Der Salzgeber

17. September 2008

Wer Lust hat, auch mal ein langes Gedicht zu lesen! Quintessenz dessen, was mich antreibt, erfindet, (be)nutzt und begeistert. Am Leben erhält. Rechts zu finden, unter „Instrumental“.
Der Salzgeber im Blogformat, auf Wunch sende ich das doch sehr vom hier präsentierten Text abweichende (rhythmisch und optisch, nicht inhaltlich) Original per E-Mail.
Salz war es, Salz wird es. Prost.

Beziehungsende Reloaded 2

11. September 2008

1
Lufttage verbleiben, Atemstücke auf Lippen –
erdwarme Ergänzung der Alveolenstruktur
seltsames Ding
Leben

2
Licht, das schon den ganzen September lang sucht.
Gras schleicht über die Erde. Stunden
zentrifugieren
zu Sohlenschmerz, Herzkram, Sehnsuchtsdetails.

3
Wozu gehen wir Umwege
über die Leben, deines, unsres, kurze Erinnerungen
wozu das Wahrwerdenlassen
der Kirschgrundkerne?

4
Am Halbmond vorbei, am Kindskopf:
Der große Abzählreim der Sterne.
Fragen erscheinen im Wasser;
die Nacht verwandelt das Wasser, treu.

5
Jede Liebe ein kleiner Tod.
Gras begradigt die Erde, Blau
werden die Tage
nach denen das Licht sucht, die Nacht…

6
Stunden, die ein Jahr erkennen,
ein Frauenhaar am Bettrand, wohin?
Hart und fest sitzt die Erde. Meine Lippen
glätten das Wasser, seltsames
Leben.

Unvollendete Anthologie, 27

7. September 2008

Und der Dichter nimmt die Worte
ab, wirft sie in den Gegenwind
läßt sie sich drehen
versteinern;
dann beißt er sich durch.

Er wird die Namen runterreißen
Namen alle Namen
und setzt sie neu aus Südwestwinden
presst sie in den Leib des Sandes.

Vermutlich sollte er sein Schweigen
mit Demut fassen und darüber
lupenreine Himmel bauen
– den einen oder anderen Keim
bereits ersticken in Gedanken
das Tagesmark aus seiner Kladde
als Leber in den Backstein pflanzen.

Doch der Dichter nimmt die Worte
und wird die Namen runterschlucken
als rollende Gefährten
als Kratzen im Hals
und kein Gegengift
dagegen.

Wahres Brot 1

2. September 2008

Ich träume oft und lebendig. Rede mir im Schlaf dazwischen. Manchmal träume ich allerdings nur von kurzen Schnapschüssen – Titel für Gedichte oder Erzählungen oder sonstige Wahrheiten – und nachtdenke diese eine komplette Schlafeinheit mit mir herum, bis in den späten Morgen und ein nichtsklärendes Erwachen hinein. Dann werden sie zu Mantren, die ich am Frühstückstisch summe und, wie sollte ich auch anders, den lieben langen Tag mit mir und meiner gutmütigen Unerklärbarkeit herumschleppe.
Es erübrigt sich zu erwähnen, mit welch morbidem Respekt ich diesen flackernen, geradezu nichtsnutzigen Geschehnissen begegne, die mich hinterfotzig heimsuchen und doch irgendwie verantwortlich sind für das, was ich schlechterdings nicht ändern, demnach (=) auch nicht bereuen kann.
Als da an Titeln z.B. wären:

– Im Tschad gibts kein Gemüse.
– Ich wollte, jeder bräche los.
– Man nehme.
( …und stelle sich vor: Im Zwielicht meiner Umnächtigtkeit schoss ich einige Male aus dem bewegungslosen Schlaf hoch, um diese zwei Wörter irgendwo niederzuschreiben! Drei Mal tat ich wie geheißen. Am nächsten Morgen fand ich quer durch die Wohnung einige Papierfetzen, auf denen mit allerhand Ausrufezeichen „Man nehme“ gekritzelt stand. Die ganze dumme Nacht quälte mich der Gedanke, diesen Titel zu verlieren, diese bodenlose Albernheit, die mir zu nichts nutze war und die mir im Traum wie eine Offenbarung anmutete.)
– Ich geh jetzt noch ein Mal auf Toilette, und dann nie wieder.
– Wallenstein Wallenstein Wallenstein.
– Vom Übereinander der Zeit.
– Kau es weg.
und, mein Liebling:
– Wenn Hülsenfrüchte frösteln.