Schöpfung, Phase 1

23. Dezember 2010

Kleine, klare
diese Felder von Dingen -

als ob sich die Luft
zurückwandle in Raum und Gebiet
als ob
dieses Zusonnen
Materie heißt
oder Sterben.

Ichgetauft
und der zögernde Puls
setzt es voraus.
Seltsames Gewebe, Spuren
unsrer Dichte und Gottes
gleichnamigen Namens –

so als ob
traumrändig
diese Welt nach anderer
Welt gerade, so als ob
niemand allein ist
in Werden und Tod

niemand zu zweit
für das Brüllen des Lichtes.

Nein
du kannst nicht wissen
wie es über den Sternen endet

aber

reicht dein Blues dennoch
für den hiesigen Winter?

Du kannst es nicht wissen Baby.
Dein kümmerlich gefasstes Herz
spürt das Ebben der Zeit
deine Zähne knirschen im Grau
den Brei deiner Tage.

Noch fällt die Erde
weiter bergan.
Du könntest auch singen
zum Beispiel.

Nicht wie die Welt

3. Dezember 2010

Nicht wie die Welt
nicht wie ein Ort –

nenne
im Vorübergehenden
die Zahl deiner Landschaften – lies

dich ab von den Silben des Tages
flüster` ihnen zu sprich
ihnen nach –
dir
sind die Lichter gewachsen
an ihnen
wellst du dich fort

ins Nahe
dein Gleiches
wie Flammen.

Null Komma Weißichnicht

17. November 2010

Inwieweit verträgt die Wahrheit die Einverleibung? – das ist die Frage, das ist das Experiment.
– Friedrich Nietzsche

It is your mind that creates this world
– Gautama Siddharta, der „Buddha“

Lange, 14 Milliarden so genannte Jahre, glüht das Weltall. Überall Licht, sich abkühlende Wellen und Aushärtungen: Elementarbröckchen, Atomkerne, eine grandiose Verstofflichung noch ungestalteter Kräfte, die sich zu neuen Welten und Formen aus- und fortzubilden wissen. Peptide, Wasser und Wärme – organisches Leben aus vormals unorganischem Leben, emotionale Vitalität aus der Apotheose von Aminosäuren, mentale Eigenschaften aus dem Zuwachs von Zellen. Irgendwann – und es hätte wohl auch anders kommen können – der Mensch, ein höchst seltsames, gar lustiges Persönchen: er besitzt so viel Selbstreflektion, um sich seiner Herkunft und Gefühle, um sich seines Verhaltens und Wirkens bewusst zu werden; und gleichzeitig so wenig Fähigkeit und Absicht, den Kausalitäten und Genealogien seiner Empfindungen und Emotionen nachzuspüren.
Hier soll es nun um die nebulösen Angelegenheiten der menschlichen Liebe, respektive Bedürfnisse, im Allgemeinen und einige persönliche Erfahrungen im Besonderen gehen; Erfahrungen, die einem Bekannten des Autors, nennen wir ihn Dudu Unterwasser, zu- und aufgestoßen sind.

Dudu – nicht zu verwechseln mit dem von Menschenhand innerhalb weniger Jahre nach seiner Entdeckung ausgerotteten und sehr süß-zutraulichen Federvieh Dodo – ist ein Reisender: heimatlos, sich hintreibend, und lebt am liebsten in überblauen Urwasserbildern einige Zentimeter über der Erde.
Ich traf Dudu diesen Sommer in Saarbrücken, er blieb nur einige Monate. Dudu erzählte, nachdem er gefragt worden war, bereitwillig über sein Leben und dessen Prioritäten – irgendeine Farbfaselei über spirituelle und künstlerische Verwirklichung, Leben in den Flugschneisen der Welt und lauter so Zeugs eben. Gerne zitierte er Rilke: „Bedenk, ist irgend Leben mehr erlebt, als deiner Träume Bilder?“
Weltenwuchs – ich nahm es ihm ab. Aber ob ihm keine Frau fehle, keine Familie? Er bejahte. Erklärte mir aber, dass aufgrund der Art und Weise, wie er nun mal lebe, keine längerfristige Beziehung möglich sei – er schilderte mir seine dahingehende Erfahrungen und ich verstand, dass ein Mensch ohne Zuhause, der überall und nirgends gleichzeitig lebt, schlechterdings keine feste Bindung eingehen kann und dementsprechend, ob nun klug oder berechnend, nicht danach sucht.
Wie jeder Mensch sehnt sich Dudu nach Wärme, Berührung, Zuneigung, Beheimatung, Haut und Geborgenheit; und findet dies alles in wechselnden Begegnungen mit dem anderen, so viel besseren und schöneren Geschlecht. Da er sehr genau weiß, wo er steht und wo er hin will, besitzt er den überaus eleganten Vorzug der Ehrlichkeit und kommt nicht in den Verdruss, seine Absichten unlautselig maskieren zu müssen oder gar unausgesprochen zu lassen: er verspricht nichts und nimmt nie das Wort Verliebtheit oder gar Liebe in den Mund, wenn es um Sex und Zuneigung geht, nie das Wort Ewigkeit, wenn sich nur Tage und Wochen vor seinen Horizont spannen.
So weit, so gut. Gestern aber bekam ich einen Anruf von Dudu. Er schien leidlich übernächtigt und mokierte sich darüber, von einer Dame per Sms als „armseliger Kacktyp“ verunglimpft worden zu sein, die ihn nur sehr kurz kannte und nun auf abstruse Weise verirgendwas war, da sie ihn einige Zeit nach ihrer letzten und einzigen Zusammenkunft mit einer anderen Dame sah – küssend.
Auf diesem Fall beruhen nun nachfolgende Erläuterungen über allzumenschliche und beunruhigende Eigenschaften, (unbeabsichtigt) ausufernd bis hin nach Indien, das eigentlich und glücklicherweise nichts mit der ganzen Sache am Hut hat.

Kennt sich der Mensch? Stellt er sich 2500 Jahre nach dem Buddha die Frage nach Wesen und Kern seines Ichs, will er 2000 Jahre nach Jesus wirklich die Nächstenliebe und das Mitgefühl zu verstehen suchen, mag er über 200 Jahre nach Kant seine Aprioritäten und die Tätigkeiten seiner theoretischen und praktischen Vernunft, die Kausalitäten seiner Beschaffenheit wirklich untersuchen?
Was sind Emotionen, oder Gedanken? Woraus bestehen sie? Sind sie Wellen, Materie, Glitzerdinger? – welche Form besitzen sie? Woher kommen sie, wo gehen sie hin? Warum sind sie andauernd da, und: sind sie Ich oder geschehen sie mir nur, bin ich nur jene Instanz, die sie wahrnimmt? Wenn ja, wo oder was ist diese Instanz, dieses antagonistische Subjekt „Ich“ der herbeirauschenden Sinnesobjekte? Wo ist es verankert, wie sieht es aus, welche Farbe besitzt es, und: hat es sich lieb?
Ein fantastischer Gedankenschritt: in welchen festverleibten Strukturen sitzt das Tier fest, wenn es beginnt, über sein Sein und Handeln nachzugrübeln?
Friedrich Nietzsche: „Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleichmässig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor; er hat dann ein glänzendes Gefolge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb, Instinct, Thorheit, Grundlosigkeit ist.“
Es ist ja kein Geheimnis mehr: Keiner von uns ist vom Himmel gefallen, keiner beginnt in einem harfendurchströmten Oberhalb – unsere Heimat und unsere Historie, über die Jahrmillionen in die Gesetze von Zellen und Überleben, in unseren Leib und unsere Sinne geschlagen, ist die Erde und die Auswirkung derselben. Eine unverstellbare Vergangenheit sitzt in uns, das Werden von Äonen und Zivilisation, ein milliardenfaches Leben, Erlöschen und Wiedergebären. Der Geist und die Bewusstheit, derer der Mensch sich neuerdings erfreut, bleibt zuallererst eine organische Erweiterung der Sinne und der Instinkte: Alles, was das gewöhnliche menschliche Mental ausmacht, stammt aus den Urbedingungen der Erde und der chemischen Reizübertragung des sich stoffwechselnden Leibes. Das Mental als evolutionäre Erweiterung der Körperlichkeit bleibt ersterdings nur ein neuer Raum, eine neue Sphäre aller bereits im Tierphysiologischen manifestierten Natur: unser Leib füttert den Geist mit unseren Eindrücken, Wünschen, Begierden, Trieben, Hoffnungen. Das, was in unserem Kopfe sich abspielt, ist nur Spiegelspieler dessen, was der Körper ihm zukommen lässt. Schopenhauer hat dieser Konsequenz einen erheblichen Anteil seines Hauptwerkes gewidmet: die Vernunft bearbeitet lediglich jene Objekte und Empfindungen, die bereits vom Verstand aufgenommen und anschaulich gemacht wurden.

Die erste Wahrheit und die erste Erkenntnis des Buddhismus` ist, dass das Leben Leiden ist. Gemeint ist nicht körperliches Leiden, depressive Anwandlung oder Schmerz. Der Mensch leidet aufgrund seiner Begierden und Vorstellungen, die sich nur um sein kleines, niemals dauerhaft zu befriedigendes Ich-Empfinden drehen und unvereinbar bleiben mit dem Gang der zu allen Zeiten über ihn hinauswachsenden Welt.
Wir werden sterben und wir wollen es nicht; wir fürchten jederzeit, uns und unsere Kleinigkeiten zu verlieren; wir wollen Liebe und wissen gleichzeitig, dass sie nie dauerhaft sein kann; wir wollen allezeit glücklich sein in einer Welt, die mit diesen menschlichen Bedürfnissen nichts zu schaffen hat; wir wollen Ewigkeit in einem Kosmos, in dem Dauer die größte aller Illusionen ist.
Nun? Schauen wir doch in unsere Vergangenheit, von der sich so viel lernen lässt. Je nach Entwicklung und Bewusstseinszustand schuf sich der Mensch seit den ersten Existenzbewältigungsversuchen haufenweise Allegorien, Metaphoriken und Mythen: Welterklärungssysteme und Metaphysiken eines Wesens, dem sich die Welt außerhalb seiner Selbst, das luminöse „Ding an Sich“, nie offenbaren kann und das sich in einer Welt und Körper-Geist-Organisation vorfindet, die ohne sein zutun erarbeitet und hingeklumpt worden ist. Und so vertausendfachen sich Symboliken einer beseelten Natur, von der Naturgötterei bis zu den ersten großen Erdmythologien und zur Sonnenanbetung Echnatons bis hin zu Götterpantheonen voller menschlicher Charaktere und den monotheistischen Religionen, um es sehr kurz zu machen. Wer all dieser Hinwegtröstungen nicht mehr bedarf, um jeden Tag trotzdem als optimistischer und suizidentgeisterter Mensch in die Welt zu erwachen, hat dann meistens, nach all den dogmatischen Lächerlichkeiten der ersten denkenden Ackerbaujahrtausende, die Liebe als göttlichen Lebensmotor für sich entdeckt.

Liebe! Selbst durch die Vermessung des gesamten Kosmos` und aller des sich permanent selbstkrönenden Menschengeschlechts ausphantasierten Spitzfindig- und Kleinigkeiten fände sich keine derartige Ironie: dass wir dieses Wort am meisten dort verwenden, wo es am wenigsten seiner Bedeutung entspricht! Das dieses Wort, wenn es dem Primatending Mensch – Schopenhauers bipedis – über die von aller Quacksalberei schal gewordenen Lippen kriecht, zum Gegenteil dessen wird, was es so unbedarft auszudrücken versucht.
Die Idee der Liebe ist Freiheit. Ein An-ein-anderes-gerichtet-Sein, das Gefühl von Etwas, das größer und lohnender ist als man selbst, die Erkenntnis einer enormen, fast übermenschlichen Wahrheit und Freude, eines wirklich wahren Wertes.
Jedoch: in allen dem Autor bekannten Fällen bezieht sich diese von sich selbst losgelöste Liebe auf die eigene Person, und das gerade am meisten, wenn man meint, dass es endlich mal um jemand anderen ginge als sich selbst.

Was passiert, wenn wir meinen, zu lieben? Das Gefühl der Zuneigung, des Verliebtseins und der damit verbundene Hoch- und Glückszustand verlässt bei eingehender Betrachtung nie das schloßherrenhafte eigene Denken, Wünschen und Hoffen. Wenn wir sagen, ich liebe dich, sagen wir eigentlich: du tust mir gut, und darum liebe ich dich. Wenn wir sagen, du bist mir das Wichtigste auf Erden, sagen wir eigentlich: deine Gegenwart lässt mich glücklich sein und verbessert mein Leben. Wenn wir sagen, wir brauchen den anderen Menschen aufgrund seiner Größe, Schönheit oder Anmut, benötigen wir einzig das Gefühl und die Liebe, die der – oder diejenige uns im Zuge einer Partnerschaft vermitteln.
Cortazar schrieb einst von einem ontologischen Bumerang: man wirft seine Liebe aus dem einen Grund in die Welt, damit sie schleunigst zu einem selbst zurückfindet. Diesem Einwirken auf unser eigenes Wohlbefinden, diesem hellen Flüstern zu unseren instinktgeladenen Bedürfnissen folgt der Mensch jederzeit und allerorts in der Annahme, hier auf die Geheimnisse und Wahrheit eines heiligen Grals gestoßen zu sein.
So ist die bedingungslose Liebe permanent in ein Netz voller Bedingungen verstrickt – aus dem wir, gleich Platons Höhle in der Politeia, nie hinaustreten können in die wirkliche Welt. Oft sind es banale Körpersäfte und das jähe Aufblitzen von Nerv, Drüse und Synapse, die dann Gedanken an Gott und Lebenssinn hinter sich herschleifen wie der Ochse den Karren. Und so hat der Mensch in Sachen Liebe nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Liebe dreht sich um seinen eigenen Willen und seine eigenen Bedingungen – dann ist sie nicht mehr als ein Für-sich-besitzen-Wollen, eine persönliche Notwendigkeit, eine dunkle Machtinstitution und Regelspiel des menschlichen Egos. Oder sie ist wahrlich bedingungslos, ohne an uns selbst gebundene Konditionen und wirkt nur als eine Gabe von aufrichtiger Zuneigung, transzendentem Mitgefühl und Verständnis auf einen anderen Menschen ein und nur hin zu dessen Nöten – dies ist dann keine Liebe mehr für einen einzelnen Menschen, sondern umfasst das gesamte Menschengeschlecht. Wenn die Liebe nur den oder das andere will, und zwar um derentwillen, dann muss sie universell sein und somit allen Dingen, Wesen, Erscheinungen und Menschen in gleichem Maße gerecht werden, da genau dies das Wesen und der Kern wahrhaftiger Liebe ist, nämlich ein freies Wirken des höchsten Ausdrucks und der alles hervorbringenden Bedingung der Welt. Ach, wenn man sich doch entscheiden könnte: Entweder ist man Mensch, will und begehrt; oder man ist ein Gott und liebt.
Aber, so der beliebteste Einspruch gegen den Umstand, dass das Empfinden von Liebe reiner Egoismus ist, was ist mit der „bedingungslosen“ Liebe zu den Eltern oder den wahrhaft über längere Zeit geliebten Menschen, an deren Seite wir stehen und immer stehen werden? Hier sind es schlichtweg Bedingungen, die das eigene Erleben in der Vergangenheit geknüpft hat und die uns, da sie bereits längere Zeit wirken und uns als starke Erinnerung begleiten, gehaltvoller und in den schon oben besprochenen Kontext „tiefer“ erscheinen. Man erinnert sich vielleicht kaum noch, was den anderen Menschen so liebenswert gemacht hat, aber eines ist gewiss: diese Menschen haben uns gut irgendwann gut getan, uns etwas geschenkt, binden sich an Positiv-Erlebtes unseres Lebens. Die direkten Spuren dieser Liebe sind verloren gegangen, und somit erscheinen sie uns als tiefer, dauernder, gar ewig.

Der Mensch weiß, wie er zum Mars kommt und was sich in den dunkelsten und tiefsten Ecken der Weltmeere verbirgt. Aber er weiß noch nicht, dass es nie andere Menschen oder Ereignisse sind, die uns verletzten – es sind stets wir selbst.
Wir erschaffen uns Erwartungen, die enttäuscht werden müssen; wir hoffen auf Dinge, die oftmals niemals eintreten könnten. Durch das Nicht-verstehen-Wollen menschenunabhängiger Weltenabläufe, durch das blinde Bumsfallera unserer eigensinnigen Erwartungen und Wünsche rücken wir uns permanent selbst in ein Licht, das bald darauf durch seine Schärfe und Intensität in jenen Augen brennt, die es unbedingt haben sehen wollen.
Wir sind Affen, wir lieben unsere Illusionen! Seit jeher machen sie uns aus und schiffen uns bereitwillig über stürmische See oder unsere blausten, ruhigsten Gewässer. Wir sind Romantiker in einer unromantischen Welt und sentimentale Fleischfresser auf der Oberfläche eines Planeten, dem wir so gleichgültig sind wie der Staub, der seit Jahrmilliarden die Linien und Kanten seiner sich auf- und abbauenden Formationen zeichnet.
Vielleicht braucht es nur einen kleinen Schritt, um die Menschen zu glücklicheren Lebewesen zu machen und das Zusammenleben einer ganzen Spezies harmonischer zu gestalten; vielleicht nur eine kleine, wenn auch zuerst bittre Frucht der Selbsterkenntnis, die ihre eigentliche Süße erst auf Zunge und Herz bettet, wenn das Schlimmste bereits verdaut worden ist…
Wir meinen nämlich – und hier steckt unser allerblindester, unser gehörigster Glaube – unsere tiefen Gefühle befänden sich näher an Gott als unsere gewöhnlichen, und was dem Menschen am wesentlichsten ist wäre auch gleichzeitig das Wesentliche der Welt. Nietzsche: „Aber diese Gefühle sind nur insofern tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse komplizierte Gedankengruppen regelmäßig erregt werden, welche wir tief nennen; ein Gefühl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken für tief halten. Rechnet man vom tiefen Gefühle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das starke Gefühl übrig, und dieses verbürgt nichts für die Erkenntnis als sich selbst, ebenso wie der starke Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit des Geglaubten beweist.“
Jene Dingen, die uns am meisten beschäftigen und derart intensiv über Glücklich- und Glücklichsein bestimmen, bekommen – völlig still und uneingeschränkt – das Gütesiegel des Hohen und Besonderen; gleichzeitig sind es eben diese schnellen und unsichtbaren Impulse, die wir kaum hinterfragen: wir nehmen einfach an, da sie derart stark und einnehmend daherkommen, mit ihnen auch das Licht einer höheren Macht auf uns einstrahle und wir nunmehr dort erhoben und leicht würden, wo uns vorher die Last der Menschlichkeiten auf eine kalte und nackte Erde drückte. Eine fantastische Geburt: Der Mensch entwirft sich selbst als hoch an seinen großen Ideen, und die Natur dieser Ideen inklusiver der Möglichkeit, dass es sich eben nur um Ideen handelt, ist ihm vollkommen undedeutend.
Kurzum: die Inhalte unserer Säugetiergedanken und Emotionen sind stets dieselben, nämlich Inhalte von Säugetiergedanken und Emotionen, die den Weltenraum selbstgerechter Egoansprüche nie verlassen können. Über diesen Weg bleiben wir immer in uns selbst gefangen und erfahren, wenn überhaupt, lediglich neue Denkmuster und aufheiternde Gefühle. Ob man sich die Welt schön denkt oder nicht, macht gewiss einen enormen Unterschied – aber immer nur für das denkende Subjekt, und nie für eine wie auch immer geartete Wahrheit an sich.
Nein, unsere instinktveranlassten Überzeugungen rühren nicht an das Herz der Welt. Auch wenn wir durch sie besonders sein wollen und den Sud des Fahl-Gewöhnlichen für einige Zeit verlassen können, es ist nur ein neuer künstlicher Raum, durch den unsere hingemenschelten Habachtstellungen wie Nebel über das Wasser treiben.
Haben wir die Qualitäten unserer Selbsttäuschung einmal verstanden und sind wir uns bewusst geworden, dass die so vollkommen auf die Bedürfnisse eines Tieres (98% unseres Erbguts sind identisch mit denen eines Schimpansen) ausgerichtete „Liebe“ allein unsere Kleingeistigkeit und nicht die gerechte wie göttliche Niederkunft einer übermenschlichen Gewalt ist, so können wir uns, die wir kaum anders agieren als ein Bakterium oder Bruder Pavian, doch gleich die Kugel ob einer absoluten sinnfreien Welt in das hohle Köpfchen jagen. Oder doch nicht?

Seltsamerweise meinen wir, ohne wiederum diesen so wichtigen Gedanken in Ursprung und Auswirkung zu durchmessen, dass eine andere Welt oder eine andere Art der Wahrnehmung und Bewusstwerdung ohne unsere notdürftigen Sentimentalitäten und Hollywood-Romantiken eine kahle, kaltgraue Ummantelung jener existentiellen Tragödie ergäbe, der wir über die Umwege etlicher Phantasie- und Trugbilder zu entkommen versuchen. Man beraube, so lautet der diabolische Zuspruch von Furcht und Ungewissheit, uns unserer Illusionen, und wir ständen mit nichts Lohnenden, mit nichts Himmelversprechenden mehr im Wandel der uns überfordernden Weltbewegungen! Anders heißt das: ziehen wir unsere für tief gehaltenen Empfindungen von der Welt ab, ist sie auf einmal nicht mehr tief! Als ob das Erlöschen eines von den neuronalen Denkorganisationen unseres Mentals in die Welt geschickten Gedankens nur Ödnis zur Folge hat und die eigentliche Wirklichkeit der Welt kleiner wäre als unsere nichtigen Urteile über selbige!
Das alles ist dem Umgang mit den Religionen sehr ähnlich. Auch hier fordern Moralwächter und puritanischer Kleingeist die Beibehaltung dogmatischer und billiger Überzeugungen – aus der Begründung heraus, durch das Wegfallen der religiösen Lebensstütze stehe der Mensch wieder oder immer noch als „Wilder“ da, als unzivilisierter Hanswurst voller Grunz und Sabber, der sein haariges Genital als Mittelpunkt und „eigentlichen Brennpunkt des Willens“ (Schopenhauer) ausweist! Aber wenn erst die selbst geschaffene Illusion des Herrlich-Gottgleichen aus dem Menschen einen Menschen macht, dann gute Nacht.
Überall das gleiche Spiel, da es uns mit einem schnellen Pinselstrich die Welt schönzufärben vermag: ob in der Physiologie, der Psychologie, der Liebe oder in der Volksmusik, immer meint man, das Licht der Wahrheit scheuen zu müssen, immer meint man, im Schatten sitze man prächtig und ganz und gar unerkannt. Wenn Kant recht behält, dass die Vernunft nicht in der Lage ist, die Fragen, die sie sich ihrer Natur nach stellen muss, selbst beantworten zu können, und wenn wir über uns selbst hinaus nichts zu wissen vermögen, dann bleiben vielleicht nur zwei Möglichkeiten, um der Substanz der Welt und der Wirklichkeit des Seienden nicht zu entsagen.

1. Wille zum Leben.

Der Mensch; ein Tier, das sich die Welt vorstellt, sie aus den Konfigurationen seines Leibes und anhand der eigenen Bildern entwirft. Er lebt in einer Welt, die die indischen Rishis als Maya beschrieben: als notwendige Illusion aufgrund unserer limitieren Wahrnehmungsmechanismen (Das Sanskritwort Maya, die illusorische Welt, hat ironischerweise in der Nepalesischen Sprache eine andere Bedeutung, nämlich Liebe!) Über unsere Not und unseren Willen zur allgegenwärtigen Täuschung schrieb Safranski: „Das raffiniert gewordene Leben weiß, dass alle seine Wertsetzungen, seine perspektivischen Verkürzungen, seine Horizonte etwas von ihm selbst Zurechtgemachtes sind: gewollte Täuschungen, Blindheiten, Einbildungen – dem Leben zuliebe.“
Wichtig sind vor allem die letzten drei Worte, die evolutionspsychologischer nicht sein könnten: dem Leben zuliebe geschehen Schein und Trug, ja das Leben selbst ist verantwortlich für die Umsetzung dieser seiner Bedingungen. Noch mal der gute Friedrich:
„Der Wille zur Täuschung ist das bewusste Eingeständnis mit der unvermeidlich illusionsbildenden Energie des Lebens, ist das Bewusstsein, das erkennt: das Leben will keine Wahrheit, das Leben will sich gestalten, und wenn es sein muss, mit Trug und Täuschung.“ An anderer Stelle liest man: „Wir mögen an den Illusionen festhalten, wenn wir nur den Mut und die Kraft haben zu durchschauen, aus welchen illusionsbildenden Energien sie hervorgehen. Das Ja zur illusionsbildenden Energie des Lebens bedeutet: zum „Dichter“ seines eigenen Lebens zu werden.“
Da steht er in all seiner verschwenderischen, glutgegerbten Kraft, Nietzsches dionysischer Dichter, jenseits aller guten und bösen Ansichten: ein Weltenverklärer, der um seine Position weiß, sie schöpferisch bejaht und annimmt, was sich nicht vermeiden lässt. Amor fati, die große Position! Wenn es denn schon keinen Ausweg gibt aus den eigenen Vorstellungen und wenn sich das ominöse „Ding an Sich“ als weitere menschliche Suppenkasperei entpuppt, so befürworten wir diese unausweichliche Tatsache, nachdem wir sie durchschaut haben – und trotzdem akzeptieren, trotzdem wollen! Denn: Hinter der Tatsache des Trugs befindet sich nichts mehr, nach dieser Erkenntnis geht es nicht mehr weiter. Wir werden nun spielen, wie unbemühte und lebensfrohe Kinder behandeln wir diese großartige Lebensenergie, gestalten mit ihr unsere Existenz und werden nicht glauben, über unseren eigenen Teich hinaus in den Ozean einer besseren und anderen Welt hinüber fließen zu können oder gar zu müssen.
Später werden die Existentialisten, allen voran Camus, in der Annahme des Absurden die einzige Freiheit entdecken, die der Mensch besitzt. Absurd, das bedeutet bei Camus: nicht gemeint, aber trotzdem vorhanden zu sein. Nietzsche blieb übrigens der einzige Mensch, den er in seiner Nobelpreisrede erwähnte, und in seinem „Fall“ lies er seinen Protagonisten sagen, um noch einmal kurz auf das Ausgangsthema zurück zu kommen: „Natürlich ist wahre Liebe eine Seltenheit, die kaum zwei- oder dreimal in einem Jahrhundert vorkommen mag. Alles andere ist Eitelkeit oder Langeweile.“

2. Wille zur Welt

Nichts ist. Aber alles wird. Und auf den ersten Blick gerät alles anhand von Gesetzen, Naturgesetzen, die wir für unabdingbar, für konstant und ewig halten: andächtig bestaunen wir das, was da formt und bildert, und meinen, beharrliche Urauslöser gefunden zu haben, denen keine Auswirkung entkommen kann und denen die Unabdingbarkeit der Geschehnisse, ob offen oder versteckt, unterliegen. Seien es Magnetismus oder Arithmetik, genetische Dispositionen, biochemische Reizketten, der physikalische Druck der dunklen Energie auf die „kosmologische Konstante“ einer dunklen Materie oder der allerorts zu beobachtende Kreislauf von Geburt, Leben und Tod – diese Dinge sind, wie sie sind, und geschehen a priori.
Doch erst der zweite Blick, erst ein weiteres Untersuchen dieser Kräfte fragt, woher wiederum diese Gesetze stammen und ob es sie schon immer in ihrer jetzigen Beschaffenheit gegeben hat. Wenn alles, was ist, einer Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt, so könnte dies ja auch ebenso für die Gesetzmäßigkeiten selbst gelten…

Von allen Vergegenständlichungen, tautologisch-blassen Kunstfertigkeiten und via diskursiver Sprache nie auf den Punkt zu bringenden Wahrheiten ist vielleicht das Brahmanische Konzept der alten Hindus das Naheste, Gelungenste, das Vollkommenste: es wurde am dringlichsten untersucht, von allen Weltwollenden wiedererzählt und bleibt für den einzelnen, der sich auf den Weg macht, am eigenem Leibe erfahrbar.
Brahman ist die erste und letzte Instanz, die Quelle, aus der sich alle Schöpfung vollzieht. Brahman ist kein dualistisches Gegenüber, nie etwas anderes, nie getrennt von den Objekten und Erscheinungen der Welt, sondern ihre Grundlage und innerster Kern. Die Inder sprechen in Ermangelung eines Wortes, das es wirklich beschreiben kann (klug sind die Taoisten, die das, was sich nicht aussprechen lässt, „das Unaussprechliche“ nennen…) von einer Kraft, einem Wesen, von einer Art universellen Bewusstseins, das sich in den Auswirkungen der Welt manifestiert und ihnen stets zugrunde liegt. Aus diesem Grund lässt sich behaupten, das eigentlich alles eine Sache, ein Bewusstsein, das alles Eins ist – nur in verschiedenen Stoffen, Wirkungen, Oberflächen, kleineren und größeren Formen und Kräften unterschiedlich manifestiert. Ausschlaggebend ist das Prinzip der Evolution, die uns das große Rätsel aufgibt: Wie und woher kann sich überhaupt etwas entwickeln oder weiterentwickeln? Woraus speist es sich, woraus geht es die neuen Schritte Richtung Veränderung, Mutation und Fortschritt?
Es ist nur logisch, dass es vor der Evolution eine Involution geben muss. Es geht nicht, dass aus Nichts etwas entsteht, wenn das Nichts nicht schon voller Gestalt steckt; es geht nicht, dass aus einer bitteren Frucht eine Süße wird, wenn die Süße nicht schon in der Bitterkeit enthalten ist; es geht nicht, dass sich ein Baum 20 Meter in die Höhe erhebt, wenn seine Größe nicht schon in seinem winzigen Samen bereitliegt; es geht nicht, dass der Mensch aus einem Tier hervorgeht, wenn nicht schon die Möglichkeit der Menschwerdung in den Zellen und Bewegungen des Tieres enthalten ist – verborgen, noch unentdeckt, noch ungestaltet!
Alles, was werden kann, existiert also bereits. Alles, was jemals eintritt und eintreten könnte, ist bereits als Potential und Möglichkeit vorhanden, sonst könnte es gar nicht erst erschaffen und zu einer Realität ausgearbeitet werden. Die mysteriöse Kraft, die ein ganzes Universum und mögliche Multiversen hervorbringen kann, vervielfältigt sich und steckt als Essenz und als seine eigene Abwandlung in jedem Ding, jeder Erscheinung, jedem Gesetz des Kosmos´. Wir können von einer Verdichtung, von einer Verdinglichung sprechen: in der Art und Weise, wie das Feuer und die Kraft des Urknalls in allen Elementarteilchen und Atomen steckt und dort, wenn wir deren Hüllen knacken, wieder in seiner ursprünglichen Energie freigesetzt werden kann, so steckt auch die größte Macht, das größte Licht und Bewirken in z.B. der Struktur dessen, was wir Materie nennen (die Physiker der Quanten- und Stringtheorie sprechen gleich den Mystikern von eingekerkerter, zusammengeballter Energie, deren unterschiedliche Schwingung die unterschiedlichen Gestaltungen hervorbringt), sowie in allen sichtbaren und unsichtbaren Kräften, die entweder die Welt auseinanderreißen oder zusammenhalten.
Kommen wir zum Menschen und seinen Konditionen zurück und stellen noch einmal kurz fest, dass wir schlechterdings nicht wissen, was mit uns los ist und warum uns dies etwas angehen sollte. Der Mensch ist nicht nur einfach Körper und Geist – er ist autonomer Herzschlag und ungefragte Absicht, bringt in einer Sekunde Millionen Blutblättchen hervor, ist die leibliche Verdichtung Myriader Atome, die alle die Kraft und das Feuer beinhalten, um hunderte Planeten in Stücke zu reißen; er ist emotionale, vitale, intellektuelle, körperliche, mentale und supra-mentale Energie, sichtbares und unsichtbares, er ist Gedanke, Genital, Gott und Geste.
Kurzum: er ist ein absolutes Wunder, vielleicht noch mehr, da er ebenso gut nicht sein müsste. Jede dieser Ausrichtungen und Energien besitz ihre eigene kleine Wirklichkeit, ist darin immer Abglanz der einen unveränderbaren Macht, die in ihr steckt und sie voraussetzt.
Der Wille zu Liebe, Freiheit und Frieden ist uns intuitiv der stärkste Antrieb und eigentliche Präinstinkt: es ist Brahman, das eine Bewusstsein, dass durch die Formen, die es selbst schöpferisch hervorgebracht hat, wieder seiner Einheit und eigentlichen Zustand zustrebt; durch eine stetige Vergeistlichung und Bewusstwerdung in der Suche der Natur, die ja selbst nur Auswirkung ist, findet die Welt zu immer größerer Wahrheit, geht von der Materie über das Leben zur Bewusstheit, vom Stein über die Pflanze zum Tier und zum Menschen. Und hier finden wir das, was uns unser Verliebtsein geben kann: ein Stückchen-von, eine Ahnung- von. Solange, wie die voranschreitende Evolution nicht alle ihre inhärenten Formen ausgespielt hat, bleibt unsere menschliche Liebe nur ein kleines Sinnbild jener allerhöchsten, der wir in allen mittel- und unmittelbaren Unternehmungen zustreben.
Klar und einfach formuliert es Aurobindo in einem Zitat, das sich lohnt, zweimal zu lesen:
„Wir sprechen von der Evolution des Lebens in der Materie, von der Evolution des Geistes in der Materie; aber Evolution ist eine Bezeichnung, die dem Kind einen Namen gibt, ohne den Vorgang zu erklären. Denn es scheint keinen Grund zu geben, warum sich das Leben aus Elementen der Materie oder der Geist aus lebendigen Formen ausfalten sollte, es sei denn, wir räumen ein … dass das Leben bereits in der Materie und der Geist im Leben eingefaltet liegt, weil die Materie zutiefst eine Form verschleierten Lebens und das Leben eine Form verschleierten Bewusstseins ist. Hierauf scheint wenig gegen einen weiteren Schritt in dieser Stufenfolge einzuwenden zu sein, das Zugeständnis nämlich, dass auch das geistige Bewusstsein nur eine Form und Verschleierung noch höherer Seinszustände ist, die jenseits des Geistes liegen. Dann nimmt der unbezwingbare Drang im Menschen nach Gott, Licht, Wonne, Freiheit, Unsterblichkeit seinen rechten Platz unter den Gliedern der Kette ein, ganz einfach als der zwingende Impuls, durch den die Natur sich über den Geist hinaus auszufalten sucht, und er erscheint ebenso natürlich, echt und berechtigt wie jener zum Leben hin drängende Impuls, den sie den Formen der Materie, und jener zum Geist hin drängende Impuls, den sie gewissen Formen des Lebens eingepflanzt hat… Das Tier ist eine lebendige Versuchsstätte, in der die Natur, wie behauptet wird, den Menschen hervorgebracht hat. Der Mensch könnte seinerseits sehr wohl eine denkende und lebendige Versuchsstätte sein, in der sie, von ihm bewusst unterstützt, ihren Willen kundtut, den Übermenschen, den Gott hervorzubringen. Oder wäre nicht noch besser gesagt: Gott zu offenbaren.“

Er schrieb ebenfalls: „Das Übernatürliche ist, dessen Natur wir nicht erreicht haben oder noch nicht kennen oder dessen Vorgänge wir noch nicht meistern.“
Über-natürlich bedeutet hier nur, dass die verschiedenen Bewegung der allerhöchsten Kraft, die Natur also, es noch nicht zu ihrem Ziel geschafft hat und der größten Teil dessen, was ist, noch ungestaltet, noch unerkannt ist.
Der Mensch ist ein Übergangswesen, wir alle sind uns dessen bewusst. Einst gab es ihn noch nicht, und einst wird es ihn nicht mehr geben (zumindest nicht so, wie er jetzt in seiner Haut steckt). Wir können – so der Weg des dionysischen Dichters – illusionsfrei und wahrhaftig Leben, indem wir die Illusionen als solche durchschauen und annehmen, frei werden von falschen Moralanwandlungen, frei werden von falschen Hoffnungen und billigen Sehnsüchten, frei werden von unseren „Wahrheiten“ und all den vielen Kleinigkeiten, die sich allesamt für den Mittelpunkt der Welt halten, frei werden von der von allzu schwächelnden Sinnen herbeigespinnten Vorstellung, das Gute sei nun mal gut, das Böse indessen bös und unser Höchstes wahrhaft hoch.
Oder wir können an der Fürwahrmachung des Bestmöglichen arbeiten. Vielleicht gibt es kein höheres Ziel für ein evolutionäres Übergangswesen, das irgendwo zwischen Tier und Gott in der Klemme sitz, als sich seiner Wesenhaftigkeit zuzuwenden und zu schauen, was uns zu dem macht, was wir sind, und wozu diese Kräfte noch zu gebrauchen sind, was sie uns andeuten.
Es sind die wahrhaft großen Summen der Welt, welche uns jederzeit bewirken und beseelen. Größe, Licht, die Liebe und das Schöne sind unsere ersten und letzten Bedingungen – langsam arbeiten sie und bewerkstelligen das Wachsen der Welt, und das unterirdisch, okkult, von keiner Netzhaut zu sehen und von keinen Sinnen zu spüren. (Stammhirn, Hormone, Drüsen, Gefühle und Instinkte sind ihrerseits lediglich Auswirkungen dieser Bedingungen. In ähnlicher Weise ist es ja auch nicht das Gehirn, das Bewusstsein produziert, denn wie könnte etwas rein materielles, dichtes und chemisches sonst etwas inmaterielles, grenzenloses und unchemisches hervorbringen? Richtig ist natürlich, dass das Bewusstsein das Gehirn hervorbringt, und nicht anders herum).
Nietzsche schrieb einmal, wir besäßen keine Organe für die Wahrheit. Aber es bleibt festzustellen, dass dies nicht ganz stimmt: wir besitzen noch keine Organe für die Wahrheit, aber wir besitzen deren Möglichkeit, da jeder Aspekt unseres Sein, jeder Zufluss unseres Wesen bereits eine Auswirkung dessen ist, was die Mittel und den Grund hatte, ein ganzes Universum samt aller sich darin befindlicher Arten der Verlebendigung zu veranlassen und auf eine Reise zu schicken, die, sagen wir es ruhig, das Unaussprechliche zum Ziel hat.

Nachwort:
Man kommt sich meist wie ein Idiot vor, wenn man so offen und übergreifend über das schwadroniert, was wir die Liebe oder gar die Wahrheit nennen. Von der Annahme ausgehend, dass meine Annahmen richtig sind, ist meine nächste Überzeugung viel zu wenig von dem zu wissen, was ich zu wissen glaube – und auch hier herrscht großer Zweifel. Gerade wenn man hinauf zu den Gestirnen des Himmels greifen will, spürt man doch, wie kurz und mickrig das eigene Handausstrecken und Welterreichen doch ist.
Ein Gedicht, das ich vor einigen Wochen schrieb, bringt es vielleicht genauso gut auf den Punkt wie die vorangegangenen zehn Seiten:

Frag mich ungefähr
was die Liebenden sind!
Sind sie ein Sturmlauf,
ein Wehen, ein Kind?

Wer kennt bloß diese Lichter ganz
in ihren Feuerworten!
Und sollte man lachen,
weinen, sich sorgen?

Sag: wo treibt es diese Seelen hin
für Heimat und für Hitze?
Lauter helle Lichter kleben
an Nerv und Herzensspitze.

Für sie steht ihre alte Welt
gebündelt und in Farben.
Und sie möchten scheinbar ewig
solch Glückseinheit ins Morgen tragen.

Jedoch es kommt zu rechter Zeit
das große Denken samt Verstand!
Zieht abermals den Trinkenden
aus seinem Meer zurück an Land.

Da steht er nass und unbequem
und ist so durstig wie ein Wal.
Die Liebe lies ihn untergehen
doch seine Rettung: eine Qual.

Und nun kommt sie die Moral
und schließt so höflich das Gedicht:
Was genau die Liebe ist
das weiß niemand, drum frage nicht.

Begrünung

12. November 2010

Hinzugeborenes Licht
und die Wälder sprechen von Sprache

lang
dehnt sich das Wort in den Tau

die Winde, überstirnt
knacken schon sanft

wer hier noch von Welt spricht
ist schnell verloren

Bäume
sind dir millionenfach Gras

Abkehr
wird dir hier Freund sein

ComeTogether2010

17. September 2010

Heute ist Dienstag, die Erfahrungen setzten sich. Langsam geht es zurück in neues altes, wie und wo auch immer begonnenes Leben, in ein weiteres Spiel von Wirklichkeit und Beheimatung; die tagelang vernachlässigte Küche, ich merke es gerade, ist ebenso real wie das übrig gebliebene Wetter und alle über die letzte Woche erlebten und einverleibten Bilder – Wandernde, die glücklich sind, kein Ziel, aber mehr als einen Weg vor sich zu haben.
ComeTogetherProjekt 2010. Irgendwann Sonntag Abend stand ich auf dem Platz und stellte fast erschrocken fest, dass ich noch vor 3 Monaten außer Béla niemanden der Anwesenden, die ich kennen, wertschätzen und lieben gelernt hatte, überhaupt kannte. Ein besseres Lob lässt sich wohl kaum aussprechen für ein Festival, dass Freundschaft, kreativen Austausch, Vernetzung, Neuschöpfung, Spontaneität und Gemeinschaft zum Ziel hat.
Eine Familie. Schnell kritzel ich Namen auf einen Zettel. Namen der Menschen, die meinen Deutschlandaufenthalt diesen Sommer begleiteten und die ich vor 10 Wochen noch nie im Leben getroffen hatte. Namen von lieb gewonnenen Menschen, nebst denen ich lebte, liebte, lachte und schuf, und die ich schwer vermissen werde. Es sind 24.
Ich denke, das ComeTogetherProjekt hat für mich, der ich ein ewig Durchreisender und potentieller Nie-Wiederkehrer bin, noch einmal einen anderen Stellenwert als für jene Beteiligten, die in der selben Stadt wohnen und deren Wege weiterhin in den Fixpunkten Wohnung, Kneipe, Atelier und Straßenraum zu einander finden. In weniger als zwei Wochen sitze ich in meinem Appartement in Kalkutta und werde, genau genommen, als neuer Mensch auf einem anderen Planeten wohnen.

Seltsame Welt, die einen gerade dann am traurigsten werden lässt, wenn man am glücklichsten lebt. Der dionysische Rausch gerät geradewegs in die Griechische Komödie, aus der unser Leben besser- oder schlechterdings jene Fragen und zittrigen Gefühle spinnt, die dann nicht ablassen wollen von uns:
Wozu all die Herrlichkeit und Größe, wenn wir sie mit Gewissheit verlieren müssen? Was wird übrig bleiben? Wohin wird es fortgegangen sein, das Glück und die große Harmonie dieser vollständig in sich aufgegangenen Tage? Wofür hat das Leben diese Ikarushöhe angenommen, diese Anzahl an Begegnungen, diesen menschlichen Reichtum an Freundschaft, Berührung, Zuversicht? Man schwebte, überflog die Dinge, und steht nun wieder fest verankert auf Mutter Erde und spürt die Verlangsamung seiner Proteine in den Zellen, deren Licht immer nur für eine in sich begrenzte Zeit Bahnen durch unser Erleben zieht.
Es mag am Alkohol gelegen haben, dass ich irgendwann das Festival in der Gegenwart halten wollte und schlussfolgernd begann, es zu zerstören. In der letzten Nacht tranken und schliefen wir auf dem Baui, und mit der richtigen Stimmung kam das illustre Vorhaben, unser gemütliches Lagerfeuer zur größten Fackel aufzuarbeiten, die die Südstadt je gesehen hat. Ich begann, die Konstruktionen und Buden zu zerstören und war mir plötzlich gewiss, dass das ComeTogether nur etwas Bleibendes und Unauslöschliches werden kann, wenn es sich in guter alter Burning-Man Manier in seine Elemente auflöst und am nächsten Tag nichts mehr steht von all dem, was so viele Menschen so lange gebaut und belebt haben. Einige buddhistische Schulen malen über Wochen hinweg mit größter Akribie und Sorgfalt ein Mandala, nur um es in dem Moment zu zerstören, in dem es seine Perfektionen und sein Ziel erreicht hat. Das scheint mir sinnvoll und eine tolle Aufgabe in einer Welt, die nirgends zu einem Ende kommt und nichts Abgeschlossenes, Endgültiges vorzuweisen hat.
Aber in all diesen Gedanken an Verlust und Zerstörung lebt ein weiteres Prinzip und eine weitere Gewissheit, denn: mehr glückliche Momente manifestieren mehr Glückseligkeit, die Hervorbringung von Schönheit vereinfacht die Hervorbringung weiterer Schönheit, eine erkennbare Harmonie festigt diese im Ablauf der Weltenbewegungen und hebt sie von jenen Kräften und Geschehnissen ab, die ihr antagonistisch gegenüber stehen. Rilke:
„Wenn es einmal irgendwo einen Schaffenden gegeben hat ( und ich rede von den Schaffenden, weil sie zu den Einsamen gehören ) der in Tagen unsäglicher Sammlung die Welt eines Werkes schuf, kann es sein, daß dieses Lebens Fortschritt und Ferne uns verloren gegangen ist, weil die Zeit seines Werkes Gestalt zerschlagen hat, weil wir es nicht besitzen? Spricht nicht vielmehr die sicherste Stimme in uns davon, daß der Wind, der in dem werdenden Werke war, über seine Ränder hinaus gewirkt hat auf Blumen und Tiere, auf Niederschläge und Neigungen und auf die Geburten der Frauen?
Wer weiß, ob nicht dieses Bild, diese Statue oder jenes vergangene Gedicht nur die erste und nächste unter vielen Verwandlungen war, die des Handelnen Kraft im Augenblicke ihrer Verklärung vollzog? Die Zellen entlegener Dinge haben sich vielleicht nach den entstehenden Rythmen geordnet, der Anlaß zu neuen Arten war da, und es ist nicht unmöglich, daß wir anders geworden sind durch die Macht eines einsamen Dichters, der vor Hunderten von Jahren gelebt hat und von dem wir nichts wissen.“
Das ist der Sinn unserer Empfindungen, Schöpfungen, Tagen und Taten, wenn es denn überhaupt einen Sinn geben muss – dass wir in einer sich auswachsenden Welt vorkommen, einem stetigen Voranschreiten von Formen, Gesetzen und Kräften, die aus einer ehemals dumpfen Materie vitales und selbst reflektierendes Bewusstsein und aus tierhafter Primatenphysiologie und rudimentären Instinktgewittern einen Sturm zaubern, der sich in das Blau und die Wirklichkeit von Geist, Ästhetik und Liebe klären kann. Am Zustandekommenden wirken jederzeit dualistische Kräfte, belippbar, und es ist an uns, welche Bewegungen wir ausgestalten und welche Möglichkeiten starke und gestandene Realitäten werden.
Alles Freie, Schöne, alles Schaffen des ComeTogethers dient letztendlich nur diesem einen Zweck – Mittel und Träger all jener Wahrheiten zu sein, die es verdient haben, ausgearbeitet und gestärkt zu werden.
Heute ist Dienstag, mittlerweile hängen die Wolken schwer, und dunkel. Die Küche ist aufgeräumt, selbst das Bad sieht besser aus. Wir machen Tee; Hermes klackert mit seinen Krücken durch den Flur, Bela und Marie Antoniette stecken in Bildern, Blocko durchwandert den Raum mit Beats und urschreit nach Kaffee. Wasser kocht unaufhörlich. Das Leben ist hier und die Erde des Abends bleibt leicht; wir sind glücklich und es wird – wahrscheinlich – gut sein.

Rheintage, 2

31. Juli 2010

Krustenmaterial
die Erde wächst ihre
Stirn
vergrößert sich sie
schluckt den Sand und die Füße
heimkehrend treten wir auf
die Füße sind Erz sind Kieselstaub Du
wächst ihnen nach.

Rheintage, 1

31. Juli 2010

Dass wir gemacht sind hierfür die Welt
setzt sich über dem Rhein
zu Zwischenwelten zusammen wir
haben uns Wolken zugesprochen und warten

in den Ecken des Himmels blaugekrönt
nennen es Luft oder Bild oder Ton und
wissen über das Taggesagte dass es
nicht nachdenkt über uns.

Auf kein Ding ist je ein Wort gekommen.
Alles hält sich unter der Hand.
Die Bilder sind uns jäh zerronnen,
des Lebens Wirken in Ahnung gebannt.

Nichts vom Ganz-hier-sein war jemals so nah
dass ein Stift in der Welt es erspürte.
Die Silben sind schläfrig, die Träume kaum wahr,
in die uns der Federstrich führte.

Auf kein Ding ist je ein Ding gekommen -
In allem Wollen will es sich nicht.
Unter den Monden und über den Sonnen,
brennt nicht dieses Helle, brennt nicht dieses Licht.

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