creatio ex nihilo
22. Dezember 2008
Eine Reise durch Indien ist eine Reise in die Ungleichzeitigkeit. Nicht nur, dass hier anscheinend mehrere Zeitalter, Völker, Sprachen und Zivilisationen auf- und ineinader leben, nicht nur, das auf allen Straßen Ochsenkarren und Luxuskarossen gleichermaßen anzutreffen sind, nicht nur die grotesk-bizarren Unterschiede in Besitz, Bildung und geistiger Beschaffenheit, nicht die direkte Nachbarschaft von Mittelaltermilieu und marmorgewetzter Hochmoderne: zugleich existiert ein den Subkontinent umfassendes Prinzip der Enststehung und Zerstörung, das an keinem anderen Ort der Welt so omnipräsent ist wie in Indien, wie im Inder selbst.
Dieses Land erfindet sich unaufhörlich, entwirft sich, ver- und unerdet: es zerstört das, was aufzubauen es sich vorgenommen hat, noch während des Zusammenfügens seiner Teile, noch im Gerbprozess seiner Strukturen.
Es sind schwere, leuchtende, rasselnde Wehen, die dieses Land austrägt. Nie habe ich das Gefühl, etwas „Ganzem“ zu begegnen – man schludert durch dieses ungestaltete, aggregatslose, gerade so hingeschmierte Land und begegnet immer nur dieser einen Wahrheit, die die Wahrheit der Welt und aller lebendig geschaffenen Dinge ist:
Impermanenz. Das Aufblitzen von, das Untergehen von. Nirgends beginnt, nirgends endet es. Ein einziger Wille, der Wille zum Leben, der das Absterben des Jetztigen zu Gunsten des Kommenden voraussetzt, dessen Lebensanlass und Dasein die eigene Auslöschung bereits in sich trägt wie jede Frucht ihren abermaligen Kern.
Die indische Dreifaltigkeit, repräsentiert durch die Formen Brahman, Vishnu und Shiva: Entstehung, Erhaltung, Zerstörung. Gibt es noch andere Wahrheiten in dieser Welt, die nicht erst durch uns Menschen geschaffen worden und somit nur unsere Wahrheiten sind?
Vergänglichkeit und Umbruch sind allgegenwärtig, Tod und Umstürzung spürbar intensiver – was zur Folge hat, dass das Leben selbst ein Plus an Erlebbarkeit, ein pulsierenderes Gewahrsein in einer Gegenwart beherbergt, die einzigartig und immer, da unabänderlich, „richtig“ ist im Sinne eines vorgegebenen Vorhandenseins.
Alles ist Rausch dionysischer Art, alles liegt darin offen und verzehrbereit. Herzeigene Farbgewalten, das Nachdenklichsein unter Palmen und Sonne; Naturgewalten, die das Antlitz der Erde verwüsten, die zeigen, das der Körper hier fremd ist und hoffnungslos unterworfen; die Gelassenheit durch Akzeptanz; der Lebenmut der Inder, die Weisheit, die Gewalttätigkeit im Sozialen, aber auch in Opfer und Demut; die niemals zu überwindende Veranlassung zum Chaos; eine ozeanische Bekenntnis zu allem Aufkeimenden, Verblühenden; die kontemplative Gewissheit aller Liebe über dem glücklich-auftreibenden Abgrund.
Nochmal: hier spürt man die Wirkungen, die Bewegungen und Remanifestationen der Weltentriebe auf eine ungedämpfte, direkte Art. Unbeschönigt. Wirklich. Weich wie hart, gesättigt wie hungrig.
Das ist, was der Europäer tat: er milderte, bequemte, sterilisierte, tötete jenes Auf-und Abflammen, was nicht in seinen Kosmos des Erleben-Wollens passen sollte, zwang alle Daseinskräfte in kühle Rechenarten des Denkens – und wälzte so alles Lebendige zu Boden, schuf es ebenerdig, niedrig; und, das schlimmste Missgeschick: ausgewogen, gleich.
Dieser Zustand widerspricht der Natur. In ihr ist die Ausgewogenheit ein weder-gut noch weder-böse, es ist eine Geburt und ein Absterben, ein Handeln und Seinlassen, ein kreieren und vernichten, es ist Schönheit, Eleganz, Ästhetik, Wahrhaftigkeit– und gleichzeitig grausam, unberechenbar, hässlich und gewalttätig. Und letztendlich so zufällig wie die Erde, wie das Leben selbst.
Und Indien lebt ihren ureigenen Mystizismus! Die Augen aller noch so Gequälten, noch so Gebeutelten und Misshandelten sprechen davon, legen es offen: dass es diesem (fügen wir ruhig noch einige Adjektive hinzu… ) ungeraden, überquellenden, verbollwerkten, wahrlos übereinandergestapelten und oftmals in den Ecken liegengelassenen Land nicht an einer einzigartigen Einsicht mangelt, eine regelrechte mystische Willkür, um deretwillen sich dies monströse Leben schlechterdings aushalten lässt: diese Erkenntnis wiederum ist nichts anderes als eine seit Jahrtausenden gepflegte Einsicht in die empirischen, ordnenden und disharmonisierenden Lebensabläufe.
Millionen Tempel säumen dieses gleichsam göttliche wie barbarische Land, in welchen diesen wandelnden und verwandelbaren Lebensenergien gehuldigt und gedacht wird, Tag für Tag, Morgen für Morgen, in Form von dieser oder jener Gottheit.
Insgesamt ist der undurchdringsam scheinende indische Götterpantheon nichts anderes als die Darstellung aller kosmischer und irdischer Kräfte, Triebe, Energien, Zustände, Beschaffenheiten. Sowohl inner- wie außermenschlich.
Alles, was ist und zu werden vermag, hat seinen Platz; und, sehr wichtig, sein Symbol (freilich in Form der jeweiligen Götter)! Niemals kommt es zur Verwechslung zwischen einer Kraft und ihrer Abbildung. Das Hinweisende, das haben die polytheistischen den monotheistischen Religionen voraus, wird niemals selbst zum Gegenstand der Verehrung und Anbetung.
Indien, eine ständige Verrückung, wohin? Ein diskontinuierliches Ereignisgeschehen, um Worte Rousseau´s anzuführen: das ist der Weltenlauf.
Nun wollen wir als Menschen vor allen Dingen eines: beheimatet sein.
Wir sollen, um unsere Angst vor dem eigenen Verschwinden zu beruhigen, bitteschön vorhanden sein und noch irgendwo in unseren individuellen Vergänglichkeiten gemeint und gebraucht werden von einer Welt, die den Menschen nicht um des Menschen willen erschaffen, sondern vielmehr zufällig gefunden hat.
Unsere Menschlichkeit aber verlangt, dass wir sein müssen, irgendwo.
Doch diese Welt lässt keine Heimat, kein finales Ankommen zu – zumindest keines, was noch die Verkleidung menschlicher Regung und Erregung über seiner Erkenntnis trüge.
Wir suchen, ohne finden zu können. Werden somit zu der „vergeblichen Leidenschaft“, von der Sartre sprach, und retten uns in allerlei hingemenschelte Illusionen: Religion, Metaphysik, Kultur, Gesellschaft, Liebe, Familie, Askese.
Aber nein, unser Platz hängt feste im Sein und Nicht-Sein gleichermassen.
Wir stecken mittendrin im grossen Spiele und Dahintreibenden, im Wogen des Bereitgestellten, Unabänderlichen, und fassen in diesem urgewaltig waltenden Meeresrauschen nach Tiefe und Gischt, wo immer unsere Atome, Moleküle, Zellen und Neuronengeflechte nach Gewissheit zu streben veranlagt sind, nach Feuer, nach Flamme und Kohlenstaub, nach Aschenlicht.
Die Yogis gehen auf Distanz. Darüber hinaus. Und die Dichter mitten hinein.
Dass wir alles sind und nichts, auch das ist lebbar, ist sogar das einzig lebbare Sein; dass wir ständig neu werden müssen, gestaltet aus Erde, verzaubert von Luft, verbrannt vom Himmel, von Diaspora zu Diaspora – es bleibt unsere einzige Chance auf dieses Stückweit Wahrheit, nach welchem wir sonst mit den unzulänglichen Methoden unseres Körpers, unserer Sinne und Verstandesfunktionen greifen.
Die – für die menschlichen Bedürfnisse –, nutzlose, sinnentleerte und in ihrem inhärenten Kreislauf sich ewig fortformulierende Welt existiert hier – obwohl ich bezweifle, dass dies auch nur für die allerwenigsten Inder gilt – als rein ästhetisches Phänomen und kann auch nur so zu unserem wahren Glücke entpolarisiert werden. Dies wäre das Erlebbare: werde, der du bist. (Nietzsche)
Bzw.: werde, was du nicht ändern kannst. Lebe, liebe dein Schicksal. Nur darin lässt sich jener feine Grad von Wahrhaftigkeit verwirklichen, zu deren stillen und weltgeläuterten Wassern der Mensch mittels Leib, Vernunft und Seele zu suchen sich von jeher entschlossen hat.
Gehe auf. Sei. Geh dahin. Und sei erneut.
Dies anzunehmen kostet. Für Nietzsche selbst war es die Aufgabe seines von Zarathustra verkündeten Übermenschen, dieser grausamen Tatsache ins offene Auge zu blicken und schlechterdings nicht daran zugrunde zu gehen. Jasagen zum jeweiligen Scheine und Erscheinen der Bedingungen, und darinnen: Ertragendes, Welttragendes werden, ein Erscheinungsbrocken in einer Welt, die dich nicht braucht, eine zwieträchtige Einheit, Tragisches, Hohes, Einmündendes, Loslassendes – Vollkommendes.
Kein Grund, an irgendwas zu verzweifeln – das Dasein allein ist ein Wunder, und dass wir niemals wissen können, warum es überhaupt etwas gibt, ist ein noch größeres! Dass es ein Land wie Indien geben kann, einen indischen Nebel aus Licht und Duft und abertausender Übergebärden, mit uns darinnen: wer könnte wahrhaft behaupten, er wisse, wie und warum …
Und was folgt: den ganzen Tag schallt Tempelmusik durchs Dorf, bereitet auf Feste vor, oder: will einfach nur lärmen. Kinder springen durch Pfützen, tanzen, laufen blind in den anrauschenden Verkehr.
Ein alter Mann, hohlwangig, in Hocke, die Haut wie Rindenblatt, die Glieder wie morsches Holz, beturbant, die Augen glasig und tief, tief – sitzt den ganzen Tag vor dem Haus seines Sohnes und schaut kurz auf, wenn ich an ihm vorbeikomme. Das ist alles.
Der Strom ist aus seit Tagen, heftiger Regen und Wind haben Bäume gefällt, Leitungen gekappt. Auf dem Markt sitzen sie im Schein einer Kerze, wenn sie denn noch eine besitzen, sitzen den ganzen Tag über ihren 7 Sachen und sind. Alles modert, schimmelt, muffelt, vergeht. Nichts behält diese Welt, nichts ist wirklich ihrs.
Nebenan entzündet der Kaufmann einen ganzen Bündel Räucherwerk und segnet in Rauchzirkeln die Kasse, die Ware, den Boden, das Mobiltelefon, das blumenbehangene Bild des Vaters, des Großvaters, die Heiligenbilder, seine Mitarbeiter und einen Haufen zerfetzer Säcke. Möge es dienen, nutzen haben, solange es existiert.
Indien ist ein wunderbarer Platz zum leben und sterben.
Naehern
12. Dezember 2008
Ein Wellenmaß nähert, erinnert sich dieser
einen fremden Stunde Blau – inwärts
fährt es in Welten, wie lange?, wie lange
haben die Münder, die Strophen,
uns Silben geliehen fürs Hersagen Aller, halten
die Wortklappen?
–
Dass wir dort sind beim Wasser, bei Wahrheit,
beim heilig Zugeronnenen – mit den Augen, Blau,
mit den Händen, Schwere, mit
der Zunge:
sprich es: wie lange bleiben wir endlos
eingestreut, Bug um Bug, Silbe um Silbe, darinnen?
Was weiß
der dem Boden zugeknöcherte Sand
in seiner ganz-und-gar-nicht-Form?
Blauwelle, Zeitding, Satz –
Ein Ungesammt nähert, erinnert.
?
5. Dezember 2008
Es wurde bekannt. Es
lag als Sternenpaar als Stern
vor Mondgelicht und allem Durst; Wasser,
das einlief, Wasser, das fortlief,
Nachtgewässer, unbekannt –
lag im Dauerdunklem schlafgeschlossen,
ging aufrecht, zyklisch, griff
nach Morgenröten uneinnehmbar,
spähte, nahte, schwieg – wie es
fortsichstoßend übernahm –
unter dir, unter mir, tief.
Hell wie Lipide
verbarg es. Nahm es
nicht die Namen, es nahm
nur Wunder, hoch
in sich.
(Wir drängen den Raum. Wir nennen die Dinge.)
Unbekannt
treten wir über. Längst taggefleckt,
begehbar.