actus fidei, 30

7. Dezember 2009

1.

Auch das
ein Leben:
Das Rauschen der Gasetagenheizung
wie ein heranrollendes Meer
in einer Nacht aus dunklem Regen
langsam
dem gestalteten Land zu.
Ausbauendes Material, sich
gegenfließend, Gewichte von Haut, Blut-
kreisläufen, Gewichte von Zahlen und Torf.
Gewichte.

(Fragen, noch immer:
Sinkt die Welt, schwebt sie, hat
sie sich lieb?)

2.

Was bleibt
wird Unumkehrbares sein.
Wie Laublaut, wie Ur:
einer sperrig kargen Gegenwart
lächelt man Lichtjahre voraus.

(Nun?: Trinkt die Welt, nährt sie, frißt
sie sich auf?)

Atem und
der Gang durch blaue Stunden.
Wahrhaft, dann wahrhaft
blütenweise Ding um Ding
zeitlose Kraft
man selbst darinnen
das ist es
mehr nicht.

Berlin, 07122009

Atembrecher

9. November 2009

Inmitten der Zeit
Vollzeit/Überzeit/Zeitheit
ziehen sich Gräben
weiterhin
weit-
hin
von Herzen zu Herzen und
Stoff zu Stoff
Gräben
wie im Paradies.

Das nur verstehen, einfach
nur das.
Das wär das Gedicht.

Beziehungsende Reloaded 6

27. Oktober 2009

Trotzdem:
Die genaue Flugbahn
des zerknüllten Papiers,
Blätter blühen entzwei.
Trotzdem
der feine Riss
in noch kleinster Materie,
das Kommen und Gehen
das Kommen und Gehen
das Kommen
von Routen, Mikroben, Klarsichtfolien

das Gehen, das Gehen.

Trotzdem
die letzte Überweisung
des Mietrückstands
und der nasse Lärm
in den Armen der Stadt.

Wie ein saftfarbnes Herz.
Wie ein Druck in Maschinen.
Wie Dreck, der sich aufwiegt.
Wie Licht drüber.
Trotzdem.

Beziehungsende Reloaded 4

27. Oktober 2009

Im dritten
Im zweiten
Im ersten Stockwerk
noch immer die Schreie, die Krämpfe

draußen
noch immer
die Schreie, Krämpfe.

CERN, Kurs in Physik:
Am Anfang
war alles Strahlung
die instabil wurde.
Daher die Dinge.
Daher die Schreie.
Daher die Krämpfe.

Daher also
der Mund
und das nicht zu
gestaltende Wort.

Klassik

6. Oktober 2009

Wasser zu den Himmelsmonden
und der Sonnenstrahlen Herr!:
Ein festes Selbst in diesem Leib
ach wenn es Wirklichkeit doch wär.

Doch das, was ist, das zeigt sich nie,
die Wolken – waren Industrie!
Klassisch bricht mein Gleichgewicht
das All merkt sich Gesichter nicht.

Gehen, wie man immer geht,
sich schlafen legen ohne Welt.
Vor dem Bruch mit deiner Erde
den letzten Rest die Stille hält.

Hemisspähre, dropped

6. Oktober 2009

Herbst. Keine Zeit
für Gedichte. An Mauern
dunkelt´s organisch

die letzten Farben setzen dir zu.
In großen Senken
bewegt sich die Welt
bewegt sich
Laut-laub

bewegt sich.

Gegen alle Absicht
bricht
Ast um Ast
zeichnen
lange Lider
Ast um Ast
zeichnen
Ast um Ast
dich

gegen
alle Absicht.

Wenn, wenn es

4. September 2009

Wenn es einen Satz, wenn es ihn gibt:
Das Menschliche zu ende bringen.
Auch Farben wie rot oder Kalk
entstanden aus nichts.

Knochen vorab, gen Tierurschnellen – lahm
liegt man zuberge.
Aus Wassern, den einen,
ist Kerngrund entstanden; aus Wassern,
bergend, stammen
die Kräfte.

Falls es ein Wort gibt: Fürwahrmachen.
Die Machbarwerdung
von Feuer und Tag.
Zu ende, zu ende:
Das Licht in den Zellen.

Viele Farben Schwarz

7. Mai 2009

Darf ich es sagen? Dass Kolkata ( ehemals Kalkutta) „funktioniert“? Dass es hier unverwüstliches Leben gibt, zwanzigmillionenfach, und dass die Stadt, die sich immerzu nach ihrem eigenen Zerfall zu sehnen scheint, seismografisch das Insgesamt der menschlichen Erlebnisspanne aufgezeichnet, unaufhaltsam, magmatisch, und voller Selbstbewusstsein durch jedes Aggregat, durch jeden nur einigermaßen erdenklichen Zustand geht wie eine geläuterte und wohlgesonnene Verklärung, die nichts mehr zu befürchten hat?
Ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen lies, schrieb Günther Grass über dieses Projekt Stadt, das Unheil- und Flüchtlingsgestrafter kaum sein könnte. Naipaul kam zu der Erkenntnis, Kolkata sei eine „Abscheulichkeit“, und selbst ihr ehemaliger Governeur nannte sie „den übelsten Ort der Welt.“
Fast könnte man es glauben. Ein in schwarzfahl getünchtes Szenario, ranzig die Luft, die Häuser, die Menschen, selbst der Dreck ist schmutziger als anderswo; überall vergeht es, steigt es woanders hin, geht es unerbärmlich über, seufzt, ächzt, stöhnt, kriecht, klebt und schwitzt es: alles ist bereits eingenommen von einem Anblick, den das menschliche Auge nicht verdient hat. Überall sitzen sie zu Dutzenden, Hunderten, gramgebückt und geduckt und eingekärchert, leben und schlafenessenscheißen auf derselben Stelle; alle Gebeutelt-Abgewrackten, die Verätzten, die Krüppel, Kaputten, Zahn- und Körperteillosen, die vielfach Untergeschichteten, sie alle hocken und vegetieren in dieser tollwütig brütenden Stadt, deren Dampf und Gehöll (39 Grad, 90% Luftfeuchtigkeit) gegen Mittag Menschen aus dem Leben reißt – sie kollabieren ein letztes Mal, herzzittern, klappen zusammen, tot, einfach so, und werden verbrannt am darauf folgenden Tag – bereits zu Ausgehärtetem geworden – um sich als weiterer Rauch in den Dunst aus Tabak, Abgas, Kohlenstaub und Lärm zu mischen, der sich wie ein Leichentuch über den Baracken der Stadt hält.
Die Straßen gelöchert, aufgerissen (man harkt mit einer Rikshaw nach), eine katastrophale Infrastruktur, frühindustrielle Maschinerie, deren vibrierende Gewalt sich in den Knochen fortträgt (man horcht nach weniger Stimmen), das Wasser vergiftet und die Medizin verseucht, das Essen fettig, alt und krank, der Tee zuckern und braun. Augen staubbenetzt, die Ohren verstopft, Nasenlöcher schwarz und rau.
Baulichkeiten vergehen, Kolkata frisst sich durch. Kobaldfarben, aschegraufarben, blutsonnenfarben (Mittag), der Ruß der Neuzeit schlägt seine Zähne in alle Wände und nochverbleibende Steine, sie zerfällt: als sei das Vergangene nicht dazu geschaffen worden, es bis in die Gegenwart zu schaffen.
Kolkata, Buckelnde, Siechende, in articolo mostio. Elend, oh Elend – und aus dem Radio Liebeslieder und Tanz. Leben, was für ein Leben – mit einem Lächeln auf den aufgeplatzten Lippen.

Überleben, Leben, Resistenz, Lachen.
Überleben: Das Kolkata Chromosom.
Nirgendwo scheint das innere Licht stärker durch all die Dunkelheit, die es umgibt. Die Stadt ist ein gewaltiges Dennoch, ein unbändiges Dasein zum Trotz. Eine heilige Sequenz, anästhesiert, ein Traum unter Träumenden und Hoffenden, gefesselt von Sehnsucht, Zuversicht und Charme, liiert mit den Chiffren allzeitlicher Lebensbeteiligung, die sich überall in Sprache, in Stenografie umsetzen:
Dichtverwinkeltes Licht, Schicksal, Gelblichtgestöber, Frans, Mut, Schöpfung, Rausch, Gunst, Eiter, Stoik; eine Stadt voller Anbetung und Baul, Poesie und Vergessenheit.
Es ist nun mal so: Kolkata – und es ist recht einfach, es zu übersehen – ist eine der schönsten Städte der Welt. Die architektonische Wirklichkeit, die sich abseits der lärmenden Straßen oder gerade in ihnen finden lässt, rührt an einer ewigen Sehnsucht zur Schönheit. Kaum glaubt man, es sei ein und dieselbe Stadt, die beides hervorgebracht hat: eine glanzvolle Ästhetik einerseits, klassizistisch-kolonial und voller Ereignis, und die zeitgenössisch obsessive Betonbilligkeit andererseits, abschreckend einfallslos in den Himmel wuchernd. Eine unter dem Armageddon begrabene Idylle ist über die ganze Stadt verteilt, eine geheimnisvolle Vergangenheit hält sich hinter der Verbollwerkung des Heute: man hebt den Blick zu Rundbogen und Stuck, zu Mughulandeutung und blauem Glas, zu verzierten Holzfenstern (ihrerseits brettverschlagen), zeitreichem Stein und winzigen Balkonen, die von insomnischen Märchen handeln. Hier formt sich Kolkata. Hier ist sie, dornröschenschlafend, eine Heilige ohne Namen.

Oft hat man sie eine zerfallende, eine sterbende Stadt genannt. Aber sie hält sich, noch, dennoch, und neues Leben zieht unentwegt in die alten herrschaftlichen Häuser, die von den Menschen aufgegeben wurden. Schwerlich findet sich ein besseres Bild der Hoffnung: die Ruinen sind übersät mit Strauch und Busch, auf den brachliegenden Mauern wurzeln Bäume, an dem zur Erde zugeknöcherten Stein wachsen Banyans und tragen täglich neuen Wind zwischen den Zweigen. Nähme man die Menschen und ihr Werk aus dieser Stadt, in 20 Jahren wäre sie ein Dschungel. Früher oder später wird sich hier der Kreis der Natur schließen, und schon längst lässt sich allerorts ablesen was an Buchstabe über dem Hinfortgerotteten steht, wenn die Ära des Menschen ihren Abschluss gefunden haben wird:
A wie Urgrün, Z wie Salz.

A.J.C. Bose Road, Vivekananda Road, College Road, M.G. Road:
Nur einen Steinwurf abseits dieser überfüllten und lärmenden Straßen, in denen es sich kaum atmen lässt, sitzt das Herz Kolkatas.
Miniaturbelassen – gerade am Abend, wenn das schüchterne Licht nur andeutet, dass die Welt wirklich und wirklich da ist – zeigt sich hier Liebe und Größe wie nirgendwo sonst in der Stadt.
Stundenlang läst sich durch kleine Gänge und hinterhofidyllische Szenen laufen, kleine Gassenmeditationen, herzgerecht und rein. Unzählige Heiligtümer befinden sich in den Passagen und Schlupfwinkeln, die sich auf keiner Landkarte wiederfinden lassen, und plötzlich ist die Luft angereichert mit Zimt und Jasmin, Holz und Zitronen; das gelbe Straßenlicht, elektrisch, zeichnet Unwirklichkeiten: in seinem stummen Kegel bleibt immer etwas Dunkel und Geheimnisvoll, die Menschen bewegen sich langsamer und sitzen über ihrer kleinen Arbeit – buchbinden, löten, nähen, kochen – als hätten sie nie etwas anderes getan und sich nie fortbewegt von dem Platz, den der Abend für sie geschaffen hat.
Stein und Licht, wie die verschiedenen Zeiten, aus denen sie bestehen, fließen ineinander. Eine Metamorphose, die kaum einen weiteren Gedanken hervorruft. Die Stille genügt sich, die Gegenwart vollkommen gefüllt. Kein Popanz, keine Affektivität und kein Tamtam auf diesen schwarzgelben Bühnen der Vergänglichkeit. Hier kommt es an. Hier sieht es das Auge.
Das Glück oder Unglück eines Menschen bleibt von außen nicht zu erkennen, und niemand weiß um das genaue Schicksal des anderen. Was aber durchaus greifbar ist, ist der Stolz, den die Menschen hier auf den Gesichtern tragen, der Anmut, mit dem sie in ihre kerzenlichtknappe Räumlichkeiten verschwinden, die Zufriedenheit, die als gläserner Funke im Flussbett ihrer wasservollen Augen liegt.

Kolkata ist eine besondere Farbe, vielgeschichtet. Nicht nur nachts erwacht ihr wahres Gesicht in den Scheinwerfern der Straßenlampen. Ihre beste Stunde schlägt wenn das Getöse, das nimmersatte Wirrwarr des Sonnentages in den Abend eingeht, sich das weltendurchwandernde Dämmerungslicht durch den Ring aus Smog und Dunst beißt.
Wenn z.B. eine der Fähren am Babughat ablegt und die letzten Tageslichter den Hooghly (ein Seitenarm der Ganga) berühren, geht die Stadt über in ihre kraftgelbe Stunde. Die angestrengte Luft zerfällt in kleinste Goldpartikel, die sich wie nebliger Regen vor die hereinbrechende Dunkelheit setzen; ein versöhnliches Licht.
Jeder scheint zu spüren, dass dieser sanfte Zauber einer Läuterung gleicht, jedem steht plötzlich die Stirn offen: dass es geschafft ist, ein Tag, eine Dauer, eine Lebensstrecke, eine Gewalt; und dass es weitergeht, nunmehr geschehen, über die kurze Farbenbrücke in die schwarze Sehnsucht des Abends, der Nacht, in der sich die Asche abermals über den Köpfen senkt. Dort wird jeder wieder am Bau seiner eigenen Geschichte spinnen und sich führen lassen von den monströsen Schicksalen dieses Ortes, aber die gelbe Stunde, das Sternhagelgold (nur 15 Minuten kurz), dies gehört jedem und vereint die 20 Millionen Seelen, die sich in dieser unaufhaltsamen Stadt um ein Leben bemühen.

Kolkata, das sind befleckte Lieder. Nuancen der Neuzeit. Kolkata ist himmelsweiter Duft: Slum, Pisse, Räucherwerk, Früchte, Hitze, Gärung, Blumen und Tod; es riecht nach Gelb und nach Orange, nach grauschwarz und Blei, nach Mutterliebe und Torf.
Just relax. Drive smooth and steady. Diese Verkehrsaufforderung der hiesigen Polizei haben die Einwohner auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, und es herrscht eine Lässigkeit und Geruhsamkeit, die sogar auf die Tierwelt übergeht: an keinem anderen Ort in Indien sind die Straßenhunde so zutraulich und entspannt wie hier in dieser Stadt, die es jeden Tag aufs neue bewerkstelligt, nicht unterzugehen.
Taxifahrer schlafen nachts auf den Kofferräumen ihrer Autos. Jeden Tag geht das Herz des Rikshaw-Pullers und pumpt Blut, wieder und wieder, das Organische besiegt den Ruß. Eine Stadt sitzt jeden Morgen auf den Bürgersteigen beisammen und seift sich die schwüle Begegnung mit einer Nacht von den Körpern, die einer einzigen großen Metapher gleicht:
Kolkata, ewig Wiedergeborene, mit einer abermals vergewisserten Liebe zum Leben. Der neue Tag bringt Licht und Schatten. Am Abend wird es die Stadt sein, die über alles gesiegt hat.

Hain

18. April 2009

Als wären
wirklich
Rinde und Stein
als wären
sie dort, wo sie binden,
im Wuchs.

Planetentrift
als würden sie kommen, ankommen,
zugunsten.

Hergesagtes, nein, Felsen-
schrift, nein,
nur eine Ahnung, Bildversprechen,
ein Fingerzeig erdwärts,
von Wort zu Wort ohne Ziel
ohne Ahnung, getan:

so als wären
ja wären
ziellos die Leben
belanglos das Sterben;
die Planeten echt
ohnegleichen.

So als würden
– käme man nah –
die Wälder entrastern.

Wirklich, wirklich
das Licht.
Wirklich die Masse
die es anhebt
und unentrinnbar der Stein
auf seiner Kelle zur Welt.

Das Universum (Universum?), stramm,
vergisst sich um Ziffer und Satz.
Was wir lernen
lernt sich im Schatten
weiß sich im Lichtkern
vorhanden.

Ja.
So als wären, tiefer,
die Edlen am Werk.

Noch

1. April 2009

1.

Das eine besitzt einen Klang, das andre
besitzt einen Klang. Stein,
der noch nicht gesprochen hat.
(– Ein Wiedergesprochnes…)
Lungen-
luft, in sich

lauern die Welten auf Gott
zahnt es zu Wille und Gas.

(Wir hielten die Stille. Die Stille hielt uns.)

2.

Was noch im Weltenwuchs verband:
als vage Grenze zwischen den Leben,
wie eine kleine Heimat zwischen Hitze und Brot,
das auf-
strebende Licht.

Keime gibt es
und Aas.

3.

Lichtgedanke, wir wissen´s,
und die Luft ist kein Ding ist ein Rätsel; der Himmel
kein Himmel. Noch
fühlen drunten, mickrig, die Zellen die Welt.

(Gegen, entgegen, ent. Wir
hielten die Stille…)

4.

Ein Nichtaufhören voller Blutrot und Stein.
Ein Wiedergesprochenes.
Flattern, aufflattern, auf.

Was die Welt noch nicht wusste
als sie Blau ward, entgegen:
dass wir dort waren, immer,
unter Nessel und Ring
und warteten.