saturns größtem Mond flüssiges Methan regnet, und warum das Universum guterdings flach ist.
Dies allen voran: Die Menschen lebten glücklich und zufrieden. Kinder wurden gezeugt und vor den Bauch gebunden. Die Erwachsenen schauten Sport oder jäteten im Garten. Wurstbudenromantik inspirierte. Vögel zahlreich, und Löschwassereinspeisungen.
Glücklich und zufrieden, alle mitsamt. Bis die Jahreszeiten aufhörten …
Den Bäumen machte es nichts aus, sie blühten weiter, trieben Knospe und Frucht, obwohl immer Nacht war. Genug zu essen hatte man also. Rotwein lagerte in Kellern. Aber die Leute waren nicht mehr zufrieden, nicht mehr allumfassend glücklich. So beschlossen sie, das Dorf aufzuteilen in vier gleiche Barrios. In einem sollte Frühling, im anderen Sommer, im nächsten Herbst und im letzten Winter herrschen.
Geteilt war schnell, Mauern standen. Die Jahreszeiten kehrten gevierteilt zurück. Feste fielen. In jede Nachbarschaft, die nun von einer Jahreszeit regiert wurde, kam ein Baum der Erleuchtung, ein Baum des anämischen Schustergesellen und ein Baum des formidablen Wissens.
Nun wurde wild besucht. Kein Gesprächstoff schien mehr auszugehen. Oft saß man auf Bürgersteigen, lud Vorübergehende ein, lauschte fremdsprachiger Schunkelmukke, klemmte Lampen an zweckentfremdete Stühle und sprach besoffen, ja bohemienhaft in weinbefleckte Büchlein, aß Früchte (niedlich oder grotesk).
Allmählich bildeten die vier neuen Dorfnachbarschaften, da sie durch eine 65 Meter hohe Mauer getrennt lagen, eigene, i.j.F. jahreszeitbezogene Charaktere. Also mussten Namen her, neue Chiffrierungen, die nach Gefühlen schmeckten. Folgende Namen erwachten zu Leben:
Trilinbad, Ham, Neurecklinghausen, Findukush.
Untereinander waren die neuen Quartiere durch einen Tunnel verbunden. Zuerst wurden Fehler begangen. Man stieg in den Tunnel und sofort wieder hinaus. Von Winter in den Herbst, oder vom Herbst in den Sommer, oder vom Sommer in den Winter, oder vom Frühling in den Sommer, oder vom Winter in den Sommer, oder vom Herbst in den Frühling, oder vom Sommer in den Frühling, oder vom Frühling in den Herbst, oder vom Herbst in den Winter, oder vom Frühling in den Winter oder vom Sommer in den Herbst, oder vom Winter in den Frühling. Und wieder zurück. Das verkrafteten die körpereigenen Säfte nicht; sie erkrankten fiesfotzig. Dickeitrige Mandelentzündungen und Dickdarmbeschwerden waren lästige Folge. Es wurde bestimmt, im Inneren der Erde eine Umgewöhnungszeit von 30 Stunden zubringen zu müssen, woraufhin der Tunnel unter den Bürgern nur noch „Transformation Tube“ genannt wurde. Danach hielt man es aus. Hier sah man Eiskristalle, dort brannte Heu. Hier gab’s Erdbeereis mit Sahne, dort isolierte man Fenster dickschäumig.
Die Menschen wurden eigen, auch wenn Besuche konstant blieben (mittlerweile gab’s einen Tischfussball im Transformation Tube und eine Bar, an der eine großbusige Bardame Weißweinschorle und Nüsse verkaufte …)
Dinge machten sich breit. Man verhaarte. Meist in einer Sache. Das Klima war nicht immer angenehm – in Trilinbad blies zuviel Wind, in Ham streikten die Kühlsysteme. Während in Neurecklinghausen Kälte unaufhörlich in Glieder stieg, nagelten die Einwohner in Findukush vergeblich Solarzellen auf alles Mögliche. Bald waren die vier neuen Abschnitte, verwaltet von jeweils einer Jahreszeit, für Eigentümlichkeiten bekannt:
Trilinbad: In Trilinbad schuf man neue Sprachen. Erweiterte Syllogismen, Syntaxen von erheblicher Dauer, Sprachverwurschtelungen und Rinnsalpoetiken, der sich selbst die mistgabelnahen Bauern bedienten. Eine Strophe des meistzitiertesten Anhänger des neuen Standardism, Cladio Tosho:
Liebe Frau im Pelz
so schmelz, so schmelzend
dass dir Haare wachsen –
Das ist ein Kreislauf, verlass
dich auf schmelzendes nur – verlass:
Frau im Pelz schmelz.
Oder seine Frau, Tosho-Tosho, studierte Betriebsfachwirtin, mit einem ihrer ersten, alle medieninszinierte Erwartungen übertreffenden Erfolge:
Un
zu
län
gl
i c h
k
eit
e
n.
Damit war es nicht getan. Der Duden sollte zu einem Luden umgeschrieben werden, neue Wortarten zuhauf, frische Alliterationen und Buchstaben, die man erst kaufen musste, um sie zu erfinden. Hinzu kamen lächerliche Ersatzworte und schiefe Floskeln. Einige Beispiele:
- Bürger bzw. Leser bzw. Lastkraftwagenfahrer wurden zu verkrüppelten
BürgerInnen, LeserInnen und LastkraftwagenfahrerInnen degradiert.
- das Adjektiv „fachmännisch“ passte aufgrund seiner hegemoniellen, patriarchalisch-imperialistischen Zwangsaussage nicht mehr in die neue postkleriale Zeit und wurde gelöscht, bzw. als „fächig“ wiedereingeführt.
- Assi hieß nun Prekariat.
- Vollassi hieß abgehängtes Prekariat, mitunter mit dem Zusatz: bildungsfern.
- Assitürken hießen BürgerInnen mit Migrationshintergrund
- Eine Stadt hieß City und die Supermarktkasse Counter.
- Raiders nannte man Twix.
Ham:
In Ham hingegen ging es um Zahlen. Die Menschen begannen, die Bäume durchzunummerieren. Von Eins über Zwei bis Drei. Drei Bäume immerhin. Das erschien simpel, doch wusste man lange Zeit nicht, wo anzufangen. Links oder rechts? Vorne oder hinten? Gegen oder mit dem Uhrzeigersinn?
Jedenfalls hatte der stadtbekannteste Mathematiker, Ernst Ramstiedl („Eine Diagonale ist immer auch eine Linie, gerade durchaus, äh, schwarz und lang, die in einem verückbaren Nirgendwo enden könnte, könnte zumindest; jemand müsste das mal ausrechnen!“), hatte herausgefunden, dass die sich aus scheinbar ureigenstem Antrieb verwirklichende Natur nichts weiter als eine Kodierung darstellte, eine Zahlen- und Ziffernabfolge, die einem inhärenten Prinzip von entschlüsselbaren, auf logisch-arithmetische Beweisfunktionen zurückgreifende Formeln beruhte, vereinfacht im weiteren nur noch „F.O.R.M.E.“ ( Fabric Or: Revealing Matter Energysm) genannt.
Jetzt war guter Rat teuer. Ein Volksentscheid – unverbindlich, aber irgendwie nett – musste her. Die sieben Einwohner bekamen Nummern, einen Zettel, Bleistift. Doch bei wem beginnen, zu nummerieren?
Jeder wollte der erste sein, ein erstes Kreuzchen machen dürfen. Ramstiedl, für den Wahlhergang verantwortlich, benahm sich wie ein Esel und gab sich selbst die Nummer Eins, was nicht gut ankam. Faules Obst flog. Banner wurden gehisst. Protestbewegungen waren die Folge. Das Vertrauen, die Zustimmung der Bürger sank.
Eine Abstimmungssucht begann. Alles wurde gekürt, geehrt, platzierend gewürdigt. Teilweise kam es durch den allgemeinen Zahlenverfall zu wahnwitzigen Szenen – nur der siebschönste Strand wurde zum siebschönsten Strand gekürt; die ersten sechs gingen leer aus. Jemand schlug vor, alle Bäume schlichtweg zu fällen, damit sei dann das nummerologische Problem für alle Zeiten gelöst, außer, es wachse was nach. Die Idee jedoch wurde verworfen, zum Glück, und man besann sich einer besseren Lösung, die natürlich wieder von den rotzfrechen Kindern stammte, die nunmal ihre Klappe nicht halten können: ein Mädchen in roten Pömps fand in der Nähe des Baumes des formidablen Wissens ein Stück Pappmache. Darauf kritzelte sie die Zahlen von eins bis drei, jeweils in dreifacher Ausführung, und band sie den Bäumen um den Stamm. Fertig. Die F.O.R.M.E. jedoch blieb.
Neurecklinghausen:
In Neurecklinghausen besah, beroch, fummelte und forschte man an Silberfischchen, Lepisma saccharina genannt. Die kleinen Viecher tummelten sich überall. Zuerst wurden sie verachtet, gering geschätzt. Dann akzeptiert, um schließlich als Wunder betrachtet zu werden. Hochschulen eröffneten, der MinisterInn schnitt ein Band durch, Klatschen ringsum. Es kamen Labore in Massen, Inder wurden gegreencard.
Man fand: Ein Insekt ohne Flügel, silbergrau den Körper. Zu der Ordnung der Zygentoma, den Fischchen gehörend, schwänzelt es bereits seit 300 Mio. Jahren über die Erde und war schon vor den ersten Unkenrufen des Homoprimaten.
Der Silberfisch häutet sich beachtliche Male; glänzt erst nach dem dritten Durchgang. Zum Erwachsenwerden – erstaunlich – benötigt es mindestens vier, mitunter aber auch 36 Monate; es kann bis zu acht Jahre alt werden.
Lichtscheu und nachtaktiv, kann es sich gut verstecken und versteckt sich die ganze Zeit gut. Die Bewohner von Neurecklinghausen brauchten geschlagene 27 Jahre, um hinter das Geheimnis der Fortpflanzung zu gelangen, dann aber rief man die Presse beisammen. Des intimen Aktes wegen sprach man mit aemotionaler Stimme:
Während des Fortpflanzungsvorganges laufen das Männchen und das Weibchen erregt umher, sich drehend, rotierend. Schließlich sucht der Mann einige Spinnfäden. Sodann ist er es, der die Spermatophore –also das Samenpaket, die Spermientüte, quasi sein Ejakulat – unter den Fäden platziert und solange seinen Balztanz nicht beendet, bis seine Angebetete unter den Fäden hindurchgekrochen und mit dem Wixebrocken abgehauen ist. Nun kommt es in Weibchen zur Befruchtung. Sie, gut erkennbar am gezielteren Schritt, legt cirka 100 Eier in diversen Ritzen, Spalten und Fugen aus, also da, wo sich das Silberfischchen am liebsten aufhält. Bumms, irgendwann Nachwuchs.
Silberfischchen essen gerne stärkehaltige Mahlzeiten wie Kartoffeln, Bücher, Fotos, Kleister, Haare, Schmutz, Kunstfaser und ihre eigenen Häutungsüberreste. Wichtig: Silberfischchen sind zur Verdauung von Cellulose nicht von Endosymbionten abhängig. Ebenso können sie über etliche Monate lang hungern, ohne zu sterben oder überhaupt an Körpermasse abzunehmen, ohne einen Mucks von sich zu geben.
Das alles macht das Silberfischchen zum beliebtesten Tier in Neurecklinghausen.
Findukush:
In Findukush war Sommer. Die Menschen benutzen, weil mehr geschwitzt wurde, Waschlappen. Aus Biobaumwolle. Den Findukushianern rief man Spitzfindigkeit, aber auch Verschrobenheit nach. In jedem Fall waren sie schlauer als alle anderen. Banken gab es keine – alles Geld wurde sofort ausgegeben oder, wenn es nicht gerade in dickflüssige Bananenshakes investiert wurde, in Jackenfutter eingenäht. Dort war es sicher und warm.
Besonderheit des Viertels: die Pinienwälder, von denen allabendlich geträumt wurde, standen bis zum Meer. Die Jugendlichen stürzten, des Thrills wegen, direkt von den Baumkronen ins azurblaue Wasser. Zwischen all den Pinien gab es einen Muskatnussbaum, auch er wurde erträumt und musste für die örtlichen Bekanntmachungen herhalten. Männer mit tiefen Stimmen setzten an:
„Wenn wir sie ( die unorganische Welt ) nun mit forschendem Blicke betrachten, wenn wir den gewaltigen, unaufhaltsamen Drang sehen, mit dem die Gewässer der Tiefe zueilen, die Beharrlichkeit, mit welcher der Magnet sich immer wieder zum Nordpol wendet, die Sehnsucht, mit der das Eisen zu ihm fliegt, die Heftigkeit, mit welcher die Pole der Elektrizität zur Wiedervereinigung streben und welche, gerade wie die der menschlichen Wünsche, durch Hindernisse gesteigert wird; wenn wir den Kristall schnell und plötzlich anschiessen sehen, mit soviel Regelmäßigkeit der Bildung, die offenbar nur eine von Erstarrung ergriffene und festgehaltene ganz entschiedene und genau bestimmte Strebung nach verschiedenen Richtungen ist; wenn wir die Auswahl bemerken, mit der die Körper, durch den Zustand der Flüssigkeit in Freiheit gesetzt und den Banden der Starrheit entzogen, sich suchen und fliehn, vereinigen und trennen; wenn wir endlich ganz unmittelbar fühlen, wie eine Last, deren Streben zur Erdmasse unser Leib hemmt, auf diesen unablässig drückt und drängt, ihre einzige Bestrebung verfolgend – so wird es uns keine große Anstrengung der Einbildungskraft kosten, selbst aus so großer Entfernung unser eigenes Wesen wiederzuerkennen, jenes Nämliche, das in uns beim Lichte der Erkenntnis seine Zwecke verfolgt, hier aber in den schwächsten Erscheinungen nur blind, dumpf, einseitig und unveränderlich strebt, jedoch, weil es überall eines und dasselbe ist, – so gut wie die erste Morgendämmerung mit den Strahlen des vollen Mittags den Namen des Sonnenlichts teilt, – auch hier wie dort den Namen Willen führen muss, welcher das bezeichnet, was das Sein an sich jeden Dinges in der Welt und der alleinige Kern jeder Erscheinung ist.“
Das unterschrieb man. Plakatierte. Da der Sommer nie zu Ende ging, waren die Bürgersteige des Viertels stets bis tief in die Nacht von Menschen und ihren Liedern gefüllt. Das mochte der Findukusher, und er war fröhlich und gemütlich.
Einmal im Jahr gab es in Halfejeer ein Dorffest, für das der Schutzwall kurzfristig abgerissen werden musste; kurzerhand dienten die ehemals riesigen Mauern als Festgarnitur: steinerne Tische und Bänke. Für drei Tage im Jahr war Halfejeer wieder vereint.
Es gab zu lachen und zu staunen und, hinterher, zu berichten – vom Essverhalten der FindukushierInnen, von den Silberfischproben der Neurecklinghauser, der Zahlennaseweißerei der Hamser und der lyrischen Verbollwerkung Trilinbads – dazu Suff und zu Marmelade verkochte, überreife Aprikosen. Und natürlich den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.
Das I-Tüppfelchen der Üs, Ös, Äs
8. Juli 2008
An der Kaffebud, auf dem Weg ins Poeten-Jobcenter, ich:
„Kaffee bitte. Zum Mitnehmen.“
Sie, bereits gereizt und schroff: „Schwarz, Weiß, oder Komplett?“
„Schwarz-Weiß.“
„Also Weiß.“
„Ja. Erst Schwarz, dann Weiß.“
„Das heißt dann Weiß. Einfach Weiß.“
„Schwarz-Weiß nehm ich auch …“
„Denn mit Milch, ja?“
„Natürlich. Kaffee mit Milch. Erst Schwarz, dann –“
„…Weiß.“
„Jupp. Zum Mitnehmen.“
Sie stellt Becher ab.
„Hier!“
„Hamse nen Deckel für den Becher?“
„Nee, mann. Jibet nüscht.“
„Na, denn muss ick den woohl ufm Weg verschütten, wa!“ Plötzlich mich besinnend:
„Ich muss zum Arbeitsamt, zum Jobcänter. Kann ich doch nicht mit Kaffeeflecken aufm Hemd …–“
„Keen Deckel!“
„Normalerweise ist …–“
„Keen Deckel!!!“
„…Mitnehmen aber mit Deckel.“
„Normalerweese kenn ick nüscht. 70 Cent dann.“
„Hier steht aber 60 Cent.“
Sie, lauter:
„Dat is für hiier triinkeen!“
„Und für to-go?“
„Na 70, Mann!“
„Allein fürs Auf-dem-weg-Verschütten?“
„Siebzich…oder lass es, mann.“
„Dann trink ich den hier anner Bude.“
„Kost auch siebzich …“
Ich, aufmüpfig: „Wieso?“
„Na deswegen! Wegen dem Becher, und weil der zum Mitnehmen is.“
„Ich trink den aber denn hier. Mit den anderen.“
Behände wies ich auf einige Alkoholiker zu meiner linken, die alle an ihren Keramiktassen herumschlürften.
Daraufhin Sie, ebenfalls aufmüpfend:
„Jenau deine Liga, die verehrten Kollegen…“
„Sie werden ja wohl nicht ihr Kunden beleidigen wollen, die ihnen ihren schönen, von allen finanziellen Sorgen befreiten Lebensabend ermöglichen. Wer sichert denn ihre Altersleistungen?“
„Junge, ick geb dir gleich …verpiss dich!“
„Piss dich selber!“
„Verpiss dich jetzte!“
„Na schön. Der Klügere g–“
„ …verpisst sich, jenau.“
Berliner reden eben anders. Berliner sind eben nicht so gut drauf. Und das, was gemeinhin von irgendwelchen minderbemittelten Pappnasen oder zugezogenen Dörflern – die in ihrer zugrundegerichteten Heimat nur oberflächliches, inhalt- und seelenloses Palaver und Dorfschabrackentum unterster Klassifizierung erfahren haben – als originelle, so herrlich frisch und authentische Berliner Schnauze tituliert wird ist nichts weiter als eine herkömmliche, verbal offenbarte Frustration. Wems scheiße geht, dem hört man das an, und diese tiefe Lebensenttäuschung, die man hier stets mit einer wundersamen Ehrlichkeit verwechselt, ist allgegenwärtig.
Noch ein Beispiel:
Kürzlich stand ich im lokalen Plus-Markt und wollte mich über die Verfügbarkeit eines Produktes erkunden; welches, das ist mir jetzt entfallen, und so fragte ich eine der noch jungen Mitarbeiterinnen, die gerade – zu wild, wie ich meinte – etwas Toffifee auffüllte, Tschuldigung, fragte ich sie, doch sie räumte weiterhin ein, ohne mich zur Kenntnis zu nehmen, ich sagte nochmals, Entschuldigung, etwas lauter, und wieder missachtete sie mich und griff weiter mit voller Gewalt nach ihren Toffifees, und als ich dann zum dritten Mal, Hallo, Entschuldigung, sagte, schwang sie urplötzlich herum und kreischte, Wat ist denn, verdammt, ick hab sie doch gehört!!!
Ne ne, diese niedlichen, so charmant-direkten Berliner mir ihrer so kühnen rotzigen Schnauze, total authentisch und irgendwie: erfrischend anders.
Dazu ein letztes Wort:
Berliner sind übelgelaunte, schon ein wenig bemitleidenswerte, einigermaßen traurige (= Winter, Osten, SPD) und griesgrämige Zeitgenossen; ein Glück gibt es in der Stadt nicht viele von ihnen, da hier nur Ausländer (Pakistan, Preußen, Pankow) wohnen.
Noch ein Beispiel von gestern Abend:
Ab und an gehe ich abends runter zur Bushaltestelle und lese dort ein bisschen. Die Werbung wirft ein angenehmes Licht, es ist ruhig und die Luft entweder warm oder kalt oder feucht, in jedem Fall aber angenehm. Gestern ging ich nach meiner Lektüre noch spazieren und suchte im Wrangelkiez die Jasmin-Bar auf, eine derbe Berliner Assispelunke, die Abends mit alten belegten Brötchen aus der Uni-Mensa bestückt und von Bruce Springsteens Kneipenröhre durchflutet wird. Jedenfalls stehe ich dort mit Britta, der versoffenen Bardame, auf guten Fuß und knappere plaudernd an kostenlosen Käseschrippen, bestelle ein Bier und setzte mich draußen auf die Bierbank, schlage mein Buch auf.
Kurz darauf stolpert aus der Nachbarkneipe, die noch abgeranzter, noch runtergerauchter ist als die Jasmin-Bar, eine besoffene Mittvierzigerin und singt Marmor Stein und Eisen bricht. Dann sieht sie mich.
„Ey ey ey,“ ruft sie ihren Kollegen zu, die vom Leben gedemütigt müde Glieder über den Tresen hängen, „in Berlin gibt es tatsächlich jemand, der lesen kann! L-E-S-E-N.“ Drei Menneken stiefeln heraus. Dann klatschen sie und rufen „Bravo“ oder „eine tolle Leistung“ und lassen mich wieder allein.
Ralle steigt aus der Jasmin Bar, setzt sich zu mir. Er:
„Biste’n Intellektueller. Oder’n Student oder wat?!“
Wenn ich eines in Berlin gelernt habe, dann Gegenfeuer zu geben, angewandte Schroffheit mit angewandter Schroffheit zu vergelten.
„Hast du schon mal ein Buch gelesen?“, frage ich.
„Nu ja …“
„Aber deswegen bist du nicht intelligent, oder?“
„ …“
Wie dem auch sei. Im öffentlichen Sprachgebrauch schleichen sich vor allem neue Schimpfwörter ein, die einiges an klaren Klang und sonarer Aussagekraft vermissen lassen, die schönen alten Beleidigungen werden durch nur noch brutal klingende Anfeindungen billig-tölpelhaft ersetzt. Da dieser traurige Fortschritt nur zu einer wachsenden Versuppung des Sprachgefühls führen kann, steuere ich hiermit mit einigen altbekannten Beispielen dagegen (Involution). Beleidigungen wie Hurensohn oder Opfer haben ab sofort den Schimpfklassikern das Feld zu räumen, namentlich:
Sackgesicht.
Arschgesicht.
Fickgesicht.
Pissgesicht.
Pissnelke.
Pisser.
Penner.
Flachwixer.
Drecksau.
Schweinepriester.
Furzknochen (eher liebevoll).
Hornochse.
FotzeFotzeFotze.
Schwachmat.
Kümmeltürke.
Spast oder Spastmat oder Spasti.
Depp.
Zigeuner.
Trottel.
Hackfresse.
Kackfresse.
Spack oder Spacko oder Spacken.
Pappnase.
Pottsau.
Lurch.
Spaten.
Tag Eins
30. Juni 2008
Die Sonne blendet ihre ersten Richtstrahlen und ich weiß, dass dies Osten sein muss. Ein anderes Land. Wie Schatten zäh, und dann, schließlich, ganz vernichtet werden. Farben wechseln diesen Ort, zersetzen ihn, alles sät aus, holt ein. Vielleicht ankommen, hier.
Ich lege mich in einen windstillen Flecken und schlafe. Ringsrum singt die Weite die Lieder meines Traumes, der wie der Tag hell war, und lang. Das Erwachen kein Erwachen. Nur der Raum ändert sich, verknappt. Leicht erhebe ich mich, Staub abzuschlagen von den Kleidern. Gerade noch die Sonne. Wieder wachsen die Schatten, das Anorganische. Gewand einer neuen Geburt, einer Tagesstätte, um die sich die Nacht und ein neuer Tag inwendig schließen.
Ich scheisse. Dann pisse ich neben meinen dünnpfiffigen Haufen, auf welchem schon die erste Fliege sitzt. Kurz weiter onaniere ich. Geräuschlos schmiegt sich meine Ladung über den ausgetretenen Kies; kein Jubel, kein Erreichen. Mit dem Finger vermische ich.
Als ich kam, schwand der letzte Sonnenmantel von der Erde. Nur das Ostgebirge bleibt rötlich beleuchtet und wartet auf die Gegner der Nacht.
Mein Erguss kühlt. Derart entleert und hingegeben begreife ich mich als bemächtigt, hierzubleiben. Nackt laufe ich umher. Gehe meine Wege, die keine sind: Ausstriche nur, und ich trinke den Vormittag.
Im Boden einige dörre Bäumchen und Sträucher, Büschel, kantig in der Ferne das Zickzack von Hügelkrusten, Sperrzacken, die sich durch die untergehende Sonne scharf absetzen vom Kolorit des Abends; in dieser Stunde, im Vakuum des Lichtüberganges, liegt alles wie betäubt, matt, und wie gestaltet, um darin zu leben, zu überleben – um darin sich lösen zu dürfen. Kein Ende umsetzt diese Wohnung, kein Beginn dieses Seeruders. Ausgeblasen und zur Unendlichkeit vergrößert sitzt alles Dasein, hockt die Szenerie. In den Ecken geht alles weiter. Scharf. Dann wieder dunkel, schaukelnd, aus den Stürmen genommen.
Nicht weit liegen meine Sachen. Eine Decke für die Nacht, Wollmütze, etwas Wasser, ein Buch. Ein zwei vier Seiten lese ich, als ich zwischen zerkloppten Steinen sitze, ich frage mich, wer die Zahlen erfand, den Wortlaut. Warum trägt man ein solches Buch in die Wüste? Noch eine Seite, die von weit her klingt, dann werfe ich das flatterige Buch in die Arme der Steppe. Hole es zurück. Stecke es quer in meine Scheisse. Alles für sie. Das Panorama meiner Hingabe, kräftig, ehrlich. Ich, Ausgezogener, der Wind hebt…
Hockend betrachte ich, was ich kreiere. Habe Gefühle. All das bin ich gewesen, dies der entblößte Rest Mensch. Und noch spüre ich Knochen, die Finger meines Antlitzes, den dumpfen Schmerz, der leise sticht über die Nervenbahnen, hinziehend wandernd noch drinnen ist, bei mir.
Auch das Ostgebirge ist nun kalt. Graubraune Masse, an deren Rändern ich die Rinnsale der Zeit herabfließen sehe. Ich denke an ein Wort: Ökonomisch. Frage mich, was das zur Sache tut; der Himmel geht auf, Licht durchdringt, gilbt, wendet sich zwischen den Steinseiten, den Falten der Erde, spiegelt sich in den Erinnerungen des Tages, ist das lange stramme Gesicht mit den hinter dem Horizont erloschenen Augblitzen.
Ich laufe umher, achte nicht auf den Weg, verletzte mir, in einer unvorsichtigen Spalte, den Fuß. Schaue an mir herab wie wenn man einen Wald durchläuft, mein Sehen tötet. Die Haare die Pigmente der eilige Schritt, wenn das Denken will. Mit etwas Gewalt quillt Blut aus der Wunde. Leerdrücken, alles raus lassen muss ich.
Längst wieder angezogen, den es war empfindlich kalt geworden, ist alles weiss. Der Mond, welcher in sieben Tagen voll sein wird.
Bald Tag und Wärme, ich ziehe mich aus, komme rum. Wie ich mich wieder anziehen will, merke ich, dass die Kleider ordentlich zusammenliegen. Wütend schmeiße ich sie weg, weg in den Staub, das blasse Erdgesicht, weg, wo sie nun in Unordnung liegen und nichts sind alleine, dann sammle ich sie auf, ziehe sie an, wieder an.
Der Blick, ein unruhiges Tier, geht langsam umher, später unter. Lange elastische Dämmerung, biegsam wie die menschliche Seele, huscht die Steppe entlang, weitet sie, klingt lange nach. Ich, meine Person, Überwurf, gegen eine Felswand gelehnt, gereinigt und nur das Kühl des Rücken vom Schattenversteck des großen Steines. Dort warte ich und zähle. Zuerst Sekunden, dann Minuten, später Zeitbrocken.
(Und als diese nicht mehr zu erkennen sind: die Sterntruppen, lau abwerfend Scharen von Lichtzentren, die allmählich aus dem Himmelsdunkel glutstrandig herabtauchen und behutsam, weil weit fort, den Fels vorglimmen.)
Ist dies schon Nacht? Noch ein wenig hell über der Berghaube. Diese benötigt lange, am längsten. Ist noch lange da. Noch immer. Ich laufe los in ihren Turm, die erhöhte Geselligkeit, und als sie verschwindet gehe ich alle Richtungen, über den ersten Tau, den Frostboden und seine eisige Zunge, Namen des Winters vorsprechend, obwohl der Sommer dicke, mit Mittagssonne und allem, getischt hat, vorgefallen ist mit den Keimen des Frühlings, der sich nähert, scheu noch, rosenblütrig – den Knospen ist kein Herbst mittelbar. Alle Richtungen laufe ich ab, bleibe hier und da stehen um zu schauen, wie sich alles entwickelt, wie sich, gehörig und fromm, alles ins Dunkle banalisiert.
Schon wird es voller. Mikroskop der Erde, an den Hügeln kappt ein Gedanke. Ich scheisse und pisse weitere Male, spucke, rotze. Trete aus. Quetsche weiter Blut. Versuch der Onanie, als noch sechs Tage den Mond werden füllen müssen;
es mag nichts kommen. Schlaff und rübig hängt er unbemüht. Das Werk des Mannes: ein trockener Jammer, klammes Garnichts. Es macht mir nichts. Der Mond wird voll sein in sechs Tagen, in sechs Tagen wird der Mond voll sein.
Wie heißt dieser Sonnengott – Keine Sonne seit Tagen, oder waren das Jahre? Mitunter ist der Tag stumm, grätig, kommt nicht. So also, in einer Nacht, die alles sehend machen musste, stieg ich abermals in ein Loch und verletzte den Fuß, wieder diesen Fuß, als ich den Blick zu hoch gen Himmel nahm und schräg hinfiel. Nun humple ich. Ziehe den Fuß nach.
Dem Schmerz entnehme ich Dank; er legt sich flach aus, bauchlängs, und die Steppe gießt nach mit kräftigen Hieben. An der Felswand, die vor Wind schützt, vor welchem ich keinen Schutz suche, schlafe ich, bin ich wieder weg einen Traum einen Lidstoß lang. Bares Erwachen (wieder), dem sich völliges Unverständnis kurzatmig anschließt.
Der Tanz zwischen den Abgründen, wildes Gedankengepolter, lebendig sein, schlafend sein und unvorhanden, ausgezogen verflochten in Leere und ummantelt mit der Erden ewiger Vorsehung, ein Windkreisel in der Ferne, ich laufe laufe einfach drauf los, der kaputte Fuß schwer hinterher, wieder biegt mich Nacht und Traum. Durch die Welten – die Sturzbäche der Dialektik – wachse ich mit dem Feuer des Tieres, der Gabe Mensch, ein Funken Göttliches zwischen meinen Venenkanal, dem Flügelschlag meiner Sprache, der Pädagogik des Gehirn, Masse aus meiner Absicht. Bis alles verkommt.
In mir: Gezeiten und entfernte Ursprünge, die Sehnsucht von Jahrtausenden, Meere, die einst diese Landschaft mit schnellen Wassern bebaute. Leere Flußbette nun, etliche. Ständig durchlaufe ich Gräben und Wasserrelikte, das genommene Gestern.
Nicht Sand Stein und Trockenheit regieren die Wüste, sondern Wind. Etwas, eine Chemie. Überall hat er Fels geschnitten, Dünen aufgetragen, sich in lange Winkel gesetzt, heimisch gemacht im Bauch, im Leib der von ihm umwilderten Form, inkarnierte Geometrie, alles evident, alles Beweiß weiterer Bilanzen, Zahlen.
(Nein, Wind darf er nicht heißen…)Skulpturen und Höfe mit glattem Strich gemeißelt. Ein wenig noch bleibe ich, endlich aufgewacht, hier, und sehe einfach herein. Zurück an meiner Felswand versuche ich, zu erbrechen.
Aber kein Essen. Alles leer alles raus. Hektisch kratze ich Kruste von meiner Wunde. Wie naher Mond fließt neues, dickes Blut, nimmt sich langsam den gefallenen Staub der Sterne.
Mein Unterschlupf, ja, die Felsenwand, kurz von einer unruhigen, schwer- geformten Klippe überhangen, ist schön. Fuß eines etwa 60 Meter hohen Steinberges (man hat ihm einen Namen gegeben, den ich nicht ausspreche), der still starr schon immer fast immer steht und um welchen sich der Wind mit seinen kräftigen Stromschnellen legt, am Platze hält. Stets beschützend, klein, angenehm. 60 Meter! Sagte ich dies nicht gerade?! Ich ohrfeige mich. Nehme ihm die Höhe, streiche seine Zahl und sein Metrum und stelle ihn, hoch, den hohen Berg, der schon immer fast immer dort steht, zurück, so wie er stand noch vor dem Menschen. Schielender Reflex, die böse Tat. Leer werden, leer…
Ich überlebe. Nummeriere, wenn wenig hinzugegeben wird, teichflache Gegenwarten über das ferne Plateau auf. Nimm die Vögel mit, die kleine Maus, eine Schlange und die Fliegen, die sich über meine Auswürfe hermachen. Schon ist der Kot schwarz, fasrig trocken.
Unter dieser Schicht: Würmer. Kleine Raupen, Geschosse. Leben. Einfach so, bis das Essen fort, der Atem voll genossen ist. Bei keinem Namen nenne ich die Dinge; es sind Substitutionen, eine neue Totalität. Das reine Gewissen. Keine Neuronen, kein An- oder Ausbau, unexistent der morgige Kram, all das. Flüssiges Wissen, Gas, und weg.
Das Dämmerlicht bricht ist wieder leicht verschoben, noch schwachrot geschlossen. Aufgehoben und übersetzt wo hier, und dort vorne, der Sonnenteppich flüchtig schmal wird.
Dünnes Bewusstsein. Oft glaube ich, wirr zu werden. Doch finde ich, auch nach Nächten, die wie zähe Wasser sind, wieder zu meinem Unterschlupf.
Neulich verwechselte ich die Riffe der fernen Hügelbahnen mit den bogenlampig zustoßenden Wolken des Südens. Aber nur, so sage ich mir jetzt (gutmütig, gewiss!), da der Mondschein, die Fackel der Dunkelheit, von wolligen Wolkengurten verhindert, abgedämpft wurde. Sonst bin ich normal. Auch wenn beim Scheissen nichts mehr kommen will. Dafür beginne ich, meinen Urin in einer alten Blechdose, die ich in der Ferne fand und auflas, zu sammeln und diese Büchse, wann immer sie halb gefüllt ist, zur Reinigung meiner Körperausgänge zu verwenden. Ohren Nase Mund Augen Penis Anus; die Wunde, die ich permanent aufreibe und heilen lasse: selbst bei langen Wanderungen kommt die Blechbüchse mit. Ab und an schlage ich auf ihr einen Ton. Versuch, meine Nägel auszureißen, der misslingt – zu sehr will alles bleiben.
Dann geht mir Wasser aus, doch kommt mir das gelegen. So kann ich Zeit sparen. Mich beeilen, vollzuwerden. Rascher bei Ziel sein. Nah, möglichst.
Mit einem langen, schweren Stein ritze ich Zeichen und Landvermerke, Geometrien in meine Felswand. Auch Zahlen, einfache Striche, die ich später zu rudimentären Skizzen ausarbeite. Niemals ritze ich Buchstaben, zeichne ich Wort. Dann singe ich in einer Sprache, die ich nicht kenne, die womöglich keine ist.
Im Rücken: Ausläufer der Tagesorgane, wie Luft noch einmal – bevor sie zu Farbe wird – leicht aufatmet. Keine Klarheit, warum es überhaupt Wandel gibt, warum nicht alles schlichtweg dasteht, ohne das es Hoch oder Tief oder Licht oder Dunkel genannt werden kann. Heftig beiße ich auf meine Zunge, spucke Blut über die Wand über meine Füße. Wahrscheinlich bin ich hier – um Köperverzicht bemüht – zum ersten Male nicht einsam.
Weit hole ich aus, gehe ich, dann bin ich zurück und schlafe, begierig angelehnt, einfach ein und durch drei vier volle Tage, halbherzige Minuten. Untersuche die neue Haut des Werdens. Wie ich erwache schleicht ein Wüstenfuchs um meine Sachen. An der Mütze riecht er. Sieht mich und rennt davon. Ich hinterher, bis ich außer Atem bin und der Fuchs verschwunden, der Fuß taub vor Schmerz.
Welch seltsames Glück; verlieren, was man nie besaß. Nur noch Schatten der Erinnerung, dicht wie das eigne Sein. Eiserner Hammer der pochende Fuß, dessen Gicht bis in die Adern meiner Schläfen heraufweht. Starkes Ufer, von Schmerz besetzt, geschliffen von straffen Metallen. Das Ding von rotem Staub. Ein Kreis aus tonfarbenen Steinen, den ich markiere, in den ich lege den Fuß. Er ruht, und ich schaue ins wohlgeformte Gebilde, meine Schöpfung. Körperteil und Steinkreis. Ich murmele, stottere. Irgendwas. Ahne nur langsam, bin unsicher. Zerlumpte Gedankenspiele, Fesseln einer entmaterialisierten Gewalt, die sagt ja, die sagt nein, die sagt: vielleicht.
Schließlich merke ich, wie ich meinem Fuß huldige. Der schwache, so geschwollen gemarterte. Märtyrer nenne ich ihn, werfe eine Handvoll Staub, lobpreise, vollziehe. Wie ein Pfahl steht er, die Zehen gereckt, inmitten des Kreises, den ich erst gezogen: Abkömmling, den ich erschuf. Kurze buschige Haare, mit der Farbe der Landschaft. Einige Verse, sogar einen Reim sage ich auf. Schon sieht er verlassen und unbewohnt aus. Das einzige, was ihn noch in mir erhält, ist Erinnerung. Den anderen Fuß, den anderen Bestand, massiere ich mir. Hart ist die Sohle, stechend und drückend kommt nichts. Das bin ich. Schmerz, kein Gefühl, Leder, blinzelndes Erdenende. Womöglich heilt mich der Abend, womöglich der skandalöse Morgen, aus welchem die Tage brechen, Morgen, und ich schlafe in diesen Rachen bis ich ersticke an Licht.
Wieder Wechsel und Farbenspiel. Flankiert von abtrünnigen Gestalten: aus den Feldern der trockenen Einheiten fließt noch des Abends zittrige Stimme zu den ehemaligen Flussläufen und verdickt dort, wurzelt, treibt aus zu neuen Nächten Monaten Epochen.
Unendliche Geschlossenheit, der Garn der Zeit, voll aufgewebt. Indem sich der Vorhang der Morgendämmerung mit weiten Scheunen lichtklar öffnet, schwebt die Hitze aus der südlichen Flimmerweite hoch über diese Stunden. Schließt sich ebenmündig an. Eine Salbe Schweiß, ein Schuss Salz.
Hinterrücks verschmilzt, was zusammengehört; kaskadenhaft tropfen ovale Perlen aus meinem Körper, von der Klippe des Gebirges, den Lippen der Öde, Gang des Felsens. Später, mannigfaltig umstellt, immer wieder Abendrot in seiner bedauernswerten Kürze.
Ich gehe, weil ich mehr finden will. Suche Töne, ausgespuckt und dagelassen von dem, was ich sehe, aus dem, was die Wüste (die volle, aststarke Wüste!) ausscharrt und unter Lichtaugen zahlreich vermehrt, schlicht überreicht. Überall hinmissioniert. Ich biedere mich an. Fordere wohlwollen. Proklamiere. Möchte, einst verloren, aufgenommen werden. Nochmals erreicht sein, bekannt. Ganz.
Schneide mir den Finger, überkreuz mit dem kaputtem Fuß, mit der Blechbüchse ein. Schmiere das Blut auf einige Wege einige Steinbäche, Urahnen. Doch es kommt nur wenig geflossen. Einen langen, krummen Schnitt kerbe ich in die Unterseite meines Oberarmes (vielleicht der linke, vielleicht der rechte). Sobald ist der Saft quellrot und schneller. Furchtbar hektisch reibe ich Dreck und Staub, kleine Steinchen in die brodelnde Wunde.
Rein, raus, ich weiß es nicht mehr! Bin wirr, ja! Kruste nun, die ich erneut erneut aufkratze, wegbeiße, mit Pisse aus der Büchse einweichen lasse. Zu sehr bin ich mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht auf den Fuchs achte, der womöglich zurückgekommen ist oder in der Ferne umherstreunt.
Aus dem oberen Kanal bläst der Wind nun finsterer durchs gespreizte Tal. Ich hinke umher, bald irr, bald wieder zum Felsen gelangend. Pünktlich. Es wird Abend. Ein niedriger Sarg, den die Wucht der Luft abstellt, dann Nacht. Sterne, punktgenau und sonst großzügig über den Balg des Himmels geworfen, die so ferne stehen, nicht mehr sind und doch so viel Ewigkeit versprechen: weniger klar bei wachsendem Mondkranz. Dafür viel Flur, brandende Stromwerke, und wo kein Wasser mehr läuft ergießt sich der blaue Wall, heftiger, behutsam versprechend. Kalt ist es. Der Leib erschlagen, eingewilligt, karg. Trinkwasser ist aus. Freude, wenn ich nun weinen kann und die Tränen in der Büchse sammel…
Dergestalt wenig bin ich. Meine alte Scheisse wird immer kleiner; kaum, das man Feuer machen könnte. Fast ist nichts mehr da. Suchend beuge ich mich, stochere. Samen, Flüssigkeit, Essensreste, abstruses Mental: Schon lange nicht mehr. Nix. Warum auch?
Einfach und monoton gehen die Wesen zugrunde, sterben die Dinge im reißenden Gefieder ihres Daseins und kommen woanders an. Große Sandterrassen durchqueren, hohe Sphären erobern sie. Mitunter gewöhnlich, da klar ist, was geschieht. Sie kloppen Höhlen aus Tatbestand. Diskutieren untereinander nicht. Ihnen ist das egal. Und weil niemand denkt außer dem Menschen, weil niemand zählt behält und weil niemand sortiert und abtrennt außer dem Menschen, löst sich alles blütenhaft – von Reife und Herbst genommen – von einem zum anderen, ohne Namen zu verlieren. Arkaden voller Annahme, voller Gewissheit. Treue. Durch meinen Leib gespalten schon der sichere Untergang. Stets herausgezögert. Der erwartete Rausch, die Gegenwart, welche ich nie habe retten können.
Sehnsucht. Ein Wort, dass ich langsam vergesse. Erinnerungslos wäre ich?…
Aufraffen. Wieder gehe ich los. Der Fuß, ich benutze ihn wie einen brennenden Stecken. Diesen Körperbau wie den Rohbau des Lichtes. Das nicht zu erkennende Ende der Prärie, des farbenblumigen Spektakels glückseliger Zeuge: bin ich. Niemals sehe ich nichts, nie ist es leer, was ist. So liege ruhe ich kaum. Sondern mache mich durchs Land (Vielleicht sehe ich einen, den Fuchs wieder!). Nur der Laut meiner Schritte ist vernehmbar. Doch ich wünschte, man hörte ihn nicht. Auch weiß ich, dass der Bauch atmet, die Lunge atmet, Saft atmet, der Mund gierig schnappt. Dass Venen pumpen, systolischer Regen ausbricht und nirgendwo endet. Selbst den Wind vermag ich zu hören, kann ihn ablesen vom Gewusel der Erde. Wie er sich hier und dort einlegt, verändert, umsetzt. Den Urin alkalisiert. Der Mond brennt ein weißes Loch in die derbe Nacht. Sein Glanz färbt tropfenartig ab. Schon bin ich See, empfangendes Gewässer. Aus der Büchse reiße ich mir einen scharfen Zacken, ein rostiges Ende heraus und beginne, die Ohren einzuschneiden. Beide. Nie wieder links und rechts sein. Nie wieder wählen. Blut im Gehörgang, bis es gerinnt, fibrinös krustet. Alles gedämpft, nur der Schmerz drinnen wie draußen, heulende Bestie. Ich falle hin und erschrecke gerade noch. Eisern bleibe ich hocken.
Das schafft Wüste: mit sehr wenig alles sein. Zwei Drei Dinge, nüchtern, die voller Überzeugung sind, denen nichts anbei gestellt werden kann. Klares Wissen. Nichts unnötig. Alle Farben finden sich, wenn ausharrend und richtig der Blick ist. Versteckt zuerst, dann herrisch hervorgaffend und mit herkulesschen Schwerte, flink gezückt aus dem Schaft der blauen Dunkelheit. Sonne, Feuer, gnadenloser Akt – keinen Schatten werfe ich.
Alles senkrecht. Um mich herum ziehe ich einen Kreis, lege allerlei Gestein auf die Bahn. Bereit. Vollmond in fünf Tagen. Der Sonnenuntergang klemmt: altes Schloss, welches nicht schließt. Noch immer Gelb; Zirkel, Allerweltsgeographie der Schein der Sonne. Zuerst trifft sie die Krone dieses Dingsda, dieses Gebirges, der Lavaküste aus reinem Erdmetall.
Fortan reißt sie alles hinweg mit sich. Wird Spektral. Ist Treppe, die den Abend hinunter führt, herauf, lange abtritt. Unmaskiert, zwischen dem Bau des Tages und der Wiege der Nacht, von Weis wird alles Rot wird alles Gelb wird alles multipliziert. Stundenlang reist dieser Schatten umher, macht die Nacht nicht kommen. Still ist es und es wird noch stiller. Ausgefahrene Hand, alles offenhaltend. Wie Honigmasse: Geruch Spezies Gewölb, das durch Welten zieht, Äonen verbrennt. Ich bin, glaube ich, dieses Schauspiel, dieser aufgetrennte Faden am Firmament, sich abseilend und aufgliedernd, dieser Faden, der ungerafft hängt und zerwirbelt und von allem beschaut wird. Ausgekundschaftet und Lebenswidrig. Ich bin dies Loch des Kreises, dies architektonische Innern, bin Schmerz und inmitten von Zukunft und Vergangenem weit klaffend. Ich schließe die Augen, öffne sie. Die Seele des Augenblickes ist ohne Netzhaut, ohne Neuronenblitze: ohne Becher.
Krug, ja, den ich schlicht platziere. Ich stelle mich auf. Die Unterschiede sinken. Vergehen im Bett der Geschichte. Das Soll meiner Bewegung (mehr Steinchen und Runen lege ich auf die von mir gezogene Bahn). Ich, in zwei Kreisen. Der Erde und des Lebens. Wieder falle ich, mit dem Gesicht nach unten, so dass ich Staub und Ähre, die Asche der Verwandlung schmecke. Auch das Wasser, welches hier einst floss. Noch sehe ich die Ausläufer des Tages und den Mond (der in vier Tagen seine Fülle erhält) sich hinbiegend in quadratische Dunkelheit.
Plötzlich Meer. Ich weiß nicht, ob ich noch denke, oder ob das schon weniger ist.
Und wie ich stumm daliege, ausgegossen und von Menschengestalt zerpflückt, höre ich Atem meinen Atem zum ersten Male die ganze Unendlichkeit meinen Brustkorb heben, den ich sogleich verliere und abstreife wie Schlangenhaut. Nicht außerhalb spüre ich die Luft ihre Messer wetzen und lege mich aus in der spitzen Umgebung.
Über die Felder spanne ich meine Gesichter trage ich Spiel und vogelgleiche Annäherung, wabig Heime erschließend. Das Licht der Sonne das Licht des Mondes ist, noch mehr Klarheit, welche die Gestirne einschließt in dieses gewaltige Hell und immer diese Strahlen, die mich durchdringen, mich aufnehmen nicht mehr sein lassen denn was ist außer Dir?
Das Gedächtnis verschwindet und schafft Platz für Erinnerung, das Mosaik der Suche ein immer fester Ort in den ich lachend laufe den ich umarme ohne Körpersein. Mit dem Anschlag des Morgens gehe auch endlich ich.
Das Bersten der imaginären Landschaft als Mythos, als immerklare Erzählung meiner Seele, aber Seele, das ist nicht.
Himmel sehe ich und Sterne darinnen sehe ich einen Fuchs erkenne ich zwischen dem Hier und Jetzt meines Wachens eine Gestalt sich alsbald verlaufend und die die Fangarme der Wildnis, die nun überall ist, zügig einfängt vorn anstellt an Augenblicke und asketisch vermessene Dichtung diktiert. Keine Worte aber füllt dieses Blatt mehr, Poesie aus Zeit und ihrem einzigen Moment. Im Kreis in zwei Kreisen liege ich und atme noch und alles atmet mit mir, kurz bewege ich mich mit den Beinen des Felsens und den Füßen des Nachmittages, sehe die Adern der Vorstellung spreche mit der Hitze Zungen lasse mich fallen und falle hinauf. Erstmalig sehe ich das Gebirge im Osten, wie es aus der Welt genommen wird und das sperrige Licht prescht über die Urlandschaft den archaischen Ansatz und die liebliche Steppe spielt ein Lied spielt ein Lied spielt spielt so dass alle und vielleicht auch niemand es hört und ich sehe den Geier tanzen die barracke Weite Rhythmus schlagen. Wir treffen uns und verlegen Linien, die wir einst zogen, verstauen Körper die wir einst besaßen denen wir Namen gaben.
Mond, der immer voll ist.
Uferlos breche ich entzwei und nehme alles an. Licht den Abgang des Schmerzes den Tau dieser Erfahrung und das märchenweite Erobern. Mit der Hand des Vollkommenen schließe ich Lebenswege mit den Ohren der Gegenwart höre ich sie flüstern wie noch nie laut wie noch nie. Und sobald ich kann stehe ich auf mit den Schultern des Neugeborenen den Botschaften einer ewigen Nachricht, falle in den Staub der Erde wo ich zersplittre wo die Anfänge enden wo ich die Perlen nicht wieder zusammenlese und tief hinabschaue zum bereits bekannten Erdenkontakt, Waage und das Feuer der Freude.
Endlich ausgeschüttet, Stein geworden.
Saft und Zeit
25. Juni 2008
Als ich aufwachte lag sie nicht schlafend und weich neben mir, in reichweite eines Armes, sondern saß an der Bettkante, angezogen und mit Kaffee, und sah mich an mit wachen braunen Augen, die Sonne fiel in etlichen Quadern in das Zimmer und ich hatte das Gefühl, etwas Bedeutungsvolles verpasst zu haben, ein Stück Leben und Dasein, das aus der Erinnerung des Morgen entfernt wurde und nicht wieder einzusetzen war. Sie war wach und ich war es nicht, ich stank aus dem Mund und spürte den klebrigen Schlaf am ganzen Körper, hatte bereits verloren gegen die Zeit und das lebendige Licht in den niedrigen Ecken des Raumes, und sie roch nach sonnenschweren Bohnen und nach blauem Wasser, Kraft rann durch ihren Blick und sie hielt ihre warme Hand an meinen Knöchel und fragte, Kaffee, und ich wusste, sogar von der Espressomaschine bin ich überrumpelt worden, sogar von Gas, und ich sagte, ja, Kaffee, und wartete, bis sie in der Küche verschwunden war, richtete mich auf, kippte das Fenster; steif und ohnmächtig fror ich und bekam den Kaffee überreicht, wie einen Orden, eine Absolution, dass ich es endlich doch noch geschafft hatte in den unausweichlichen Wahn des Tages.
Ich duschte, und währenddessen war das Schlafzimmer verwandelt worden in einen nackten und ortslosen Raum, einen weißen Magneten, der jeglichen Schmutz anzog und verdaute, kein Mensch war je hier gealtert, nicht eine Minute wurde der Ewigkeit geschenkt, niemand hatte jemals zwischen diesen weiten Wänden das Leben verschlafen mit pelzigem Atem und dem beizenden Duft des Schweißes, des fleischvollen Körpers, voller Vergessen und Mond.
Ich ging über die abgezogenen Dielen und deren weißes Licht, das ständig in ungewisse Rasterpunkte zerfiel, so, wie man über Wasser gehen würde. Im Spiegel betrachtete ich meine trockene Haut, die der Winter verwitterte, und ich schmierte mich ein mit ihren Cremes, zog frische Klamotten an, putze den Belag von den Zähnen, löschte die Kaffeebohnenfahnen und gab ihr einen Kuss, als sie schon in der Tür stand mit ihren zwei Taschen und einem leuchtenden Tag, die Haare noch warm aufgeföhnt, leicht und wie Wind, ich roch an ihrer Wange und sie schmeckte nach Indien, nach Amber und Zimt und Kardamon und saftigem Grün, du riechst gut, sagte ich, und küsste sie erneut bevor sie kehrtmachte und ging.
Ich aß und schrieb und verrichtete meine Geschäfte, ich ging laufen und wusste nicht wohin mit den salzigen, stinkenden Klamotten, und ich warf sie auf den Balkon, wo der Regen sie auswusch. Sie kam zurück, spät, braun und lebendig, ihre Taschen sahen aus wie am Morgen, ihr Haar unbenutzt, die Kleider legte sie zusammen und in den Schrank, dann zog sie sich ganz aus und sagte, ich geh mal duschen, und als sie im Bad verschwunden war roch ich an ihrer Unterhose, die blumig war und unverletzt, ich roch an den Stiefeln, die sie den ganzen Tag trug, sie waren warm und ledern, die Socken rochen wie das Feinwaschmittel, dass ich stets ins falsche Fach goss, und alles legte ich zurück an seinen Platz und war verzweifelt. Ich erinnerte mich des Sommers, als sie von ihren Tanzstunden kam, durch den schwülen, engen Leib des Mittags fuhr und die Wohnung betrat mit perlendem Schweiß an den erhitzen Schläfen, und ich sagte mir, so, jetzt, und ich verführte sie und zog ihre nassen Sachen aus, warf sie und mich aufs Bett, ich wühlte in den Achselhöhlen und trank aus ihrem Scham, vergrub mein Gesicht zwischen ihren Beinen und legte die Zunge in ihre dunkelsten, dampfensten Ecken, doch nichts; nichts quälte meine Sinne außer ihrem nebligen, frühlingsfrühen Duft, zart und silberfarben, sie roch nach mehr, nach immer immer mehr und nach simpler Erlösung, die keines Wortes bedarf. Ich weinte und sie fragte, was hast du, und ich sagte feige, ich weine vor Glück.
Sie kam aus der Dusche, saftig und frisch, und machte uns Tee. In ihren Haaren hingen glasige Perlen, die sanft auf ihre Schultern fielen und nach Licht schmeckten. Ich koche, sagte ich, und sie sagte fröhlich, gut, dann räume ich ein bisschen auf, und das ärgerte mich maßlos. Im Schrank, den sie geordnet hatte, stand das Essen, standen die Gewürze und das Gemüse wie Dekoration, unbeweglich und genau, und ich fand, das es in all diesem System ja immer nur der Mensch sein kann, der aus der Ordnung schlägt und am falschen Ort sein Wesen platziert. Ich suchte die Käsetortellini, schnitt Zwiebeln und drei Zehen Knoblauch und schmiss Spinat und Sahne in die Pfanne. Sofort hing mir der Rauch im Hemd und an der Hose, und ich hatte vergessen, mich zu rasieren, und die Stoppeln würden grau werden und ihre Lippen verletzten, ich rief, Essen ist fertig, und sie schob den Dunst beiseite, der im Raum schwamm wie Regen, und setzte sich und war perfekt.
Meine Knie juckten, und ein Lungenröcheln überfiel mich. Mit der Zunge spürte ich, wie die Zwiebeln am Gaumen klebten und der Spinat zwischen den Zahnsteinen, und ich machte einen Witz, so dass sie lachte von der einen Seite des Gesichts zur anderen, ihre Zahnreihen kletterten aus ihrem Mund und die Augen flackerten auf; nicht ein einziges, nicht ein einziges gottverdammtes Blatt Spinat klemmte im Weiß ihrer Zähne, nicht ein Zwiebelstückchen, nicht ein Funken Pfeffer oder Sahne, und ich senkte den Kopf und blieb stumm und traute mich nicht mehr, nach meinem tollen Witz, den Mund aufzumachen.
Wie oft habe ich sie nach langen, verhangenen Nächten morgens geweckt und an ihrem Atem geschnüffelt, nach Zeichen gesucht für eine Wandlung, nach Spuren, dass auch in ihr die Zeit existiert und nach Bakterien, die irgendwas zersetzen, doch nie schien sie wirklich durch die Nacht oder den Schlaf gegangen zu sein, nie trennte sie sich von diesem Ufer, das aus Blüten und Aromen und Süße bestand, und neben ihr wurde ein anderer Körper feucht und mufflig und hastete, ohne dass sie es merkte, wie besoffen durch die Monate und eigenen Säfte. Morgens zog sie mein Shirt hoch und sagte, schau, da ist schon wieder ein Fusel in deinem Bauchnabel, mal war es ein blauer oder ein roter oder ein grauer, und ich ging ebenfalls an ihren Nabel und schaute, und natürlich war da nichts, kein Textil und kein grünlicher, hässlicher Rand, ich steckte meine Zunge hinein und es war immer nur Tau: kristallne, gläserne Tropfen, die ich von ihr leckte wie eigene Tränen.
Nachdem ich gespült hatte musste ich ins Bad, und ich klopfe an da ich wusste, dass sie noch drinnen war und irgendwas tat, und ich fragte, was machst du, und sie sagte, ich bin auf Toilette, was hieß, dass sie schiss, denn wenn sie pinkeln musste sagte sie immer, sie müsse pinkeln und hätte nie gesagt, ich muss auf Toilette, und ich stand erleichtert an der verschlossenen Türe, presste das Ohr gegen die Türe und lauschte ihrem gärendem Akt, dem Unsinn, den jeder Mensch mitmachen muss, und ich stand lange da und war zufrieden und lauschte, obwohl ich nichts hören konnte. Dann ertönte die Spülung und ich wusste, selbst in ihr gibt es Unverdautes, und sie kam heraus und ging ins Wohnzimmer, ich fiel sofort ins Bad und sperrte hinter mir zu, schloss die Augen, atmete tief ein; doch ich roch nur dünnfädrige Seife, die noch in kleinen Bläschen im Waschbecken aufplatzte, und mein Herzschlag schoss in den Himmel und ich klappte den Klodeckel hoch und roch tief und es roch nach Wasser und nur nach Wasser und ich begann zu schwitzen und ging in die Mitte des Raumes, ich schloss die Tür auf, ging hinaus und noch mal herein, doch es machte keinen Unterschied: ich vernahm nichts als die heizungswarme, geflieste Luft und ein Fetzen Seife und Shampoo.
Nein, dachte ich, nein nein, ich schaute in den Spiegel und dort wuchsen die Haare wild über meinen Kopf, mal zum Haareschneiden gehen, hatte sie letztens gesagt, und der Mund ist bleich und aufgerissen von der Kälte, und wenn ich ihn einschmiere reißt er nur noch mehr auf, die fahlen Ringe unter den Augen überdauern den Morgen, ich sah eingeknickt aus und unvollendet, eine Schuppe löste sich und fiel mir aufs Augenlid, unter Anstrengung schloss ich den Mund und den Verstand, umklammerte das Becken und fand mich nur wieder in dieser Welt und in diesem Raum und in diesem Geschehen, weil ich mich wahrnahm durch den zähen Schlauer meines Dunstes, der von meinem Oberkörper, von den Schamhaaren und den Zehenzwischenräumen aufstieg, der Geschmack, der mich in der Wirklichkeit festhielt und wahr und endlich machte.
Sie saß dort und las, mit frischen Socken und weißem Oberteil, aus dem ihre Brüste wie vollkommene Versprechen stießen, sie las und schlug die Beine übereinander und schaute mich an und lächelte, du siehst müde aus, sagte sie besorgt, und ich grinste zurück und flüsterte, ja, ich mache noch mal Kaffee, und ich fragte, ob sie auch einen wolle, und da sagte sie, ja, auch ich verspüre den Verlust des Tages, und ich ging in die Küche und kochte unseren Kaffee in dieser glitzernden Wunde.