Ylem

31. Dezember 2011

Dennis Freischlad – Ylem. Neuerscheinung November 2011

F.R.E.A.M

20. Juli 2011

F.R.E.A.M

ComeTogether2010

17. September 2010

Heute ist Dienstag, die Erfahrungen setzten sich. Langsam geht es zurück in neues altes, wie und wo auch immer begonnenes Leben, in ein weiteres Spiel von Wirklichkeit und Beheimatung; die tagelang vernachlässigte Küche, ich merke es gerade, ist ebenso real wie das übrig gebliebene Wetter und alle über die letzte Woche erlebten und einverleibten Bilder – Wandernde, die glücklich sind, kein Ziel, aber mehr als einen Weg vor sich zu haben.
ComeTogetherProjekt 2010. Irgendwann Sonntag Abend stand ich auf dem Platz und stellte fast erschrocken fest, dass ich noch vor 3 Monaten außer Béla niemanden der Anwesenden, die ich kennen, wertschätzen und lieben gelernt hatte, überhaupt kannte. Ein besseres Lob lässt sich wohl kaum aussprechen für ein Festival, dass Freundschaft, kreativen Austausch, Vernetzung, Neuschöpfung, Spontaneität und Gemeinschaft zum Ziel hat.
Eine Familie. Schnell kritzel ich Namen auf einen Zettel. Namen der Menschen, die meinen Deutschlandaufenthalt diesen Sommer begleiteten und die ich vor 10 Wochen noch nie im Leben getroffen hatte. Namen von lieb gewonnenen Menschen, nebst denen ich lebte, liebte, lachte und schuf, und die ich schwer vermissen werde. Es sind 24.
Ich denke, das ComeTogetherProjekt hat für mich, der ich ein ewig Durchreisender und potentieller Nie-Wiederkehrer bin, noch einmal einen anderen Stellenwert als für jene Beteiligten, die in der selben Stadt wohnen und deren Wege weiterhin in den Fixpunkten Wohnung, Kneipe, Atelier und Straßenraum zu einander finden. In weniger als zwei Wochen sitze ich in meinem Appartement in Kalkutta und werde, genau genommen, als neuer Mensch auf einem anderen Planeten wohnen.

Seltsame Welt, die einen gerade dann am traurigsten werden lässt, wenn man am glücklichsten lebt. Der dionysische Rausch gerät geradewegs in die Griechische Komödie, aus der unser Leben besser- oder schlechterdings jene Fragen und zittrigen Gefühle spinnt, die dann nicht ablassen wollen von uns:
Wozu all die Herrlichkeit und Größe, wenn wir sie mit Gewissheit verlieren müssen? Was wird übrig bleiben? Wohin wird es fortgegangen sein, das Glück und die große Harmonie dieser vollständig in sich aufgegangenen Tage? Wofür hat das Leben diese Ikarushöhe angenommen, diese Anzahl an Begegnungen, diesen menschlichen Reichtum an Freundschaft, Berührung, Zuversicht? Man schwebte, überflog die Dinge, und steht nun wieder fest verankert auf Mutter Erde und spürt die Verlangsamung seiner Proteine in den Zellen, deren Licht immer nur für eine in sich begrenzte Zeit Bahnen durch unser Erleben zieht.
Es mag am Alkohol gelegen haben, dass ich irgendwann das Festival in der Gegenwart halten wollte und schlussfolgernd begann, es zu zerstören. In der letzten Nacht tranken und schliefen wir auf dem Baui, und mit der richtigen Stimmung kam das illustre Vorhaben, unser gemütliches Lagerfeuer zur größten Fackel aufzuarbeiten, die die Südstadt je gesehen hat. Ich begann, die Konstruktionen und Buden zu zerstören und war mir plötzlich gewiss, dass das ComeTogether nur etwas Bleibendes und Unauslöschliches werden kann, wenn es sich in guter alter Burning-Man Manier in seine Elemente auflöst und am nächsten Tag nichts mehr steht von all dem, was so viele Menschen so lange gebaut und belebt haben. Einige buddhistische Schulen malen über Wochen hinweg mit größter Akribie und Sorgfalt ein Mandala, nur um es in dem Moment zu zerstören, in dem es seine Perfektionen und sein Ziel erreicht hat. Das scheint mir sinnvoll und eine tolle Aufgabe in einer Welt, die nirgends zu einem Ende kommt und nichts Abgeschlossenes, Endgültiges vorzuweisen hat.
Aber in all diesen Gedanken an Verlust und Zerstörung lebt ein weiteres Prinzip und eine weitere Gewissheit, denn: mehr glückliche Momente manifestieren mehr Glückseligkeit, die Hervorbringung von Schönheit vereinfacht die Hervorbringung weiterer Schönheit, eine erkennbare Harmonie festigt diese im Ablauf der Weltenbewegungen und hebt sie von jenen Kräften und Geschehnissen ab, die ihr antagonistisch gegenüber stehen. Rilke:
„Wenn es einmal irgendwo einen Schaffenden gegeben hat ( und ich rede von den Schaffenden, weil sie zu den Einsamen gehören ) der in Tagen unsäglicher Sammlung die Welt eines Werkes schuf, kann es sein, daß dieses Lebens Fortschritt und Ferne uns verloren gegangen ist, weil die Zeit seines Werkes Gestalt zerschlagen hat, weil wir es nicht besitzen? Spricht nicht vielmehr die sicherste Stimme in uns davon, daß der Wind, der in dem werdenden Werke war, über seine Ränder hinaus gewirkt hat auf Blumen und Tiere, auf Niederschläge und Neigungen und auf die Geburten der Frauen?
Wer weiß, ob nicht dieses Bild, diese Statue oder jenes vergangene Gedicht nur die erste und nächste unter vielen Verwandlungen war, die des Handelnen Kraft im Augenblicke ihrer Verklärung vollzog? Die Zellen entlegener Dinge haben sich vielleicht nach den entstehenden Rythmen geordnet, der Anlaß zu neuen Arten war da, und es ist nicht unmöglich, daß wir anders geworden sind durch die Macht eines einsamen Dichters, der vor Hunderten von Jahren gelebt hat und von dem wir nichts wissen.“
Das ist der Sinn unserer Empfindungen, Schöpfungen, Tagen und Taten, wenn es denn überhaupt einen Sinn geben muss – dass wir in einer sich auswachsenden Welt vorkommen, einem stetigen Voranschreiten von Formen, Gesetzen und Kräften, die aus einer ehemals dumpfen Materie vitales und selbst reflektierendes Bewusstsein und aus tierhafter Primatenphysiologie und rudimentären Instinktgewittern einen Sturm zaubern, der sich in das Blau und die Wirklichkeit von Geist, Ästhetik und Liebe klären kann. Am Zustandekommenden wirken jederzeit dualistische Kräfte, belippbar, und es ist an uns, welche Bewegungen wir ausgestalten und welche Möglichkeiten starke und gestandene Realitäten werden.
Alles Freie, Schöne, alles Schaffen des ComeTogethers dient letztendlich nur diesem einen Zweck – Mittel und Träger all jener Wahrheiten zu sein, die es verdient haben, ausgearbeitet und gestärkt zu werden.
Heute ist Dienstag, mittlerweile hängen die Wolken schwer, und dunkel. Die Küche ist aufgeräumt, selbst das Bad sieht besser aus. Wir machen Tee; Hermes klackert mit seinen Krücken durch den Flur, Bela und Marie Antoniette stecken in Bildern, Blocko durchwandert den Raum mit Beats und urschreit nach Kaffee. Wasser kocht unaufhörlich. Das Leben ist hier und die Erde des Abends bleibt leicht; wir sind glücklich und es wird – wahrscheinlich – gut sein.

Wahres Brot 1

2. September 2008

Ich träume oft und lebendig. Rede mir im Schlaf dazwischen. Manchmal träume ich allerdings nur von kurzen Schnapschüssen – Titel für Gedichte oder Erzählungen oder sonstige Wahrheiten – und nachtdenke diese eine komplette Schlafeinheit mit mir herum, bis in den späten Morgen und ein nichtsklärendes Erwachen hinein. Dann werden sie zu Mantren, die ich am Frühstückstisch summe und, wie sollte ich auch anders, den lieben langen Tag mit mir und meiner gutmütigen Unerklärbarkeit herumschleppe.
Es erübrigt sich zu erwähnen, mit welch morbidem Respekt ich diesen flackernen, geradezu nichtsnutzigen Geschehnissen begegne, die mich hinterfotzig heimsuchen und doch irgendwie verantwortlich sind für das, was ich schlechterdings nicht ändern, demnach (=) auch nicht bereuen kann.
Als da an Titeln z.B. wären:

– Im Tschad gibts kein Gemüse.
– Ich wollte, jeder bräche los.
– Man nehme.
( …und stelle sich vor: Im Zwielicht meiner Umnächtigtkeit schoss ich einige Male aus dem bewegungslosen Schlaf hoch, um diese zwei Wörter irgendwo niederzuschreiben! Drei Mal tat ich wie geheißen. Am nächsten Morgen fand ich quer durch die Wohnung einige Papierfetzen, auf denen mit allerhand Ausrufezeichen „Man nehme“ gekritzelt stand. Die ganze dumme Nacht quälte mich der Gedanke, diesen Titel zu verlieren, diese bodenlose Albernheit, die mir zu nichts nutze war und die mir im Traum wie eine Offenbarung anmutete.)
– Ich geh jetzt noch ein Mal auf Toilette, und dann nie wieder.
– Wallenstein Wallenstein Wallenstein.
– Vom Übereinander der Zeit.
– Kau es weg.
und, mein Liebling:
– Wenn Hülsenfrüchte frösteln.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.