Nachts, in den Soll-Bewegungen des Verlebendigten, treiben die Bilder zum Urpunkt der Welt, der ein Vergessen ist. Du kannst es nicht wissen, niemand weiß es, man ist dieses nicht. Nur Stirnzimmer kennen den Blues. Staubaufgeflüster, Purpurptraktat, die Wasser welken laubwärts. Was wir dem Erdgeborenen zutragen ist Kausa von Nomen, Blüten, Lichtgestalt, das Taggesagte denkt nicht nach über uns, noch versagen uns Nanosekunden die Kunde vom Heil und vom Hiersein. Flauschiggrün nennt man es Jetzt oder Nimmernichts, Form ist Leere, Leere ist Form, und das letzte große Sterben wie ein roter, dummer Mond. Episch die Titten, episch das Schicksal, episch die Null, episch das blaue Geräusch, das ich beim Leben mache, episch das Summa-Summarum. Ontologisches Affenwort, weil wir der Gattung der Alphadingsda angehören, Osmose, Aschenbefreite, eine Fortpflanzungsquote sich krümmender Zeit, Nagellackentferner und Atomendprodukte; die Wälder ziehen sich zusammen, Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom: Gott, lebensmittelgroß, in Ganglien, Glutamat und Gina Wild. Wie ein Lebstoff Persönchen sein könnte. Wie ein Körpersaft eine Angliederung an das Geschöpf sein könnte. Wie du in Wahrheit nicht du sein könntest. Von Kleist trinkt, frohlockt, richtet das Gewehr auf das Gesicht seiner Freundin, im Wannsee nebenan: ungezähltes Leben. Das Aufeinander im Ineinander des Voneinander, alles, was du nicht denken kannst, existiert nicht. Doppelwesen du, das andre Biologie. Elementarverteilt kennen sich Lebchen, and your pretty face is going to hell. Anämische Hände. Das Weitliche segnen. Das Blühen erfindet die Blume, das Wort erfindet das Wort. Gassengichtfragmente, Löschwassereinspeisung, Welle-Teilchen Dualismus. Eins = Ich nehme an. Zwei = Ich weise ab. Die unzerbrechlich-grüne Schönheit der Dinge. Wer ist der Mann, wer Frau: ein Topf voll Sperma und Luft, in der Zwischenstrecke aus Mond und Morgen das Rotbluttreiben orchestrierend. Sieh genau hin, Ying, hör genau zu, Yang: Herzbeutelflüssigkeit, Blaubeerbecken, Urversuppung. Man ist nur das. Wie ein Lebstoff Persönchen sein könnte. Die Nacht legt sich zu uns in die Erde, Liebste, tief wie tausend einsame Tiefen tief.
Du schläfst. Wer ist nun was, und wofür? Liebe klettert in eine andere Liebe und das All durchquert immer ein anderes All. Lichtgeladen treibt es sich zu, beult es sich aus, ein Zwilling fährt alleine nach Amerika.
Kielwasser Fleischwasser Metawasser. Der Tod führt zu Nichts führt zu Leben führt zu. Das Leben führt zu Tod führt zu Nichts führt zu.
Das Nichts führt zu Leben führt zu Tod führt zu dir und mir und den zehntausend Dingen, Gott ist ein Fünfeck gespannt zwischen abgesessenen Worten und russischen Prostituierten, deren Namen auf dem Silbenreichtum Shivas enden. Tiefseeumblaut, und wir finden Namen für weitere Namen, um deine schlafende Stirn kreisen Elektronen in elf oder mehr Dimensionen, Abraham ist der erste Sohn und der letzte Vater, das All durchwandert immer ein anderes All, um nirgendwo anzukommen. Stätte meiner Unruhen, vorbildlich, und ich sage dir das Schopenhauer bei Kant gelesen hat, das Materie aus dem Antagonismus von Expansions- und Kontraktionskraft besteht, also werbistdu, werbistdu, denn: wenn das Licht dann versinkt, wird es schön sein.
Du schläfst.
Ich kenne diesen Atem, und lese dir vor: jeder Satellit hat einen Killersatelliten; das Absurde sind nicht die Dinge, das Absurde ist, das die Dinge hier sind und wir sie als Absurd empfinden; die elektromagnetische Abstoßung ist 10 hoch 42 mal stärker als die Gravitation; das fortwährende Dasein des Menschengeschlechts ist bloß ein Beweis der Geilheit desselben; auch mir steht der tausendjahrfarbene Stein in der Kehle, der Herzstein; und bedenk, ist irgend Leben mehr erlebt, als deiner Träume Bilder?
Du schläfst, und ich lese dir vor aus meinen schwarzen Buch, erzähle dir dass in einer Sekunde Milliarden Blutblättchen entstehen und im Bleibenichts deines Körpers taumelnd zugrunde gehen, dass der Geist zuallererst eine Erweiterung des Leibes ist und selbst die Erweiterung des Geistes noch keine Annäherung an das wirklich Wahrheitssuchende ist, ich erzähle dir dass es die Liebe ist, die Hormone gebärt, und dass es das Bewusstsein ist, das ein Gehirn hervorbringt. Einsamkeit, sage ich, hat der Mensch erst unter den Menschen gelernt, und ob ein Hund Buddha-Natur hat ist ein Koan für verspätete Stunden; jeder ist auf der Suche nach Erleuchtung, ohne diese überhaupt haben zu wollen, und warum bitteschön sprechen wir vom Zufall, wenn jede Wirkung eine Ursache hat und Kausalität eine Apriorität literarischen Ausmaßes ist. Lustigerweise steckt die Leere voller Gestalt, und nur fast ist alles vergeblich. Wenn es nur nichts gäbe, so sage ich dir in die Nacht, glaubte ich auch an ein Nichts.
Du schläfst. Das Rauschen der Gasetagenheizung wie ein heranrollendes Meer in einer Nacht aus dunklem Regen. Gestaltetes Land, Material, sich gegenfließend, Gewichte von Haut, Blut-kreisläufen, Gewichte von Arithmetik und Torf. Gewichte. Am Zustandekommenden erweitern sich Seelchen, fein, ja fein kauert der Kosmos. Das Gras ist ein Gras ist ein Gras. Großbuchstabentreu, und fein liegen innen die Lebchen wie ein saftfarbenes Herz. Wie ein Druck in Maschinen. Wie Dreck, der sich aufwiegt. Wie Licht drüber. Sternallzeiten, Seltsamspender, Vollmundgeber, traurig wie volles Papier. Es gibt Stellen im Universum, die über eine Billionen Grad heiß sind und dann gibt es Stellen, die nichts von meinem Glück kapieren. Einer sperrig kargen Gegenwart lächelt man Lichtjahre voraus, ein ewig-kleiner-Junge-Lächeln, ein Atemzug heimwärts, wo es jahrmilliardenlang sitzt, beschäftigt mit Butterstollen, res externitas, der vorzeitigen Entlassung Felix Magaths auf Schalke. Das zimmerdurchflutende Etwas, Weltinnenraumgefüge, Schwachsinnsspur. Wir befürchteten Tage, es kamen Befreite: das Nachschmelzen der Küsten hält an, Überrandgeschehen, Sprachverzauberung, Rosinenreife, und im Busch-Busch die Liebe.
Du schläfst. Am aus der Lunge Entferntem erkenne ich die Wahrheit der Welt. An der Machbarwerdung von Feuer und Tag erkenne ich, am Buntvergrauten und am nächsten wunderbaren Fick. Der Mensch, der noch etwas will, hat vom Wollen nichts verstanden. Out of the earth-bound womb a great story is born. Feines Mineral, Erdkruste und Salz, Übergänge, die eins sind mit den Stunden, nackte Verschiebungen in das neue Beet des Frostes. In sich lauern die Welten auf Gott, in sich zahnt es zu Schicksal und Gas. Eine Zelle Glutwarmes, ein Nichtaufhören voller Leben und Tod. Der Ausblick am See – Abermalsromantik – macht auch keinen glücklich; die Sprache kennt nicht ihr Gegenteil, diese bessere Sprache voller Aufhören und Nichtstun. Wortbaum, Eingedunkeltes, Unterboden. An-, Aus-, Herzgeleuchtet, wo, und wem? Den Nebendingen, den Nebendingen?
Du schläfst. Was noch, bevor du wieder da bist. Ich erzähle dir von der letzten Überweisung des Mietrückstands, vom nassen Lärm in den Armen der Stadt. Dass Lippenwasser nur Saft ist. Dass böse Japaner zu viele Wale töten. Dass die Erde nachwächst in einen Haufen absterbender Sterne. Dass ein vom Licht abgezweigtes Aug´ oftmals nichts weiter als ein vom Licht abgezweigtes Aug´ ist, dass Zähneputzen ein erfundenes Wort ist und Betablocker Poesie, dass es auf Saturns größtem Mond flüssiges Methan regnet und dass verdammt noch mal kein Ding existieren kann, das nicht aus Liebe gemacht wurde. Dass ich auf dich gewartet habe 14.378.595 Jahre lang, eine Habseligkeit, Bewahrstelligungsraum, Quantenkonstruktion. Irgendwann, ich verspreche es, zieh ich hier ein.
Du schläfst; dein Atem höllt in den Zellen, deine Haut wandelt die Kristalle der Luft, werbistdu, werbistdu, wenn ich dich aus deiner Mitte berühre und aufsperre? Ding, das den Raum hebt, Körper, dem die Haut fettet, Geist, der den Kosmos kettet an Person und Bewirkung? Sag, Allerweltgeliebteste: welche Farbe wird sein, wenn dein Blick sich enterdet, welcher Ton wird sich halten, wenn es klingt wie dein Ende? Wozu auferstehen, wenn das, was wir träumten, ehedem schlief. Nirgendsnah die künftigen Verwandten in Rost und Gestein, Neocortex, Holundersirup, vertausendschönfachtes Erdreich. Und mein am Gaumen gurgelndes Lied hebt sich hinauf zu deinen Tränen, in diese eine Berührung pflanze ich die wahre Stunde der Zeit, ich greife in deinen Schlaf und öffne dich, mach dir die Stirn weit, den Herzbogen, den Jetzt-Raum. Du bist eine Antwort, aber wie nenne ich dich? Die Lippen des Verstandes lesen nicht das Gebet des Herzens, aber dies, dies musst du beantworten, diese eine Frage noch, die mir alles ist: Wo ist die Welt wirklich bewohnbar?
Du schläfst, in endloser Stellung zwischen jenen, die kommen, und jenen, die gehen. Dort, wohin ich mich entferne, finde ich immer zurück.
Wenn wir zustande kommen würden, stürbe es nicht.
Hinzugedichtet
24. Februar 2011
Defloration.
Das treue Licht
sinkt in hellkalte Wunden. Winter,
ewiger Stunde schwer,
ist ein beschissenes Tier.
– Schwere überfrierende Nässe –
Und es kleidet die Nacht graue Sterne
über die Lücken des Ewigen aus.
Alles
kann so schön schlecht sein
wie das bunte Berlin.
– Bitte achten sie auf verlassene Gepäckstücke –
Konjunktur der Ebene. Abseits
schieben sich Leben ins Leben.
Stillgelegter Saft
beherbergt die Massen.
– Nutzen Sie die Vorsorgeprogramme ihrer Krankenkasse –
Endokrin
das ist der Tod.
Ab der Rückseite des Mondes
besingen die Sterne das Weite.
BerlinBlues – Classic
9. August 2008
Der Klassiker des BerlinBlues. Rechtzeitig zum 1. Geburtstag. Viel Spaß beim lesen.
Es war die schnellste Autofahrt, die ich je von Köln nach Berlin unternahm, und meine erste.
Dieter, dessen Beschreibung ich mir hier großzügig spare, da sie allein die von mir angepeilte Länge des Textes sprengen würde, fuhr, man kann es ohne Umschweife sagen, (nahtod)beherzt, aber sicher.
Nur soviel:
Er und sein polnischer, nur polnisch sprechender Kumpel schafften es, in einem einzigen Nebensatz das Wort „Kurva“ mindestens drei Mal und manchmal derartig oft hintereinander zu gebrauchen, dass mir schon der Verdacht durch die farblosen Hirnsynapsen strich, die beiden Doofköppe hätten in Wirklichkeit ein neues, wenngleich sonderbares System der simplifizierten Verständigung mittels syntaktischer und phonetischer Codierung des Wortes „Schlampe“ erfunden, dessen Gewitztheit ich in meiner Ignoranz nicht zu dechiffrieren imstande war. Zudem sahen sie lustig aus.
Der vierte Mann im Objekt hieß Janosch, kam aus der Ukraine und hatte die gesamte Fahrt über einen schweren Stand, da er von Dieter, nachdem er sich bei diesem vorgestellt hatte, zuallererst von der Tatsache in Kenntnis gesetzt worden war, dass ein ebenfalls ukrainischer Janosch ihm vor zwei Wochen in Polen die Frau ausgespannt hatte, aber, so fügte er halbehrlich guttuerisch hinzu, dafür könne er ja nix. Worte haben die beiden trotzdem keine gewechselt; das Eis, es ist nie wieder gebrochen worden.
Janosch aber war ein stiller und somit tiefer Denker und seit 17 Semestern mit dem Studium der Philosophie beschäftigt. Den etwas langen Zeitraum schob er seiner Prüfungsangst zu, die ihm erst im 14. Semester zu Bewusstsein trat. Unser Gespräch wurde so freundschaftlich, dass wir uns Sätze wie „Der Skandal des Menschen ist, dass er sich selbst finden kann, ohne sich gesucht zu haben“ aus Peter Sloterdyks „Weltentfremdung“ vorlasen, tiefsinnig und aus wässrigen Augen die endlos vorrüberhuschende Zeit durch die Fenster beobachteten und ungemein glücklich miteinander waren. Als uns Dieter irgendwo am Rand von Berlin absetzte, gab er mir die Hand, Janosch nicht.
Berlin. Wenn ich an Berlin denke, denke ich an Max Goldt und an osteuropäische, sozialistische Winter. Und das Essen soll günstig sein. Und die Mieten. Und es gibt einen Berliner Bären. Spree. Tempelhof. Mauer. In Berlin spielt die Hertha, aber das interessiert keinen.
Ich fuhr mit der S-Bahn in die Stadt und sah als erstes einen wollgrauen Hund, der an einen Straßeneckbaum schiss und dabei von seiner Herrin das Bäuchlein gestreichelt bekam. Womöglich eine Berlin-typische Szene. Sind diesortige Urbaner bekannt oder verschrien dafür, dass sie ihren Hunden durch sorgfältiges Entlangstreicheln am Bauchfell den Stuhlgang erleichtern? Ich hatte nichts dergleichen gehört, aber machte mich auf einiges gefasst; schließlich war das hier ja auch mal DDR.
26 Jahre Leben haben nicht ausgereicht, um den Weg nach Berlin zu finden, und nach eingehender Besichtigung von Auslandshauptstadtmetropolen wie Oslo, Bonn, Delhi, Kairo oder Ramallah wartete ich gespannt darauf, was in der mittlerweile wolkenkratzerhochgeschätzen und überflorierenden Hauptstadt meines Heimatlandes an Aufregung und Mitteilbarkeit zwischen die Straßenschluchten rieselte und sich in den nunmehr vorhandenen Sommer eingrub, abgesegnet oder widersetzt wurde, aufgenommen und verschlungen. Berlin, das ist in meiner Erinnerung das Berlin des 19. Jahrhunderts, das Syphilis-Berlin zur Zeit Schopenhauers und Napoleons, als man sich gutdünklich darüber einig war, dass dieses Loch ein abgewracktes Loch sei, ein furchtbar dreckiges, gährendes und unwitterliches Loch, ein quasi anrüchiges Loch mit dem Suddelboden eines derben, eben anrüchigen Loches, also fern jedweder Lebbarkeit. Loch. Aber das war. Nun sind wir Deutschen stolz auf Berlin, und die Welt beneidet uns.
Später
So, dachte ich bei jedem Passanten, das ist also einer, der wohnt in Berlin. Die Kreuzberger U-Bahn Stationen schienen durch rumlungerndes Pack ordentlich ghettorisiert, etwas, was zu jeder Stadt gehört und froh macht, weil es den Zustand der Welt und des Menschen wunderbar illustriert: Warum nehmen wir uns so ernst, wenn wir doch eh wissen, dass wir (gegenwärtig) nicht mehr sein können, als das, was wir sind.
Fahrrad, dachte ich. Zuallererst brauche ich ein Fahrrad.
Am nächsten Morgen stand ich in der Regenbogenfabkrik, dort gab es Fahrräder auszuleihen und ich war glücklich über das Fahrradausleihen und über die kolumbianische Landschaft, die mich mit zarten, aber wildbraunen Augen und offener Liebenswürdigkeit durch ihre fliederbunte Topographie dieser fremden Stadt begleitete, auf ihrem Rad saß wie ein Engel und ich war und wurde froh über den Zustand der Welt, dass wir das sind, was wir nicht vermeiden können und guterdings fähig, zu sein
und zu lieben.
Lauf
Mit leichthändiger Schnarchnasigkeit bediente uns eine nette, dicke Frau, und gab mir ein Fahrrad. Schon sattelte ich auf und war fast verschwunden, da schrie sie, halt, Moment, sie habe was vergessen, die Vorderbremse funktioniere nicht. Als sie nun so schnellen Schrittes auf mich zukam, fiel mir auf, dass ihre Gangart in mir das Wort „olympisch“ heraufassoziierte. Ich entgegnete, die Vorderradbremse sei mir egal, das Rad verfüge über einen einwandfreien Rücktritt und das reiche allemal aus.
In Indien, fügte ich dann noch weltfachmännisch hinzu, besäße mein Fahrrad überhaupt keine Bremsen. Es half wenig. Die nette, dicke Frau sagte, sie könne das Fehlen der Vorderradbremse nicht verantworten. Nicht verantworten!
Man schien mir hier ein wenig knauserisch zu sein, schließlich ist das hier nicht irgendein Acker in Vorpommern, sondern Berlin, kurzum: Weltstadt!
Der sich selbst in elegantem Weltvertrauen wiegende Tourist und kulturkritische Beobachter muss sich hier zwangsläufig die Frage stellen, was denn genau der Berliner verantworten kann und was nicht.
Bereits fiel mir eine Bäckerei ins Auge, die „Bäcker-lecker“ hieß. Hosen, die Jeans waren, aber Leggins sein wollten. Zwei Freunde verabschiedeten sich mit dem Ausspruch „Wir bleiben in Kontakt“. Oder dass der Berliner überall uneinsichtige Stufen hinbaut. In Badezimmer, an Kiosk-Eingänge, in Nachtclubs, sogar in Parks. Überall Fallen. Wenn man mich demnächst fragen wird, die es denn in Berlin so gewesen sei, käme ich nicht drumrum zu sagen, ich wäre in Berlin vor allem gestolpert.
Bier
Pluspunkte dieser Stadt: Man trinkt richtiges Bier, keine Kölsch-Plörre, die nach abgestandenem Sudwasser schmeckt oder nach dem, was nach einem übersäuerten, rundum alkoholisierten Abend am nächsten Morgen in die Toilette entleert wird.
Das Warten an Fußgängerüberwegen wird durch die Berliner Ampelmännchen enorm aufgeheitert, befinden sich hier nämlich nicht die üblichen Geh- oder Stehsymbole in Form eines etwas trantünig wirkenden Menneken, der steif steht und bei Grün etwas gelangweilt einen Fuß leicht in Gang und über das Interface setzt, sondern der krülle Jazzer, der Ampelmann mit Ska-Hütchen, etwas ausfallender Bauchpartie (welche auf große Lebensfreude und sinnlichem Appetit schließen lässt) und flockigen Takt im Schritt, innerlich durchbeschallt vom Swing eines Sonny Clarks oder Thelonious Monk. Ja, ich ging in Berlin lockerer über Strassen. Pfeifend. Fröhlich.
Weite Leere
Partout bestand man also auf einer Vorderradbremse. Das einzige noch vorhandene Rad war allerdings, wie die nette, dicke, olympische Frau mir entschuldigend mitteilte, ein Damenrad. Das machte mir nichts. Im Gegenteil. Damenfahrräder sind durchaus praktischer, da der Auf- und Abstieg nicht durch eine von Lenker zu Sattel gezogene Stange unnötig behindert und erschwerlicht wird. Ein Damenrad besitzt eindeutig mehr Jazz, während das Herrenrad eher Blues ist.
Neun Stunden fuhren wir durch Berlin.
In der Gegend um den Reichstag überkam mich das Gefühl, in einer zweidimensionalen Architekturskizze gelandet zu sein, und dem exorbitanten Raum fehlte es an Inhalt, an Fülle. Ein weniger optimistischer Mensch könnte zweifelsohne behaupten, das Scheitern bzw. die Seelenverlorenheit des Deutschen Volkes sei an dieser Stelle stadtplanerisch ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht. Aber ich lag auf einer Wiese vor der so genannten Waschmaschine und fand diesen Ort hervorragend, um Eve zu küssen und mit ihr durchs sommernasse Gras zu toben, aber ich traute mich noch nicht und aß stattdessen einen spritzigen Apfel.
Am Berliner Dom entlud sich faltiges Licht, zwei dreimal gefaltet, die Schattenklekse von Jahrhunderten. Materie und Zeit bildeten hier ein wunderbar klotziges Gerüst, und man erkennt sofort, dass die Farbe der Verwandlung und des Untergangs Schwarz ist, Schwarz, in welches das Wetteifern von Vergangenheiten greift. Wir fuhren über die Museumsinsel, die mir leider nur als Baustelle in Erinnerung bleiben wird, und tauchten unsere Füße in einen Brunnen an der Staatsbibliothek, die einzusehen einem Nichtmitglieder wie mir verboten wurde.
Ich bezwang ein Falafel-Sandwich in einem türkischen Grill in Berlin-Mitte, der sich „All-in-One“ nannte, und wir ruhten etwas in einem efeubehangenem Hof, den ein schwuler Guide einer Touristengruppe einem Block von Einheimischen zuschrieb, deren Merkmale er als die folgenden postulierte: Jung, Wohlhabend, Modebewusst und Kreativ.
Wir besichtigten Tacheles, die Oranienstrasse, das beeindruckende Holocaust Mahnmal (auf gar keinen Fall sollte man Denkmal zu diesem Mahnmal
sagen!), welches zum großen Glück ein durchweg lebendiger und heiterer Ort ist. Nicht dass diese Adjektive zu jenen Geschehnissen passen, die das Dritte Reich herauf beschwor, jedoch sind Kinder und Erwachsene und Verliebte, die zwischen den Graustelen lachend fangen und verstecken spielen und dabei die Vergangenheit ruhen lassen die bestmöglichste Methode, eben jene traurige Vergangenheit nicht mit noch mehr Traurigkeit und Leid aufzupäppeln und einen ungezwungeneren Umgang v.a. mit der bestmöglichsten Gegenwart zu pflegen. Das einzige Schlimme an diesem Ort fand man in Gestalt einer hochkurzfrisierten Kampflesbe, die sich als Ordnunghut verdingte und züngelnd auf jeden Fehltritt verwies bzw. mit einem bismarkhaften „Runter da!“ dort für Recht sorgte, wo sonst nur noch die Waffen SS hätte eingreifen können.
Wir fuhren weiter und ich winkte andere Touristen an. Überhaupt sind die meisten Berliner gar keine Berliner, sondern eben Touristen, die nur aufgrund ihres Aufenthalt in Berlin von anderen Berlinern oder Touristen nicht als Touristen, sondern Berliner ausgemacht werden, obwohl ich nicht glaube, das dass soeben Geschriebene stimmt, denn die Berliner Touristen ( also Touristen, die sich in Berlin tourisieren ) treten in mächtigen, schwarmartigen Konglomeraten ihren Sehenswürdigkeiten entgegen und können meist weder Deutsch noch Englisch. Eve, seit sieben Jahren in Berlin, kann einen waschechten Hauptstadtbewohner auf 500 Meter von einem lediglich Dahergekommenen präzise unterscheiden.
Der schlimmste Ort Berlins ist aber der umgangssprachliche Alex, der Alexanderplatz. Nur hier war ich aufrichtig erschüttert.
Himmelzweig
Wir fuhren in den Osten. Das Cafe Moskau schien mir ein klasse Glaskasten zu sein. Niemand parkte irgendwo und die Strassen waren leer. Dann fuhren wir wieder aus dem Osten heraus.
Eve zeigte mir ihr Lieblingsgebäude, ein in Kreuzberg aufgestellter Eckblock, grau, grauschwarz, schwarzgrau hässlich und doch oder vielleicht gerade deswegen hat sich jemand die wundervolle Mühe gemacht, an eben dieses Stück emporgeschraubten Steins die Worte „Bonjour Tristesse“ zu verewigen, welche im Kopf munter nachhallen.
Abend. Langer Sonnenuntergang. Eine kosmische Rotation legte sich vor das fliehende Licht; still verabschiedete sich ein Freitag. Ich trank ein Club-Mate und wir besuchten eine Graffitti-Street-Art-Kunstaustellung, ich schmierte einige Punkte und Striche und ein Haiku an die Wand und ruhte mich, um meinen von der vielen Bewegung angeschwollenen Fuß zu entlasten, etwas auf einem Bett aus: Den Hintern rückte ich bis an die Wand und stieß die Beine senkrecht und wandlängs in die Höhe.
Dieses Verhalten fand Nachahmer und bald lagen wir zu viert, bald zu fünft und bald wieder zu viert auf diesem Bett und warfen unsere Beine in den Himmel, eine Frau sagte, ach genau, das sei gut gegen Krampfadern, und jeder machte ein Photo von uns und unserer unkomplizierten wie heiteren Neuinszenierung eines an die Wand gerückten Schlafgestelles. Mit nur einer winzigen Übertreibung könnte ich behaupten, wir waren das Hochlicht der Ausstellung, welche sich immerhin auf vier Stockwerke verteilte und unerwartet wenig von diesen legginsartigen Jeanshosenträgern besucht war, von denen schon mal die Rede war und die sich heutzutage unverblümt und scheinbar überall in Berlin antreffen lassen.
Es spielte eine klasse Jazz-Band und ich redete mich in einen Rausch über Sinne und die daraufhin entstehende Persönlichkeit, das ultrasichere Ende der Sinne und das damit schon rein sachlich und rechnerisch unausweichliche Ende der Persönlichkeit, was auch immer man da an etwaigen Seelenfabulierungen ins Feld führen mag. Mein eloquentes Todesgeschwätz machte Eindruck auf Eve.
Wir gingen in den „Club der Visionäre“, und sie küsste mich. Um im Club nicht völlig aus der Reihe zu fallen, trank ich ein Bier, und sie hatten das wunderbare Augustiner aus Bayern und ich trank es gerne, weil es gut schmeckte und ein richtiges Bier war. Schnell schon wurde mir klar, welchen – wenig utopischen – Visionen das Publikum in diesem Establishment nachging; nie in meinem bisherigen Leben bin ich binnen einer Stunde derartig oft gefragt worden, ob ich etwas „E“, „Pillen“ oder „Was“ hätte. Setzt man die Buchstaben dieser so häufig an mich herangetragenen Fragen anders beisammen ( und verschluckt mit Hilfe eines großen Schluckes Augustiners das mickrige wie unwichtige i ), so kommt der wertvolle Satz „We all ESPN“ heraus, den ich bald als Paradeantwort parat hatte und dessen wie ein Fragezeichen im Raum wankender Mystizismus dem gut durchgeflöteten Hirn des Fragestellers einiges an Einbildungskraft abverlangte. Komischerweise wurde nie nachgefragt, was denn ESPN sei, und wer alles drauf sei auf ESPN. Etwas irritiert wandte man sich ab. Keine Neugier, nix. Eventuell kennt man den gleichnamigen Fernsehsender, weiß aber nicht, dass ESPN auch für
„E sowie Pillen narkotisiert“ oder „Evangelischer Sängerhain Pottersstett-Nansenhausen“ stehen könnte.
Gebäudereinigung Unker
Als wir übernachteten und uns liebten und aufwachten und ich ganz glücklich war über ihre Anwesenheit und die gleichzeitige Abwesenheit von allem anderen, kletterte ein Bauarbeiter draußen am Gerüst vorbei (ihr Wohnhaus wird gerade renoviert) und um nicht gesehen zu werden (sie lag auf der zum Fenster zugewandten Seite des Bettes) drehte sie sich zu mir um und somit dem Fenster den Rücken zu, so als ob sie von hinten kein Mensch mehr wäre. Ich grub mich in ihre Wärme und dachte noch zwei Tage darüber nach, wie wenig sich wohl die meisten Menschen von hinten definieren; alles, was uns gemeinhin ausmacht, ist gut und ohne weitere Accessoire frontal einzusehen. Und wie ein Kind, das die Augen schließt und meint, es könnte somit die objektive Welt auslöschen, glauben auch die meisten Menschen, dass sie von hinten nicht bzw. weniger existieren. Allein sexuelle Lustgegenstände wie Nacken, Schulterblatt, Lendenwirbelsäule und Arsch verdingen sich durch eine von ihrem Besitzer zumeist nicht einsehbare Importanz. Aber das bleibt Ansichtssache. Was jeder weiß und fernab jeglicher grenzpersönlicher Interpretation liegt, ist, dass es verdammt cool ist, im Vorüberradeln von einer verkifften Bande Jamaikaner im Görlitz-Park mit „Peace, Man!“ gegrüßt zu werden und seinerseits, aus ernsthaftem wie souveränem Schweigen mit dem Peace/Victory Zeichen zu antworten und einfach weiterzufahren, einfach so, als wäre nicht gerade etwas vollkommen cooles geschehen.
Ascorbinsäure
Samstag war Wetter. Paula hatte frei und Eve und Paula und ich lagen im Treptower Park. Man machte sich lustig über mich, weil ich anfangs und aus versehen „Treppeltow“ zu Treptow gesagt hatte. Irgendwann schliefen wir alle ein, wachten auf, der Himmel hatte sich zugezogen, wir fütterten einen Schwan und ich erfuhr, dass die Stadt Berlin Ein-Euro-Jobber anstellt, um Schwäne auseinander zu ferchen.
Dahinter steckt: Rotten sich auf Spree und Kanälen zu viele der vielfedrigen Eleganzgenossen zu einem buschelweißen Haufen zusammen, gibt es Ärger und man fällt übereinander her. Dann bekriegt sich selbst der so himmlisch anmutende Schwan, weil er ein Tier ist und es wahrscheinlich für immer bleiben wird, außer, und an dieser Stelle wirft man sich vielleicht und trotz des schlechten Wetters noch einmal auf die Wiese und lässt die Fantasie einige Stunden schweifen, wenn der Mensch die Besten der Besten miteinander paart, mutieren lässt und so ein Wesen heranzüchtet, das ( im Flug ) kompliziert ausgefräste Holzstückchen ineinander stecken kann und weiß, welcher Wochentag nicht auf der Silbe „Tag“ endet.
Generell lässt sich nicht nur darunter leiden, dumme, einfältige und gewalttätige Tiere zu romantisieren, sondern auch Ein-Euro-Jobs. Das Leben, dachte ich bei mir, wäre doch gar nicht so schlecht, wenn man tagein tagaus damit beschäftigt wäre, im freien an einem Flussufer entlang zu spazieren und ab und an ein „Kuschkusch“ oder „Frrrrinnnnggg“ auszustoßen, damit man ein wunderschön zu betrachtendes Tier in alle Himmelsrichtungen verscheucht und somit sicherstellt, dass es seinen edlen Nachbarn nicht totschnabelt, denn man hört immer wieder, ein Schwan könne gehörig zulangen mit dem verhärteten Lippenersatz.
Soviel Ruhe und Anmut also. Demütigkeit gewönne der Euro-Jobber, und Respekt vor der Natur. Hin und wieder könnte man die Füße ins Wasser baumeln lassen, den Liebenden entlang der Coniche zusehen, ein Bier öffnen, in ein belegtes Käsebrötchen beißen und glücklich sein.
Fährte
Beim reisenden Hugo kauften wir lecker Softeis. Als ich meine Schoko-Vanille Mischung schon aufschlürfte und herzhaft in das Hörnchen biss, erklärte mir Pauli als alteingesessene Berlinerin, jenau so habe die DDR jeschmeckt – nach Pappe.
Ich wollte dann auch nicht mehr aufessen. Nicht, weil es zu sehr nach angestaubten Bolschewismus mundete, sondern weil ich generell keine Dinge esse, von denen ich weiß, dass sie keinerlei brauchbare Nährstoffe für meinen Körper enthalten und in diesem Waffel-Fall das angekaute Zuckerknaster noch nicht mal Objekt meiner Begierde war, lediglich Mittel zum Zweck, also Mittel zum Softeiscremehalten. Den Hinweis mit dem Osten aber notierte ich mir, um ihn später auf meinem Laptop erneut zu notieren.
Sonderbares, verwunschenes Berlin! – Niemand stellt leere Pfandflaschen auf Mülleimern ab. In Köln existiert eine unglaubliche Armada an Menschen, die nicht auf Ein-Euro-Jobs angewiesen sind, da sie das einsammeln, was andere leer stehen lassen. Und es werden immer mehr.
In der ganzen Stadt sichtet man Abends Altbärtige, Langzeit- pfandflascheneinsammler und rumänische Kleinfamilien, die mit Einkaufswägen und 35 Liter Plastiktüten die Stadt leer sammeln wie tollwütige Stadtleersammler. Auch habe ich interne Ausschreitungen miterlebt. Wüste Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Womöglich sollte man Ein-Euro-Jobber anstellen, die Pfandflascheneinsammler bei kritischer Versammlungsstärke mit einem „Kuschsch“ oder „Flllirrrtzz“ auseinander treiben und so Böses rechtzeitig abwenden.
Jedenfalls machte Evelyn den Vorschlag, beim nächsten Kioskgang, den ich schon ankündigte, doch die leere Flasche abzugeben; eine Idee also, auf die ich überhaupt gar nicht mehr gekommen wäre. Des Weiteren, und um noch etwas in der schmuddeligen Ecke zu verweilen, traf ich in Berlin niemanden, der in ein Gebüsch pinkelte und traf beim Ins-Gebüsch-Pinkeln niemanden, der ebenfalls die von mir verrichtete Tätigkeit ausführte. Im Gegenteil:
Ich habe viele Damen und Herren – eigentlich befand sich feines Grünland zur Hand – auf ein Klo gehen sehen, an dessen Pforte ein Betrag von 50 Cent zu entgelten war, übersetzt heißt das, eine Mark (Mack). Fürs pinkeln! Das hätte damals niemand bezahlt …
Übrigens ist es eine interessante Tatsache, dass die Love Parade im Tiergarten verboten wurde, da sich dort eine derartige Anzahl internationales pseudoliebesbesessenes Provinzdrogentum auf alles emporkeimende Grün und Gras entwässerte, dass die gute Muttererde samt ihren Blümchen, Pflänzchen und Sträuchlein diese exorbitante Überstrapazierung an Empathie und altruistischer Fürsorge nicht verkraftete und wegstarb.
Aber genug vom in die Ecke pinkeln, schließlich geht es hier um die Hauptstadt.
Also. Berlin. Ab und zu riecht es. Dies stamme aus der Kanalisation, wurde ich aufgeklärt. Folgendes geschah: Mit Zunahme der Spülstoptasten in deutschen Klos sparten die Deutschen, und natürlich auch die knauserigen Berliner, viel Wasser, was nunmehr dazu führte, das die Kanalisation unzureichend durchflutet wurde und all die Bracke, die der Mensch in sein Klo setzte, fäulend und schmoddernd an Ort und Stelle, also unter der Erde, verweilte. Das stank. Also müssen nun die Berliner Wasserwerke zusätzlich Wasser durch die Kanalisation pumpen, damit alles wieder so reibungslos läuft und abfließt wie früher. Soviel zum Wassersparen in Berlin.
Das indische Auge:
Es existiert eine fast schon ermüdende Anzahl an indischen Restaurants, die alle beim selben Möbelgroßhändler einkaufen. Und den Tandori-Palace, der sich sonst in jeder Stadt, die etwas auf ihre Weltbürgertauglichkeit hält, mindestens zwei Mal antreffen lässt, habe ich in Berlin (noch) nicht gefunden.
Termin
Leider wurde mir nicht gestattet, einen Berliner Flohmarkt zu besuchen, da es am Sonntag heftig runterregnete und so frühstückte ich in einem Cafe am Heinrichplatz und fuhr nach Hause mit einem in ein Nofx T-Shirt gekleideten Mittzwanziger, dem die Haare an allen Enden gleichzeitig lichte zu werden begannen, der des weiteren sechs Stunden lang „Die Ärzte“ hörte und dabei unentwegt mit seinen schlaksigen Krähenfingern Mal-mehr-meistens-Weniger rhythmisch das Lenkrad penetrierte.
An einer Raststätte kaufte ich Salat, der sehr gut war, und eine Beerenschorle. Am Abend stand der Mond halbgeschnitten über den Hügeln, die Deutschland waren und unsere Fahrt begleiteten. Eine weitere Mitfahrerin kam gerade aus Hongkong zurück, wo sie einige Zeit lebte und studierte.
So quatschen wir über ausländische Sitten und den neuen, einzig dem Internet zu verdankenden Trend drittweltiger Länder, dort, im Netz also, Übersetzungen für ausländische Gäste vorzunehmen. Ich wusste um die beste Anekdote, die sich in Uganda ereignete:
Dort wollte man zur Zeit der Fußball WM in einem Lokal mit Television um deutsche Besucher werben. Flugs im Zwischennetz nachgeschaut und „Welcome all World-Cup Fans“ übersetzt, so dass auf einem prächtig vorzeigbaren Banner über der Eingangstüre „Willkommen alle Welt-Schalen Ventilatoren“ in großen Lettern zu bewundern stand.
Meine Mitfahrerin verschluckte vor lauter Gekicher ein Stück ihres Rosinenbrötchens und wir mussten anhalten, dass sie etwas laufen, atmen, und ich ihr auf den Rücken klopfen konnte.
Zurück in Köln endete die Berlinreise mit einer heiteren wie außer-gewöhnlichen Begebenheit, von der mir ein Freund berichtete: Am Nachmittag war er Laufen gewesen und bekam aufgrund des an der Brust scheuernden Hemdes eine Brustwarzenüberreizung, im Zuge derer er das nunmehr zur Qual gewordene Joggen abbrechen musste.
Schlacht 3
28. Juli 2008
Schlacht 2
28. Juli 2008
Schlacht 08, Kreuzberg vs Friedrichshain
28. Juli 2008
Es gibt Wasserschlachten, die werden mit Wasser geschlagen. Und es gibt Wasserschlachten in Berlin, die werden vorwiegend mit faulem Gemüse, verrottetem Obst und jeder Menge Mehlbeutel geführt; Wasser, bei 31 Grad Hitze ein Kriegskörper, den man gerne auf sich einschlagen sieht, bleibt eine Seltenheit, wie sie sonst bei Wassergemetzeln schwerlich zu finden ist.
Nichtsdestotrotz findet in jedem Jahr auf der Oberbaumbrücke, die die beiden Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain voneinander trennt, die so genannte Wasserschlacht zwischen den beiden Bezirken statt. Geworfen werden darf mit allem, was eklig, alt, stinkend, vergammelt und nicht zu hart ist – geschlagen hingegen wird mit Schaumstoffknüppeln und Pappkartonagen.
Da dies mein erster Kampfeinsatz für das Kreuzberger Barrio war, beging ich einige wohl typische Anfängerfehler, vor allem was die Kleidung und die Ausrüstung betraf; ich kam Oben-ohne, in kurzer Hose und Flipflops. Gerade letzteres sollte sich als großer Fehler erweisen.
Schnell begriff ich, wo es mir an Ausrüstung mangelte. In meinem Beachoutfit war ich wohl der schlechtgeschützteste Mann auf dem Platz. Ein Schild plus Fullface-Helm, einen Ganzkörper-Plastikanzug, festes Schuhwerk und ein geeignetes Waffenarsenal: das alles kleidete die anderen – und der mickrige Beutel Biomüll, den ich von Zuhause mitnahm, war flugs verschossen.
Aber los ging’s. Mehr als eintausend gröhlende Menschen zogen in den Sonntagskrieg, ihren vegetablen Untergang.
Glitschige, triefende Körper fielen übereinander her.
Es hagelte ranziges Obst.
Eier zerbrachen auf Haut.
Stimmen zitterten.
Männer und Weiber schwitzen.
Die Brücke dampfte, bebte.
Kinder wurden in Sicherheit gebracht.
Gemüse traf.
Essig floss.
Als erstes übermannte ich einen Friedrichshainer und stahl ihm seine Knüppel; in den folgenden zwei Stunden entfesselte sich ein schweißtreibender Kampf um die begehrten Waffen, die man immer wieder verlor und wiedereroberte.
Kreuzberg gelang eine starke Startoffensive, der gemeine Friedrichshainer sah sich der unglaublichen Wucht und Verzweiflung der Kreuzberger gegenüber, welche traditionell diese Schlacht verlieren.
Im Vorfeld wurde mir berichtet, dass in Friedrichhain die Siegesfeier schon einen Abend vor der Schlacht stattfindet. Etwas unerhörtes, wie mir schien, und so warf ich mich den Latte-Machiatto-Trinkern mit all meinem verletzten Stolz entgegen.
Wir gewannen Raum.
Mehlwolken hingen über den Köpfen wie saurer Regen.
Orangenhälften bedeckten Gesichter.
Schmierige Fäulnis belagerte Leiber.
Jeder trosch auf jeden.
Chaos beflügelte.
Aus den Augen triefte Brei.
Schleim verstopfte Gehörgänge.
Münder rissen Parolen gen Himmel.
Dreck reinigte.
Ich hörte jemanden kommentieren: „Die Wurfgeschosse sind dieses Mal recht zivil – außer unsere!“ Aus wessen Lager diese Aussage kam, konnte ich nicht feststellen, denn ich stand mit einigen Kollegen an der Linie, die ich für die Hauptfront hielt, und rächte jede voreilige Siegesfeier.
Ein Blick nach hinten allerdings verriet mir, dass ich mit einigen anderen auf weiter Flur und an der Linie schmachtete, die man wohl die vorderste Front nennen konnte: vor und hinter uns Friedrichshainer. Als wir nun zur main comat zone zurückliefen und so durch die Reihen der angreifenden F-Hainer brachen, bezogen wir von den eigenen Leuten Prügel, was im Wirrwarr der Menschenmassen und aufgrund der unzureichenden Uniformierung keine Seltenheit war – zwei Kerle z.B. gerieten in einen persönlichen Kampf und hörten selbst dann nicht auf, als die Kräfte sie merklich verließen, sondern als sie irgendwann feststellten, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen: nämlich gegen stinkende Kreuzberger.
Etwas öliges, fischiges klatschte mir in den Mund, gerade, als ich den Kreuzberger Kampfschrei („Kreuzberg!!!“) tenorte. Ich zog mich etwas zurück.
Setze mich. Spuckte. Ein Kotzreiz durchlief meinen Körper. Die Straße und ich waren in zentimeterstarke Schmiere getränkt, Schmutz und Schmodder und Plörre. Ich stand wieder auf, ein ebenfalls erschöpfter Kamerad stützte mich.
Er sagte: „Ich hab gehört, die haben sogar mit Kotzbeutel geworfen.“ Es half mir nichts. Ich löste mich aus seinem Griff und würgte.
Wenn es die Friedrichshainer Seite gewesen wäre, o.k.: mich aber in den eigenen Reihen zu übergeben kam einfach nicht in Frage. Ich verweigerte die Schwach des Kotzens mit einer derartigen Willensanstrengung, dass ich danach schon glaubte, Kraft meiner Überzeugung 500 verbliebene Friedrichshainer alleine Richtung Warschauer Brücke metzgern zu können.
Das Schlachtfeld, inklusive den Protagonisten, stank wortwörtlich zum Himmel. Der Friedrichshainer hatte Boden gut gemacht, unser Hauptturm wurde auf Seite gedrängt und war nun völlig unbrauchbar; rostend glühte der unter der unbarmherzigen Sonne.
Für eine Sekunde sammelte ich meine Kräfte, presste die Hand stärker um meine Waffe, kratzte etwas verdorbenes Obst von mir und schaute über die sommerfarbene Spree, deren Kristalle von der Sonne mannigfaltig gebrochen wurden.
„Schönheit“, stand auf einem Anzug geschrieben, „gibt es nur im Krieg (gegen Friedrichshain).“ Also weiter.
Das nächste, was ich in den Mund kriegte, war eine dickflüssige, filmige Soße. Es war eine Soldatin aus den eigenen Reihen. „Was zum Teufel war das für eine Scheiße?“, schrie ich. Verlegen zeigte sie mir die Tube. Es war die Kräuterremoulade von Lidl. Und da ich freundlich zu mir selbst bin, verweigerte ich mir den prüfenden Blick auf das Haltbarkeitsdatum.
Ich durstete nach Wasser, etwas klaren, unverdorbenen. Und als Beweis, dass ein Gott mich gehört hatte, wurde ich am rechten Auge von einer mächtigen Wasserbombe getroffen, die nicht zerplatzte und zu Boden fiel wie ein Stück totes Fleisch.
Noch während ich mich krümmte und mir das Auge hielt, pfefferte ein Kollege das Ding zurück hinter die Friedrichshainer Linien.
Es war, als spiegelte sich an meiner persönlichen Misere der kollektive Niedergang des Bezirks. Schritt um Schritt wichen wir zurück, eine Viertelmelone ging auf meinen Nacken nieder und streckte mich kurzzeitig auf die glitschige, von allen möglichen Überresten überzogene Straße. Ein Zwei Leute fielen über mich, man half mir auf, ich rotze etwas Matsch aus meiner Nase, „es geht schon“, sagte ich, und ein Gummiknüppel schlug in meiner Stirn ein. Ich hatte meine Waffen verloren und taumelte auf meinen rutschigen Flipflops umher. Ich zog sie aus und versuchte es barfuss, was noch schlimmer ging und Schnittverletzungen vorprogrammierte. Also wieder rein in die Latschen, Waffen besorgen, taumeln, gegenhalten, nicht locker lassen, Kotzen vermeiden.
Körper klatschten.
Wasser klatschte.
Süff klatschte.
Die ganze Welt triftete klatschend auseinander.
Schreie.
Schmerzen.
Anfeuerungen.
Kollateralschaden.
Klatsch.
Tausende Male klatsch.
Kratzer.
Spucke.
Rotz.
Kotze.
Nass.
Vor einigen Jahren griff die Polizei ein, als man begann, den Gegner mit vollen Babywindeln zu attakieren – laut der Gesetzeshüter war dies ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Menschenwürde? Ich bekam aus einem Meter eine aufgeplatzte Plastiktüte fragwürdigen Inhalts ins Gesicht und revanchierte mich, indem ich das zermanschte Allerlei vom Boden auflas und es meinem Angreifer in Gesicht und Rachen rieb. Klatsch – irgendwo darunter lag sie, die Menschenwürde.
„Ein Glück bin ich von gestern noch so besoffen“, resümierte jemand aus den feindlichen Reihen.
Die Kreuzberger wurden mit schallenden „Raus aus Ost-Berlin“ Schlachtrufen weiter in ihre Heimat geschlagen und ich stutze für einen Moment, als ich mich auf die Angreifer stürzte: Komme ich nicht auch aus Ost-Berlin? Habe ich vielleicht die Schlacht auf der falschen Seite geschlagen? Wenn sich hier West und Ost-Territorien gegenüberstanden, warum kämpfte ich an der Westfront? Wie selbstverständlich stellte ich meine Kraft in Kreuzberger Dienste, nur weil ich 100 Meter entfernt wohne und mich überwiegend dort aufhalte. Aber jetzt überzulaufen kam nicht in Frage. Und selbst wenn ich in Treptow wohne, mein Herz hätte keine Sekunde für die Friedrichshainer geschlagen sondern für das der Kreuzbe-
…Aus kürzester Distanz rauschte ein Beutel Mehl in meinen Mund und unterbrach meine Gedanken. Ich fiel erneut. Röchelte. Hustete weißen Staub. Bekam keine Luft.
Wasser. Mein einziger Gedanke war: Wasser. Eine vermeintliche Wasserschlacht ohne verdammtes Wasser. Wo war jetzt die Polizei, wenn man sie brauchte! Wo war nun der Brechreiz, der meine Kehle säuberte? Ich glaubte, zu ersticken. Las schon die Schlagzeilen:
„Sommer ade: Kreuzberger Straßenkämpfer erstickte an zwei Kilo Mehl.“
Ich fand eine Wasserbombe und biss hinein. Der widerliche Schmodder, der an ihr klebte, war nunmehr scheißegal. Ich wollte an das klare, kühle, nasse Innere, doch ich benahm mich zu ungestüm und blöd – klatschend brach es zu Boden. Mir blieb ein Plastikfetzen im Mund, gelb wie alles übrige.
Ein Knüppel lag herrenlos herum. Ich startete zur letzten Gegenwehr. Einige Leute begannen, die vorbeifahrende Straßenbahn zu bewerfen.
„Wir verhandeln nicht mit Touristen“ stand auf einem der Friedrichshainer Plakate. Und tatsächlich: auf der Kreuzberger Seite säumten unzählige Schaulustige den Weg, die mit ihren dämlichen Kameras und Handys hantierten, während sich auf der gegenüberliegenden Seite alles, was Gliedmaßen und Verstand besaß, in den tollwütigen Kampf schmiss.
Unsere Verteidigungslinie brach, die Friedrichshainer wussten um ihre Überlegenheit und marschierten nun todbringend auf die Schlesische Straße zu.
So ging Kreuzberg, wieder mal, unter. Meine Analyse ergibt folgendes:
1.
Hauptgrund für die Niederlage war das weibliche, starke Geschlecht. Auf Kreuzberge Seite bemerkte ich während des stundenlangen Kampfes nur eine einzige Soldatin, die ihr kratzbürstiges Bestes gab. Der Feind hingegen hielt ein ganzes Bataillon sturmwütiger Amazonen bereit; darüber hinaus den militanten Ring etlicher Feministengruppierungen, die zuschlugen und bis zum bitteren Ende den wackeren Linksgenossen Gegenfeuer gaben, als gelte es, Vorverkaufskarten für ein Konzert der „Beatsticks“ zu verteidigen.
2.
Kreuzberger Reserven waren zu schnell verbraucht. Die erste, gelungene Angriffswelle verebbte und es rückte wenig nach, während viele verkaterte Friedrichshainer erst eine Stunde nach Schlachtbeginn aufliefen und ihre mit Gemüsemüll beladenen Einkaufswagen in wohlbedachte Stellung brachten.
3.
Die Kreuzberger Mannschaft war zahlenmäßig hoch unterlegen. Da halfen auch die „Für Sparta“ Rufe wenig. Zudem gingen Gerüchte um, die Neuköllner wären zu den Friedrichshainer übergelaufen; vielleicht haben sie auch irgendwann gemerkt, dass sie doch eher das Ost-Gefüge repräsentierten.
4.
Die Friedrichshainer besaßen mehr Erfahrung, waren die von der Vergangenheit beseelten. Handfertiger, organisierter, schlagsicherer.
Es war, als spielte der FC Bayern gegen St.Pauli.
5.
Siehe Punkt 1.
Sonnenbrand, Schürfwunden, Kratzer, blaue Flecken, ein ekelerregender, in der Hitze des Mittags verfaulender Körper – darum hat es sich also gelohnt. Nun konnte ich einer langgehegten Befürchtung auf den Grund gehen.
Und wirklich: Lässt man sich vom Kreuzberger Ufer in die Spree hinab, wird man von einer Unterwassertreppe aus alten Möbeln, Einkaufswagen und Fahrrädern sicher in tiefere Gewässer geleitet. Die Wasserpolizei scheucht einen dann ruckzuck wieder an Land und dort steht man, gereinigt und erfrischt, und hält die mürbe Haut in die Sonne.
Eine Stunde später sieht die Oberbaumbrücke aus, als hätte nie etwas auf ihr stattgefunden. Nur der zähe Geruch fauler Eier durchzieht den Teer. Vereinzelt zeugen weiße Flecken von Mehlattacken. Die Reinigungsdienste sind abgezogen, die Kämpfenden schon längst zur Eisdiele vorgestoßen.
Da hörte ich noch, sozusagen als Schlussstrich unters Gefecht:
„Ist schon okay, dass die Friedrichshainer immer gewinnen. Immerhin bezahlen die ja auch die Reinigungskosten.“
Schöne letzte Worte, bevor es in den Park geht.
Schlacht 1
28. Juli 2008
Schlacht!!!
Berlin-Enzyklopädie
18. Juli 2008
Abendflüssigkeiten
Brachland
Café-Bouquet
Dadaismus
Eisregennacht
Fahrradständer
Goldt
Hasenheidekraut
Impermanenz
Jogginghose
Kohle
Lingam
Mittsommernacht
Nippel
Oberbaumbrücke
Penner-Partei
Quasimodo
Reibekuchen
Schabrackenschnauze
TrümmerFrauMannKind
Unterflurhydrant
Visionär
Wohlfühltee
Xanthippe
Ypsilon
Zahltag
Das I-Tüppfelchen der Üs, Ös, Äs
8. Juli 2008
An der Kaffebud, auf dem Weg ins Poeten-Jobcenter, ich:
„Kaffee bitte. Zum Mitnehmen.“
Sie, bereits gereizt und schroff: „Schwarz, Weiß, oder Komplett?“
„Schwarz-Weiß.“
„Also Weiß.“
„Ja. Erst Schwarz, dann Weiß.“
„Das heißt dann Weiß. Einfach Weiß.“
„Schwarz-Weiß nehm ich auch …“
„Denn mit Milch, ja?“
„Natürlich. Kaffee mit Milch. Erst Schwarz, dann –“
„…Weiß.“
„Jupp. Zum Mitnehmen.“
Sie stellt Becher ab.
„Hier!“
„Hamse nen Deckel für den Becher?“
„Nee, mann. Jibet nüscht.“
„Na, denn muss ick den woohl ufm Weg verschütten, wa!“ Plötzlich mich besinnend:
„Ich muss zum Arbeitsamt, zum Jobcänter. Kann ich doch nicht mit Kaffeeflecken aufm Hemd …–“
„Keen Deckel!“
„Normalerweise ist …–“
„Keen Deckel!!!“
„…Mitnehmen aber mit Deckel.“
„Normalerweese kenn ick nüscht. 70 Cent dann.“
„Hier steht aber 60 Cent.“
Sie, lauter:
„Dat is für hiier triinkeen!“
„Und für to-go?“
„Na 70, Mann!“
„Allein fürs Auf-dem-weg-Verschütten?“
„Siebzich…oder lass es, mann.“
„Dann trink ich den hier anner Bude.“
„Kost auch siebzich …“
Ich, aufmüpfig: „Wieso?“
„Na deswegen! Wegen dem Becher, und weil der zum Mitnehmen is.“
„Ich trink den aber denn hier. Mit den anderen.“
Behände wies ich auf einige Alkoholiker zu meiner linken, die alle an ihren Keramiktassen herumschlürften.
Daraufhin Sie, ebenfalls aufmüpfend:
„Jenau deine Liga, die verehrten Kollegen…“
„Sie werden ja wohl nicht ihr Kunden beleidigen wollen, die ihnen ihren schönen, von allen finanziellen Sorgen befreiten Lebensabend ermöglichen. Wer sichert denn ihre Altersleistungen?“
„Junge, ick geb dir gleich …verpiss dich!“
„Piss dich selber!“
„Verpiss dich jetzte!“
„Na schön. Der Klügere g–“
„ …verpisst sich, jenau.“
Berliner reden eben anders. Berliner sind eben nicht so gut drauf. Und das, was gemeinhin von irgendwelchen minderbemittelten Pappnasen oder zugezogenen Dörflern – die in ihrer zugrundegerichteten Heimat nur oberflächliches, inhalt- und seelenloses Palaver und Dorfschabrackentum unterster Klassifizierung erfahren haben – als originelle, so herrlich frisch und authentische Berliner Schnauze tituliert wird ist nichts weiter als eine herkömmliche, verbal offenbarte Frustration. Wems scheiße geht, dem hört man das an, und diese tiefe Lebensenttäuschung, die man hier stets mit einer wundersamen Ehrlichkeit verwechselt, ist allgegenwärtig.
Noch ein Beispiel:
Kürzlich stand ich im lokalen Plus-Markt und wollte mich über die Verfügbarkeit eines Produktes erkunden; welches, das ist mir jetzt entfallen, und so fragte ich eine der noch jungen Mitarbeiterinnen, die gerade – zu wild, wie ich meinte – etwas Toffifee auffüllte, Tschuldigung, fragte ich sie, doch sie räumte weiterhin ein, ohne mich zur Kenntnis zu nehmen, ich sagte nochmals, Entschuldigung, etwas lauter, und wieder missachtete sie mich und griff weiter mit voller Gewalt nach ihren Toffifees, und als ich dann zum dritten Mal, Hallo, Entschuldigung, sagte, schwang sie urplötzlich herum und kreischte, Wat ist denn, verdammt, ick hab sie doch gehört!!!
Ne ne, diese niedlichen, so charmant-direkten Berliner mir ihrer so kühnen rotzigen Schnauze, total authentisch und irgendwie: erfrischend anders.
Dazu ein letztes Wort:
Berliner sind übelgelaunte, schon ein wenig bemitleidenswerte, einigermaßen traurige (= Winter, Osten, SPD) und griesgrämige Zeitgenossen; ein Glück gibt es in der Stadt nicht viele von ihnen, da hier nur Ausländer (Pakistan, Preußen, Pankow) wohnen.
Noch ein Beispiel von gestern Abend:
Ab und an gehe ich abends runter zur Bushaltestelle und lese dort ein bisschen. Die Werbung wirft ein angenehmes Licht, es ist ruhig und die Luft entweder warm oder kalt oder feucht, in jedem Fall aber angenehm. Gestern ging ich nach meiner Lektüre noch spazieren und suchte im Wrangelkiez die Jasmin-Bar auf, eine derbe Berliner Assispelunke, die Abends mit alten belegten Brötchen aus der Uni-Mensa bestückt und von Bruce Springsteens Kneipenröhre durchflutet wird. Jedenfalls stehe ich dort mit Britta, der versoffenen Bardame, auf guten Fuß und knappere plaudernd an kostenlosen Käseschrippen, bestelle ein Bier und setzte mich draußen auf die Bierbank, schlage mein Buch auf.
Kurz darauf stolpert aus der Nachbarkneipe, die noch abgeranzter, noch runtergerauchter ist als die Jasmin-Bar, eine besoffene Mittvierzigerin und singt Marmor Stein und Eisen bricht. Dann sieht sie mich.
„Ey ey ey,“ ruft sie ihren Kollegen zu, die vom Leben gedemütigt müde Glieder über den Tresen hängen, „in Berlin gibt es tatsächlich jemand, der lesen kann! L-E-S-E-N.“ Drei Menneken stiefeln heraus. Dann klatschen sie und rufen „Bravo“ oder „eine tolle Leistung“ und lassen mich wieder allein.
Ralle steigt aus der Jasmin Bar, setzt sich zu mir. Er:
„Biste’n Intellektueller. Oder’n Student oder wat?!“
Wenn ich eines in Berlin gelernt habe, dann Gegenfeuer zu geben, angewandte Schroffheit mit angewandter Schroffheit zu vergelten.
„Hast du schon mal ein Buch gelesen?“, frage ich.
„Nu ja …“
„Aber deswegen bist du nicht intelligent, oder?“
„ …“
Wie dem auch sei. Im öffentlichen Sprachgebrauch schleichen sich vor allem neue Schimpfwörter ein, die einiges an klaren Klang und sonarer Aussagekraft vermissen lassen, die schönen alten Beleidigungen werden durch nur noch brutal klingende Anfeindungen billig-tölpelhaft ersetzt. Da dieser traurige Fortschritt nur zu einer wachsenden Versuppung des Sprachgefühls führen kann, steuere ich hiermit mit einigen altbekannten Beispielen dagegen (Involution). Beleidigungen wie Hurensohn oder Opfer haben ab sofort den Schimpfklassikern das Feld zu räumen, namentlich:
Sackgesicht.
Arschgesicht.
Fickgesicht.
Pissgesicht.
Pissnelke.
Pisser.
Penner.
Flachwixer.
Drecksau.
Schweinepriester.
Furzknochen (eher liebevoll).
Hornochse.
FotzeFotzeFotze.
Schwachmat.
Kümmeltürke.
Spast oder Spastmat oder Spasti.
Depp.
Zigeuner.
Trottel.
Hackfresse.
Kackfresse.
Spack oder Spacko oder Spacken.
Pappnase.
Pottsau.
Lurch.
Spaten.
Harry Tse Tschung
18. Juni 2008
Ich lebe in einer asiatischen Straße. Karl Kunger Kietz ist eine gemütliche, hübsche und sympathische Verweilstraße, die sich fest in einzelhändlerischen Händen befindet.
Hier kauft man Brot, steht Ecke, lässt sein Rad aufpumpen, trödelt, kann frische Tulpen sowie gefälschte Markenware erstehen und seine Bilder galeriesieren lassen, sich betrinken und Mini-Döner (1.30) essen, hier findet man, was andere Leute wegschmeißen (Mikrowelle Backsteine Hustenbonbons zwei tote Tauben). Hauptfront im Kleinwirtschaftskrieg bildet hier der Vietcong bzw. der Thai bzw. eine Mischung aus beidem bzw. eine Allianz der beiden Nationen, die alle Blumen- und Gemüseläden innehaben plus einige Kioske, Trinkhallen und nun auch ein Restaurant/Bistro. Fröhlich sieht man den Verkäufer von hier mal dort kassieren, der Blumenmann steht plötzlich an der Kioskkasse und umgekehrt, die Kioskkasse steht auf einmal zwischen Papierwickel an der Blumentheke.
Meine Lieblingsverkäuferin ist jedoch mit Abstand Frau Pleng (Name verniedlicht), die, wie ich herausgefunden habe, aus Thailand stammt.
23 Stunden täglich steht sie im GemüseAsialaden und betreut Kunden wie mich, die immer mal Gemüse, frisches Obst oder Kokosmilch einkaufen kommen und ansonsten höflich und unvermittelt durch die Fensterscheibe grüßen. Da die Ladentüre immer weit geöffnet ist und sich somit das Interieur herrlich von draußen einsehen lässt, kenne ich Frau Pleng nur als pinke Daunenjacke hinter dem Tresen, aus welcher ein kleiner, unnötig sowie kunterbunt geschminkter Kopf ragt. Hallöchen, trällert sie, und ich sage dann auch, Hallihallo.
Was dalf´s heute sein, fragt sie, als ob ich jeden Tag ihren Laden aufsuchen und zudem immer verschiedene Objekte meiner Begierde erstehen würde. Meist kauf ich dies und das, mal jenes und solches, und dann stehe ich noch kurz vor dem Weinregal, ja, es gibt auch ein nicht zu kleines Sortiment an wenig edlem, aber durch die Bank weg brauchbaren Wein. Hier findet meine Lieblingsbegegnung mit Frau Pleng, bzw. Frau Hai (Name syntaxiert) statt. Jedes Mal, wenn ich meine Augen über die Etiketten wandern lasse, sagt sie piepsig und forsch: Vielleicht noch eine Wein? – Zuerst dachte ich, es sei eine stinknormale und noch dazu berechtigte Frage gewesen, bis mir auffiel, dass sie jedes Mal diesen einen Satz sagt, in genau der gleichen Frequenz, dem gleichen Tonfall und dem selben Moment, ja sogar in der selben Körperhaltung, der selben Frisur.
Obwohl ich nie bei ihr Wein kaufe, passiere ich doch jedes mal das Regal, vagabundiere kurz, fliege mit dem Blick über die braunen Flaschen, nur um diesen Satz zu hören, Vielleicht noch einen Wein, und nie hab bei ihr einen Wein gekauft, außer einmal, da ich schon Angst hatte, sie würde irgendwann nicht mehr fragen, wenn ich nicht auch mal einen mitnähme.
Meine Liebe zu dieser Frage, die mich auf eine dunkle, geheimnisvolle Art süchtig gemacht hat, geht sogar derart verschroben weit, dass ich manchmal, wenn ich nur am Laden vorbeigehe, kurz hineinschlüpfe, mich vors Weinregal stelle, gucke, und dann, nachdem sie gefragt hat – schrill und vogelgleich – ob ich Vielleicht noch eine Wein wolle, nein sage, einanderesmal, und gehe.
Ja, ein Großstadtalltag steckt voller Rituale. Ich z.B. gehe neuerdings immer mit einer Zeitschrift aufs Klo. Etwas, was ich mein ganzes Leben lang unterlassen hatte, eine Art männliches Zeremoniell, dem ich mich bisher ketzerisch entzog und für das ich nie auch nur das geringste Verständnis aufbringen konnte. Jetzt sitze ich da, es ist kalt und es stinkt und ich lese. Gestern war ich auf einem Spaziergang im Kiez und dachte wirklich den nun folgenden Gedanken, bei dem ich vor Vorfreude glücklich wurde und, kurz aber knapp, in die Luft hopste: Wenn ich gleich Zuhause bin, setzt ich mich aufs Klo, scheisse und lese.
Zudem geht man gern in Lokale. Ich habe herausgefunden, dass selbst wenn ich alle mein Zutaten umsonst bekäme, man doch am heimatlichen Herd mehr Geld los wäre als in den so genannten „Restaurants“, in denen ich verkehre – schließlich muss ich auch Gas und Wasser bezahlen, und wenn man Zuhause ist will man es warm haben, ergo: man heizt. Dann hört man Musik: Strom. Zudem verheizt selber Kochen mehr körperhaushaltliche Energie, die mit einer proportionalen Mehreinnahme von Lebensmitteln auszugleichen ist, demnach muss auch mehr eingekauft werden, was erstens wieder Geld kostet und zweitens wieder Energie verbrennt, sodass der hier einmal in Gang geratene Teufelskreis nicht mehr zu beschönigen noch, der Name hat es verraten, aufzuhalten oder gar zu ertragen ist. Für zwei Euro bekomme ich beim Vietnamnesenthai an der Ecke eine solide Mahlzeit, die zwar nach nichts schmeckt, dafür aber auch schon kalt ist und unappetitlich aussieht.
Übrigens heißt das Bistro „Huenq que“, also so, dass man nicht weiß, wie man es korrekt aussprechen soll. So ist es ganz natürlich zu sagen, man gehe mal „beim Vietnamesen“ oder „beim Marrokaner“ essen, während man bei deutschstämmigen Buden immer noch davon spricht, „zum Schraders“ oder „bei Kalle“ zu gehen. Integrationsmännich bleibt der Umstand, dass man ausländische Lokalitäten nicht bei ihren Namen nennen kann, ungemein tragisch und ein eingliederungspolitisches Fiasko: „Der Türke auf der Falkensteiner“ oder „der Afghane an der U-Bahn Hermannsplatz“!
Hier beginnt Ausgrenzung schon dort, wo sie gemeinhin beginnt: in den Köpfen. (Apropos: An der Toilettentür eines türkischen Internetcafes in Wedding las ich kürzlich die zwei eindringlichen Sätze, die als generelle Lebensmaxime auf alle Teile der Bevölkerung ausgeweitet werden sollten, um ein menschengerechtes, mit allen göttlichen Wasser gewaschenes Leben zu gewährleisten: Wer an dem Toiletten ran oder zu geht, bitte so wie vorher lassen ok. Sauberkeit kommt aus Kopf. )
Klar, dass diese Leute nie „ankommen“ in unserer Gesellschaft, wenn sie ständig bloß mit Ecken, verkommenden Bahnstationen und widerlichen Straßen in Neukölln in Verbindung gebracht werden. Also sagte ich zu Herrn Blong (Name versilbert) vom Vietnamesen-Thai-Asia-China-Bistro, den Mund voller fader Glasnudeln und einiger Sojasprossen: Zwei Euro, stimmt so, und übrigens: wie spricht man denn den Namen aus? Warum so kompliziert für uns Deutsche?
Er grinste. Ich schlug vor: wie wär´s mit „Tisch am Quai“ oder „Lama–Lama“. Oder „bei Günther“.
Er lachte und sagte heiter, nein, das sei ein Scheißname.
Polithistorischer Nachtrag:
Die meisten Menschen wissen ja, dass der kubanische Revolutionsführer Ernesto Guevara (Hasta la L.A Lakers siempre), genannt „der Che“, kein Kubaner, sondern Argentinier (Maradonna, Rind) war; jedoch ist es eine leidlich unbekannte Tatsache (a.v. KP-Propaganda), dass der große Vorsitzende Mao Zedong (der große Sprung nach vorn, der Weg ist das Ziel) eben nicht aus der Provinz Xinjing (China) stammte, wie es heute noch immer die Schulbücher (Reispapier, beige) lehren, sondern der minderbemittelt („minus plus minus ergibt plus“) phlegmatische Gastarbeitersohn (8, Despoten-charakter: aggressiv, schwul, perspektivlos) einer vietnamesischen Reiskrämerfamilie war, die als erste „boat-people“ überhaupt vom völlig verarmten (= Regression) Hanoi (Karl-Marx-Stadt) in die chinesiche Metropole Peking (China) geschippert kamen.