Bharat

4. April 2011

Eine Stunde vom Rand des Tages
und das Land ist zu allem bereit.
- Rilke

Gelbe Punkte schwebten ungewiss auf dem Rücken der Nacht. Wege, menschenerprobt, schnitten leuchtend ins Land. Strom fand sich in eingangsreichen Fixpunkten zusammen und spielte mit ungewissen Mustern und zufälliger Form. Auf dem Bordmonitor lag jene Erdenhälfte hell eingezeichnet, in der gerade Tag und Sonne herrschte; Indien lag im Herzen der Dunkelheit und atmete, wie sich von hier oben beobachten lies, ihre eigene Monstrosität in einen treibenden, sturmstillen Schlaf.
Eine halbe Stunde später, als sich fast lautlos die Türen des Flugzeugs öffneten, tauchte ich bereits in den Geschmack ihrer Vorkommnisse; alle Sinne sperrten sich auf für dieses opulente, niemals gesättigte Land, das so tief wie kein anderes in Körper, Mental und Seele einzudringen vermag: alles, was zwischen Kap Kanyakumari und den Höhen des Himalajas geboren und alles, was zwischen der Steppe Rajasthans und den nassen Wäldern Manipurs triumphierend ins Dogma des Daseins erhoben wurde, aller Duft und Fäulnis und Gärung und Schweiß, all die Millionen Gebete und traumverwobenen Hoffnungen, Frust und Freude von Milliarden Menschen und all ihre Pisse, Krätze und offenen Wunden, all ihre gütlich-goldene Himmelsstürmerei, wilde Askese und tauber Hedonismus, das Ineinander von Stoff und Geist, Ab- und Inkehr, Markt und Magie, alles – dieses Welten-tausenderlei an Gott und Gift lag verdichtet in den Molekülen von Wärme und Luft, und mit dem ersten Atemzug indischer Nacht stieg ihr ewiges Versprechen in mir auf, immer nur das zu sein, was sie nicht ändern kann.
Nachdem mein Rucksack wieder auf meinem Rücken saß und ich Riaz zwischen den vielen Wartenden entdeckt hatte, nahm ich ihn, dessen Haare die letzten acht Monate ungeschnitten blieben, stellvertretend für Millionen Hektar indischer Erde in die Arme und überreichte ihm mein einziges Mitbringsel: einen bleichen, halberloschenen Dichter von hellblauem Ruhm.

Mit den Jahren habe ich gelernt, stets die gleichen Antworten zu geben, wenn ich über Indien befragt werde, und warum ich lieber hier lebe als irgendwo sonst.
Ich sage: dass Indien die komplette Skala des welt- und menschenmöglichen aufzubieten hat, dass man sich hier ständig zwischen jenen ambivalenten Polen bewegt, die unser Leben bestimmen – Hölle und Friede, Tier und Gott –, und dass sich auf dieser geballten Ladung Stein, der wie ein zufällig vitalisiertes Urelement durch die Hinfälligkeit des Universums treibt, kein vergleichbarer Ort finden lässt.
Ich sage: man lerne, dass allen Verschiedenheiten eine Sache zugrunde liegt, die sich entweder mit Wille, Schicksal oder Bewusstsein umschreiben lässt.
Ich sage: dass Indien ein Mikrokosmos ist, in dem sich alles in der Welt vorhandene – sei es physisch, sozial, religiös, geistig oder göttlich – offenbart.
Ich sage: dass man sich in Indien vor dem, was die Welt ist, nicht verstecken kann. Ich sage, es ist der wahrste und somit grausamste und herrlichste Ort dieses Planeten.

Wenn ich durch einige Essays oder Manuskripte gehe, die ich über Indien schrieb, dann steht dort:
„Dieses Land erfindet sich unaufhörlich, entwirft sich, ver- und unerdet: es zerstört das, was aufzubauen es sich vorgenommen hat, noch während des Zusammenfügens seiner Teile, noch im Gerbprozess seiner Strukturen. Es sind schwere, leuchtende, rasselnde Wehen, die dieses Land austrägt. Nie habe ich das Gefühl, etwas „Ganzem“ zu begegnen – man schludert durch dieses ungestaltete, aggregatslose, gerade so hingeschmierte Land und begegnet immer nur dieser einen Wahrheit, die die Wahrheit der Welt und aller lebendig geschaffenen Dinge ist: Impermanenz.“
Ich schrieb, „hier spürt man die Wirkungen, die Bewegungen und Remanifestationen der Weltentriebe auf eine ungedämpfte, direkte Art – man ist unweigerlich Teil dessen, was innen und außen ins Leben tritt und hernach bewirkt, dass sich die einmal zur Ordnung zusammengesponnenen Prozesse in ihren nur scheinbaren Widersacher, das Chaos auflösen.“
Indien bezeuge eine grandiose „Gewissheit aller Liebe über dem glücklich-auftreibenden Abgrund“, und am Ende eines Kalkutta-Essays schrieb ich einst einen einfachen Satz, der als Sinnbild für die ganze indische Nation herhalten darf:
„Am Abend wird es die Stadt sein, die über alles gesiegt hat.“

Ich zog Hose, Socken, Schuhe und Longsleeve aus und packte sie in den Rucksack; befreit stieg ich in den Wagen und wollte mich anschnallen. Riaz schaute mich an, legte seine breite und schwere Hand mit väterlicher Geste auf meine, und fragte: „What in gods name are you doing, Dennis?“ Ich hielt inne. Lies den Gurt los, der mit einem schnellen Geräusch in seine alte Position zurückfiel, und wusste nicht, ob ich vor Erleichterung lachen oder vor Beklemmung heulen sollte.
Er startete den Wagen, schob eine Kassette ein und steuerte den kleinen Indica auf die selbst um Mitternacht gut belebte Straße. Meine erste Bidi seit Monaten: ich kurbelte das Fenster runter, streckte meine nackten Füße hinaus und blies den blauen Rauch in eine dicke, vor Verlangen glühende Nacht.
Chennai.
Die bekannten Lichter.
Der von einer ewigen Stille getragene Lärm.
Das sinnlose Tagvergessen der an den Straßenrändern Schlafenden.
Das Gerade, Ungerade, Gehetzte, Geruhsame, die letzten erhellten Geschäfte und Dabas, in die jene einkehren, deren wahres Obdach einzig die Nacht und das Nimmerrmehr ist; dann hinaus aus der Stadt, Palmen, Banjans, angedeutetes Licht: wir halten für Chai und gleiten weiter Richtung Süden, das Meer zu unserer linken, blau in die Wärme des Mondes gebettet. Obwohl wir viel reden, sind wir beide in die schweigende Betrachtung des Landes versunken und tauschen unsere Gedanken mit den Träumen der vorbeirauschenden Bilder.
Fast 9 Monate war ich Indien fern, die den größten Teil der letzten acht Jahre mein Zuhause war. 9 Monate. Und es bedarf nur einer halben Stunde, um ihre Macht wieder in mir wirken zu sehen. Jede alte Verhärtung, jede auch nur als dumpfe Angst identifizierte Empfindung von Körper und Gedanke löst sich, entknotet, und ergießt sich in die gleichmäßige Ökonomie einer wiedererwachten Seele. Aller fürwahr oder zuwider erlebte Schmerz der letzten Monate, alle Krank- und Dunkelheit, alle verfinsterten Himmel mitsamt ihren Geschwüren von Kälte und Grau-in-Grau, das zu Schwarzacker und Dunkelerde konjugierte Blauland, alle Sorgen um Geld und Wasweißichnichtalles, ja selbst der Verlust einer weiteren Liebe wirkte nun wie ein bösartiger Traum, an dem man sich allzu lange Unwohl tat. Deutschland, Berlin, überfrierende Nässe, Entgeldangleichung, Randerbleichung, ein weiteres, in dunkle Ahnung geflüstertes „ich liebe dich nicht.“ – war das real, war das wirklich das Leben, das ich führe, war das jemals deutlich gewesen?

Gegenwartspflicht: innen eine neue, altbekannte Welt, und außen die Tränen. Was genau ist die Kraft dieses Landes, was tut es, durch was wird es bewegt, wohin treibt es sich zu, warum bin ich immer wieder hier?
Der Fremd-Herbeireisende zitiert Indien als „land of dreams and romance, of fabulous wealth and fabulous poverty (Mark Twain)“, das indische Auge sieht mit den Worten Pavan Varma´s: „What is visible is as much a part of the truth as what remains unseen.” Aber was mir – von der regelgerechten mystischen Willkür, die die kausalen Vor- und Abgänge aller Ereignisse bedingt und voraussetzt, einmal abgesehen – als erstes in den Sinn kommt: Indien ist vor allem eine Furchtlosigkeit, sie schämt sich nicht. Kot, Krüppel und Kampf sind ihre Alliterationen nebst Geist, Geysir, Gott; sie beinhaltet alle erfahrbaren Realitäten und wird nicht müde auch jene Grausam- und Überherrlichkeiten aufzuzählen, die sich an anderen Orten und in der Erde anderer Kontinente vor den Urteilen des Menschengeschlechts versteckt halten. Indien ist ein umfassendes Prinzip der Entstehung und Zerstörung – mitten im großen Spiel des Dahintreibenden und in dem durch unbestimmte Kraft heraufbeschworenen Meeresrauschen gerät man jederzeit in Tiefe oder Gicht, wie um zu lernen, was man mal-hier mal-da zu sein vermag, wie um zu erfahren, was sich in allen Gestaltungen nicht ausschließen lässt.
Die große Bedingung, das ist nur dieses eine: sein gesamtes Wesen auszuhalten lernen, weder am Mensch- noch am Göttlichsein zugrunde gehen, sich einem geradezu sentimentalen Nichts ebenso breitbrüstig entgegenzustellen wie der kaum zu ertragenden Kraft unsagbarer Gnade.
Indien sind wir so gleichgültig wie der Staub, der seit Jahrmilllionen die Linien und Kanten ihrer sich auf- und abbauenden Formationen zeichnet, und gleichzeitig stellt sie uns in den Mittelpunkt aller Erfahrung, von dem aus wir die gesamte Schöpfung überblicken und alle bewußt entworfene Welt als unser eigen betrachten, eine sich bis in alle Ewigkeit wiederholende Apotheose von Sein und Sein-Werden. In der absoluten Erfahrung spielt der Mensch keine Rolle, denn der Kosmos kennt keine Dauer in seinen Erscheinungen, nur das Leben an sich dauert an. Wir verbringen unsere kleine Zeit auf einem Planeten, der mit unseren menschlichen Bedürfnissen nichts zu schaffen hat, und suchen Beheimatung in den vergänglichen Bildern unserer Vorstellungen. In der relativen Erfahrung jedoch zählt jeder Schritt, jedes in-die-Welt-Greifende und jeder pulsbare Atemzug durch unsere nie ablassende Erde. Unser Empfinden, unser So-Sein, unser Bewusstsein ist verantwortlich für alles, und das ist die große Lehre dieses Landes – die Welt, die uns nichts angeht, existiert nur für uns.

Was der Inder nun im Allgemeinen annimmt ist nichts anderes als die Worte Pessoas, „die Realität als eine Form der Illusion und die Illusion als eine Form der Realität.“ Dies ist keine intellektualisierte Überzeugung, kein gewünschtes Empfinden: es ist die seit Jahrtausenden gewonnene Einsicht in die Natur von Ding und Verdinglichung, die sich derart tief in Zelle und Geist Indiens gegraben hat, dass das ganze Land aus diesem Wissen gespeist wird und unentwegt davon singt wie ein Sufi, der alles erlebt und betanzt hat.
…aber man schreibt wieder und schreibt, ohne voran zu kommen. Das, was Indien eigentlich ist, lässt sich nicht formulieren anhand der Gesetze von Schrift und Sprache. Keine Dialektik ist scharf genug, kein Satz ist echt, kein Buchstabe wahr. Der Dichter, der stets damit beschäftigt ist, eine unsagbare, weil paradoxe Realität mit den Worten seines kulturellen Mentals zu umkreisen und zu umkreisen, findet in allen Manifestationen lediglich Juxtapositionen und Anpassungen, für die es außerhalb unserer Sinnesformationen keinerlei Entsprechung gibt. Diese Kette von Wort um Wort, sie führt zu keinem Ziel, sondern schließt sich zu einem Kreis, um immer wieder von neuem zu beginnen.
Aber was tut das Wort, wenn es versagt, wenn es nicht ankommt? Es probiert erneut und katapultiert sich auf einen neuen Orbit, um weiterhin über dem Phänomen schweben zu dürfen – die Nähe allein, sie fühlt sich schon fast nach irgendeiner Wahrheit an …
Aber das Sein entzieht sich dem Haben, und auch die Inder ergehen sich in immer neuen Geschichten, reihen Bibliothek an Bibliothek – der Kanon all jener Versuche reicht von der Metaphysik der Veden bis zu der Weisheit der Upanishaden, der Poesie der Gita und dem märchenhaften Heldentum der großen indischen Epen, dem Mahabharata und Ramayana – wahre Kolosse epischer Dichtung – bis zu den Ghasel-Gesängen und lyrischen Werken zigtausender Rishis und Dichter, Mystiker und Allerweltler. Helle Luftströme von Mimese und Allegorie kreisen seit tausenden Jahren um das Epizentrum Indiens, das sich aus dem einfachen Grund nicht im Denken und Weitsichten einfangen lässt, da es als Voraussetzung allen Seins unendlich ist: tausende Seiten von Klang und Höhe weisen auf diese Eine Erfahrung, in deren Licht sich die Zuständigkeit der Sprache verflüchtigt wie ein Tropfen Wasser unter tropischer Sonne. Indien, die Mutter der Welt, bleibt eine unbekannt Liebende im Wasser der vorbeifließenden Erscheinungen.

Drei Stunden fahren wir. Als wir bei Riaz zuhause ankommen und er den Motor des tapferen Autos ausstellt, ist die Stille sonderbar vollständig; für eine Sekunde schweigen die Vögel und Krähen, für einige Momente liegen die Blätter der Palmen still in der tauen Luft. Im Garten spanne ich mir ein Moskitonetz auf und falle, noch eng begleitet von Wille und Welt, in einen oberflächlichen Schlaf. Als ich nur wenige Stunden später aufwache, weil es zu warm und zu hell ist, liege ich als wiederum Träumender auf der Bühne ewiger Träume. Hier und Jetzt werde ich, wie Millionen Male zuvor, ein neues Leben beginnen. So ist es, und vielleicht ist es gut so: das weiche Blau des Himmels zittert unter dem Feuer der Sonne: Gas und Bewusstsein. Die Welt bewegt sich wie auf Schienen in diese wahnsinnige Nachmittagsstunde, in der die rote Erde liebevoll in den späten Himmel glüht; eine hinter den Horizont fallende Sonne wirft einen letzten Rhythmus fliehenden Lichts in den Tag, Zauber des Abends, des Weiter-Werdens, der Nacht – und der steil in eine neue Unkenntlichkeit aufsteigende Mond erzählt von den anderen Leben, die möglich waren und werden.
Wenn ich nicht gefragt werde, so weiß ich, was das Land ist. Wenn ich jedoch gefragt werde, wenn ich es plötzlich fassen muss, so weiß ich um keine Antwort. Tag und Nacht, diesseitig fern und jenseitig nah, fangen mich ab, und unvermittelt geraten die Welten zu Gestaltungen ewig ungestalteter Kräfte.
Das Unaussprechliche ist echt – aber das Wort kennt es nicht.

Sachin Babaji Travels

15. April 2010

For weeks, bevisioned, he kept on talking about the bus. How nice it was, all new, air-conditioned, big non-plastic seats, going from Pondy to Chennai without a stop. Volvo, a European bus – with a large European digital display running across the front window. A real bus, as he puts it.
Now that we are rolling smoothly out of Pondy´s busstand, he stands up and proclaims that the AC is not working, even though it does. Velu is Indian after all, and as an Indian he would run the AC exclusively on full blast, creating his own dream of a Switzerland-kind-of-climate which is being promoted by hundreds of Bollywood movies to be the best air on our very good mother earth.
So yes, there are certain cosmic laws:
- Zimbabwe won´t ever win a gold medal at the Winter Olympics.
- Whatever is your task in life, it will come back to you until you do it.
- Everybody tells you that Homer was a great poet, but not a single person has ever read his works.
- Souls don’t reincarnate, dough does.
- A caterpillar has to move all of his legs in one direction; otherwise, imagine!
- When Chuck Norris does push-ups, he is not pushing himself up. He is pushing the earth down.
- The skies colour is Mu.
Additionally, there are certain human conditions: Westerners want to be taint, Indians want to be fair-skinned. Westerners want warmth and the sun, Indians long for goddamn Warsaw winters. Thus, in an Indian summer, as you walk in and out of shops, Volvo buses and restaurants, you constantly walk back and forth from a cloudy-skied Zurich November day and a devastating local reality of 38° extra humid fuck-up.

Along with me and Velu are Sumit and Jigme. The four of us are heading to Chennai´s Chepauk Stadium, where the Chennai Super Kings are hosting the Mumbai Indians in their second IPL showdown this year. A friend of mine, a cricketer for the state Team of Tamil Nadu, swiftly organized 4 tickets in the fully sold out stadium. We were in! Since weeks we are waiting for this day to come, meeting up for dinner to talk about it over and over again. 45.000 frantic Indian cricket fans plus us in a madman-packed, electrified stadium– it was going to be the party of the year.
The Volvo hits the ECR. Velu adjusts the stream of cool air flowing down from the ceiling to cascade right at the centre of his face. Cold and satisfied, he relaxes into a sound sleep.
5 minutes later, in the back of the bus, a fight erupts. I couldn’t care less. Little quarrels with the common shouts, slaps and punches are going on all the time and are as much a part of the Indian social behaviour as are spitting, yelling, and the public easing of testicular irritations. Indians start over a silly argument, get physical for 5 minutes while they insult and bounce around each other. Then, as immediate as they started, they stop. Just like that. Just like nothing had happened at all.
I keep on reading my magazine ( the Indian army developed tear-gas like hand-grenades which carry the powder of the hottest chillies available; some state minister being courtcased once again for murder and rioting, etc.) while the guys in the back are slapping each others airconditioned faces; the bus stops. A police officer is called for help (note the paradox!), and I can see the fat man approaching the bus. His cell phone tucked to his left ear, he balances a bottle of Pepsi and a plate of Samosa in his right hand. His pace is rather slow, uninspired, his moustache neatly trimmed, the uniform spotless except for some darker spots which could be paan, blood, or both. He mouthfully sights when he enters the vehicles; the crowd falls silent.
Chewing on his Samosa, he stands next to the heavy red-eyed bus driver, who is probably still drunk from last night, and faces the back of the bus.
“Nothing is there, “ shouts the man who was just a second ago all over the other guys face, “nothing is there. Fine fine, Sir. All is no problem.”
Without a word, the officer leaves the bus and we continue. For the next 2 hours, there is not a single noise from the back. Once I turn around to check them out. Like angels – little, happy Indian Bodhisattvas – they sit side on side in what appears to be a serene meditation.

We take a rickshaw to Vikram´s place in Kottur. He greets us with Whiskey and Rum, our choice. The others decline politely. But I am in the mood.
I thought we would just pick up our tickets at Vikrams place, but of course that would have been way too easy – another hardcore, unchangeable Indian rule: even the smallest tasks – obtaining a train ticket, get a birth certificate, an appointment at any given office or have someone telling you the truth – proofs a nightmare to be undertaken. Vikram informs us that we have to go to the Park Sheraldon Hotel, just 10 minutes away, get the tickets there and then, just a ten minutes ride, hop on a local train to the cricket stadium. Yeah right, I think, and prepare myself to overcome a dozen obstacles before seeing Dhoni and Sachin fighting it out on the field. So I drink to gain strength and comfort. We hang around for a while talking about cricket, the neighbourhood, Sri Aurobindo and chicks. The liquor settles in. I start blabbering. It is hot, we sweat in the rather comfortable apartment, I check the time. 5 pm, the game tarts at 8. All right, I say. Let’s move.

It is only when I have to walk again that I realized the full effect of the dark Whiskey on a bright, heat-soaked afternoon. I get dizzy, but that’s not the problem. The problem is that after I will finish the little bottle of whiskey that I brought from Vikram´s place, there will be no further supply of alcohol (to sell beer at an Indian cricket match would have the same effect as delivering atomic weapons to Dschingis Khan). And as the grandfather of my best friend bluntly told us when we were 14 years old: to be half drunk is nothing but a waste of money.
The rickshaw ride to the Park Sheraldon proofs to be funny, for whatever reasons, and just about 10 minutes long. After all, there might be some hope that the tickets are really waiting for us.
We face tight security. Players and staff of both Mumbai and Chennai Teams are residing in the 5 Star Hotel, hundreds of fans and reporters are squading in and outside the Hotel. Our bags are screened, our bodies searched. We enter the lobby, cool as a misty Geneva morning, breath, pray, and proceed to the reception.
Instantly, given the luxurious and posh environment, I become self-conscious about my looks. I feel outcasted. Given the drunk, raged-down Auroville dirt road guy that I represent, all unfashionable in his only dirty shorts, his dust- and wounds infected feet and old Basketball Shirt, I feel entirely misplaced.
Since the tickets are being reserved to Vikram, who is not with us, we will have to send Velu to the front war line, being the only Tamil among us. Jigme and Sumit are from the north of India and rather fair-skinned, and nobody would believe that my name is Vikram Mani born in Chinnamuladiachavadi. But I accompany Velu for support and reliability – after all, there is nothing as powerful to many Indian clerks as some good piece of white flesh, even if it looks like shit.
I pull a prayer.
We are greeted.
Velu asks for the tickets.
I grin.
The reception manager is friendly, soft-spoken, and soon back with an envelope. Our envelope. Our tickets. We are in! I keep grinning.
“Sir, can I please see your ID for identification?” he asks Velu.
Alright, I think, what the fuck!
Velu, an honest man, shakes his head in disagreement.
“Sir,” the manager declares, “I cant give you the tickets unless I have proof that you are Mr. Vikram.”
I step in. As soon as I open my mouth, I become conscious of the intense fragrance of Royal Stag Whiskey that leaves my mouth just to hit the poor manager’s friendly face. According to his position, he maintains an open smile which, ridiculously, seems to be completely honest. He´s beaming at me.
I don’t bother and give him the truth. That Mr. Vikram is at home with a broken leg and he can´t come in person. I offer my German ID Card and it works. He agrees, copies my passport and hands out the envelope.
I am happy. Velu is happy. We open the envelope and I pull out three tickets. I search the goddamn envelope, nothing, the bitch is empty. Inshallah, i think, here we go again.
I turn to the manager and inquire about another envelope since one ticket is obviously gone missing. He searches and finds nothing, I call Vikram who promises to call me back soon. Meanwhile, we lounge. The players start to leave the hotel, and interestingly they pass the lobby according to their income, status and fame. The substitute players comes first, than Bravo, Dhawan, Pollard, Harbhajan and one of my heroes from the last T20 World Cup, the Sri Lankan Malinga, one of the most terrific bowlers; they flow through the lobby and enter the waiting bus.
Vikram calls. Someone will come and bring one more ticket. Just five minutes, he says, and his friend Suresh shall arrive, just five minutes.
I thank him, pray, and hang up. “Just 5 minutes” is India´s most common expression and has nothing to do with neither time nor space. The phrase is like Nirvana – an empty space that lacks all that is human. It is something like god – a variable for something completely unknown. If you tell someone to please wait five minutes, what you are actually saying is that you have no fucking idea of what will happen, but something will happen, eventually, somehow, or maybe not, in some place, anywhere – let it be 5 minutes, five hours, or never.

Screams disturb my train of thought. Women cover their face in excitement, the crowd barks. India knows only 2 kind of heroes, Bollywood actors and cricket players, and the best batsman of all time, the messiah of the religion that is cricket, the master-blaster and lifetime hero of billions of people, the one man that every Indian recognizes and adores, the number one symbol of the nation is just now standing 2 meters away from me, Sachin Tendulkar, more myth than man.
I use the momentum and yell at him.
“Sachin Babaji, you are the fuckin´man, man!” The shy looking, little man walks off with no signs of appreciation and gets swallowed by the waiting bus. The Hotel Bar, I reckon, must be bloody expansive, but I am still gonna go for a whiskey. Sachin Babaji totally ignored me. Now i am not in the mood for drinking any more, but in the need.
But having seen my heroes from television live and in person, dressed in their shiny fancy jerseys, I realize a very simple truth. The only different between them, the stars, and me, the common man, lies in the rather pathetic field of hygiene: they have just showered, I didn’t. They are all fresh and clean, I am wasted and stinky. They smell like soap, I smell like a bus stand. They put styling gel in their expensive hair, I have none. Simple is that.
One hour later, we still wait. I spent my last money on drinks to fight the freezing 5 star AC. The Chennai team passes by, Hayden, Hussey, Raina, Vijay and Dhoni the Man; we still wait. The Hometown team leaves to the stadium, we stay in the fucking Hotel.
Then, like a miracle, Suresh walks in, greets us, apologises for the delay, and hands us one extra ticket. I check. Three tickets are for Block 5, one is for Block 7. The hell with it! We all gonna get into one block, all of us, and if it costs me my life!

We take another rickshaw to the nearest train station and embark on a heavily overcrowded local train. 100% male. Jigme and Velu can´t fight their way in and surf the train, holding on to arms and limbs of other people who are themselves rather outside the wagon. It´s beautiful that Indian trains don’t come with doors. Sumit and I wrestle for a place under other peoples sweaty armpits inside the claustrophobic compartment and keep an eye on our friends, whether or not they fall of the train.
We all survive 4 stations and leave the train with almost all the other travellers – a loaded Mob approaches the stadium to cheer and worship their gladiators. Each step you take draws you closer into the magnified realm of the stadium, an aura of explicit wilderness.
Horns, shouts, heatstrokes, songs, drums, stampedes, too many people for too little space. We buy flags and storm the gate of our Block, rampaging along hundreds of other guys who all want to enter the one-man-gap in the wall at the same time.
One poor bastard has to fight off a frantic crowd and check their tickets. Luckily, he proofs no hindrance. We all enter the same block without a problem, climb up the stairs to the second floor and enter, hearts raging with blood, the coliseum.

The pulse of a nation. Bright floodlights enlighten a scene of incomparable intensity. There are no words to describe the thick, power-packed flow of sensations that are descending upon us – right there, in front of us, lays a green archaic battlefield surrounded by almost 50.000 dancing and screaming people, mad to the bone.
I love it. I stand in awe, shivering. I can´t breath nor speak. I meet the happy faces of my friends, who, according to the demand of the occasion, are already way beyond their minds too. The world is all right and there is nothing to add to it. Death, I ponder, must be like this.
Everyone greets me, the only white-ass around, with wet hugs, well wishes and dances. It is half an hour before the game starts, Sachin Babaji enters the stadium and warms up, the crowd goes entirely berserk. Not a single spectator sits down.
Sivamani, one of India´s most famous drummers, starts his marching just 10 meters away from our spot, an endless line of loudspeakers accelerate the beats around the roaring stadium, blasting them in trillions of cells, molecules, protons – everyone is connected by noise.
After 2 minutes, I am soaked to my underwear with sweat and excitement, the heat of the people create a sauna-like experience in which I happily drawn.
“See,” Sumit informs me, “no one comes really because of cricket. They all just want to party, dance crazily, harass the western cheerleaders and be on television.”
I look around me, seeing thousands of thrilled faces. I watch the Chennai team enter the stadium while I dance frenetically on my chair. Some birds circle over the green and are the only signs of a still existing world outside the stadium. I blend in, completely, this moment is real. I indulge, indulge…

The western soul differs from the soul of an Indian. Each of us, inevitably, shares the collective and subconscious knowledge of our ancestors and the place on earth they inhabited. A Tradition. A unique set of thought, soul-revelation and consciousness.
I have been living in India for many years and always remained, to a certain extend, a visitor. I made it my home, but it still is, somewhere within, a foreign country that can not be conquered by the soul of an outsider. I have travelled all the major parts of the country, on foot and on cycle, on my motorbike, buses, planes and trains. I have been living in deserts, the Himalayas, jungles and beaches. I was poor and I was rich, I lived with the homeless and the urban jungle Bohemians, with Chai-Wallahs and acclaimed artists. I made love to Indian women and drank from their softened skin, their earth-coloured tales and myths. I learned how to eat with my hand and to shit in public. I have been learning a new language, I learned to sleep on the floor and wait 9 hours for a bus that is finally not arriving. I ve learned the true meaning of love and the divine purpose of hate, I was sick to death and healthy as hell, I have been depressed and enlightened. I can recall each company Shah Rukh Khan ever advertised for, I can eat the dirtiest food without falling sick, but my stomach gets fucked up whenever I return to the west. I learned to accept life in any circumstances, to worship god as well as the devil as part of the cosmic reality where nothing happens accidentally. I learned how to fight and to ease. I meet the fool and the wise, the ugly and the beauty, the violent and peaceful. I have been at my best and I have been at my worst. I have seen people killed and I have seen babies being born, I shared my happiness with this holy land and trenched its soil with my tears.
I have been living as an Indian without being one. But here and now, on a baking Chennai evening, after all these years of encounters and travels, here in a concrete cricket stadium full of ten thousands lovely lunatics, here it happens: I feel part of them for the very first time; undoubtly, we, the people, are one. Today, face to face with Sachin Babaji, I have become Indian.

Viele Farben Schwarz

7. Mai 2009

Darf ich es sagen? Dass Kolkata ( ehemals Kalkutta) „funktioniert“? Dass es hier unverwüstliches Leben gibt, zwanzigmillionenfach, und dass die Stadt, die sich immerzu nach ihrem eigenen Zerfall zu sehnen scheint, seismografisch das Insgesamt der menschlichen Erlebnisspanne aufgezeichnet, unaufhaltsam, magmatisch, und voller Selbstbewusstsein durch jedes Aggregat, durch jeden nur einigermaßen erdenklichen Zustand geht wie eine geläuterte und wohlgesonnene Verklärung, die nichts mehr zu befürchten hat?
Ein Haufen Scheiße, wie Gott ihn fallen lies, schrieb Günther Grass über dieses Projekt Stadt, das Unheil- und Flüchtlingsgestrafter kaum sein könnte. Naipaul kam zu der Erkenntnis, Kolkata sei eine „Abscheulichkeit“, und selbst ihr ehemaliger Governeur nannte sie „den übelsten Ort der Welt.“
Fast könnte man es glauben. Ein in schwarzfahl getünchtes Szenario, ranzig die Luft, die Häuser, die Menschen, selbst der Dreck ist schmutziger als anderswo; überall vergeht es, steigt es woanders hin, geht es unerbärmlich über, seufzt, ächzt, stöhnt, kriecht, klebt und schwitzt es: alles ist bereits eingenommen von einem Anblick, den das menschliche Auge nicht verdient hat. Überall sitzen sie zu Dutzenden, Hunderten, gramgebückt und geduckt und eingekärchert, leben und schlafenessenscheißen auf derselben Stelle; alle Gebeutelt-Abgewrackten, die Verätzten, die Krüppel, Kaputten, Zahn- und Körperteillosen, die vielfach Untergeschichteten, sie alle hocken und vegetieren in dieser tollwütig brütenden Stadt, deren Dampf und Gehöll (39 Grad, 90% Luftfeuchtigkeit) gegen Mittag Menschen aus dem Leben reißt – sie kollabieren ein letztes Mal, herzzittern, klappen zusammen, tot, einfach so, und werden verbrannt am darauf folgenden Tag – bereits zu Ausgehärtetem geworden – um sich als weiterer Rauch in den Dunst aus Tabak, Abgas, Kohlenstaub und Lärm zu mischen, der sich wie ein Leichentuch über den Baracken der Stadt hält.
Die Straßen gelöchert, aufgerissen (man harkt mit einer Rikshaw nach), eine katastrophale Infrastruktur, frühindustrielle Maschinerie, deren vibrierende Gewalt sich in den Knochen fortträgt (man horcht nach weniger Stimmen), das Wasser vergiftet und die Medizin verseucht, das Essen fettig, alt und krank, der Tee zuckern und braun. Augen staubbenetzt, die Ohren verstopft, Nasenlöcher schwarz und rau.
Baulichkeiten vergehen, Kolkata frisst sich durch. Kobaldfarben, aschegraufarben, blutsonnenfarben (Mittag), der Ruß der Neuzeit schlägt seine Zähne in alle Wände und nochverbleibende Steine, sie zerfällt: als sei das Vergangene nicht dazu geschaffen worden, es bis in die Gegenwart zu schaffen.
Kolkata, Buckelnde, Siechende, in articolo mostio. Elend, oh Elend – und aus dem Radio Liebeslieder und Tanz. Leben, was für ein Leben – mit einem Lächeln auf den aufgeplatzten Lippen.

Überleben, Leben, Resistenz, Lachen.
Überleben: Das Kolkata Chromosom.
Nirgendwo scheint das innere Licht stärker durch all die Dunkelheit, die es umgibt. Die Stadt ist ein gewaltiges Dennoch, ein unbändiges Dasein zum Trotz. Eine heilige Sequenz, anästhesiert, ein Traum unter Träumenden und Hoffenden, gefesselt von Sehnsucht, Zuversicht und Charme, liiert mit den Chiffren allzeitlicher Lebensbeteiligung, die sich überall in Sprache, in Stenografie umsetzen:
Dichtverwinkeltes Licht, Schicksal, Gelblichtgestöber, Frans, Mut, Schöpfung, Rausch, Gunst, Eiter, Stoik; eine Stadt voller Anbetung und Baul, Poesie und Vergessenheit.
Es ist nun mal so: Kolkata – und es ist recht einfach, es zu übersehen – ist eine der schönsten Städte der Welt. Die architektonische Wirklichkeit, die sich abseits der lärmenden Straßen oder gerade in ihnen finden lässt, rührt an einer ewigen Sehnsucht zur Schönheit. Kaum glaubt man, es sei ein und dieselbe Stadt, die beides hervorgebracht hat: eine glanzvolle Ästhetik einerseits, klassizistisch-kolonial und voller Ereignis, und die zeitgenössisch obsessive Betonbilligkeit andererseits, abschreckend einfallslos in den Himmel wuchernd. Eine unter dem Armageddon begrabene Idylle ist über die ganze Stadt verteilt, eine geheimnisvolle Vergangenheit hält sich hinter der Verbollwerkung des Heute: man hebt den Blick zu Rundbogen und Stuck, zu Mughulandeutung und blauem Glas, zu verzierten Holzfenstern (ihrerseits brettverschlagen), zeitreichem Stein und winzigen Balkonen, die von insomnischen Märchen handeln. Hier formt sich Kolkata. Hier ist sie, dornröschenschlafend, eine Heilige ohne Namen.

Oft hat man sie eine zerfallende, eine sterbende Stadt genannt. Aber sie hält sich, noch, dennoch, und neues Leben zieht unentwegt in die alten herrschaftlichen Häuser, die von den Menschen aufgegeben wurden. Schwerlich findet sich ein besseres Bild der Hoffnung: die Ruinen sind übersät mit Strauch und Busch, auf den brachliegenden Mauern wurzeln Bäume, an dem zur Erde zugeknöcherten Stein wachsen Banyans und tragen täglich neuen Wind zwischen den Zweigen. Nähme man die Menschen und ihr Werk aus dieser Stadt, in 20 Jahren wäre sie ein Dschungel. Früher oder später wird sich hier der Kreis der Natur schließen, und schon längst lässt sich allerorts ablesen was an Buchstabe über dem Hinfortgerotteten steht, wenn die Ära des Menschen ihren Abschluss gefunden haben wird:
A wie Urgrün, Z wie Salz.

A.J.C. Bose Road, Vivekananda Road, College Road, M.G. Road:
Nur einen Steinwurf abseits dieser überfüllten und lärmenden Straßen, in denen es sich kaum atmen lässt, sitzt das Herz Kolkatas.
Miniaturbelassen – gerade am Abend, wenn das schüchterne Licht nur andeutet, dass die Welt wirklich und wirklich da ist – zeigt sich hier Liebe und Größe wie nirgendwo sonst in der Stadt.
Stundenlang läst sich durch kleine Gänge und hinterhofidyllische Szenen laufen, kleine Gassenmeditationen, herzgerecht und rein. Unzählige Heiligtümer befinden sich in den Passagen und Schlupfwinkeln, die sich auf keiner Landkarte wiederfinden lassen, und plötzlich ist die Luft angereichert mit Zimt und Jasmin, Holz und Zitronen; das gelbe Straßenlicht, elektrisch, zeichnet Unwirklichkeiten: in seinem stummen Kegel bleibt immer etwas Dunkel und Geheimnisvoll, die Menschen bewegen sich langsamer und sitzen über ihrer kleinen Arbeit – buchbinden, löten, nähen, kochen – als hätten sie nie etwas anderes getan und sich nie fortbewegt von dem Platz, den der Abend für sie geschaffen hat.
Stein und Licht, wie die verschiedenen Zeiten, aus denen sie bestehen, fließen ineinander. Eine Metamorphose, die kaum einen weiteren Gedanken hervorruft. Die Stille genügt sich, die Gegenwart vollkommen gefüllt. Kein Popanz, keine Affektivität und kein Tamtam auf diesen schwarzgelben Bühnen der Vergänglichkeit. Hier kommt es an. Hier sieht es das Auge.
Das Glück oder Unglück eines Menschen bleibt von außen nicht zu erkennen, und niemand weiß um das genaue Schicksal des anderen. Was aber durchaus greifbar ist, ist der Stolz, den die Menschen hier auf den Gesichtern tragen, der Anmut, mit dem sie in ihre kerzenlichtknappe Räumlichkeiten verschwinden, die Zufriedenheit, die als gläserner Funke im Flussbett ihrer wasservollen Augen liegt.

Kolkata ist eine besondere Farbe, vielgeschichtet. Nicht nur nachts erwacht ihr wahres Gesicht in den Scheinwerfern der Straßenlampen. Ihre beste Stunde schlägt wenn das Getöse, das nimmersatte Wirrwarr des Sonnentages in den Abend eingeht, sich das weltendurchwandernde Dämmerungslicht durch den Ring aus Smog und Dunst beißt.
Wenn z.B. eine der Fähren am Babughat ablegt und die letzten Tageslichter den Hooghly (ein Seitenarm der Ganga) berühren, geht die Stadt über in ihre kraftgelbe Stunde. Die angestrengte Luft zerfällt in kleinste Goldpartikel, die sich wie nebliger Regen vor die hereinbrechende Dunkelheit setzen; ein versöhnliches Licht.
Jeder scheint zu spüren, dass dieser sanfte Zauber einer Läuterung gleicht, jedem steht plötzlich die Stirn offen: dass es geschafft ist, ein Tag, eine Dauer, eine Lebensstrecke, eine Gewalt; und dass es weitergeht, nunmehr geschehen, über die kurze Farbenbrücke in die schwarze Sehnsucht des Abends, der Nacht, in der sich die Asche abermals über den Köpfen senkt. Dort wird jeder wieder am Bau seiner eigenen Geschichte spinnen und sich führen lassen von den monströsen Schicksalen dieses Ortes, aber die gelbe Stunde, das Sternhagelgold (nur 15 Minuten kurz), dies gehört jedem und vereint die 20 Millionen Seelen, die sich in dieser unaufhaltsamen Stadt um ein Leben bemühen.

Kolkata, das sind befleckte Lieder. Nuancen der Neuzeit. Kolkata ist himmelsweiter Duft: Slum, Pisse, Räucherwerk, Früchte, Hitze, Gärung, Blumen und Tod; es riecht nach Gelb und nach Orange, nach grauschwarz und Blei, nach Mutterliebe und Torf.
Just relax. Drive smooth and steady. Diese Verkehrsaufforderung der hiesigen Polizei haben die Einwohner auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, und es herrscht eine Lässigkeit und Geruhsamkeit, die sogar auf die Tierwelt übergeht: an keinem anderen Ort in Indien sind die Straßenhunde so zutraulich und entspannt wie hier in dieser Stadt, die es jeden Tag aufs neue bewerkstelligt, nicht unterzugehen.
Taxifahrer schlafen nachts auf den Kofferräumen ihrer Autos. Jeden Tag geht das Herz des Rikshaw-Pullers und pumpt Blut, wieder und wieder, das Organische besiegt den Ruß. Eine Stadt sitzt jeden Morgen auf den Bürgersteigen beisammen und seift sich die schwüle Begegnung mit einer Nacht von den Körpern, die einer einzigen großen Metapher gleicht:
Kolkata, ewig Wiedergeborene, mit einer abermals vergewisserten Liebe zum Leben. Der neue Tag bringt Licht und Schatten. Am Abend wird es die Stadt sein, die über alles gesiegt hat.

creatio ex nihilo

22. Dezember 2008

Eine Reise durch Indien ist eine Reise in die Ungleichzeitigkeit. Nicht nur, dass hier anscheinend mehrere Zeitalter, Völker, Sprachen und Zivilisationen auf- und ineinader leben, nicht nur, das auf allen Straßen Ochsenkarren und Luxuskarossen gleichermaßen anzutreffen sind, nicht nur die grotesk-bizarren Unterschiede in Besitz, Bildung und geistiger Beschaffenheit, nicht die direkte Nachbarschaft von Mittelaltermilieu und marmorgewetzter Hochmoderne: zugleich existiert ein den Subkontinent umfassendes Prinzip der Enststehung und Zerstörung, das an keinem anderen Ort der Welt so omnipräsent ist wie in Indien, wie im Inder selbst.

Dieses Land erfindet sich unaufhörlich, entwirft sich, ver- und unerdet: es zerstört das, was aufzubauen es sich vorgenommen hat, noch während des Zusammenfügens seiner Teile, noch im Gerbprozess seiner Strukturen.
Es sind schwere, leuchtende, rasselnde Wehen, die dieses Land austrägt. Nie habe ich das Gefühl, etwas „Ganzem“ zu begegnen – man schludert durch dieses ungestaltete, aggregatslose, gerade so hingeschmierte Land und begegnet immer nur dieser einen Wahrheit, die die Wahrheit der Welt und aller lebendig geschaffenen Dinge ist:
Impermanenz. Das Aufblitzen von, das Untergehen von. Nirgends beginnt, nirgends endet es. Ein einziger Wille, der Wille zum Leben, der das Absterben des Jetztigen zu Gunsten des Kommenden voraussetzt, dessen Lebensanlass und Dasein die eigene Auslöschung bereits in sich trägt wie jede Frucht ihren abermaligen Kern.

Die indische Dreifaltigkeit, repräsentiert durch die Formen Brahman, Vishnu und Shiva: Entstehung, Erhaltung, Zerstörung. Gibt es noch andere Wahrheiten in dieser Welt, die nicht erst durch uns Menschen geschaffen worden und somit nur unsere Wahrheiten sind?
Vergänglichkeit und Umbruch sind allgegenwärtig, Tod und Umstürzung spürbar intensiver – was zur Folge hat, dass das Leben selbst ein Plus an Erlebbarkeit, ein pulsierenderes Gewahrsein in einer Gegenwart beherbergt, die einzigartig und immer, da unabänderlich, „richtig“ ist im Sinne eines vorgegebenen Vorhandenseins.
Alles ist Rausch dionysischer Art, alles liegt darin offen und verzehrbereit. Herzeigene Farbgewalten, das Nachdenklichsein unter Palmen und Sonne; Naturgewalten, die das Antlitz der Erde verwüsten, die zeigen, das der Körper hier fremd ist und hoffnungslos unterworfen; die Gelassenheit durch Akzeptanz; der Lebenmut der Inder, die Weisheit, die Gewalttätigkeit im Sozialen, aber auch in Opfer und Demut; die niemals zu überwindende Veranlassung zum Chaos; eine ozeanische Bekenntnis zu allem Aufkeimenden, Verblühenden; die kontemplative Gewissheit aller Liebe über dem glücklich-auftreibenden Abgrund.

Nochmal: hier spürt man die Wirkungen, die Bewegungen und Remanifestationen der Weltentriebe auf eine ungedämpfte, direkte Art. Unbeschönigt. Wirklich. Weich wie hart, gesättigt wie hungrig.
Das ist, was der Europäer tat: er milderte, bequemte, sterilisierte, tötete jenes Auf-und Abflammen, was nicht in seinen Kosmos des Erleben-Wollens passen sollte, zwang alle Daseinskräfte in kühle Rechenarten des Denkens – und wälzte so alles Lebendige zu Boden, schuf es ebenerdig, niedrig; und, das schlimmste Missgeschick: ausgewogen, gleich.
Dieser Zustand widerspricht der Natur. In ihr ist die Ausgewogenheit ein weder-gut noch weder-böse, es ist eine Geburt und ein Absterben, ein Handeln und Seinlassen, ein kreieren und vernichten, es ist Schönheit, Eleganz, Ästhetik, Wahrhaftigkeit– und gleichzeitig grausam, unberechenbar, hässlich und gewalttätig. Und letztendlich so zufällig wie die Erde, wie das Leben selbst.

Und Indien lebt ihren ureigenen Mystizismus! Die Augen aller noch so Gequälten, noch so Gebeutelten und Misshandelten sprechen davon, legen es offen: dass es diesem (fügen wir ruhig noch einige Adjektive hinzu… ) ungeraden, überquellenden, verbollwerkten, wahrlos übereinandergestapelten und oftmals in den Ecken liegengelassenen Land nicht an einer einzigartigen Einsicht mangelt, eine regelrechte mystische Willkür, um deretwillen sich dies monströse Leben schlechterdings aushalten lässt: diese Erkenntnis wiederum ist nichts anderes als eine seit Jahrtausenden gepflegte Einsicht in die empirischen, ordnenden und disharmonisierenden Lebensabläufe.
Millionen Tempel säumen dieses gleichsam göttliche wie barbarische Land, in welchen diesen wandelnden und verwandelbaren Lebensenergien gehuldigt und gedacht wird, Tag für Tag, Morgen für Morgen, in Form von dieser oder jener Gottheit.
Insgesamt ist der undurchdringsam scheinende indische Götterpantheon nichts anderes als die Darstellung aller kosmischer und irdischer Kräfte, Triebe, Energien, Zustände, Beschaffenheiten. Sowohl inner- wie außermenschlich.
Alles, was ist und zu werden vermag, hat seinen Platz; und, sehr wichtig, sein Symbol (freilich in Form der jeweiligen Götter)! Niemals kommt es zur Verwechslung zwischen einer Kraft und ihrer Abbildung. Das Hinweisende, das haben die polytheistischen den monotheistischen Religionen voraus, wird niemals selbst zum Gegenstand der Verehrung und Anbetung.

Indien, eine ständige Verrückung, wohin? Ein diskontinuierliches Ereignisgeschehen, um Worte Rousseau´s anzuführen: das ist der Weltenlauf.
Nun wollen wir als Menschen vor allen Dingen eines: beheimatet sein.
Wir sollen, um unsere Angst vor dem eigenen Verschwinden zu beruhigen, bitteschön vorhanden sein und noch irgendwo in unseren individuellen Vergänglichkeiten gemeint und gebraucht werden von einer Welt, die den Menschen nicht um des Menschen willen erschaffen, sondern vielmehr zufällig gefunden hat.
Unsere Menschlichkeit aber verlangt, dass wir sein müssen, irgendwo.
Doch diese Welt lässt keine Heimat, kein finales Ankommen zu – zumindest keines, was noch die Verkleidung menschlicher Regung und Erregung über seiner Erkenntnis trüge.
Wir suchen, ohne finden zu können. Werden somit zu der „vergeblichen Leidenschaft“, von der Sartre sprach, und retten uns in allerlei hingemenschelte Illusionen: Religion, Metaphysik, Kultur, Gesellschaft, Liebe, Familie, Askese.
Aber nein, unser Platz hängt feste im Sein und Nicht-Sein gleichermassen.
Wir stecken mittendrin im grossen Spiele und Dahintreibenden, im Wogen des Bereitgestellten, Unabänderlichen, und fassen in diesem urgewaltig waltenden Meeresrauschen nach Tiefe und Gischt, wo immer unsere Atome, Moleküle, Zellen und Neuronengeflechte nach Gewissheit zu streben veranlagt sind, nach Feuer, nach Flamme und Kohlenstaub, nach Aschenlicht.
Die Yogis gehen auf Distanz. Darüber hinaus. Und die Dichter mitten hinein.
Dass wir alles sind und nichts, auch das ist lebbar, ist sogar das einzig lebbare Sein; dass wir ständig neu werden müssen, gestaltet aus Erde, verzaubert von Luft, verbrannt vom Himmel, von Diaspora zu Diaspora – es bleibt unsere einzige Chance auf dieses Stückweit Wahrheit, nach welchem wir sonst mit den unzulänglichen Methoden unseres Körpers, unserer Sinne und Verstandesfunktionen greifen.

Die – für die menschlichen Bedürfnisse –, nutzlose, sinnentleerte und in ihrem inhärenten Kreislauf sich ewig fortformulierende Welt existiert hier – obwohl ich bezweifle, dass dies auch nur für die allerwenigsten Inder gilt – als rein ästhetisches Phänomen und kann auch nur so zu unserem wahren Glücke entpolarisiert werden. Dies wäre das Erlebbare: werde, der du bist. (Nietzsche)
Bzw.: werde, was du nicht ändern kannst. Lebe, liebe dein Schicksal. Nur darin lässt sich jener feine Grad von Wahrhaftigkeit verwirklichen, zu deren stillen und weltgeläuterten Wassern der Mensch mittels Leib, Vernunft und Seele zu suchen sich von jeher entschlossen hat.
Gehe auf. Sei. Geh dahin. Und sei erneut.
Dies anzunehmen kostet. Für Nietzsche selbst war es die Aufgabe seines von Zarathustra verkündeten Übermenschen, dieser grausamen Tatsache ins offene Auge zu blicken und schlechterdings nicht daran zugrunde zu gehen. Jasagen zum jeweiligen Scheine und Erscheinen der Bedingungen, und darinnen: Ertragendes, Welttragendes werden, ein Erscheinungsbrocken in einer Welt, die dich nicht braucht, eine zwieträchtige Einheit, Tragisches, Hohes, Einmündendes, Loslassendes – Vollkommendes.
Kein Grund, an irgendwas zu verzweifeln – das Dasein allein ist ein Wunder, und dass wir niemals wissen können, warum es überhaupt etwas gibt, ist ein noch größeres! Dass es ein Land wie Indien geben kann, einen indischen Nebel aus Licht und Duft und abertausender Übergebärden, mit uns darinnen: wer könnte wahrhaft behaupten, er wisse, wie und warum …

Und was folgt: den ganzen Tag schallt Tempelmusik durchs Dorf, bereitet auf Feste vor, oder: will einfach nur lärmen. Kinder springen durch Pfützen, tanzen, laufen blind in den anrauschenden Verkehr.
Ein alter Mann, hohlwangig, in Hocke, die Haut wie Rindenblatt, die Glieder wie morsches Holz, beturbant, die Augen glasig und tief, tief – sitzt den ganzen Tag vor dem Haus seines Sohnes und schaut kurz auf, wenn ich an ihm vorbeikomme. Das ist alles.
Der Strom ist aus seit Tagen, heftiger Regen und Wind haben Bäume gefällt, Leitungen gekappt. Auf dem Markt sitzen sie im Schein einer Kerze, wenn sie denn noch eine besitzen, sitzen den ganzen Tag über ihren 7 Sachen und sind. Alles modert, schimmelt, muffelt, vergeht. Nichts behält diese Welt, nichts ist wirklich ihrs.
Nebenan entzündet der Kaufmann einen ganzen Bündel Räucherwerk und segnet in Rauchzirkeln die Kasse, die Ware, den Boden, das Mobiltelefon, das blumenbehangene Bild des Vaters, des Großvaters, die Heiligenbilder, seine Mitarbeiter und einen Haufen zerfetzer Säcke. Möge es dienen, nutzen haben, solange es existiert.
Indien ist ein wunderbarer Platz zum leben und sterben.

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