Auszüge aus einer Erzählung, eigentlich schon ein kleiner Roman, deren Umfang (19.100 Wörter) zu groß ist für eine angemessene Darstellung auf dieser Netzseite. Es geht um Evolution. Und um Gewalt, Sex, Erleuchtung, Wissen, Olivenbäume, Glauben, Spiritualität und Kartoffeln.
Wer die ganze Geschichte lesen möchte, möge mir eine Mail schreiben, dann schicke ich gerne den vollen Text. Hier nun einige Auszüge:
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Erwachsene Männer und Frauen banden sich Stofftücher vor den Mund und strichen mit weichen Besen über die Wege, die sie entlangschritten wie Schlafwandler, wie Träumende, deren Ziel es war, die vitale Welt neu zu erfinden im vorüberwandelnden Schleier ihres Schlafes; wie Falter, die über ihr eigenes Erwachen berieten.
Die Toten, deren Bärte bis in die Erde wuchsen, schaffte man in einen Hof aus hohen Mauern, von Sonnenlicht umkränzt, dann kamen die Geier.
Tausende, Millionen Ziegen wurden geschlachtet an diesem einen Tag, der Gesang der Türme schwebte endlos über der Stadt, brach über Häuserkanten hinweg, stürzte in die wogenden Massen, Männer und Frauen knieten, murmelten getrennt. Propheten verschwanden im Morgengrauen und standen allabendlich als Blaupausen am Firmament, man aß die Leiber seiner Herren und das Brot, zubereitet vom Mehl eingängiger Taten, mit einem einzigen Bissen und pisste Wein in die leeren Schalen.
Morgens um Fünf erwachten die Kolibris, sie flogen in ihre Tempel und zerschmissen Früchte auf dem Boden ihrer Erinnerung, eine Öllampe offenbarte die mannigfaltige Behausung etlicher Seelen, der Mächte der Epochen, und man sang das immergleiche Lied bis ans Ende des Berges; dann ging man nocheinmal, nocheinmal. Worte wurden zu Wahrheiten, Silben beschlagen mit Kronen. Noch der letzte Mensch laß.
In ihren gelben Roben schritten sie in die Häuser der Zeit, und wo Platz war, blieben sie, die Almosen knirschten im Kopf. Ein Atem lag in den Spuren vergangener Universen, Zeit schmeckte bitter. Ihre Enteignung befahl schließlich der Mann in Gold, der Mann auf dem Podest, der Mann mit den besten Augen, der Mann mit der größten Wut, der Mann mit Ohrringen aus Diamanten. Und Schmetterlingen.
Männer liessen ihre Haare wachsen, schnitten sie nie, Textilien umspannten den Erdensarg, an den Fahnen hingen Farben und besoffene Nebel. Heilige Prospekte lagen auf Postämtern. Die Offenbarung lautete.
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„Worauf ich hinaus will: Die göttliche Essenz – oder nenne es, wie immer du willst – ist schon immer und überall. Die Wahrheit und die Ewigkeit, die wir alle so vollkommen verzweifelt suchen, ist bereits in allem vorhanden, was wir sehen und anfassen können, und in allem, was unsichtbar und unverstanden bleibt. Der leere Raum beherbergte bereits das Göttliche, die raue Erde behütete, das erste Feuer entzündete es.
Im Fleisch und im Tisch steckt eben dies, aus dem du und ich gemacht sind.
Es kann gar nicht anders sein. In den Samen deines Vaters und dem Ei deiner Mutter war bereits alles vorhanden, was du jetzt bist, sonst hättest du nie so werden können, verstehst du? Du kommst nicht aus dem Nichts. Du kommst aus dem, was du nicht sehen kannst, und letztendlich stammt die Tatsache, dass du mithilfe von Geistesübungen das Gesicht der einen, allesdurchwirkenden Göttlichkeit annehmen kannst, direkt aus der Nahrung, die der Magen deines Vater verdaut hat und der Tatsache, dass deine Mutter aus kohlenstoffhaltigen Verbindungen und Erythropoetin besteht.
Es ist seltsam, aber es ist so: im Endeffekt verdankst du dein Leben nichts weiterem als Gemüse. Da ist der heilige Mischmasch: in den verworrenen Atomen, dem Pulsschlag eines Gedankens; den Spurenelementen und den ungesättigten Fettsäuren von all dem Grün!
Der Same bringt die Frucht hervor, den Baum, den Menschen, diese ganzen Sperenzchen, aber woher kommt der Same? Wo in diesem Ding, dass man unter dem Mikroskop suchen muss, steckt schon die Veranlagung, der Bauplan für alles weitere? Wo darinnen? Und wo, bevor noch dieser gerade materialisierte Same entstand? Wo in seinen Einzelteilen, wo in seinem Unvorhandensein?“
Er zog eine unreife Mandarine aus seinem Schoß, über der er vorher lange meditiert zu haben schien. Kurz kugelte er sie durch seine Handfläche, schmiss sie in die Luft, hielt sie zwischen sich und Maitra und sagte strahlend:
„Keinen Kontakt zu irgendwas oder irgendwem. Schon vor vielen Tagen vom Ast genommen. Schau sie dir an … sie ist grün und hart. In ein paar Tagen wird sie saftig, süß, und orange sein. Woher kommt ihre Reife?“
Maitra blickte zu ihm auf.
„Aus ihr selbst …“, sagte sie matt.
Gambana lächelte ein vollkommenes Lächeln, die Falten um seine Augen traten hervor.
„Hieße das etwa, eine enorme Intelligenz, eine sich selbst verwirklichende Potenz steckt in dieser mageren Frucht, dieser durchweg toten und unbewussten Materie?“
Sie wusste, dass er auf diese Antwort nun keine Antwort mehr erwartete. Es war alles berichtet worden und er schloss seinen Sermon, indem er ruhig die Handflächen aneinanderführte und für wenige Sekunden die Augen schloss.
Ihr war jetzt alles zufiel. Eine ekstatische Nervosität streifte durch ihren Körper, und ihre Finger begannen zu schwitzen. Sie wollte nur weg. Wollte nur, das Thymian in sie einmarschierte, auf ihr abwichste, ihr die ach so göttliche Ursprünglichkeit aus dem Leib fickte. Herrgott, sie wollte seinen heißen Schwanz in ihrem Mund, ihn riechen, ihn stöhnen sehen; sehen, wie seine Wangen zuckten und er die Lippen so spastisch verzog, bevor er über ihr kam. Sie war hungrig. Sie wollte weg.
Gambana stand auf und fragte, ob sie noch Tee wolle.
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Da niemand an die Zeit dachte, hielt sie sich fern. Die Leute nannten das Gras Gras und das Wasser Wasser. Aßen, wenn sie Hunger hatten, und schliefen, wenn sie müde waren. Sie nannten sich Stein, nannten sich ferner Berg, da, dort, ja, nein: ihre Haut gehörte den Sonnenstrahlen, der Hitze oder der Kälte. Tod und Geburt waren ein Einziges. Die ganze Nacht sprachen sie mit der Dunkelheit, rangen, feilschten, stritten mit ihren Schatten, fielen auf die Knie und mit der Stirn in den Staub, tranken hier und da jedermanns Blut, obwohl es hinterher weder Tag gab noch Nacht. Wenn rote Funken in die Dunkelheit sprangen und das Sehen die Sterne auffraß, hatte sich die Welt in ihnen nicht geirrt. War nie fort gewesen.
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Der Körper, den er kaum mehr fühlte und nur noch verschwommen besaß, vibrierte unter dem wiederholten Zusammenbruch seiner Sinne. Eine unvollständige Ohnmacht lies ihn auf Jasar fallen; Zaaros Arme brachen weg. Sein Blut hämmerte mit schwerer Stimme und hilflosen Anschlägen in seinen Kopf. Jasar fühlte es wellen und beben, als sie ihre Lippen auf die Schläfen ihres Liebhabers bettete und ihm dort eine Kleinigkeit Leben abnahm.
Nach Stunden der Liebesnarrerei, des Schweißes und der spitzen Schreie, nach Stunden des Öls, der immer tiefer werdenden Berührungen und des warmen Sanddornwachses, dass er begeistert zwischen ihren schimmernden Schenkel verrieb, um sie feucht und angenehm werden zu lassen, nach endlosen Körperöffnungen, die sich mit dem willigen Fleisch des jeweils anderen schlossen und wieder öffneten, um neue Lustwasser hereinströmen zu lassen, nachdem er sie beritten, bestiegen, verwundet, ihren kerzengeraden Höhepunkt – in dessen fast transzendentalen Moment ihre Zähne knisterten und sie mit Armen und Beinen um sich schlug – mit flammenden Mund aus der Zeit herauslöste, nachdem alles an ihr wie ein einziges Meer an den Ufern seiner kontinentalen Hände zerrann, und nachdem sie ihn aussaugte, schon seit Stunden, die es nicht mehr gab, nachdem sie unzählige Male seinen brennenden Samen in den Weiten ihres Leibes entgegennahm und wiederholt, in den winzigen Tälern seiner Männlichkeit, den Stier mit nasser Hand massierte und ihm die Worte zubließ, welche seiner ermatteten Gier frische Kraft einverleibten – nachdem Zaaro nun also auf ihr saß, die harten Muskeln vor Anstrengung gespannt, die linke Hand in ihrem Schoß, ihrem wässrigem, silbernen Feuer, und die rechte um ihr noch immer duftendes, schweißverklebtes Haar, zuckte in Jasars Mund die erneute Ankunft seiner zerrissenen Sinneswelten.
Sie öffnete die Augen, um zu sehen, wie der Saft Zaaros über ihr Gesicht, an ihren Lippen niederging, doch ihm entwich kein einziger stummer Tropfen mehr: heiße, wellende Luft fiel kraftlos auf sie herab. Er schrie, ohne dafür die nötige Kraft aufzubringen, seine Haare brannten an Armen und Beinen, sein Gesicht verkrampfte, sein Geist erlosch. Er stürzte vornüber, sank auf ihren Leib. Sie suchte ihn mit erneuten Liebkosungen, ihrer Zunge, den Fingern an seiner Hüfte, seinen Lenden, den Haaren den Wangen Ohren Nacken. Doch Zaaro war verschwunden.
Als er von ihr abfiel, merkte sie, dass ihre Klitoris von den Erschütterungen zitterte. Sie legte drei Fnger auf das wunde, beizende Verlangen und rieb es hart. Zaaro gurrte. Blindlings taste er nach Jasars runden, vermögenden Busen; er wollte, konnte sie nicht loslassen. Schon lagen seine Lippen erneut um den Hof ihres braunen, engerrigierten Lusthügels.
Sie stöhnte auf, biss in ein Kissen, packte sein Glied, diesen schlafen Appendix seiner Außenwelt, und legte ihn sich übers Gesicht, leckte und trank die ausgetrocknete Haut. Wiederum fuhr Zaaro mit Hand und Phallus in sie, öffnete, was seinem eigenem Wesen verschlossen blieb, nahm ihre eklatante Wucht in sich auf: dieser herznahen, unnachvollziehbaren Realität, in der dies alles einer Erfindung vieldimensionaler Neuronen glich.
War das Gott, den er hier traf, war diese brutale Auslöschung das wahrhaft Göttliche, der Weg ins Nicht-Selbst?
Jaja, macht nur weiter, raunte P, ihr seid noch immer die Größten.
Zaaro, der kaum atmen konnte, zog Jasar auf sich, küsste sie ausgiebig von hinten, während sie wie ein Pendel durch den unendlich aufgeplatzten Raum zu schwingen schien. Aus voller Kehle zerschrie sie all seine Namen, all seine Gesichter, die vielgesegneten Weltworte; und die Wände des großen Saals, in dessen Mitte das weiße, nebelumhangene Bett stand, auf dem sie sich vereinigten und ineinander verloren, entfernten sich leise in eine massive Leere. Er drehte sie um. Ihre Brustwarzen, bis in den Himmel gerafft, flutenden über sein Gesicht und über seine tausend speerspitzigen Zungen, er griff sie fest an den Hüften, alles an ihr erschütterte ihn, er sah alles hinauf- und hinabrinnen, der volle Strom ihrer Anwesenheit keimte in seinen Handflächen, er wurde ihre wogende, steile Brust, wurde ihr Nabel und begann, die weiten Lichter ihrer Stirn zu erklimmen.
Ein fetter, baumartiger Schlag; ihre profanen Körper galvanisierten zu einem geschlossenem Eiland inmitten der sich erhängten, leichenstarren Zeit. Diesmal war es Jasar, die geisteslos von ihm rutschte und schwerelos dalag, in ein nasses Laken gehüllt, in Ohnmacht. Zaaro legte einige Finger auf ihren Mund.
Köstlich, applaudierte P, die nun einen lavendelnassen Fuchsschwanz um den Hals trug und zu den beiden herüberblickte, einfach immer wieder ein tierisches Vergnügen, was! Los, Kinder: ab unter die Dusche. Und kein Gezänk bitte… bewahrt euch diesen winzigen Taler des Glücks.
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Kamu verlor all sein Geld, das er für diese eine Reise gespart hatte, an einen rüpelhaften Betrüger, der ihm messerfuchtelnd mit dem Tode drohte, zwang sich daraufhin in ein winziges Boot, das er unter Schmerzen seines Gewissens stehlen musste, überquerte weissgottwie das ihm ungewohnte Wasser, kotzend und bluteitrig, fiel halb verhungert und mit aufgeplatzter Haut der Küstenpolizei in die Hände, redete Kauderwelsch, bekam Prügel und einen neuen Namen, den er sich nicht merken konnte, dann verfrachtete man ihn in ein weiteres Boot, viel größer und viel lauter, und er landete abschließend in einer winzigen Zelle zusammen mit fünf anderen Männern und einer zerbrochen Deckenglühbirne, kein Klo, keine Waschschüssel, kein Ende seiner Odyssee. Man zwang ihn, die winzigen, glasigen Scherben zu essen, die in eine Ecke des Raumes gekehrt worden waren. Von wegen Solidarität, dachte er, als ob man nicht schon Tier genug geworden wäre; dann traten sie ihn, den Neuankömmling, in eine lindernde Bewusstlosigkeit. Schissen, wie er blutend dalag, auf sein Gesicht. Onanierten in seinen halbgeöffneten Mund. Sein zerfetztes Winseln.
Er schaffte es ihnen zu verzeihen, noch während sie ihn misshandelten. Homo cum humani nil a me alienum puto, sagte er sich und schloss seine Peiniger ins Herz und in seine Gebete, die er richtungslos durch den winzigen Raum stieß, an was, für wen auch immer; Hauptsache wandernde Worte, die der Wind auffing und weitererzählte.
So lernte er von Ungläubigen, was Gottesfurcht bedeutete. Der Teufel drängte ihn zu der Einsicht, dass das Gute in den Menschen existierte; es pochte unter seinen gebrochenen Rippen, bemitleidete seine Folterer und sah mit blutenden Augen in die verängstigten Gesichter der Männer, deren eigene Erniedrigung auf ihn niederging, immer wieder, niederging wie Trommelschritte, bis sie auf ihm erstarben, Blut wurden. Die Krusten gebaren neues Leben, ein neues Licht. Seine Reise nahm hier ihren Anfang.
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Er machte eine Bewegung zum Himmel. Sterne, kommentierte er, 75 % Wasserstoff, 23- bis 24 % Helium, ein wenig Sauerstoff, Silizium, und ein paar andere Elemente, die selten, aber nicht so wichtig sind. Abermilliarden, allein in unserem Sonnensystem-
Rechtzeitig wurden seine Gedanken unterbrochen, er lief hinunter ins Haus, in den ersten Stock, das Wohnzimmer, auf dessen Tisch die hölzerne Pfeife lag, er blies. Seine Schergen kamen rechtzeitig; 150 Mann, bewaffnet bis an den starren Scheitel, in Uniformen. Ihr Atem hinterließ blasse Wolken in der Frühe.
Sie zogen durch die Stadt, paktierten, kontrollierten. Am Marktplatz hinterließen sie Pamphlete. Eine Pappelumstandene Chaussee führte vom Platz des ewigen Brunnen, wie er nun einhellig genannt wurde, zu der gewaltigen Treppenformation, durch welche die Theaterbesucher ins Innere des neokubistischen Baus geführt wurden, und dort standen sie alle, auf den untersten Treppen aufgereiht, Achmed mit seinem Fisch, Fulung verkaufte Kartoffeln zu einsfünfzig das Kilo, Clis schnitzte ihre Holzfiguren und mahnte zur Erdgeschlossenheit, P spreizte die Beine und roch verzweifelt nach Jasmin; Rosenwasser floss aus ihren Haaren. Zaaro spannte Muskeln.
Chepalier sah seinen Vater zwischen Rodo, der Experimente mit Erbsen vorführte, und Walango, dem seine immer klopsiger werdene Frau auf die Nerven ging und dem Patriarchat das Wort sprach, und für eine Sekunde tat ihm alles leid, das gesamte Ausmaß seiner gut gemeinten Zerstörung, sein Licht, welches oftmals zu stark war für solch dunkle Seelen.
Als Konstans – und es war bereits Mittag geworden, Schnee verharrte auf den Betonsäulen zu Eis – die neue hundertfache Zuhörermenge erblickte, schluckte er hart und wusste: jetzt würde doch noch alles gut werden. Er betete kurz. Sprach:
„Höret, aber es ist so: Kalar ging durch sieben Wüsten ohne einen Tropfen Wasser – er trank einzig von der Gnade des Herrn. Und wir wissen durch Zarahesis und seine Überlieferung, die Er ihm in einer hellen Nacht offenbarte, dass vor 2222 Jahren, als die Erde noch roh und unbehauen dalag, gänzlich finster und leblos, Er die Tiere und die Nacht und den Feinstaubfilter erschuf aus einem Splitter seines Zehennagels, aus seinem eigenen Leib, dem Lichtpfahl und der Buttersuppe und der Isolation, äh, ich meine … also: jeder von uns Lebepflanzen, Lebewanzen haha, der-“
„Verschone uns mit deinen verrückten Märchen, dummer Mann“, unterbrach ihn eine Frau aus der Menge, „wir sind denkende Menschen und kartographisieren die Straßen, Blutzyklen, die Seele – …armer alter Mann!“
„Ihr werdet brennen“, schrie Konstans verzweifelt, „und ich werde beben. Ich meine: Leben! “
„Komm mit nach Hause. Bitte!“ Chepalier warf den Schild von sich, legte die Rüstung ab und lies seinen Helm zu Boden scheppern; er ging zu seinem Vater, dessen Blick sich dämlich überkreuzte, und sah ihm direkt in die wirren Augen. „Ich verzeihe dir. Wir alle verzeihen dir. Nun lass den Blödsinn und komm da runter. Ich bin deine einzige Familie, ich bitte dich!“
„Meine einzige Familie ist der Bund mit meinem Herren. Aus meinen Augen…“
„Wie du willst.“ Er drückte seinem Vater eine Tabelle in die Hand.
„Hier steht alles drin. Bewiesen. Ganz unten steht auch eine Telefonnummer, falls du deine Meinung ändern solltest. Kostet allerdings 14 Cent die Minute.“
„Ein Buch, ach!“, stöhnte er, und in diesem Moment wurden die Löwen lebendig, welche das Museum für postpostmoderne Graphik mit zementstarken Leibern und baumartigen Pranken bewachten, und mit einem tiefen Grollen zerrissen sie jene, die das Weite nicht hastig genug suchten mit ihren imaginären Augen, dann legten sie die Leichenteile übereinander und nannten es Bau, nannten es Nest, nannten es Kneipe und nannten es Doktrin. Die Anwohner blieben Zuhause oder gingen zur Arbeit.
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In den Stadien schrieen sie, sie schrieen und schrieen, die Monumente wuchsen. Ablassbriefe, auf denen die Krähen und das Marketingprofil unterschrieben, Druiden, Wortverdreher, kalkblasse Propheten, alle Zehennägel herausgerissen. Sie türmten Steine, spielten mit Ernten, zerschossen ihre Nachbarn. Es wuchs Wermut und Ginster und der rotdiabolische Hibiskus, wer dem Himmel zu nach kam, schmolz. Sie errichteten Barrikaden, schwangen Keulen, opferten Felle und Götter und Töchter, die Überschwemmung kehrte zurück und die Uhrzeit, Raumfahrt explodierte. Bären gingen mit Teflon schwanger. Jagen. In Asche konservieren, dem Dornenbusch danken. Immer weiter saufen.
Als die Jugend abgeschafft werden sollte, waren plötzlich alle bewaffnet, ein Komet streifte knapp, Polarlicht band man in Protonen. Der Hellseher sah Schatten und digitale Vaginas, seine Augen verschwanden; Lebenslinien reiften, ein Gedanke rettete. Für und wider die Massen, die sich in Gutdünken überschlugen und ankamen als Bündel vergilbter Versprechen, Lexigramme: schreiben, verbrennen, schreiben.
Sandalen aus Glas, Korn auf den Augen, Trompeten in den Backen. Metaphysischer Dilettantismus, Samenglaube. Die Nachricht ging unter im Jubel der Menge, Rekorde, Schalttafel, Löschwassereinspeisung, von hinten
wie ein Tier. Penicillin gegen den Reis.
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Casi machte halt, um zu pinkeln, die Menge stoppte, sah weg und setzte sich wieder in Gang, als Casi den letzten sauren Tropfen von seinem Glied schüttelte und sich nach dem Haufen umsah, der ihm lautlos durch den Steppenkanal folgte; er ging noch einige hundert Meter, dann fand er einen prächtigen Ort kurz unterhalb eines flachgegerbten Gipfels, von Arkarziendüften allseitig umstanden, ein angenehmer Wind kräuselte um die Köpfe der Anwesenden und die Stadt mit ihren sechzehn Ecken und acht Wehrtürmen wurde bestens in Szene gesetzt; selbst die winzigen Wasserquellen, die unter der Hitze litten, konnte man bloßen Auges erkennen, die Hochzeitshallen, den Paradepark, den Orangenhain des Extremkurators.
Er befahl, sich zu setzten. Nahm die Brille ab, um unmittelbar zu wirken, doch die Sonne stach hart und kräftig in seine Augen. Er zog sie sich erneut auf die Nase. Der Wind stieg in seine langen filzigen Haare, er hustete und nahm sich etwas Schweiß aus der Stirn, räusperte in seine geschlossene Faust, dann tat er nichts mehr.
„Sprich, Professor!“, verlangte bald eine Stimme, „Vollende dein Werk“ forderte eine andere. Er zog den Bauch ein, verschränkte die Hände hinter seinem Rücken.
„Sprich zu uns“, hörte er noch jemanden sagen, und er sprach.
„Erstens: Warum gibt es Evolution? – weil es Katastrophen, Desaster und Tod gibt. Krankheiten und Fegefeuer.
Zweitens: Warum lebe ich? Weil Billionen vor mir gestorben sind.
Drittens: Untergang ist, wozu wir alle geboren worden sind. Es existiert aber kein Ende, nirgendwo, der Tod ist Veränderung und neues Leben.
Definition: Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihres Fortschritts, ihrer Evolution. Die Geschichte der Menschheit ist demnach die Geschichte des Geistes, der Bewusstseinsevolution. Die Geschichte des Geistes ist die Geschichte seiner ewigen Ankunft.
Erörterung: Der Mensch kann keine Freiheit erlangen, welche ihm nicht schon vorgegeben ist. Er bewegt sich in einem unweigerlichen Rahmen, welcher das Zentrum einer absoluten Totalität repräsentiert, einem scheinbar undurchschaubaren Felde, alinear, welches von einem archaischen, undifferenzierten Bewusstsein bis hin zu einem supramentalen und erdenlosgelösten Zustand pendelt – dies ist das Spektrum. Dies allein kann der Mensch, dies besitz er, dies bringt er mit in diese Welt als determinierter Teil und Ausdruck derselben. Nichts Außerdem, was er ist, kann er wählen oder erfahren. Die Freiheit des Menschen ist also die inhärente Determination dessen, was wir gemeinhin als Natur bezeichnen, obschon ein jeder mit diesem Wort einem anderen und stets von persönlichen Überzeugungen und Meinungen schattierten und oftmals aufs geradewohl bagatellisierten Gedanken Ausdruck verleiht.
Natur bedeutet, unverblümt, elementar: Materie, Gesetz, Bewusstsein, Fatum. Eine Strecke, die sich selbst erfindet und unablässig wiederholt, ein Schema, dessen Kreislauf niemals beginnt oder endet, sich unendlich fortsetzt und kontinuierlich, aus den eigenen Voraussetzungen, in Gang gesetzt wird.
Bekräftigung: Niemals kann es anders sein, wie es ist. Die verschiedenen Formen, Eventualitäten und Stufen müssen durchlaufen werden, und für deren Vorhandensein gibt es einen Grund, und dieser Grund ist einzig das Vorhandensein selbst.
Bedingung: Evolution und Involution. Es gibt kein Höher und Tiefer oder Besser und Schlechter, lediglich ein Davor und ein Danach bzw. ein Vorwärts und Rückwärts innerhalb einer festen Strecke. Alle Teile behalten dieselbe Summe, während die Summe alle Teile, die aufeinander aufbauen, inkorporiert und erhält.
Nun sind diese verschiedenen Stadien, die alle perfekte Ausdrucksweisen des jeweiligen Istzustandes bilden, in der Geschichte und im einzelnen Menschen unumständlich vorhanden, erlebbar und jederzeit interaktuell. Bewusstseinsevolution geht im Individuum und im Kollektiv die selben Schritte; der jeweilige Kreis, der sich aufrollt und fortspannt, durchzieht alle existierenden materialistischen und amaterialistischen Gewebe gleichermaßen und fasst Fuß in den eigenen Aufgaben, die nichts anderes sind als Ergebnisse. Das Herz schlägt, weil es Herz ist, das Blut bahnt, weil es Blut ist, und der Baum treibt Knospen, weil er ein Baum ist.
All die vermeintlich sterbenden Dinge vergehen nicht, sie tauschen Positionen, und sie tauschen diese, weil sie Positionen sind.
Bewusstsein, der Raum und die Instanz, welche die Begebenheiten beherbergen und essentialisieren; Bewusstsein, welches als einziges niemals unvorhanden ist: im Mensch strebt es nach dem eigenen Licht.
Zum Nutzen einer plausiblen Klassifizierung, welcher der Wahrheit nur in dieser formalen Perspektive entspricht, spreche ich euch von acht Ringen, welche einander transzendieren und, vor allem, bedingen. Schreibt wer mit?“
Chepalier wendete seine Palmenblatt, nickte. Es wurde schnell Abend. Angenehmer. Steine glühten nach. Casi räusperte erneut in seine Faust, kratze sich den Scham, spuckte lauthals in den Staub und sagte:
„Bevor ich die einzelnen Ringe und deren Wirken näher und in ihrer ganzen Intensität beschreibe, die von einem jeden nachvollziehbar sein wird, eine kleine Zusammenfassung:
Archaisch-instinktiv: Grundlegendes Überleben, Essen, Wärme, Schutz, Sex. Undifferenziertes Bewusstsein, alle Handlungen dienen der Aufrechterhaltung des Lebens. Jene rudimentärste und grundlegendste Bewusstseinsbeschaffenheit wird abgelöst – wobei sie als Vorangegangene in die darauf folgende integriert wird – von einer ab-“
Weiter kam er nicht, eine Kugel glitt durch seinen Kopf, dann noch eine, als er schon fiel, er krachte in den harten Ton der Erde, die Sonne sprang zurück in ihre alte Position, binnen weniger Sekunden platzten die Steine um seinen Körper, die Hügel klafften in das wolkenlose Gestirn, ihr Blut verlor sich, kreuzte den Atem Casis; man lies ihn liegen, bis die Erde ihn holte.
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