Homo Habilis, frame two

8. Januar 2010

Fettabsaugung, Dialyse, Prostata: mit neuem Schwung ins alte Leben. Prost…

Homo Habilis, frame one

8. Januar 2010

Neu bei www.ElitePartner.de: Wolfgang Klöppel, Kennwort: Harnausgang

Berlin, Ausflug ins Wattenmeer. Der einige Tage zuvor gefallene Schnee steht noch immer, ist mittlerweile nass geworden und durchsichtig, saugt sich in die Schuhe. Es regnet leicht, wahrscheinlich aus Süden. Wind flaut nicht ab. Keine Menschen auf der Straße. Darunter: ab und zu Eis.
Als befände sich mein Herz am Ausgang meines rechten Ohres, verkleinert, aber mit derselben Schlag- und Leistungskraft, pumpt es einen anhaltenden Strahlungsschmerz in jede Ecke meines Gehirns, beatgenau; selbst in jenen Schläfenlappen, in den die schöneren Erinnerungen feste Axone bebildet haben, stur und zäh – und weiter, immer weiter in den Schädelknochen, die Kopfhaut, Epithele, Ribosomen. Der Körper ein hämmernder, vibrierender Kosmos gehärteten Lichts. Aber warum eigentlich nicht? Und keine Menschen auf der Straße, keine weiteren Stimmen…
Ich setze meinen Weg fort, ganz in der Nähe sollte es sein, allein der Name scheint wenig verheißungsvoll: Scharnhorststraße. Was für ein beschissener Name. Ein schlechtes Omen unter einem kaum verwirklichten Tag, bedacht von einem Permanentgrau, wie es nur der Osten, dem anscheinend alles egal ist, zustande bringen kann. Noch vor diesem Himmel, in dem sogar die Farben enden, scheint es endgültig aus zu sein mit der bekannten Welt.
Bundesamtgebäude, umzäunte Ministerien ohne Klingel, endlose Vorgärten, lange leere Häuser, scheinbar unbewohnt, dazwischen Baustelle oder einfach nur nichts. Ich laufe und es hört nicht auf. Hausnummer 33a, gefolgt von 33b und 33c. Zwei Minuten Marsch. 33d. Auf der anderen Straßenseite hängt nach langer Durststrecke ein großes schwarzes Schild an einer unverputzten Hauswand. „Cafe am Ende der Welt.“ Und darunter, in kleiner, schnörkelloser Schrift: „Cappuccino, Mokka, Tee.“
Ich gehe weiter. Eine Polizeistreife bleibt das einzige Auto, was mir in den folgenden Minuten entgegen kommt, dann sehe ich das kleine rote Kreuz auf weißem Untergrund, auf das ich so lange gewartet habe, Hausnummer 13, zwei leere Bierflaschen stehen direkt vor dem Eingang zum Bunderwehrkrankenhaus, der Pförtner liest in der BZ, ich trete ein, ein riesiger Teppich empfängt mich, „Meine Stadt, mein Krankenhaus“, dazwischen das Bunderwehrwappen; ich finde zur Notaufnahme. Drei Schilder hängen im Gang: Anmeldung, Untersuchung, Kaffeeautomat. Überall Flaggen und Poster. Ein Oberst. Ordenträger. Ich stelle mich an und klammer mich an den Briefumschlag. Es ist alles, was ich dabei habe.
Der Dame am Schalter übergebe ich meine Papiere aus der Charite, die mich hierher geschickt haben, da in ihren Räumen keine Betten mehr frei sind. Bunderwehrkrankenhaus! Noch immer weiß ich nicht, ob ich mich fürchten soll oder nicht, umkehren oder bleiben.

Alle Untersuchungen, die ich Stunden zuvor schon ein Mal über mich habe ergehen lassen, werden hier, trotz meiner unaufhörlichen Einwände, wiederholt. Zum erneuten Hörtest betrete ich die schallgeschützte Kabine, man reicht mir den Kopfhörer; bevor es los geht schlummer ich ein. Seit eineinhalb Tagen nicht mehr geschlafen. Mein Körper gibt auf, knallt gegen die Wand. Als die Ärztin mich aufweckt und ankeift, habe ich bereits Fieber, schwitze kalt, friere.
Der Hörtest ist eine Katastrophe, ich wartete draußen, schlafe erneut ein. Schließlich bringt man mich auf die HNO-Station, um mich zu operieren. Fortgeschrittene Mittel- und Innenohrentzündung mit kompletten Hörverlust rechts, man wolle mir mein Trommelfell aufschneiden, damit die Infektion abfliesen könne. Es sei die einzige Möglichkeit, mich vor der vollständigen Taubheit oder Schlimmerem zu bewahren. Bundeswehrkrankenhaus also. Ich entschließe mich, zu bleiben.
„Sie können das unter Vollnarkose machen oder mit Lokalanästhesie, dann könnte es aber etwas wehtun. Nehmen sie irgendwelche Drogen, Kokain?“
„Äh, nun. Nein.“
Der Arzt fährt fort. „Bei der lokalen Anästhesie wird ihr Ohr mit Kokain betäubt.“
Ist es ein Traum, schweißfiebere ich, oder hat das der Onkel Doktor gerade wirklich gesagt? „Sie können es sich aussuchen, welche Narkose sie wollen, so oder so wird es eine kurze Operation.“
Er faltet die Hände vor der Brust und wartet. Ich überlege kurz.
„Kokain. Die lokale Betäubung wird reichen.“
Er lächelt, nimmt die Hände auseinander, sagt: gut. Und schon steigt mir die Angst in die Knochen.

Einige Spritzen, nachdem man in meinem Ohr herumgesaugt hat. Kurz warten.
Dann lustig: obwohl das Ohr taub und gefühllos ist, denkt man, es blähe sich auf und werde drei Mal so groß. Man hat mich gewarnt, dass es schmerzhaft werden könnte, aber das wurde es nicht – nur sehr unangenehm. Trotz aller Narkose spürt man die kalte, leicht raue Klinge, die in zwei langsamen und vorsichtigen Handwerkszügen das Trommelfell aufschlitzt. Man spürt das Geräusch, das der Schnitt macht, überall im Körper. Scharf auf stumpf. Mitten in deinem Ohr. Jetzt bloß nicht bewegen. Nicht husten, nur das nicht, jetzt bloß nicht rumhusten.
Vorbei, ich zittere, komme auf Station, endlich steht da ein Bett, ich bin vollgepumpt mit Drogen und Antibiotika, es scheint nun alles gut zu werden, der Bundeswehr sei Dank. In meiner alten Wohnung stehen meine Rucksäcke, gepackt, eigentlich wollte ich heute in Hessen sein, nun liege ich schwitzend vor Schüttelfrost unter der weißen Krankenbettdecke und fühle die schweigende Decke mir zuschweben. Hinter den zugezogenen Vorhängen ahne ich immer noch das kalte, ziellose, schwersitzende Berlin, das ebenfalls mit sich selbst hadert und wahrscheinlich schon in seine Dunkelheit übergegangen ist. Vier oder fünf Tage soll ich mindestens hier bleiben, über die Weihnachtsfeiertage. Es gibt wahrlich schlimmeres, flüstere ich dem Nachtschränkchen zu. Menschen zum Beispiel, die unter einem verdammten Zählzwang leiden oder keine Niere mehr haben, kein Bein, oder in Bangladesh geboren sind. Milchallergien und Asylanträge. Menschen ohne Musikgeschmack. Der Verteidigungsminister, Akutes Lungenödem. Mit 70 Jahren feststellen, dass man sein Leben nicht gelebt hat, oder, nach Benn: nicht im Sommer sterben, wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.
Der Fernseher funktioniert. Doku über Heesters, ein Mann, der mit 106 Jahren noch rumschreit wie ein zwanzigjähriger und seine junge Geliebte „Poppy“ ruft, liebevoll, wie der Kommentator behauptet. Dann Augen, die zufallen, verschwommenes Bewusstsein, das hingeht, neue Veneninfusion Cortison, Antibiotika, NaCL, die Nadel ungünstig im Ellenbogen, man habe keine bessere Vene gefunden, wenn es sich infiziert, soll ich bescheid sagen.
Schlaf, noch bevor jemand das Licht ausknipst, dumpf und lang; und im Traum eine lange Landschaft, abgerundet und weiß wie Schnee. Wie ein stillgelegtes Tier, das sich und die Welt schon hinter sich hat, frei und allein.

Weihnachten 2009. Ich werde geweckt. Links und rechts des Bettes eine Schwester. Ich solle mich aus dem Bett machen, Bettzeugs würde nu gewechselt. Jetzt sofort? Wissen die Damen denn nicht, dass jungen Männern nachts Blut in ihren wichtigsten Schwellkörper steigt, dem Lebenserhaltungsmittelpunkt überhaupt? Ich druckse rum. Versuche, ein Gespräch aufzubauen. Wie Weihnachten bisher gelaufen sei? Ob man denn bis abends arbeiten müsse? Kinder? Geschieden? Als mein Ständer abgesunken ist, steige ich aus dem Bett uns gehe zum Fenster, während die Damen mein Bett machen und sich über Bettzeugs unterhalten. Ich ziehe den Vorhang auf, draußen ist es noch dunkel. Hinter einigen kahlen hohen Bäumen blitzen die Lichter eines anderen Gebäudes auf, ebenso lang und hoch, und der Morgen scheint überall luftleer zu sein, ein symmetrisches Vakuum von stechender Dunkelheit. Ich lehne meine Stirn gegen die Scheibe, die Scheibe ist kalt, die Kälte beruhigt. Nur noch ein leises Brummen im Ohr, Hunger, und etwas schwach auf den Beinen. Ich falte die Hände hinter dem Rücken, die Infusionsnadel drückt sich mir in den Arm. Dann erscheint in kleinen Perlen, winzigen Archipelen, mein Atem auf der Glasscheibe. Wie ein Zauber, denke ich, das Leben, die Luft. Kondensierungen. Von Form zu Form, anhaltende Kräfte. Und Übergänge. Und Wiederholungen.
Im Bett gegenüber schlüpft ein Gesicht aus der Bettdecke und schaut mich an.
„Was haste?“ fragt er.
„Ohrscheiße“, antworte ich. „Und selbst?“
„Steißbeinfistel, schon rausgeschnitten. Zivil oder Bund?“
„Zivil“, sage ich und finde, es hört sich lächerlich an. Damit ist unser Gespräch aufs erste beendet, ich gehe aufs Klo; der Abfluss der Toilette ist so eng, dass selbst meine Pisse Schwierigkeiten hat, da durch zu kommen. Wenn ich einmal kräftig meinen Kuchen da rein setze, denke ich, ist das Ding tagelang verstopft. Als ich wieder im Zimmer stehe ist mein Bett neu bezogen und die Schwestern sind verschwunden. Ich muss inhalieren, nasensprayen, trinke Krankenhauskaffee. Eugen selbst, mein einziger Genosse im Vierbettzimmer, ist Soldat. Fallschirm-jäger. Hat sich im August die Schulter bei einer Landung gebrochen und nun eine 7cm lange Narbe am Arsch, die er drei Mal am Tag mühsam reinigen muss. Eugen ist ein wahrer Bundeswehrhühne, etwas jünger als ich, mit einem aufgeweckten slawischen Bübchengesicht, rund und gesund, das seltsamerweise zu dem massiven, bodygebuildeten Körper passt, der ihn gerade so im Stich lässt. Der Leib, so sage ich ihm, als er sich an seiner Narbe herumfummelt und dabei flucht, ist nur eine kleine Einheit bei Wasser und Brot, mehr nicht. Er nickt. Sagt: ja. Ich zeige ihm meinen bunten und angeschwollenen linken Knöchel.
„Besoffen“, sage ich. „Hab nen Kumpel an der Friedrichstraße aus der Hocke auf die Schultern genommen, er hat einige von der Decke baumelnde Weihnachts-pakete abgerissen, die wir unbedingt haben wollten, weiß der Himmel warum! Dann bin ich eingeknickt.“
Er reckt seinen Daumen und lacht. Woher?, frage ich. Kasachstan, antwortet er, greift in eine Schublade und schenkt mir eine Tafel Schokolade. Ob das ein guter alter Brauch ist?
Die Schwester kommt wieder, es gibt Frühstück, ich solle meinen Nachtschrank aufräumen, ein bisschen Ordnung müsse schon sein, schnauft sie, obwohl ja Zimmer Vier schon immer als chaotisch bekannt sei. Ich gelobe Besserung. War halt nicht bei der Bundeswehr, musste nichts falten oder wegräumen. Immerhin lacht sie nun, wie sie mir mein Antibiotika anklemmt, und verabschiedet sich. Ich nehme mein Buch aus der Schublade, Zur Genealogie der Moral:
„Der Mensch, der sich, aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen , eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriß, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wundstoßende Tier, das man „zähmen“ will, dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelt Gefangene wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Mit ihm aber war die größte und unheimlichte Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich.“

Meine Drogenrationen liegen in einem länglichen blauen Plastikpacken, wie ihn auch meine Oma täglich benutzt. Mit kleinen Fächern für Morgens, Mittags, Abends und Nachts. Weiße und rosa Pillen. ATA steht auf den rosanen, sieht aus wie Extasy. Oder träume ich das schon wieder. Jedenfalls, der Eiter fließt gut durch das geöffnete Trommelfell, mein Kissen ist eingesaut von dutzenden dunkelgelben Flecken, das Zeug krustet am Ohr. Trotzdem muss ich zum Aussaugen. Da ist noch einiges drin, sagt der Arzt, und beginnt, abzupumpen. Der Kerl sieht so sehr nach Doktor aus, das man glauben könne, er sei nur gecastet worden. Zurück im Zimmer klagt Eugen über seine Schmerzen, der Körper, sagt er, sei wirklich ungeeignet.
„Genau wie der Geist“ ergänze ich, „der ja nur eine Erweiterung des Körpers, eine Verlängerung der Sinne ist. Alles, was gewöhnlich im Geist herrscht, wird vom Körper gespeist. Das sind plumpe Instinkte und tierphysiologisches, eben nur in einer anderen Form.“
Wieder nickt er.
„Dann stirbt auch der Geist, wenn der Körper stirbt.“
„Ja“, sage ich, als sei das mir völlig einleuchtend. „Der Geist ist Körper.“
„Und die Seele?“
„Was soll das denn sein, eine Seele?“
Eugen überlegt. Kurz schließt er seine runden, tief liegenden Augen, als müsse er sich auf die Suche konzentrieren. „Die Seele ist das, was bleibt, das Innerste des Menschen, etwas Unauslöschbares, mit dem man geboren wird.“
Klingt wie auswendig gelernt. Klingt wie aus einem Hollywood Film. Irgendjemand hat sich das wohl mal ausgedacht, um ne Menge Kohle zu verdienen, und wurde sehr erfolgreich.
„Ich glaube, das ist ein frommer und eigentlich nicht besonders durchdachter Gedanke, auf den man sich aus lauter Verzweiflung geeinigt hat, genau wie ein Gott. Anattavada, sagen die Buddhisten, Nicht-Seele. Wir sind sterblich und wollen das nicht einsehen, unser unabwendbares Ableben ist uns kein willkommener Gedanke. Die Wahrheit gefällt uns nicht, sie wirkt nicht für uns. Und komischerweise halten wir das für einen Skandal! Und darum erfinden wir uns die Liebe und die Religion, tausend Götter und eine luftphantasme Freiheit. Wir wollen nicht sterben, weil es alles so flüchtig und fahl erscheinen lässt, und schon erfindet man sich ein Jenseits, einen Himmel, ein Leben und sogar ein Leben nach dem Tod. In dieser Ewigkeit haben wir dann plötzlich all das, was wir auf Erden vermissen, Frieden, andauernde Glückseligkeit, Unsterblichkeit, ein Ziel, Dauer. Also all das, was sich so schön anhört, aber leider nicht ist. Dieser Wunsch nach Seele ist genauso absurd und kindisch, wie er nun mal menschlich ist.“
Eine Schwester kommt, steckt mir einen Beutel an, Eugen bekommt Besuch von einigen Kumpels. Er sagt, er kann das Essen hier nicht essen, und seine Freunde bringen ihm laufend Futter von außerhalb. Sie alle sprechen Kasachstanisch, obwohl sie alle so aussehen, als seinen sie Polen. Vielleicht sind alle Polen, die man so auf der Straße sieht, in Wahrheit aus Kasachtan. Eine verwirrende Sprache: einer seiner Freunde, ein Riese von fast zwei Metern und einem Nacken, der so dick ist wie manchermanns Oberschenkel, spricht fantastisch melodisch und tief, und wüsste ich es nicht besser, ich würde wetten, es sei Französisch. Seine Freundin hingegen bringt nur den kalten, abgehackten und wenig zarten russischen Sonor über die fast ebenfalls wasserstoffblondierten Lippen, während ein anderer Kerl seine Sätze wie ein Bayer keltert, der um drei Uhr morgens das Oktoberfest in einem Polizeibus verlässt. Spricht man sie an, wechseln sie augenblicklich in ein akzentfreies Deutsch, jeder von ihnen. Erstaunlich.
Ich nehme den Infusionsständer an die Hand und laufe den Flur auf und ab, eine der Rollen klemmt, ständig stockt das verdammte Ding, draußen fließen neblige Konturen über den schwindenden Tag, vage dunkle Fetzen an einer weißen geschlossenen Wand, dahinter schon der weite Antritt der Dämmerung von unbestimmter Kraft, vielleicht sogar Desinteresse, wer weiß. Ich bleibe am Fenster, die Topfpflanzen sind in Geschenktüten gepackt worden; meine Oberschenkel pressen sich gegen die warme Heizung, eine halbe Stunde: das Weiß ist gelöscht, tief sitzt die Dunkelheit. Am Horizont reißt die dichte Wolkendecke noch einmal auf und zeigt einen glühenden Schlitz, der das Schwarz der Wolken mit einer goldenen Patina belegt. Für einige Minuten brennt noch einmal diese bereits lahm gelegte Welt, steigt mit sich in die Höhe, schenkt sich ihr Licht. Dann ist es aus. Nur noch die roten Signallichter einiger Baukräne strahlen in den Abend. Irgendwo las ich, dass bald die Tage wieder länger werden sollen. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ein Patient in einem roten Pyjama kommt den Flur entlang, ich sage, Guten Abend, und er antwortet, Danke. Vielleicht werden die Tage bald länger werden.

N24, Dokus, Evolution des Fliegens, St. Pauls Church, Braunbären, die Verbotene Stadt. Eine daumendickgeschminkte Schwester überreicht ein Geschenk, frohe Weihnachten, flötet sie, ihr billiges Parfüm verbreitet sich im Raum, Eugen misslingt ein Lächeln. Er reißt das Fenster auf und schmeißt sein Geschenk ungeöffnet in den Schrank. Legt sich hin. Isst hier nichts und nimmt keine Geschenke an, denkt sich Seelenentwürfe aus – ein guter Soldat.
Lebkuchen, Schokolade, ein Porzellanweihnachtsschlitten bestäubt von billigen Glitter, der an den Händen kleben bleibt. Schlimmer geht’s nicht. Jetzt kann ich auch HIV oder Leukämie haben, Hepatitis, Eugens beschissene Arschfistel, stören würde es mich nicht mehr. Ich rolle zur Seite und entschließe mich, zu schlafen.
Abends kommen Eugens Eltern, er ein dicker, gutmütiger Bär, sie eine dicke, gemütliche Bärin mit ewigem Lächeln. Umarmungen, Küsse. Ich werde zum Abendessen eingeladen, zu viert sitzen wir um den Tisch und erzählen uns Geschichten, es gibt Hähnchen, Pommes und einen Kasachstanischen Salat, Kartoffel Zwiebeln Mayonnaise, darüber geraspelten Rotkohl. Es schmeckt hervorragend. Vater knallt ein Flasche Wodka auf den Tisch, Mutter lacht, und es geht los. Eugen zwinkert mir zu. Na´sdrowje.
Später, als die Eltern laut forttorkeln, öffnen wir eine weitere Flasche (in einem russischen Haushalt gibt immer irgendwo noch eine weitere Flache, sagt Eugen) und spielen Poker. Eugen gewinnt, ich aber geh kotzen, der Infusionsschlauch baumelt gegen die Klobrille, wenn es losgeht; im ersten Moment finde ich das witzig. Jetzt noch Gürtelrose, denke ich, oder Hodenkrebs. Das wär´s dann.
Der Wodka zerstört mein Blut, ich kann es sich aufspalten fühlen. Es ist fast nackt, kochsalzverdünnt, cortisont, und durch das trübe Weiß schaut man bis in die Leere, die den Großteil aller Atome ausmacht. So viel Dinge, luminöses Material, und im Grunde ist es nichts. Die Kacheln des Badezimmers sind kalt, meine Stirn senkt sich zur Wand, die Kälte beruhigt. Ich stemme mich auf und schleiche ins Bett, lösche das Licht. Weihnachten geht seinem Ende zu. Der Heilige Geist, was auch immer, erschienen ist er nicht.

Mitten in der Nacht packe in meine Infusionen, der Schädel brummt, so das Ohr: Ein dunkler und leerer Flur. Ich laufe. Fahre mit dem Fahrstuhl auf die verschiedenen Stockwerke, durchlaufe die verlassenen Flure und Gänge, ein Schnarchen irgendwo, das war´s, spärliches Licht. Die Türen öffnen sich automatisch, oder man muss eine dieser riesigen Türöffnungstasten bedienen, die Wege scheinen endlos, sie sind schön. Die Stille beruhigt, genießt sich. So könnte eine Wirklichkeit aussehen. Eine zweite Art Luft liegt zwischen den verschlossenen Zimmertüren, es ist nicht kalt. Jetzt wiedergeboren werden, denke ich, reinkarniert: als Mittelmeerzufluss, oder sich setzender Staub. Als Gedanke an Salz, als Achatstruktur. Oder als das leise Geräusch bei der Entstehung von Haut.
Gerne hätte ich jetzt Zigaretten. Keiner würde mich stören. Alles wäre gut. Eine Fahrstuhltür öffnet sich, heraus tritt eine Schwester. Sie sieht mich und bleibt im Fahrstuhl stehen. Was ich hier mache? Warum ich nur eine Unterhose anhabe? Ob ich hier Patient sei?
„Zivil“, sage ich. Und finde, es hört sich von mal zu mal besser an.
Sie bringt mich zurück auf meine Station, informiert die zuständige Nachtschwester. Als ich schon wieder im Bett liege und mir noch eben ein paar Gedanken zur ewigen Seelenwanderschaft notiere, platzt sie herein, dies sei ein Krankenhaus, nicht mein privates Badezimmer. Ich verstehe. Nicke, decke mich zu, nehm eine Tablette. Rosa.
Warum ich keine Hose angezogen hätte?
Ich hatte einen Pulli an, antworte ich.
Warum keine Hose?
Ich hab nur die eine Jeans dabei. Die krieg ich immer so schwer an.
Nächstes Mal machen sie sich die Mühe.
OK.
Gute Nacht. Sie haben nicht etwa getrunken?
Natürlich nicht.
Dann fällt die Tür zu, Stille kehrt zurück, die Nacht drängt an Fenster, ich kippe es leicht. Auch auf dieser Seite stehen Baukräne feste in der Nacht und bauen an einem Berlin, das sich stets von sich selbst entfernt und niemals wirklich ankommen wird, egal, wo es sich sucht. Auf dem Balkon sehe ich die Plastiktüte, in denen Eugens Bärenmutter die Überreste des Hähnchens verpackt hat. Ich ziehe mir den Pulli über, drücke die Klinge. Etwas weiter links sehe ich einen anderen Patienten auf dem Balkon, er raucht. Als er mich sieht winkt er mir zu. Ich winke zurück. Mit der Hähnchenkeule. Es schmeckt noch immer vorzüglich.

Ich werde geweckt, links und rechts des Bettes eine Schwester, ob man denn nicht wisse, sage ich, dass selbst einem kariesgeplagten Fast-Krüppel von 30 Jahren, der nicht laufen kann und auf einem Ohr taub ist, nachts noch das Blut in den Schwanz steigt? Man dreht sich weg. Ich zwänge mich in die scheiß Jeans.
Pillen, dann kalter Venenstoff! NaCL gegen die weiße Pille, die das Blut klumpt, Antibiotika gegen die Bakterien, die meine Hörsinne auffressen, rosa gegen die Magenkatastrophe, die das Antibiotika verursacht, und immer so weiter. Bald brauch ich Tabletten gegen all die Tabletten. Nichts heilt, alles macht etwas anderes kaputt. Übergänge. Kreisläufe. Und niemals ein Ziel.
Da ist ein schwarzes Haar in meinem Pillenkasten, sage ich. Die Schwester nimmt es weg.
„Das mit der Seele“, beginnt Eugen, als wir allein sind, „warum leben wir dann? Warum sind wir alle unterschiedlich?“
„Du meinst, es muss einen Grund haben, dass es uns gibt?“
„Natürlich.“
„Voltaire schrieb einmal in seinem Candide, die Nase sei wohl nur geschaffen worden, weil sie perfekt ist, um eine Brille zu halten.“
„Lustig. Das erklärt aber noch nichts.“
„Stimmt. Aber er weißt auch nur darauf hin, dass alle Wahrheiten und Überzeugungen immer nur unsere eigenen sind. Was kann ich von einer Seele wissen? Oder du? Oder irgend jemand?
„Es gibt Weise Menschen, Philosophen.“
„Ja. Und die sind auch alle gestorben. Übergänge, sonst nichts.“
Ich stehe auf, gehe aufs Badezimmer und verstopfe das Klo. Stochere so lange mit der Klobürste im Becken, bis es abfließt. Dann säubere ich die Bürste, dusche, putze die Zähne, inspiziere mein Ohr. Der abartige Schmerz ist vorbei. Das reicht, denke ich, um fürs erste zufrieden zu sein, und ich bin sauber.
Die Schwester kommt, klemmt mich an einen Schlauch, kalte Flüssigkeit tröpfelt in die Vene, ich schalte den Fernseher an. Eugen bekommt Besuch, wir pokern. Durch die wenige Bewegung fängt mein geschwollener Fuß an zu schmerzen und ich denke, wenn ich schon hier rum liegen muss, kann ich meine Verletzung ja auch gleich mal abklären lassen. Ich drücke den roten Knopf, der die Schwester herbeiruft; eine, die nicht nach schlechtem Parfüm stinkt. Ich ziehe den Socken aus und zeige ihr meinen lädierten Fuß.
„Was ist das? Wie lange haben sie das schon?“
„Genau eine Woche.“
„Und sie waren nicht beim Arzt?“
„Ich konnte noch ganz gut laufen.“
„Und das haben sie jetzt davon. Der muss geröntgt werden.“
Eugen nickt der Schwester zu als wolle er sagen, ja, so ist das. Ich mag ihn immer mehr. Wir sollten bald anfangen, um richtiges Geld zu spielen.
Das Laufen wird mir verboten: jetzt ist es ihre Verantwortung, die der Schwestern und des Hauses. Man besorgt mir einen Rollstuhl, schiebt mich auf die Röntgenstation und dann zur Notaufnahme, wo ich eine Stützschiene bekomme, die ich für die nächsten 4 Wochen tragen muss. Heparininjektion, Thrombosestrümpfe. Dieselben, die Eugen auch hat, nur zwei Nummern kleiner. Wir steigen in unsere Strapsen und schießen ein Foto mit seinem Handy. Eugen lädt das Bild sofort hoch, anschließend spielen wir eine Runde, noch immer ohne Geld.
Ich gewinne. Dafür muss Eugen raus und uns Kaffee schnorren. Er macht das vorzüglich, die Plörre wirkt homöopathisch: über unserem Spieltisch schlafe ich ein und wache erst auf, als wieder irgendein Essen kommt.

Das Fernsehen spricht vom Fest der Liebe. Oder: der Besinnlichkeit. Ich aber lerne anderes Vokabular: Muskelansatzschmerz, Kreuzblut, Spriv (Super-Privatpatient), Schmerzskala (1 bis 10), Parazentese. Seit ich die verdammten Thrombosestrümpfe trage, schmerzt mir mein ganzer Fuß, und ich schwitze in den Vollbeinsocken.
„Ich habe im Internet nachgeschaut. Das Wort Seele hat wohl das alte Wort Spirit als Vorgänger, kommt aus dem Lateinischen, und im Original bedeutet es eigentlich Atem, weißt du!“
Er wirft mir einen Lebkuchen herüber. Eines seiner Geschenke. Das Mittagessen ist schon längst abgeräumt, fast habe ich das Gefühl, der Himmel vertiefe sich erneut. Eine glatte Wolkendecke füllt den Blick aus den Fenstern und hat sich den ganzen Tag noch nicht bewegt. Ich esse den Lebkuchen.
„Siehst du“, sage ich, als gebe es da wirklich was zu sehen. „Atmen tut man ja immer, ständig. Und wenn man es eh ständig tut, ist es immer Gegenwart und dein ständiger Begleiter. Eigentlich bedeutet deine Feststellung nur, dass die Seele allgegenwärtig ist, solange man eben lebt und atmet. Das omnipräsente Eine.“
Ich stelle mein Antibiotika nach, ein kleines orangefarbenes Rädchen. Es träufelt mir zu langsam in die Vene.
„Der Lebensatem quasi“, sagt Eugen.
Lebensatem, wiederhole ich und frage mich, wie wir überhaupt auf das Thema gekommen sind. Ich versuche, etwas zu laufen, aber mit der neuen Schiene hinke ich wie ein Idiot, zudem ist es schmerzhafter als vorher. Ich hätte einfach den Mund halten sollen. Bereits am Ende des Flurs mache ich kehrt. Im Aufenthalts-raum sitzt eine zehnköpfige Familie zusammen und fährt großes Essen auf, der Fernseher läuft stumm nebenher, der Tee, der für die Patienten umsonst ist, schmeckt außerordentlich schlecht, ich kippe ihn weg, gehe an unserem Zimmer vorbei und stelle der nächsten Schwester, die ich treffe, eine völlig belanglose Frage. Sie hat schöne und weite braune Augen, eine gesunde Haut und weiche Unterarme, mit denen sie, so meine ich jedenfalls, kokettiert; sie ist das einzige, was ich hier gerne sehe. Diese Art Sehnsucht. Ein kleines bisschen Sommer. Als ich gehe, drückt sie kurz meinen Arm. Wahrscheinlich lächel ich sie an.

„Mein Chirurg war da, ich werde morgen früh entlassen, Alter.“ Eugen geht auf den Boden und macht 30 Liegestütze. Fasst sich danach an die Brustmuskeln, den Trizeps, fühlt seinen Bauchspeck. Grinst. Eine Freundin sagte einmal, alle Russen und Ostblöckler trügen eine Faust im Gesicht. Würden dich allein durch ihre Blicke schlagen und einschüchtern. Und wahrlich, es sind keine schönen Menschen, keine eleganten; ein Acker steckt in all ihren Zügen und die Unbarmherzigkeit rauer russischer Landschaft. Eine Vergangenheit, die zu lange wirkte, immerzu dieses derbe Verlangen nach Auflösung, überall Rausch und Gewalt schwerer Lider, die bereits so viel erlebt zu haben scheinen, so viel dunkler erdiger Nachklang, zu viel.
Aber nicht Eugen. Er ist ein weiches Kind, und wird es immer bleiben. Da wo sonst eine Last sitzt, ein unaufgeklärtes Erbe, ist Freude und Leichtsinn. Jetzt den Bizeps. Ordentlich, sag ich. Er grinst und schaltet den Fernseher ein, knipst ihn wieder aus. Draußen ist es stockdunkel. Vielleicht 18 Uhr oder so.
Atem, sagt er und zeigt auf sein Herz. „Muss ein Geschenk sein.“
„Wie meint du das?“
„Naja, wenn alles, was wir sind und haben, nur jetzt da ist, wenn wir leben, und später eben nicht mehr…dann ist es doch ein großartiges Geschenk, oder?“
Ich weiß, was er meint. Ob ein Geschenk oder eine Strafe, darüber streiten sich die Menschen schon immer. Aber es ist da. Ungefragt. Unser Leben ist uns vorausgesetzt und bewirkt aus sich selbst wiederum alles andere Leben, fertig! Eine bewusst werdende Ordnung mitsamt jenen unerschütterlichen Weltenbewegungen, Stürmen und Unter-Grund-Erfahrungen – einmal zart wie junges Holz oder gestählt wie dutzende Winter – die allen inneren und äußeren Kosmos in unser Bewusstsein transkripieren, so, als seien sie auf immer beheimatet in dieser sich austräumenden, überwölbenden Erde, seit jeher verankert in den sich suchenden Wellen von Schicksal und Wille. So steht der Kreis. So gerät die Bedingung. Und wir können nichts dafür, haben nichts dafür getan oder dagegen, es nicht gewollt. Aus Ideen und Fluten, die andauern, kommt es zustande; so wie man um eine unbekannte Ecke biegt und stets eine weitere Welt vorfindet, einfach so; morgens aufwacht, zurückkehrt, und die Dinge sind schon entstanden. Was fragt man sich dann? Wie weit kann man noch kommen? Eine alles hervorbringende Kraft ist da, ein Atem, manifestiert in allen Massen, Gewichten und Gasen, und wälzt sich durch Äonen und wälzt sich, bildert, nährt, höllt, kapituliert – und hin und wieder bläht man die Lungen zusammen und stößt auf Gedanken, die nach Azur klingen.
„Du hast recht“, sage ich. „Es ist kostbar. Mann kann einfach nicht anders.“

Die Thrombosestrümpfe runter, Eis aufs Bein, die Röntgenbilder sind leider noch nicht eingetroffen, man versuche, schnell zu machen, aber es ist halt Weihnachten und keiner da, ich müsse eben warten. Schon OK, sag ich, und zappe mich durchs Weihnachtsprogramm der privaten und öffentlichen Sender, bis das Abendessen kommt, Schwarzbrot mit Handkäse, ein kleines Stück Gurke, ein Joghurt. Dazu Rosa, einmal, und zwei von den weißen. Dann klemme ich meine Schiene an und gehe ein wenig spazieren. Die Schwester ist nicht zu sehen.
Ich warte auf den Fahrstuhl und steige im zweiten aus. Alle Gänge sind leer und spärlich beleuchtet. Langsam lasse ich meine Stimme lauter werden, links höre ich alles, rechts die Hälfte. Als ob einige Kartons meine Stimme dämpfen. Ich versuche zu schlucken, meinen Kiefer so weit wie möglich aufzureißen, Druckausgleich, zu gähnen. Das Dumpfe bleibt. Ich weiß, ich habe Schmerzen, aber ich fühle sie nicht. Ob es ein Trommelfell, pneumokokkenbefallen und aufgeschlitzt, überhaupt gibt? Und was wäre, wenn nicht?
Zurück im Zimmer empfangen mich Eugens Eltern und seine magersüchtige Schwester. Ich staune nicht schlecht, als sie den Nugat annimmt, den ich ihr anbiete, und ihn sich sofort in den Mund schiebt. Mutter lacht. Vater packt das Essen aus und zeigt uns später seine Lieblingsvideos auf YouTube. Um 23 Uhr müssen sie gehen, die Nachtschwester kommt, durchaus besorgt. Ihre letzte Nacht, sagt sie zu Eugen, die müssen sie überstehen, ohne durchzujucken.
Er schaut in meine Richtung und grinst. Darauf scheint es hinaus zu laufen, und er weiß es. Nicht durchjucken. Nicht von den Bäumen fallen. Auf den Frühling warten, gerädert: Die Wahrheit ist nie sehr lang und kompliziert.
Draußen bilden die roten Kranlichter ein fast rechtwinkliges Sechseck, dahinter der dunkle Horizont, dahinter weitere Erde oder weiteres Nichts. Ich stehe auf und lösche das Licht. Die kahlen Bäume, kaum mehr erkennbar, sehen aus wie Bronchien oder Kapillare.

Seinen eigentlichen Charme bezieht dieses Märchen aus einer Wahrheit, bzw. aus verschiedenen Tatsachen, die wahr wurden in kollektiver Phantasie. Vier Menschen saßen an einem Abend zusammen, und aus einem genuschelten “ half a year“ wurde „Halfejeer“, und der Rest der Geschichte fügt sich aus Themen und Situationen zusammen, die an besagtem Abend von den besagten vier Menschen ansatzweise verlautbart wurden. Am nächsten Morgen wurde dieser Text geschrieben, eigentlich für den kleinen illustren Kreis der anwesenden Herrschaften; darüber hinaus bleibt es aber ein Märchen, und ein Märchen kann man ja einfach so lesen, auch wenn man es nicht selbst erlebt hat:

Es war einmal ein Dorf namens Halfejeer, welches kaum 50 Kilometer nordöstlich von Osaka lag und zum Bundesstaat Kleusbelg gehörte. Dieses Dorf besaß sieben Hütten und drei Bäume: den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.
Es waren die einzigen Nahrungsquellen des Dorfes (hier und dort wurde etwas Rotwein konsumiert), und sie alle trugen verschiedene Früchte, die, in ihrem Äußeren entweder niedlich oder grotesk, vom den weit in den Himmel gewölbten Bäumen baumelten.
Allein der aufgezwungenen Fruchtmischung war es zu verdanken, dass ausgewogen genascht wurde. Nie trug einzig ein Baum alleine seine niedlichen oder grotesken Früchte, stets standen sie alle gleichzeitig in Blüte; das ganze Dorf war somit stets versorgt und hatte genug Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern: zum Beispiel warum es auf Saturns größtem Mond flüssiges Methan regnet, und warum das Universum guterdings flach ist.
Dies allen voran: Die Menschen lebten glücklich und zufrieden. Kinder wurden gezeugt und vor den Bauch gebunden. Die Erwachsenen schauten Sport oder jäteten im Garten. Wurstbudenromantik inspirierte. Vögel zahlreich, und Löschwassereinspeisungen.
Glücklich und zufrieden, alle mitsamt. Bis die Jahreszeiten aufhörten …

Den Bäumen machte es nichts aus, sie blühten weiter, trieben Knospe und Frucht, obwohl immer Nacht war. Genug zu essen hatte man also. Rotwein lagerte in Kellern. Aber die Leute waren nicht mehr zufrieden, nicht mehr allumfassend glücklich. So beschlossen sie, das Dorf aufzuteilen in vier gleiche Barrios. In einem sollte Frühling, im anderen Sommer, im nächsten Herbst und im letzten Winter herrschen.
Geteilt war schnell, Mauern standen. Die Jahreszeiten kehrten gevierteilt zurück. Feste fielen. In jede Nachbarschaft, die nun von einer Jahreszeit regiert wurde, kam ein Baum der Erleuchtung, ein Baum des anämischen Schustergesellen und ein Baum des formidablen Wissens.

Nun wurde wild besucht. Kein Gesprächstoff schien mehr auszugehen. Oft saß man auf Bürgersteigen, lud Vorübergehende ein, lauschte fremdsprachiger Schunkelmukke, klemmte Lampen an zweckentfremdete Stühle und sprach besoffen, ja bohemienhaft in weinbefleckte Büchlein, aß Früchte (niedlich oder grotesk).
Allmählich bildeten die vier neuen Dorfnachbarschaften, da sie durch eine 65 Meter hohe Mauer getrennt lagen, eigene, i.j.F. jahreszeitbezogene Charaktere. Also mussten Namen her, neue Chiffrierungen, die nach Gefühlen schmeckten. Folgende Namen erwachten zu Leben:
Trilinbad, Ham, Neurecklinghausen, Findukush.

Untereinander waren die neuen Quartiere durch einen Tunnel verbunden. Zuerst wurden Fehler begangen. Man stieg in den Tunnel und sofort wieder hinaus. Von Winter in den Herbst, oder vom Herbst in den Sommer, oder vom Sommer in den Winter, oder vom Frühling in den Sommer, oder vom Winter in den Sommer, oder vom Herbst in den Frühling, oder vom Sommer in den Frühling, oder vom Frühling in den Herbst, oder vom Herbst in den Winter, oder vom Frühling in den Winter oder vom Sommer in den Herbst, oder vom Winter in den Frühling. Und wieder zurück. Das verkrafteten die körpereigenen Säfte nicht; sie erkrankten fiesfotzig. Dickeitrige Mandelentzündungen und Dickdarmbeschwerden waren lästige Folge. Es wurde bestimmt, im Inneren der Erde eine Umgewöhnungszeit von 30 Stunden zubringen zu müssen, woraufhin der Tunnel unter den Bürgern nur noch „Transformation Tube“ genannt wurde. Danach hielt man es aus. Hier sah man Eiskristalle, dort brannte Heu. Hier gab’s Erdbeereis mit Sahne, dort isolierte man Fenster dickschäumig.
Die Menschen wurden eigen, auch wenn Besuche konstant blieben (mittlerweile gab’s einen Tischfussball im Transformation Tube und eine Bar, an der eine großbusige Bardame Weißweinschorle und Nüsse verkaufte …)
Dinge machten sich breit. Man verhaarte. Meist in einer Sache. Das Klima war nicht immer angenehm – in Trilinbad blies zuviel Wind, in Ham streikten die Kühlsysteme. Während in Neurecklinghausen Kälte unaufhörlich in Glieder stieg, nagelten die Einwohner in Findukush vergeblich Solarzellen auf alles Mögliche. Bald waren die vier neuen Abschnitte, verwaltet von jeweils einer Jahreszeit, für Eigentümlichkeiten bekannt:

Trilinbad: In Trilinbad schuf man neue Sprachen. Erweiterte Syllogismen, Syntaxen von erheblicher Dauer, Sprachverwurschtelungen und Rinnsalpoetiken, der sich selbst die mistgabelnahen Bauern bedienten. Eine Strophe des meistzitiertesten Anhänger des neuen Standardism, Cladio Tosho:

Liebe Frau im Pelz
so schmelz, so schmelzend
dass dir Haare wachsen –
Das ist ein Kreislauf, verlass
dich auf schmelzendes nur – verlass:
Frau im Pelz schmelz.

Oder seine Frau, Tosho-Tosho, studierte Betriebsfachwirtin, mit einem ihrer ersten, alle medieninszinierte Erwartungen übertreffenden Erfolge:

Un
zu
län
gl
i c h
k
eit
e

n.

Damit war es nicht getan. Der Duden sollte zu einem Luden umgeschrieben werden, neue Wortarten zuhauf, frische Alliterationen und Buchstaben, die man erst kaufen musste, um sie zu erfinden. Hinzu kamen lächerliche Ersatzworte und schiefe Floskeln. Einige Beispiele:
- Bürger bzw. Leser bzw. Lastkraftwagenfahrer wurden zu verkrüppelten
BürgerInnen, LeserInnen und LastkraftwagenfahrerInnen degradiert.
- das Adjektiv „fachmännisch“ passte aufgrund seiner hegemoniellen, patriarchalisch-imperialistischen Zwangsaussage nicht mehr in die neue postkleriale Zeit und wurde gelöscht, bzw. als „fächig“ wiedereingeführt.
- Assi hieß nun Prekariat.
- Vollassi hieß abgehängtes Prekariat, mitunter mit dem Zusatz: bildungsfern.
- Assitürken hießen BürgerInnen mit Migrationshintergrund
- Eine Stadt hieß City und die Supermarktkasse Counter.
- Raiders nannte man Twix.

Ham:
In Ham hingegen ging es um Zahlen. Die Menschen begannen, die Bäume durchzunummerieren. Von Eins über Zwei bis Drei. Drei Bäume immerhin. Das erschien simpel, doch wusste man lange Zeit nicht, wo anzufangen. Links oder rechts? Vorne oder hinten? Gegen oder mit dem Uhrzeigersinn?
Jedenfalls hatte der stadtbekannteste Mathematiker, Ernst Ramstiedl („Eine Diagonale ist immer auch eine Linie, gerade durchaus, äh, schwarz und lang, die in einem verückbaren Nirgendwo enden könnte, könnte zumindest; jemand müsste das mal ausrechnen!“), hatte herausgefunden, dass die sich aus scheinbar ureigenstem Antrieb verwirklichende Natur nichts weiter als eine Kodierung darstellte, eine Zahlen- und Ziffernabfolge, die einem inhärenten Prinzip von entschlüsselbaren, auf logisch-arithmetische Beweisfunktionen zurückgreifende Formeln beruhte, vereinfacht im weiteren nur noch „F.O.R.M.E.“ ( Fabric Or: Revealing Matter Energysm) genannt.
Jetzt war guter Rat teuer. Ein Volksentscheid – unverbindlich, aber irgendwie nett – musste her. Die sieben Einwohner bekamen Nummern, einen Zettel, Bleistift. Doch bei wem beginnen, zu nummerieren?
Jeder wollte der erste sein, ein erstes Kreuzchen machen dürfen. Ramstiedl, für den Wahlhergang verantwortlich, benahm sich wie ein Esel und gab sich selbst die Nummer Eins, was nicht gut ankam. Faules Obst flog. Banner wurden gehisst. Protestbewegungen waren die Folge. Das Vertrauen, die Zustimmung der Bürger sank.
Eine Abstimmungssucht begann. Alles wurde gekürt, geehrt, platzierend gewürdigt. Teilweise kam es durch den allgemeinen Zahlenverfall zu wahnwitzigen Szenen – nur der siebschönste Strand wurde zum siebschönsten Strand gekürt; die ersten sechs gingen leer aus. Jemand schlug vor, alle Bäume schlichtweg zu fällen, damit sei dann das nummerologische Problem für alle Zeiten gelöst, außer, es wachse was nach. Die Idee jedoch wurde verworfen, zum Glück, und man besann sich einer besseren Lösung, die natürlich wieder von den rotzfrechen Kindern stammte, die nunmal ihre Klappe nicht halten können: ein Mädchen in roten Pömps fand in der Nähe des Baumes des formidablen Wissens ein Stück Pappmache. Darauf kritzelte sie die Zahlen von eins bis drei, jeweils in dreifacher Ausführung, und band sie den Bäumen um den Stamm. Fertig. Die F.O.R.M.E. jedoch blieb.

Neurecklinghausen:
In Neurecklinghausen besah, beroch, fummelte und forschte man an Silberfischchen, Lepisma saccharina genannt. Die kleinen Viecher tummelten sich überall. Zuerst wurden sie verachtet, gering geschätzt. Dann akzeptiert, um schließlich als Wunder betrachtet zu werden. Hochschulen eröffneten, der MinisterInn schnitt ein Band durch, Klatschen ringsum. Es kamen Labore in Massen, Inder wurden gegreencard.
Man fand: Ein Insekt ohne Flügel, silbergrau den Körper. Zu der Ordnung der Zygentoma, den Fischchen gehörend, schwänzelt es bereits seit 300 Mio. Jahren über die Erde und war schon vor den ersten Unkenrufen des Homoprimaten.
Der Silberfisch häutet sich beachtliche Male; glänzt erst nach dem dritten Durchgang. Zum Erwachsenwerden – erstaunlich – benötigt es mindestens vier, mitunter aber auch 36 Monate; es kann bis zu acht Jahre alt werden.
Lichtscheu und nachtaktiv, kann es sich gut verstecken und versteckt sich die ganze Zeit gut. Die Bewohner von Neurecklinghausen brauchten geschlagene 27 Jahre, um hinter das Geheimnis der Fortpflanzung zu gelangen, dann aber rief man die Presse beisammen. Des intimen Aktes wegen sprach man mit aemotionaler Stimme:
Während des Fortpflanzungsvorganges laufen das Männchen und das Weibchen erregt umher, sich drehend, rotierend. Schließlich sucht der Mann einige Spinnfäden. Sodann ist er es, der die Spermatophore –also das Samenpaket, die Spermientüte, quasi sein Ejakulat – unter den Fäden platziert und solange seinen Balztanz nicht beendet, bis seine Angebetete unter den Fäden hindurchgekrochen und mit dem Wixebrocken abgehauen ist. Nun kommt es in Weibchen zur Befruchtung. Sie, gut erkennbar am gezielteren Schritt, legt cirka 100 Eier in diversen Ritzen, Spalten und Fugen aus, also da, wo sich das Silberfischchen am liebsten aufhält. Bumms, irgendwann Nachwuchs.
Silberfischchen essen gerne stärkehaltige Mahlzeiten wie Kartoffeln, Bücher, Fotos, Kleister, Haare, Schmutz, Kunstfaser und ihre eigenen Häutungsüberreste. Wichtig: Silberfischchen sind zur Verdauung von Cellulose nicht von Endosymbionten abhängig. Ebenso können sie über etliche Monate lang hungern, ohne zu sterben oder überhaupt an Körpermasse abzunehmen, ohne einen Mucks von sich zu geben.
Das alles macht das Silberfischchen zum beliebtesten Tier in Neurecklinghausen.

Findukush:
In Findukush war Sommer. Die Menschen benutzen, weil mehr geschwitzt wurde, Waschlappen. Aus Biobaumwolle. Den Findukushianern rief man Spitzfindigkeit, aber auch Verschrobenheit nach. In jedem Fall waren sie schlauer als alle anderen. Banken gab es keine – alles Geld wurde sofort ausgegeben oder, wenn es nicht gerade in dickflüssige Bananenshakes investiert wurde, in Jackenfutter eingenäht. Dort war es sicher und warm.
Besonderheit des Viertels: die Pinienwälder, von denen allabendlich geträumt wurde, standen bis zum Meer. Die Jugendlichen stürzten, des Thrills wegen, direkt von den Baumkronen ins azurblaue Wasser. Zwischen all den Pinien gab es einen Muskatnussbaum, auch er wurde erträumt und musste für die örtlichen Bekanntmachungen herhalten. Männer mit tiefen Stimmen setzten an:
„Wenn wir sie ( die unorganische Welt ) nun mit forschendem Blicke betrachten, wenn wir den gewaltigen, unaufhaltsamen Drang sehen, mit dem die Gewässer der Tiefe zueilen, die Beharrlichkeit, mit welcher der Magnet sich immer wieder zum Nordpol wendet, die Sehnsucht, mit der das Eisen zu ihm fliegt, die Heftigkeit, mit welcher die Pole der Elektrizität zur Wiedervereinigung streben und welche, gerade wie die der menschlichen Wünsche, durch Hindernisse gesteigert wird; wenn wir den Kristall schnell und plötzlich anschiessen sehen, mit soviel Regelmäßigkeit der Bildung, die offenbar nur eine von Erstarrung ergriffene und festgehaltene ganz entschiedene und genau bestimmte Strebung nach verschiedenen Richtungen ist; wenn wir die Auswahl bemerken, mit der die Körper, durch den Zustand der Flüssigkeit in Freiheit gesetzt und den Banden der Starrheit entzogen, sich suchen und fliehn, vereinigen und trennen; wenn wir endlich ganz unmittelbar fühlen, wie eine Last, deren Streben zur Erdmasse unser Leib hemmt, auf diesen unablässig drückt und drängt, ihre einzige Bestrebung verfolgend – so wird es uns keine große Anstrengung der Einbildungskraft kosten, selbst aus so großer Entfernung unser eigenes Wesen wiederzuerkennen, jenes Nämliche, das in uns beim Lichte der Erkenntnis seine Zwecke verfolgt, hier aber in den schwächsten Erscheinungen nur blind, dumpf, einseitig und unveränderlich strebt, jedoch, weil es überall eines und dasselbe ist, – so gut wie die erste Morgendämmerung mit den Strahlen des vollen Mittags den Namen des Sonnenlichts teilt, – auch hier wie dort den Namen Willen führen muss, welcher das bezeichnet, was das Sein an sich jeden Dinges in der Welt und der alleinige Kern jeder Erscheinung ist.“
Das unterschrieb man. Plakatierte. Da der Sommer nie zu Ende ging, waren die Bürgersteige des Viertels stets bis tief in die Nacht von Menschen und ihren Liedern gefüllt. Das mochte der Findukusher, und er war fröhlich und gemütlich.

Einmal im Jahr gab es in Halfejeer ein Dorffest, für das der Schutzwall kurzfristig abgerissen werden musste; kurzerhand dienten die ehemals riesigen Mauern als Festgarnitur: steinerne Tische und Bänke. Für drei Tage im Jahr war Halfejeer wieder vereint.
Es gab zu lachen und zu staunen und, hinterher, zu berichten – vom Essverhalten der FindukushierInnen, von den Silberfischproben der Neurecklinghauser, der Zahlennaseweißerei der Hamser und der lyrischen Verbollwerkung Trilinbads – dazu Suff und zu Marmelade verkochte, überreife Aprikosen. Und natürlich den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.

Eine Novelle, die mit 19100 Wörtern für die Netzpräsentation zu groß ist, hat ihre eigene Seite bekommen (rechts, unter Instrumentarium). Dort stehen Auszüge, die man lesen kann, und wenn man diese mag und mehr lesen möchte schreibe man mir eine E-Mail, dann kann ich weiteres versenden …
Es geht um Evolution und um knallharten Sex und Mord und Erleuchtungserfahrungen und Religion und drei Monolithen und einen ewigen Jungbrunnen und um Agaste und On und einen Kartoffelacker. Und Androiden. Einen Selbstmord, einen Sturm und um einen Ochsen, der auf den Marktplatz pisst, um die Struktur der Seele. Genauso spannend, wie es sich anhört, ist es allerdings nicht, sondern noch extremst spannender.

Tag Eins

30. Juni 2008

Die Sonne blendet ihre ersten Richtstrahlen und ich weiß, dass dies Osten sein muss. Ein anderes Land. Wie Schatten zäh, und dann, schließlich, ganz vernichtet werden. Farben wechseln diesen Ort, zersetzen ihn, alles sät aus, holt ein. Vielleicht ankommen, hier.
Ich lege mich in einen windstillen Flecken und schlafe. Ringsrum singt die Weite die Lieder meines Traumes, der wie der Tag hell war, und lang. Das Erwachen kein Erwachen. Nur der Raum ändert sich, verknappt. Leicht erhebe ich mich, Staub abzuschlagen von den Kleidern. Gerade noch die Sonne. Wieder wachsen die Schatten, das Anorganische. Gewand einer neuen Geburt, einer Tagesstätte, um die sich die Nacht und ein neuer Tag inwendig schließen.
Ich scheisse. Dann pisse ich neben meinen dünnpfiffigen Haufen, auf welchem schon die erste Fliege sitzt. Kurz weiter onaniere ich. Geräuschlos schmiegt sich meine Ladung über den ausgetretenen Kies; kein Jubel, kein Erreichen. Mit dem Finger vermische ich.
Als ich kam, schwand der letzte Sonnenmantel von der Erde. Nur das Ostgebirge bleibt rötlich beleuchtet und wartet auf die Gegner der Nacht.
Mein Erguss kühlt. Derart entleert und hingegeben begreife ich mich als bemächtigt, hierzubleiben. Nackt laufe ich umher. Gehe meine Wege, die keine sind: Ausstriche nur, und ich trinke den Vormittag.
Im Boden einige dörre Bäumchen und Sträucher, Büschel, kantig in der Ferne das Zickzack von Hügelkrusten, Sperrzacken, die sich durch die untergehende Sonne scharf absetzen vom Kolorit des Abends; in dieser Stunde, im Vakuum des Lichtüberganges, liegt alles wie betäubt, matt, und wie gestaltet, um darin zu leben, zu überleben – um darin sich lösen zu dürfen. Kein Ende umsetzt diese Wohnung, kein Beginn dieses Seeruders. Ausgeblasen und zur Unendlichkeit vergrößert sitzt alles Dasein, hockt die Szenerie. In den Ecken geht alles weiter. Scharf. Dann wieder dunkel, schaukelnd, aus den Stürmen genommen.
Nicht weit liegen meine Sachen. Eine Decke für die Nacht, Wollmütze, etwas Wasser, ein Buch. Ein zwei vier Seiten lese ich, als ich zwischen zerkloppten Steinen sitze, ich frage mich, wer die Zahlen erfand, den Wortlaut. Warum trägt man ein solches Buch in die Wüste? Noch eine Seite, die von weit her klingt, dann werfe ich das flatterige Buch in die Arme der Steppe. Hole es zurück. Stecke es quer in meine Scheisse. Alles für sie. Das Panorama meiner Hingabe, kräftig, ehrlich. Ich, Ausgezogener, der Wind hebt…
Hockend betrachte ich, was ich kreiere. Habe Gefühle. All das bin ich gewesen, dies der entblößte Rest Mensch. Und noch spüre ich Knochen, die Finger meines Antlitzes, den dumpfen Schmerz, der leise sticht über die Nervenbahnen, hinziehend wandernd noch drinnen ist, bei mir.
Auch das Ostgebirge ist nun kalt. Graubraune Masse, an deren Rändern ich die Rinnsale der Zeit herabfließen sehe. Ich denke an ein Wort: Ökonomisch. Frage mich, was das zur Sache tut; der Himmel geht auf, Licht durchdringt, gilbt, wendet sich zwischen den Steinseiten, den Falten der Erde, spiegelt sich in den Erinnerungen des Tages, ist das lange stramme Gesicht mit den hinter dem Horizont erloschenen Augblitzen.
Ich laufe umher, achte nicht auf den Weg, verletzte mir, in einer unvorsichtigen Spalte, den Fuß. Schaue an mir herab wie wenn man einen Wald durchläuft, mein Sehen tötet. Die Haare die Pigmente der eilige Schritt, wenn das Denken will. Mit etwas Gewalt quillt Blut aus der Wunde. Leerdrücken, alles raus lassen muss ich.
Längst wieder angezogen, den es war empfindlich kalt geworden, ist alles weiss. Der Mond, welcher in sieben Tagen voll sein wird.
Bald Tag und Wärme, ich ziehe mich aus, komme rum. Wie ich mich wieder anziehen will, merke ich, dass die Kleider ordentlich zusammenliegen. Wütend schmeiße ich sie weg, weg in den Staub, das blasse Erdgesicht, weg, wo sie nun in Unordnung liegen und nichts sind alleine, dann sammle ich sie auf, ziehe sie an, wieder an.
Der Blick, ein unruhiges Tier, geht langsam umher, später unter. Lange elastische Dämmerung, biegsam wie die menschliche Seele, huscht die Steppe entlang, weitet sie, klingt lange nach. Ich, meine Person, Überwurf, gegen eine Felswand gelehnt, gereinigt und nur das Kühl des Rücken vom Schattenversteck des großen Steines. Dort warte ich und zähle. Zuerst Sekunden, dann Minuten, später Zeitbrocken.
(Und als diese nicht mehr zu erkennen sind: die Sterntruppen, lau abwerfend Scharen von Lichtzentren, die allmählich aus dem Himmelsdunkel glutstrandig herabtauchen und behutsam, weil weit fort, den Fels vorglimmen.)
Ist dies schon Nacht? Noch ein wenig hell über der Berghaube. Diese benötigt lange, am längsten. Ist noch lange da. Noch immer. Ich laufe los in ihren Turm, die erhöhte Geselligkeit, und als sie verschwindet gehe ich alle Richtungen, über den ersten Tau, den Frostboden und seine eisige Zunge, Namen des Winters vorsprechend, obwohl der Sommer dicke, mit Mittagssonne und allem, getischt hat, vorgefallen ist mit den Keimen des Frühlings, der sich nähert, scheu noch, rosenblütrig – den Knospen ist kein Herbst mittelbar. Alle Richtungen laufe ich ab, bleibe hier und da stehen um zu schauen, wie sich alles entwickelt, wie sich, gehörig und fromm, alles ins Dunkle banalisiert.
Schon wird es voller. Mikroskop der Erde, an den Hügeln kappt ein Gedanke. Ich scheisse und pisse weitere Male, spucke, rotze. Trete aus. Quetsche weiter Blut. Versuch der Onanie, als noch sechs Tage den Mond werden füllen müssen;
es mag nichts kommen. Schlaff und rübig hängt er unbemüht. Das Werk des Mannes: ein trockener Jammer, klammes Garnichts. Es macht mir nichts. Der Mond wird voll sein in sechs Tagen, in sechs Tagen wird der Mond voll sein.

Wie heißt dieser Sonnengott – Keine Sonne seit Tagen, oder waren das Jahre? Mitunter ist der Tag stumm, grätig, kommt nicht. So also, in einer Nacht, die alles sehend machen musste, stieg ich abermals in ein Loch und verletzte den Fuß, wieder diesen Fuß, als ich den Blick zu hoch gen Himmel nahm und schräg hinfiel. Nun humple ich. Ziehe den Fuß nach.
Dem Schmerz entnehme ich Dank; er legt sich flach aus, bauchlängs, und die Steppe gießt nach mit kräftigen Hieben. An der Felswand, die vor Wind schützt, vor welchem ich keinen Schutz suche, schlafe ich, bin ich wieder weg einen Traum einen Lidstoß lang. Bares Erwachen (wieder), dem sich völliges Unverständnis kurzatmig anschließt.
Der Tanz zwischen den Abgründen, wildes Gedankengepolter, lebendig sein, schlafend sein und unvorhanden, ausgezogen verflochten in Leere und ummantelt mit der Erden ewiger Vorsehung, ein Windkreisel in der Ferne, ich laufe laufe einfach drauf los, der kaputte Fuß schwer hinterher, wieder biegt mich Nacht und Traum. Durch die Welten – die Sturzbäche der Dialektik – wachse ich mit dem Feuer des Tieres, der Gabe Mensch, ein Funken Göttliches zwischen meinen Venenkanal, dem Flügelschlag meiner Sprache, der Pädagogik des Gehirn, Masse aus meiner Absicht. Bis alles verkommt.
In mir: Gezeiten und entfernte Ursprünge, die Sehnsucht von Jahrtausenden, Meere, die einst diese Landschaft mit schnellen Wassern bebaute. Leere Flußbette nun, etliche. Ständig durchlaufe ich Gräben und Wasserrelikte, das genommene Gestern.

Nicht Sand Stein und Trockenheit regieren die Wüste, sondern Wind. Etwas, eine Chemie. Überall hat er Fels geschnitten, Dünen aufgetragen, sich in lange Winkel gesetzt, heimisch gemacht im Bauch, im Leib der von ihm umwilderten Form, inkarnierte Geometrie, alles evident, alles Beweiß weiterer Bilanzen, Zahlen.
(Nein, Wind darf er nicht heißen…)Skulpturen und Höfe mit glattem Strich gemeißelt. Ein wenig noch bleibe ich, endlich aufgewacht, hier, und sehe einfach herein. Zurück an meiner Felswand versuche ich, zu erbrechen.
Aber kein Essen. Alles leer alles raus. Hektisch kratze ich Kruste von meiner Wunde. Wie naher Mond fließt neues, dickes Blut, nimmt sich langsam den gefallenen Staub der Sterne.
Mein Unterschlupf, ja, die Felsenwand, kurz von einer unruhigen, schwer- geformten Klippe überhangen, ist schön. Fuß eines etwa 60 Meter hohen Steinberges (man hat ihm einen Namen gegeben, den ich nicht ausspreche), der still starr schon immer fast immer steht und um welchen sich der Wind mit seinen kräftigen Stromschnellen legt, am Platze hält. Stets beschützend, klein, angenehm. 60 Meter! Sagte ich dies nicht gerade?! Ich ohrfeige mich. Nehme ihm die Höhe, streiche seine Zahl und sein Metrum und stelle ihn, hoch, den hohen Berg, der schon immer fast immer dort steht, zurück, so wie er stand noch vor dem Menschen. Schielender Reflex, die böse Tat. Leer werden, leer…

Ich überlebe. Nummeriere, wenn wenig hinzugegeben wird, teichflache Gegenwarten über das ferne Plateau auf. Nimm die Vögel mit, die kleine Maus, eine Schlange und die Fliegen, die sich über meine Auswürfe hermachen. Schon ist der Kot schwarz, fasrig trocken.
Unter dieser Schicht: Würmer. Kleine Raupen, Geschosse. Leben. Einfach so, bis das Essen fort, der Atem voll genossen ist. Bei keinem Namen nenne ich die Dinge; es sind Substitutionen, eine neue Totalität. Das reine Gewissen. Keine Neuronen, kein An- oder Ausbau, unexistent der morgige Kram, all das. Flüssiges Wissen, Gas, und weg.
Das Dämmerlicht bricht ist wieder leicht verschoben, noch schwachrot geschlossen. Aufgehoben und übersetzt wo hier, und dort vorne, der Sonnenteppich flüchtig schmal wird.
Dünnes Bewusstsein. Oft glaube ich, wirr zu werden. Doch finde ich, auch nach Nächten, die wie zähe Wasser sind, wieder zu meinem Unterschlupf.
Neulich verwechselte ich die Riffe der fernen Hügelbahnen mit den bogenlampig zustoßenden Wolken des Südens. Aber nur, so sage ich mir jetzt (gutmütig, gewiss!), da der Mondschein, die Fackel der Dunkelheit, von wolligen Wolkengurten verhindert, abgedämpft wurde. Sonst bin ich normal. Auch wenn beim Scheissen nichts mehr kommen will. Dafür beginne ich, meinen Urin in einer alten Blechdose, die ich in der Ferne fand und auflas, zu sammeln und diese Büchse, wann immer sie halb gefüllt ist, zur Reinigung meiner Körperausgänge zu verwenden. Ohren Nase Mund Augen Penis Anus; die Wunde, die ich permanent aufreibe und heilen lasse: selbst bei langen Wanderungen kommt die Blechbüchse mit. Ab und an schlage ich auf ihr einen Ton. Versuch, meine Nägel auszureißen, der misslingt – zu sehr will alles bleiben.
Dann geht mir Wasser aus, doch kommt mir das gelegen. So kann ich Zeit sparen. Mich beeilen, vollzuwerden. Rascher bei Ziel sein. Nah, möglichst.
Mit einem langen, schweren Stein ritze ich Zeichen und Landvermerke, Geometrien in meine Felswand. Auch Zahlen, einfache Striche, die ich später zu rudimentären Skizzen ausarbeite. Niemals ritze ich Buchstaben, zeichne ich Wort. Dann singe ich in einer Sprache, die ich nicht kenne, die womöglich keine ist.
Im Rücken: Ausläufer der Tagesorgane, wie Luft noch einmal – bevor sie zu Farbe wird – leicht aufatmet. Keine Klarheit, warum es überhaupt Wandel gibt, warum nicht alles schlichtweg dasteht, ohne das es Hoch oder Tief oder Licht oder Dunkel genannt werden kann. Heftig beiße ich auf meine Zunge, spucke Blut über die Wand über meine Füße. Wahrscheinlich bin ich hier – um Köperverzicht bemüht – zum ersten Male nicht einsam.
Weit hole ich aus, gehe ich, dann bin ich zurück und schlafe, begierig angelehnt, einfach ein und durch drei vier volle Tage, halbherzige Minuten. Untersuche die neue Haut des Werdens. Wie ich erwache schleicht ein Wüstenfuchs um meine Sachen. An der Mütze riecht er. Sieht mich und rennt davon. Ich hinterher, bis ich außer Atem bin und der Fuchs verschwunden, der Fuß taub vor Schmerz.
Welch seltsames Glück; verlieren, was man nie besaß. Nur noch Schatten der Erinnerung, dicht wie das eigne Sein. Eiserner Hammer der pochende Fuß, dessen Gicht bis in die Adern meiner Schläfen heraufweht. Starkes Ufer, von Schmerz besetzt, geschliffen von straffen Metallen. Das Ding von rotem Staub. Ein Kreis aus tonfarbenen Steinen, den ich markiere, in den ich lege den Fuß. Er ruht, und ich schaue ins wohlgeformte Gebilde, meine Schöpfung. Körperteil und Steinkreis. Ich murmele, stottere. Irgendwas. Ahne nur langsam, bin unsicher. Zerlumpte Gedankenspiele, Fesseln einer entmaterialisierten Gewalt, die sagt ja, die sagt nein, die sagt: vielleicht.
Schließlich merke ich, wie ich meinem Fuß huldige. Der schwache, so geschwollen gemarterte. Märtyrer nenne ich ihn, werfe eine Handvoll Staub, lobpreise, vollziehe. Wie ein Pfahl steht er, die Zehen gereckt, inmitten des Kreises, den ich erst gezogen: Abkömmling, den ich erschuf. Kurze buschige Haare, mit der Farbe der Landschaft. Einige Verse, sogar einen Reim sage ich auf. Schon sieht er verlassen und unbewohnt aus. Das einzige, was ihn noch in mir erhält, ist Erinnerung. Den anderen Fuß, den anderen Bestand, massiere ich mir. Hart ist die Sohle, stechend und drückend kommt nichts. Das bin ich. Schmerz, kein Gefühl, Leder, blinzelndes Erdenende. Womöglich heilt mich der Abend, womöglich der skandalöse Morgen, aus welchem die Tage brechen, Morgen, und ich schlafe in diesen Rachen bis ich ersticke an Licht.

Wieder Wechsel und Farbenspiel. Flankiert von abtrünnigen Gestalten: aus den Feldern der trockenen Einheiten fließt noch des Abends zittrige Stimme zu den ehemaligen Flussläufen und verdickt dort, wurzelt, treibt aus zu neuen Nächten Monaten Epochen.
Unendliche Geschlossenheit, der Garn der Zeit, voll aufgewebt. Indem sich der Vorhang der Morgendämmerung mit weiten Scheunen lichtklar öffnet, schwebt die Hitze aus der südlichen Flimmerweite hoch über diese Stunden. Schließt sich ebenmündig an. Eine Salbe Schweiß, ein Schuss Salz.
Hinterrücks verschmilzt, was zusammengehört; kaskadenhaft tropfen ovale Perlen aus meinem Körper, von der Klippe des Gebirges, den Lippen der Öde, Gang des Felsens. Später, mannigfaltig umstellt, immer wieder Abendrot in seiner bedauernswerten Kürze.
Ich gehe, weil ich mehr finden will. Suche Töne, ausgespuckt und dagelassen von dem, was ich sehe, aus dem, was die Wüste (die volle, aststarke Wüste!) ausscharrt und unter Lichtaugen zahlreich vermehrt, schlicht überreicht. Überall hinmissioniert. Ich biedere mich an. Fordere wohlwollen. Proklamiere. Möchte, einst verloren, aufgenommen werden. Nochmals erreicht sein, bekannt. Ganz.
Schneide mir den Finger, überkreuz mit dem kaputtem Fuß, mit der Blechbüchse ein. Schmiere das Blut auf einige Wege einige Steinbäche, Urahnen. Doch es kommt nur wenig geflossen. Einen langen, krummen Schnitt kerbe ich in die Unterseite meines Oberarmes (vielleicht der linke, vielleicht der rechte). Sobald ist der Saft quellrot und schneller. Furchtbar hektisch reibe ich Dreck und Staub, kleine Steinchen in die brodelnde Wunde.
Rein, raus, ich weiß es nicht mehr! Bin wirr, ja! Kruste nun, die ich erneut erneut aufkratze, wegbeiße, mit Pisse aus der Büchse einweichen lasse. Zu sehr bin ich mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht auf den Fuchs achte, der womöglich zurückgekommen ist oder in der Ferne umherstreunt.
Aus dem oberen Kanal bläst der Wind nun finsterer durchs gespreizte Tal. Ich hinke umher, bald irr, bald wieder zum Felsen gelangend. Pünktlich. Es wird Abend. Ein niedriger Sarg, den die Wucht der Luft abstellt, dann Nacht. Sterne, punktgenau und sonst großzügig über den Balg des Himmels geworfen, die so ferne stehen, nicht mehr sind und doch so viel Ewigkeit versprechen: weniger klar bei wachsendem Mondkranz. Dafür viel Flur, brandende Stromwerke, und wo kein Wasser mehr läuft ergießt sich der blaue Wall, heftiger, behutsam versprechend. Kalt ist es. Der Leib erschlagen, eingewilligt, karg. Trinkwasser ist aus. Freude, wenn ich nun weinen kann und die Tränen in der Büchse sammel…
Dergestalt wenig bin ich. Meine alte Scheisse wird immer kleiner; kaum, das man Feuer machen könnte. Fast ist nichts mehr da. Suchend beuge ich mich, stochere. Samen, Flüssigkeit, Essensreste, abstruses Mental: Schon lange nicht mehr. Nix. Warum auch?
Einfach und monoton gehen die Wesen zugrunde, sterben die Dinge im reißenden Gefieder ihres Daseins und kommen woanders an. Große Sandterrassen durchqueren, hohe Sphären erobern sie. Mitunter gewöhnlich, da klar ist, was geschieht. Sie kloppen Höhlen aus Tatbestand. Diskutieren untereinander nicht. Ihnen ist das egal. Und weil niemand denkt außer dem Menschen, weil niemand zählt behält und weil niemand sortiert und abtrennt außer dem Menschen, löst sich alles blütenhaft – von Reife und Herbst genommen – von einem zum anderen, ohne Namen zu verlieren. Arkaden voller Annahme, voller Gewissheit. Treue. Durch meinen Leib gespalten schon der sichere Untergang. Stets herausgezögert. Der erwartete Rausch, die Gegenwart, welche ich nie habe retten können.

Sehnsucht. Ein Wort, dass ich langsam vergesse. Erinnerungslos wäre ich?…
Aufraffen. Wieder gehe ich los. Der Fuß, ich benutze ihn wie einen brennenden Stecken. Diesen Körperbau wie den Rohbau des Lichtes. Das nicht zu erkennende Ende der Prärie, des farbenblumigen Spektakels glückseliger Zeuge: bin ich. Niemals sehe ich nichts, nie ist es leer, was ist. So liege ruhe ich kaum. Sondern mache mich durchs Land (Vielleicht sehe ich einen, den Fuchs wieder!). Nur der Laut meiner Schritte ist vernehmbar. Doch ich wünschte, man hörte ihn nicht. Auch weiß ich, dass der Bauch atmet, die Lunge atmet, Saft atmet, der Mund gierig schnappt. Dass Venen pumpen, systolischer Regen ausbricht und nirgendwo endet. Selbst den Wind vermag ich zu hören, kann ihn ablesen vom Gewusel der Erde. Wie er sich hier und dort einlegt, verändert, umsetzt. Den Urin alkalisiert. Der Mond brennt ein weißes Loch in die derbe Nacht. Sein Glanz färbt tropfenartig ab. Schon bin ich See, empfangendes Gewässer. Aus der Büchse reiße ich mir einen scharfen Zacken, ein rostiges Ende heraus und beginne, die Ohren einzuschneiden. Beide. Nie wieder links und rechts sein. Nie wieder wählen. Blut im Gehörgang, bis es gerinnt, fibrinös krustet. Alles gedämpft, nur der Schmerz drinnen wie draußen, heulende Bestie. Ich falle hin und erschrecke gerade noch. Eisern bleibe ich hocken.
Das schafft Wüste: mit sehr wenig alles sein. Zwei Drei Dinge, nüchtern, die voller Überzeugung sind, denen nichts anbei gestellt werden kann. Klares Wissen. Nichts unnötig. Alle Farben finden sich, wenn ausharrend und richtig der Blick ist. Versteckt zuerst, dann herrisch hervorgaffend und mit herkulesschen Schwerte, flink gezückt aus dem Schaft der blauen Dunkelheit. Sonne, Feuer, gnadenloser Akt – keinen Schatten werfe ich.
Alles senkrecht. Um mich herum ziehe ich einen Kreis, lege allerlei Gestein auf die Bahn. Bereit. Vollmond in fünf Tagen. Der Sonnenuntergang klemmt: altes Schloss, welches nicht schließt. Noch immer Gelb; Zirkel, Allerweltsgeographie der Schein der Sonne. Zuerst trifft sie die Krone dieses Dingsda, dieses Gebirges, der Lavaküste aus reinem Erdmetall.
Fortan reißt sie alles hinweg mit sich. Wird Spektral. Ist Treppe, die den Abend hinunter führt, herauf, lange abtritt. Unmaskiert, zwischen dem Bau des Tages und der Wiege der Nacht, von Weis wird alles Rot wird alles Gelb wird alles multipliziert. Stundenlang reist dieser Schatten umher, macht die Nacht nicht kommen. Still ist es und es wird noch stiller. Ausgefahrene Hand, alles offenhaltend. Wie Honigmasse: Geruch Spezies Gewölb, das durch Welten zieht, Äonen verbrennt. Ich bin, glaube ich, dieses Schauspiel, dieser aufgetrennte Faden am Firmament, sich abseilend und aufgliedernd, dieser Faden, der ungerafft hängt und zerwirbelt und von allem beschaut wird. Ausgekundschaftet und Lebenswidrig. Ich bin dies Loch des Kreises, dies architektonische Innern, bin Schmerz und inmitten von Zukunft und Vergangenem weit klaffend. Ich schließe die Augen, öffne sie. Die Seele des Augenblickes ist ohne Netzhaut, ohne Neuronenblitze: ohne Becher.
Krug, ja, den ich schlicht platziere. Ich stelle mich auf. Die Unterschiede sinken. Vergehen im Bett der Geschichte. Das Soll meiner Bewegung (mehr Steinchen und Runen lege ich auf die von mir gezogene Bahn). Ich, in zwei Kreisen. Der Erde und des Lebens. Wieder falle ich, mit dem Gesicht nach unten, so dass ich Staub und Ähre, die Asche der Verwandlung schmecke. Auch das Wasser, welches hier einst floss. Noch sehe ich die Ausläufer des Tages und den Mond (der in vier Tagen seine Fülle erhält) sich hinbiegend in quadratische Dunkelheit.
Plötzlich Meer. Ich weiß nicht, ob ich noch denke, oder ob das schon weniger ist.
Und wie ich stumm daliege, ausgegossen und von Menschengestalt zerpflückt, höre ich Atem meinen Atem zum ersten Male die ganze Unendlichkeit meinen Brustkorb heben, den ich sogleich verliere und abstreife wie Schlangenhaut. Nicht außerhalb spüre ich die Luft ihre Messer wetzen und lege mich aus in der spitzen Umgebung.
Über die Felder spanne ich meine Gesichter trage ich Spiel und vogelgleiche Annäherung, wabig Heime erschließend. Das Licht der Sonne das Licht des Mondes ist, noch mehr Klarheit, welche die Gestirne einschließt in dieses gewaltige Hell und immer diese Strahlen, die mich durchdringen, mich aufnehmen nicht mehr sein lassen denn was ist außer Dir?
Das Gedächtnis verschwindet und schafft Platz für Erinnerung, das Mosaik der Suche ein immer fester Ort in den ich lachend laufe den ich umarme ohne Körpersein. Mit dem Anschlag des Morgens gehe auch endlich ich.
Das Bersten der imaginären Landschaft als Mythos, als immerklare Erzählung meiner Seele, aber Seele, das ist nicht.
Himmel sehe ich und Sterne darinnen sehe ich einen Fuchs erkenne ich zwischen dem Hier und Jetzt meines Wachens eine Gestalt sich alsbald verlaufend und die die Fangarme der Wildnis, die nun überall ist, zügig einfängt vorn anstellt an Augenblicke und asketisch vermessene Dichtung diktiert. Keine Worte aber füllt dieses Blatt mehr, Poesie aus Zeit und ihrem einzigen Moment. Im Kreis in zwei Kreisen liege ich und atme noch und alles atmet mit mir, kurz bewege ich mich mit den Beinen des Felsens und den Füßen des Nachmittages, sehe die Adern der Vorstellung spreche mit der Hitze Zungen lasse mich fallen und falle hinauf. Erstmalig sehe ich das Gebirge im Osten, wie es aus der Welt genommen wird und das sperrige Licht prescht über die Urlandschaft den archaischen Ansatz und die liebliche Steppe spielt ein Lied spielt ein Lied spielt spielt so dass alle und vielleicht auch niemand es hört und ich sehe den Geier tanzen die barracke Weite Rhythmus schlagen. Wir treffen uns und verlegen Linien, die wir einst zogen, verstauen Körper die wir einst besaßen denen wir Namen gaben.
Mond, der immer voll ist.
Uferlos breche ich entzwei und nehme alles an. Licht den Abgang des Schmerzes den Tau dieser Erfahrung und das märchenweite Erobern. Mit der Hand des Vollkommenen schließe ich Lebenswege mit den Ohren der Gegenwart höre ich sie flüstern wie noch nie laut wie noch nie. Und sobald ich kann stehe ich auf mit den Schultern des Neugeborenen den Botschaften einer ewigen Nachricht, falle in den Staub der Erde wo ich zersplittre wo die Anfänge enden wo ich die Perlen nicht wieder zusammenlese und tief hinabschaue zum bereits bekannten Erdenkontakt, Waage und das Feuer der Freude.
Endlich ausgeschüttet, Stein geworden.

Saft und Zeit

25. Juni 2008

Als ich aufwachte lag sie nicht schlafend und weich neben mir, in reichweite eines Armes, sondern saß an der Bettkante, angezogen und mit Kaffee, und sah mich an mit wachen braunen Augen, die Sonne fiel in etlichen Quadern in das Zimmer und ich hatte das Gefühl, etwas Bedeutungsvolles verpasst zu haben, ein Stück Leben und Dasein, das aus der Erinnerung des Morgen entfernt wurde und nicht wieder einzusetzen war. Sie war wach und ich war es nicht, ich stank aus dem Mund und spürte den klebrigen Schlaf am ganzen Körper, hatte bereits verloren gegen die Zeit und das lebendige Licht in den niedrigen Ecken des Raumes, und sie roch nach sonnenschweren Bohnen und nach blauem Wasser, Kraft rann durch ihren Blick und sie hielt ihre warme Hand an meinen Knöchel und fragte, Kaffee, und ich wusste, sogar von der Espressomaschine bin ich überrumpelt worden, sogar von Gas, und ich sagte, ja, Kaffee, und wartete, bis sie in der Küche verschwunden war, richtete mich auf, kippte das Fenster; steif und ohnmächtig fror ich und bekam den Kaffee überreicht, wie einen Orden, eine Absolution, dass ich es endlich doch noch geschafft hatte in den unausweichlichen Wahn des Tages.
Ich duschte, und währenddessen war das Schlafzimmer verwandelt worden in einen nackten und ortslosen Raum, einen weißen Magneten, der jeglichen Schmutz anzog und verdaute, kein Mensch war je hier gealtert, nicht eine Minute wurde der Ewigkeit geschenkt, niemand hatte jemals zwischen diesen weiten Wänden das Leben verschlafen mit pelzigem Atem und dem beizenden Duft des Schweißes, des fleischvollen Körpers, voller Vergessen und Mond.
Ich ging über die abgezogenen Dielen und deren weißes Licht, das ständig in ungewisse Rasterpunkte zerfiel, so, wie man über Wasser gehen würde. Im Spiegel betrachtete ich meine trockene Haut, die der Winter verwitterte, und ich schmierte mich ein mit ihren Cremes, zog frische Klamotten an, putze den Belag von den Zähnen, löschte die Kaffeebohnenfahnen und gab ihr einen Kuss, als sie schon in der Tür stand mit ihren zwei Taschen und einem leuchtenden Tag, die Haare noch warm aufgeföhnt, leicht und wie Wind, ich roch an ihrer Wange und sie schmeckte nach Indien, nach Amber und Zimt und Kardamon und saftigem Grün, du riechst gut, sagte ich, und küsste sie erneut bevor sie kehrtmachte und ging.
Ich aß und schrieb und verrichtete meine Geschäfte, ich ging laufen und wusste nicht wohin mit den salzigen, stinkenden Klamotten, und ich warf sie auf den Balkon, wo der Regen sie auswusch. Sie kam zurück, spät, braun und lebendig, ihre Taschen sahen aus wie am Morgen, ihr Haar unbenutzt, die Kleider legte sie zusammen und in den Schrank, dann zog sie sich ganz aus und sagte, ich geh mal duschen, und als sie im Bad verschwunden war roch ich an ihrer Unterhose, die blumig war und unverletzt, ich roch an den Stiefeln, die sie den ganzen Tag trug, sie waren warm und ledern, die Socken rochen wie das Feinwaschmittel, dass ich stets ins falsche Fach goss, und alles legte ich zurück an seinen Platz und war verzweifelt. Ich erinnerte mich des Sommers, als sie von ihren Tanzstunden kam, durch den schwülen, engen Leib des Mittags fuhr und die Wohnung betrat mit perlendem Schweiß an den erhitzen Schläfen, und ich sagte mir, so, jetzt, und ich verführte sie und zog ihre nassen Sachen aus, warf sie und mich aufs Bett, ich wühlte in den Achselhöhlen und trank aus ihrem Scham, vergrub mein Gesicht zwischen ihren Beinen und legte die Zunge in ihre dunkelsten, dampfensten Ecken, doch nichts; nichts quälte meine Sinne außer ihrem nebligen, frühlingsfrühen Duft, zart und silberfarben, sie roch nach mehr, nach immer immer mehr und nach simpler Erlösung, die keines Wortes bedarf. Ich weinte und sie fragte, was hast du, und ich sagte feige, ich weine vor Glück.
Sie kam aus der Dusche, saftig und frisch, und machte uns Tee. In ihren Haaren hingen glasige Perlen, die sanft auf ihre Schultern fielen und nach Licht schmeckten. Ich koche, sagte ich, und sie sagte fröhlich, gut, dann räume ich ein bisschen auf, und das ärgerte mich maßlos. Im Schrank, den sie geordnet hatte, stand das Essen, standen die Gewürze und das Gemüse wie Dekoration, unbeweglich und genau, und ich fand, das es in all diesem System ja immer nur der Mensch sein kann, der aus der Ordnung schlägt und am falschen Ort sein Wesen platziert. Ich suchte die Käsetortellini, schnitt Zwiebeln und drei Zehen Knoblauch und schmiss Spinat und Sahne in die Pfanne. Sofort hing mir der Rauch im Hemd und an der Hose, und ich hatte vergessen, mich zu rasieren, und die Stoppeln würden grau werden und ihre Lippen verletzten, ich rief, Essen ist fertig, und sie schob den Dunst beiseite, der im Raum schwamm wie Regen, und setzte sich und war perfekt.
Meine Knie juckten, und ein Lungenröcheln überfiel mich. Mit der Zunge spürte ich, wie die Zwiebeln am Gaumen klebten und der Spinat zwischen den Zahnsteinen, und ich machte einen Witz, so dass sie lachte von der einen Seite des Gesichts zur anderen, ihre Zahnreihen kletterten aus ihrem Mund und die Augen flackerten auf; nicht ein einziges, nicht ein einziges gottverdammtes Blatt Spinat klemmte im Weiß ihrer Zähne, nicht ein Zwiebelstückchen, nicht ein Funken Pfeffer oder Sahne, und ich senkte den Kopf und blieb stumm und traute mich nicht mehr, nach meinem tollen Witz, den Mund aufzumachen.
Wie oft habe ich sie nach langen, verhangenen Nächten morgens geweckt und an ihrem Atem geschnüffelt, nach Zeichen gesucht für eine Wandlung, nach Spuren, dass auch in ihr die Zeit existiert und nach Bakterien, die irgendwas zersetzen, doch nie schien sie wirklich durch die Nacht oder den Schlaf gegangen zu sein, nie trennte sie sich von diesem Ufer, das aus Blüten und Aromen und Süße bestand, und neben ihr wurde ein anderer Körper feucht und mufflig und hastete, ohne dass sie es merkte, wie besoffen durch die Monate und eigenen Säfte. Morgens zog sie mein Shirt hoch und sagte, schau, da ist schon wieder ein Fusel in deinem Bauchnabel, mal war es ein blauer oder ein roter oder ein grauer, und ich ging ebenfalls an ihren Nabel und schaute, und natürlich war da nichts, kein Textil und kein grünlicher, hässlicher Rand, ich steckte meine Zunge hinein und es war immer nur Tau: kristallne, gläserne Tropfen, die ich von ihr leckte wie eigene Tränen.
Nachdem ich gespült hatte musste ich ins Bad, und ich klopfe an da ich wusste, dass sie noch drinnen war und irgendwas tat, und ich fragte, was machst du, und sie sagte, ich bin auf Toilette, was hieß, dass sie schiss, denn wenn sie pinkeln musste sagte sie immer, sie müsse pinkeln und hätte nie gesagt, ich muss auf Toilette, und ich stand erleichtert an der verschlossenen Türe, presste das Ohr gegen die Türe und lauschte ihrem gärendem Akt, dem Unsinn, den jeder Mensch mitmachen muss, und ich stand lange da und war zufrieden und lauschte, obwohl ich nichts hören konnte. Dann ertönte die Spülung und ich wusste, selbst in ihr gibt es Unverdautes, und sie kam heraus und ging ins Wohnzimmer, ich fiel sofort ins Bad und sperrte hinter mir zu, schloss die Augen, atmete tief ein; doch ich roch nur dünnfädrige Seife, die noch in kleinen Bläschen im Waschbecken aufplatzte, und mein Herzschlag schoss in den Himmel und ich klappte den Klodeckel hoch und roch tief und es roch nach Wasser und nur nach Wasser und ich begann zu schwitzen und ging in die Mitte des Raumes, ich schloss die Tür auf, ging hinaus und noch mal herein, doch es machte keinen Unterschied: ich vernahm nichts als die heizungswarme, geflieste Luft und ein Fetzen Seife und Shampoo.
Nein, dachte ich, nein nein, ich schaute in den Spiegel und dort wuchsen die Haare wild über meinen Kopf, mal zum Haareschneiden gehen, hatte sie letztens gesagt, und der Mund ist bleich und aufgerissen von der Kälte, und wenn ich ihn einschmiere reißt er nur noch mehr auf, die fahlen Ringe unter den Augen überdauern den Morgen, ich sah eingeknickt aus und unvollendet, eine Schuppe löste sich und fiel mir aufs Augenlid, unter Anstrengung schloss ich den Mund und den Verstand, umklammerte das Becken und fand mich nur wieder in dieser Welt und in diesem Raum und in diesem Geschehen, weil ich mich wahrnahm durch den zähen Schlauer meines Dunstes, der von meinem Oberkörper, von den Schamhaaren und den Zehenzwischenräumen aufstieg, der Geschmack, der mich in der Wirklichkeit festhielt und wahr und endlich machte.
Sie saß dort und las, mit frischen Socken und weißem Oberteil, aus dem ihre Brüste wie vollkommene Versprechen stießen, sie las und schlug die Beine übereinander und schaute mich an und lächelte, du siehst müde aus, sagte sie besorgt, und ich grinste zurück und flüsterte, ja, ich mache noch mal Kaffee, und ich fragte, ob sie auch einen wolle, und da sagte sie, ja, auch ich verspüre den Verlust des Tages, und ich ging in die Küche und kochte unseren Kaffee in dieser glitzernden Wunde.

Gleichgewichtsorgan

18. Juni 2008

Er prüft seinen Blick im Spiegel, sein Hemd, ob es sitzt, seine Hose, ob sie sitzt, sein Lachen, das schief wird. So könne er nicht gehen. Im Kleiderschrank findet er einen anderen Gürtel, er besitzt nicht viele, er besitzt zwei, und den einen zieht er durch die Schlaufen heraus und legt ihn an seinen Platz, wiederauffindbar, falls er noch einmal zurückkäme, und den anderen, nachdem er die Löcher geprüft hat und den Duft des Leders, zieht er durch die Schlaufen und findet, es ertrage sich.
Er greift seinen Hut.
Im Spiegel noch immer sein Gesicht, nun mit Hut und neuem Gürtel um die Hose; ich höre Geräusche von der Straße, aber wahrscheinlich ist es nichts, Autoreifen überm Pflaster, grelle Telefonate, geschrieen, ein Kinderkreischen – man muss es nicht wissen.

Ich biege das Lachen zurecht, draußen ist eine Welt, dann geht er los.

Seine Fußmatte legt er zurecht, ohne sich zu bücken, mit der Spitze seines Fußes schiebt er sie herum, die lange Kante an die Türschwelle bis sie glatt sitzt und der wenige Staub, den sie von ihren Ecken riss, an neuer Stelle herabsetzt. Hat er den Schlüssel, ja, er hat ihn, schließt ab, noch ein zweites Mal, dreht ein Mal wieder auf und dann wieder nach rechts, um doppelt zuzuschließen, ich bin unentschlossen: aber vermutlich ist es meine Geschichte, die ich in aller Treppenhausstille fabuliere, vermutlich meine Geschichte, kein Ende nehmend wie mein Wille, sie zu entwerfen, und unten am Hauseingang wartet eine Uhrzeit auf mich, gewiss, ein Datum, gewiss, und womöglich irgendeine Person, die mich für jemand Bestimmten hält und mir Korrekturen abnimmt, die Sonne wird über dem Tag stehen, jetzt, hell und feucht, da Frühling ist und die Luft leicht und voller Geschmack; das Geländer ist kalt, er berührt es nicht, mit den Händen in den Hosentaschen geht er los.
Ich bleibe stehen vor den goldenen Rechtecken, die die Sonne hereinwirft. Sie liegen im Hausflur und über den Wänden, verbogen, wo die Räume sich ändern oder enden, das frische Licht verknappt. Sie bewegen sich, sobald ich hindurchlaufe, ich zähle –
er merkt sich ihre Strukturen, traut ihnen nicht und kann sie selbst jetzt nicht für wahr halten, nur weil sie existieren, er zählt die langen Schattenbalken, die das große Lichtbild in vier kleinere zergliedern und die Rechnung begleichen: er merkt es sich, sicher ist er sich nicht, und er kennt die Traumata eines Standpunktes, möglich zu werden und ob. Die Rechnung:
Ein Großes vier Kleine, oder vier Kleine ein Großes und immer so weiter. Dann zwei Große acht Kleine, dann zwölf Kleine drei Große, dann noch einmal und er wird unten vor den Parkplätzen stehen, alle Stockwerke genommen und verbindlich nummeriert, ein silberner Audi wird da sein wie immer, die Blumenfrau von gegenüber wird dastehen mit ihrem grünen Kittel und der roten Schürze und nichts zu tun haben, als gelegentlich einen Strauß Tulpen aus dem Eimer zu ziehen und geräuschvoll einzupacken, und vor der Bäckerei sitzen die drei Männer auf den Bierbänken vorne und schlucken ihren Kakao zu Butterbroten, der Kanal wird so dahinfließen und die Bäume mit saftigen Blättern so dahinfließen und das Gras am steilen Ufer.
Also Stockwerke zählen anhand einer einfachen Rechnung. Über Fußböden und Kanten und Wände die tagklare Einheit des Lichts, wie es fällt.

Dann, es ist der zweite Stock, ein Schlüssel im Schloss, die Tür ist geschlossen.

Ich weiß: es wird niemand da sein. Auch wenn ich es mir vorstelle, ich weiß:
Man hat den Müll – den Wertstoffmüll, um endlich präzise zu sein – mit hinausgenommen und auf die nächste Treppenstufe gestellt, damit man die Hände freihabe, die Tür zugezogen und den Schlüssel ins Schloss gesteckt. Gerade, als man abschließen wollte und kehrtwenden, kippte die Tüte; einige Verpackungen glitten über den Boden, etwas nasse Folie, nass vom Fleisch, das vorher darinlag, ein Joghurtbecher und vielleicht der dazugehörige Aluminium-deckel. Man flucht und räumt es zurück in die Tüte, eine Fingerspitze wird schmutzig, man reibt sie an der Tüte ab, außen, denkt ans Waschen und Staubputzen und diese ganzen Dinge, die sich permanent wiederholen und die man nicht bezwingen, denen man nicht entkommen kann, all diese Dinge, die das Leben bestimmen und immer wieder gemacht werden und immer wieder anfallen und deren Bewältigung so unvollkommen sein wird wie das erste Luftholen, wenn man aus porösen Träumen erwacht, das ständige Wäschewaschen also und das Abspülen, den Harrwuchs, den Schweiß.
Diesmal schnürt man die Tüte zu.
Und geht verärgert über die Umstände, die doch alles sind, was ist, und der Schlüssel schwebt alleine im Schloss; fast hört man die Stille, die von ihm ausgeht und seinen Körper Schliff an Schliff liegen wie etwas, was wirklich hatte sein sollen, ich weiß es:
Es eilte. Schon hat man die Kopfhörer im Ohr. Elektro. Dann durch den Bass der Nachbar, gerade, als man zusperren wollte, der Nachbar von oben, nicht gerade ein Freund aber auch kein Fremder, die Treppe hinunterstürzend. Ach, soundso. Kurzes Gespräch, nervös, da man weg muss, sich wenig kennt, die Kopfhörer baumeln um den Hals doch der Nachbar entledigt sich keines Kommentars ob der Musik, man hat ja den selben Weg, also los, ein Schulterklopfen, dann endlich los. Der Schlüsselbund mit Schlüsseln für Haustüre, Fahrradkeller und Fahrrad, Postfach und Vereinsraum – und im Schloss der Wohnungsschlüssel, ich weiß es, als habe ich zusehen dürfen:
Man stritt. Aufkommende Erkenntnis, dass dem mit Wein und lauer Absicht nicht beizukommen ist, das Körperliche ins Perverse gesteigert, um noch Sinne zerreißen zu spüren, und dass der Opel gekauft, nun endgültig gekauft war; wie lange hatte man es verzögert und verzögert und es schon nicht mehr gewollt und schon unlängst gewusst, dass der Kauf des Gemeinsamen diesen kaputten Irrtum nicht wird beheben können, den sie aneinander begingen in ihrer Annahme, für den anderen zu sein oder nirgends, die Rechnungen halbiert. Noch zögert man mit Namen, die einen Strich unter ihr Leben ergäben, die Haut und die Stunden der anderen, in denen man Sehnsucht in fremde Körper schob und dabei schwor, dass dies alles nur Lüge sei und eine abtreibende Sehnsucht, ebenso unreal in einem anderen Leben, wie es gewünscht wurde und in dem nichts von alledem galt, in einem anderen Leben also, als ob man so viele hätte, das durch die Namen erst vollbracht wäre: Anna, Fatima, Clarissa, Maggie mit den feuerfarbenen Haaren und den marmormatten Augen, und auf der anderen Seite Kai, an dem sie alles mochte außer seinen Namen und der jetzt nachhallte, immer nachhallen wird.
Absperren wollen, dann ein furchtbares Wort, der Puls im Hals, beide werden laut. Den Rest vergisst man. Und im Schloss der Schlüssel.

Also: Niemand wird da sein.

Er öffnet, es ist nicht zugesperrt, nimmt den Schlüssel ab und tritt ein.

Zug. Und wie jemand, der weiß, wo er hinmuss, bewegt er sich durch die Wohnung, ohne an irgendeiner Kante oder einem Tischbein anzuschlagen, nimmt die zweite Tür rechts, die offen steht, das Wohnzimmer mit leeren Wänden, da ist eine Tür zum Balkon und er schließt sie und der Zug stoppt.
Er setzt sich in einen Sessel, dann auf die Couch, steckt eine Zigarette an, denkt: was für eine durchschnittliche Wohnung. Hier wohnt ein Mann und die Frau, falls es sie gibt, kommt ab und zu und stellt den Müll in den Flur, aber so, dass er nicht umkippt, kratzt das Kerzenwachs vom Tisch, befriedigt ihn nach ihren besten Möglichkeiten. Aber da stehen keine Kerzen, im ganzen Wohnzimmer nicht, nicht auf dem Fensterbrett, ich sehe: keine Farbeinheit, ein zu kleiner Fernseher, kein Vorhang an den Fenstern und kein Schrank. Nur ein langes Regal, Bücher darauf. Der Sessel und die Couch, ich darinnen, zwei Tische. Magazine: Querpolitisch, alles Standard.
Dazu Tageszeitungen, gefaltet und sortiert auf einem Stapel und darauf etwas Asche, womöglich von mir, aber nirgends ein Aschenbecher, vielleicht irgendwo; streng marschiere ich in die Küche, eine Aufgabe, die baldige Aufklärung verlangt, als gälte es nun: dem Ganzen einen Sinn zu geben, ein klar abgestecktes Ziel, das vorkommt, sich finden und verwirklichen lässt, und ich klappe die Schranktüren auf, zuerst die kleinen, Tassen, Becher, Kannen, Espressomaschine, noch verpackt, Vasen und kleine Teller, dann die großen Türen, überwiegend große Teller, Schüsseln, eine Salatschleuder, wie sie Menschen haben, die gerne ihren Salat mit etwas Anderem schleudern als ihren Händen, obwohl man auch hier Gebrauch macht von seiner Muskelkraft, eine jetzt maschinelle Bewegung, die weitaus kräftezehrender ist als einfach mit der Hand abzuschleudern, ich schließe die Türen, kein Aschenbecher, wonach suche ich überhaupt?

Ich frage mich.

Auf den Ablagen kleine Pflanzen und ein Messerblock, eine Notiz. Unleserlich. Ein Schneidebrett. Eine Postkarte überm Becken, Spülen macht Freunde, ich drehe mich um, da sind Wasch- und Spülmaschine, es ärgert mich, ich nehme die Karte ab, Spülen macht Freunde, und weiß nicht wohin aber weiß wohl, dass es mich ärgert. Ich klebe sie zurück, sie hält nicht. Tesafilm, ich öffne die Schranktüren, erst die kleinen dann die großen, nur Teller und anderes Material darinnen, kein Tesafilm und noch immer kein Aschenbecher, vielleicht unter der Spüle, jetzt sind es schon zwei Sachen, die ich suche und nicht finden kann, vielleicht unter der Spüle, sehr wahrscheinlich sogar, irgendwo an kleinen Orten, Nischendinge, doch ich gehe zurück ins Wohnzimmer und rauche eine Zigarette auf der Couch, rauche langsam – Kopf im Nacken, die linke Hand auf der Lehne, die rechte zum Mund – und blase den Rauch an die Decke, so langsam, wie er sich eben auspusten lässt von einem Menschen, dem der Atem und der Herzschlag schlichtweg geregelt wird; keiner wird kommen, sie können es also gerne riechen, dass jemand hier war und nichts fand, keine Erklärung für sich und kein Tesafilm für eine Postkarte, die sich erübrigt; keinen Behälter für Asche.
Er lässt auf die Tageszeitungen rieseln, die Kippe von vorher. Dahinter eine graue Kladde, handgebunden, schlich und kühn, dünnes Papier wie aus China, eine Handschrift genau und winzig, nirgends sieht er einen Stift herumliegen, er geht in die Küche und öffnet alle Schubladen, die mit dem Besteck und den Gummis und den Taschentüchern und den Korken und findet ein Aluminium-blech, das er mitnimmt zu sich auf die Couch und als Aschenbecher benutzt, wahrlos öffnet er die Kladde – Unser Vermögen zu sprechen, zu lieben, zu hassen und die Welt um uns herum wahrzunehmen sowie unsere Erinnerungen, unsere Träume, ja sogar die Geschichte unserer Art sind entstanden aus dem Zusammenspiel vieler elektrischer Signale, die sich in unserem Gehirn ausbreiten wie ein Gewitter, das in einer Sommernacht über den Himmel fegt – weiter ascht er auf den Stapel Zeitungen, dann fällt ihm das Blech ein. Ich platziere es. Meine Gürtelschnalle ist lose, bald wird sie abfallen, der Gürtel – wird sich erübrigt haben.
Was habe ich noch nicht gesehen, das Bad. Ich gehe. Das Bad ist klein und schmal, so wie alle anderen Bäder in dieser Stadt, klein und schmal und immer kahl, eine Badewanne mit weißem Vorhang, kein Design, weiß, auf dem Waschbecken ein Becher mit zwei Zahnbürsten, ich fasse sie an und die eine ist rau und die andere ist weich, das Klo stinkt nicht nach Urin, ein Badvorleger, Melisse, Handtücher an Harken und zwei Körbe mit Utensilien an den Wänden. Ich pisse ins Waschbecken, es hat eine gute Höhe zum reinpissen, ich finde Seife im Korb und wasche das Becken, nachdem ich kräftig abspült habe, wasche mir die Hände und benutze eines der Handtücher, ganz steif und kratzig trocken, und stehe wieder im Flur, blicke in die Küche, woran ich nichts finden kann.

Ich rauche. Klopfe Asche auf die Dielen.

Und weiß: Mein Name ist so unaufgefordert wie mein Aufenthalt in diesem Flur, der Kranz des blauen Rauchs unter der Decke; was also, wenn sich Elektronen irren? Oder eines Tages verschwinden wie ein Auf-Dem-Herzen-Haben, das man zu lange ertragen hat? Gibt es eine Wiedergeburt des Fraglichen, zu dem also, was man sein möchte unter dem Vielen, das man ist?
Es könnte: er blickt in die Küche, das Küchenfenster hinaus in einen weißen Tag, außerhalb, und denkt, es könnte:

Wenn ich bin, so mag dies eine Tat sein, die ich voraussehen kann.

Einen Tag wählen. Eine Geschichte. Assimilieren also.

Ich suche nach Zigaretten so wie ich schon wieder nach Tesafilm suche und zuvor einen Aschenbecher suchte und die Erklärungen sind zu banal, zu simpel und unverbesserlich, als dass man sie wahrhaben wollte. Wenn ich gehe, ist das Elektrizität. Der Gedanke – Grundbaustein Nichts – lässt sich rausschneiden. Und es bleibt also schwierig – wenn man da sitzt und irgendwo hinstarrt um zu vergessen, was man sich vorher erfand, und wenn man erneut beginnt mit Vermutungen, die Wirklichkeit werden. Er ahnt es und tut wie eine Überraschung, als er sich auf der Couch wiederfindet – links die Lehne, rechts die Bewegung zum Mund. Obwohl er weiß, wie es endet, und obwohl er weiß, dass es natürlich so hatte sein wollen.

Und wenn jetzt ein Telefon klingelte?

Und wenn jetzt die Türe aufspringe?

Jetzt drückt er die Kippe aus, am Blech, und oben links hinter dem Fernseher, als habe man es in aller Öffentlichkeit an einer weißen Wand verstecken wollen, ein Rahmen und ein Gemälde von einem Mann, Öl auf –. Einfach ein strenges Gesicht, verschroben. Einfach ein Kopf vor rotbraunen Hintergrund, die Brauen buschig, fest die Nase, kernig und wachsend die Stirn.
Kein Glanz um die Augen, die saftlosen Lippen, und das Kinn hängt am Ganzen wie zufällig; einfach ein Kopf, bartlos. Ein Selbstportrait.
Schiefe Aussage, die als Beweis taugt: einfach ein Bild mit einem Kopf
(er wiederholt es sich), den es einmal zu malen galt, nicht vor einem Spiegel sondern aus wunschlosen Erinnerungen, die die Zeit verdreht haben mag, angepasst, wie so häufig an das rein Vorstellbare, ein quasi Absolutes, und nicht ohne Bagatelle zu sein; die unmerklichen Ohren, der allmählich krumme Blick, ein Wirbel im Haar, dürr, erschreckt. Kein Glanz um die Augen und niemand der ihm beistand, das ganze Vorhaben nicht zu beenden, niemand, der jetzt behaupten könnte, dass er da säße, wo er sitzt, auf der Couch und – wie er sich gedacht, erinnert hat – im Mundwinkel den Geschmack von Nelken und Kraut, wie er dasitzt: und nach Magazinen greift.

Ich reibe mir die Stirn. Schwitze. Wieder so eine Sache.

Wie er da sitzt, seine Kippe ausdrückt und ein Magazin aufhebt, sieht er den Balkon.

Wie heißt die Stadt? Berlin, richtig. Er stößt das Fenster auf und sieht das Maybachufer, Trauerweiden silbern im gemächlichen Wind, den Kanal, letztens hatten ein paar Türken ein altes Bettgestell dort hineingeworfen und gelacht, gerade dort vom Kopf der Brücke, wo jetzt ein Mann, zu warm gekleidet für den Frühling, steht und raucht, sein Gesicht verdunkelt, Qualm steigt über seine Stirn, kaum sichtbar, dahinter mehr Menschen ohne Zigaretten, auf der anderen Seite die Bäckerei, die Fußballkneipe, davor fettgrüne Blätter, Maybachufer, das Wasser zu lahm und zu warm für Geräusche. Oder doch nur Wasser, irgendwo auf der Welt, an das man sich erinnert, ein Ufer voller Bäume, wer gibt ihnen Namen, verdienen sie überhaupt Namen, wer sagt, das sie am Kanal stehen und wer nimmt Maybachufer in den Mund, wo er doch irgendein Wasser und irgendein Ufer meint, das zu jeder Zeit existiert haben mag, ein Punkt, den man anfügt und fortnimmt wie es einem passt, einen Betonkanal, Firlefanz und tausende Mücken überm Dunkelgrün. Zu dreckig, um darin zu baden.
Ein Ufer, gewiss, vielleicht sogar Wasser, aber wo! Vielleicht haben wir uns schon einmal gesehen, vielleicht sind wir zu Synapsen verschmolzen und tauschten Gepflogenheiten, klitschige Händedrücke oder ein nettes Wort oder die Frau; der Mann wirft seine Kippe von der Brücke, greift in seine Innentasche, öffnet eine Schachtel und hustet still in den Wind, den lahmen, nicht in die Hand, er zündet eine Zigarette und raucht und zieht in die Lunge; Qualm steigt über seine Stirn, steht in Kreisen unter der Zimmerdecke, ich lehne mich aus dem Fenster und sehe den ersten Löwenzahn unten, wie er losbricht und das Wasser im Kanal. Vielleicht kennen wir uns. Berlin? – Sicher bin ich mir nicht.

Im Flur eine Stereoanlage, warum im Flur, CDs in Stapeln daneben, ein alter Drucker, wahrscheinlich kaputt, ich blicke in die Küche, zur Haustür – will er gerade gehen? Müsste ich nichts hinterlassen als Zeichen, dass ich da war und auf der Couch rauchte und den Arm wie von alleine auf die weinrote Lehne legte, die Kippen auf den Dielen ausdrückte und eine Postkarte von der Küchenwand riss, und dass ich nach Anhaltspunkten suchte und immer wieder auf der Couch saß, nie im Sessel, wie jemand, der absolut grundlos gekommen war und sich nichts daraus machte, ebenso grundlos wieder zu verschwinden und ohne Hoffnung, wiederzukommen.
Keine neue Notiz in der Kladde, kein Eintrag mehr von Irgendwem, der in den Schubladen wühlte und die Balkontür schloss, weil es zog …

Und neben der Küche das Schlafzimmer, ich trete hinein, die Tür, die sich mit einem leichten Ruck aufstoßen lässt, war nur angelehnt, ein Telefon auf dem Boden (vielleicht höre ich den Anrufbeantworter ab) ein Laptop, einen Schrank und kein Bett, auch keine Matratze, ein riesiger Spiegel, eingefasst in der Schranktür.
Er prüft seinen Blick darinnen, sein Hemd, ob es sitzt, seine Hose, ob sie sitzt, sein Lachen, das schief wird. So könne er nicht gehen.
Im Kleiderschrank findet er einen anderen Gürtel, er besitzt nicht viele Gürtel aber genug, um sie dann und wann zu wechseln, er zieht einen neuen durch die Schleifen ein und legt den alten an seinen Platz, dass er wiederauffindbar sei, falls er noch einmal zurückkäme. Er schaut sich an und findet, es ertrage sich nicht.

Er greift seinen Hut.

Im Spiegel noch immer sein Gesicht, nun mit Hut und neuem Gürtel um die Hose; ich höre Geräusche von der Straße, aber vermutlich ist es nichts. Zurufe zweier Freunde, eine Hupe, die die Stadt durchbricht, ein Hundebellen, ein Flötist – man muss es nicht wissen.
Ich stoße mich an der Stereoanlage und greife die Klinke, biege das Lachen zurecht.
Draußen ist eine Welt. Dann geht er los.