BerlinBlues – Classic

9. August 2008

Der Klassiker des BerlinBlues. Rechtzeitig zum 1. Geburtstag. Viel Spaß beim lesen.

Es war die schnellste Autofahrt, die ich je von Köln nach Berlin unternahm, und meine erste.
Dieter, dessen Beschreibung ich mir hier großzügig spare, da sie allein die von mir angepeilte Länge des Textes sprengen würde, fuhr, man kann es ohne Umschweife sagen, (nahtod)beherzt, aber sicher.
Nur soviel:
Er und sein polnischer, nur polnisch sprechender Kumpel schafften es, in einem einzigen Nebensatz das Wort „Kurva“ mindestens drei Mal und manchmal derartig oft hintereinander zu gebrauchen, dass mir schon der Verdacht durch die farblosen Hirnsynapsen strich, die beiden Doofköppe hätten in Wirklichkeit ein neues, wenngleich sonderbares System der simplifizierten Verständigung mittels syntaktischer und phonetischer Codierung des Wortes „Schlampe“ erfunden, dessen Gewitztheit ich in meiner Ignoranz nicht zu dechiffrieren imstande war. Zudem sahen sie lustig aus.
Der vierte Mann im Objekt hieß Janosch, kam aus der Ukraine und hatte die gesamte Fahrt über einen schweren Stand, da er von Dieter, nachdem er sich bei diesem vorgestellt hatte, zuallererst von der Tatsache in Kenntnis gesetzt worden war, dass ein ebenfalls ukrainischer Janosch ihm vor zwei Wochen in Polen die Frau ausgespannt hatte, aber, so fügte er halbehrlich guttuerisch hinzu, dafür könne er ja nix. Worte haben die beiden trotzdem keine gewechselt; das Eis, es ist nie wieder gebrochen worden.
Janosch aber war ein stiller und somit tiefer Denker und seit 17 Semestern mit dem Studium der Philosophie beschäftigt. Den etwas langen Zeitraum schob er seiner Prüfungsangst zu, die ihm erst im 14. Semester zu Bewusstsein trat. Unser Gespräch wurde so freundschaftlich, dass wir uns Sätze wie „Der Skandal des Menschen ist, dass er sich selbst finden kann, ohne sich gesucht zu haben“ aus Peter Sloterdyks „Weltentfremdung“ vorlasen, tiefsinnig und aus wässrigen Augen die endlos vorrüberhuschende Zeit durch die Fenster beobachteten und ungemein glücklich miteinander waren. Als uns Dieter irgendwo am Rand von Berlin absetzte, gab er mir die Hand, Janosch nicht.
Berlin. Wenn ich an Berlin denke, denke ich an Max Goldt und an osteuropäische, sozialistische Winter. Und das Essen soll günstig sein. Und die Mieten. Und es gibt einen Berliner Bären. Spree. Tempelhof. Mauer. In Berlin spielt die Hertha, aber das interessiert keinen.
Ich fuhr mit der S-Bahn in die Stadt und sah als erstes einen wollgrauen Hund, der an einen Straßeneckbaum schiss und dabei von seiner Herrin das Bäuchlein gestreichelt bekam. Womöglich eine Berlin-typische Szene. Sind diesortige Urbaner bekannt oder verschrien dafür, dass sie ihren Hunden durch sorgfältiges Entlangstreicheln am Bauchfell den Stuhlgang erleichtern? Ich hatte nichts dergleichen gehört, aber machte mich auf einiges gefasst; schließlich war das hier ja auch mal DDR.
26 Jahre Leben haben nicht ausgereicht, um den Weg nach Berlin zu finden, und nach eingehender Besichtigung von Auslandshauptstadtmetropolen wie Oslo, Bonn, Delhi, Kairo oder Ramallah wartete ich gespannt darauf, was in der mittlerweile wolkenkratzerhochgeschätzen und überflorierenden Hauptstadt meines Heimatlandes an Aufregung und Mitteilbarkeit zwischen die Straßenschluchten rieselte und sich in den nunmehr vorhandenen Sommer eingrub, abgesegnet oder widersetzt wurde, aufgenommen und verschlungen. Berlin, das ist in meiner Erinnerung das Berlin des 19. Jahrhunderts, das Syphilis-Berlin zur Zeit Schopenhauers und Napoleons, als man sich gutdünklich darüber einig war, dass dieses Loch ein abgewracktes Loch sei, ein furchtbar dreckiges, gährendes und unwitterliches Loch, ein quasi anrüchiges Loch mit dem Suddelboden eines derben, eben anrüchigen Loches, also fern jedweder Lebbarkeit. Loch. Aber das war. Nun sind wir Deutschen stolz auf Berlin, und die Welt beneidet uns.

Später

So, dachte ich bei jedem Passanten, das ist also einer, der wohnt in Berlin. Die Kreuzberger U-Bahn Stationen schienen durch rumlungerndes Pack ordentlich ghettorisiert, etwas, was zu jeder Stadt gehört und froh macht, weil es den Zustand der Welt und des Menschen wunderbar illustriert: Warum nehmen wir uns so ernst, wenn wir doch eh wissen, dass wir (gegenwärtig) nicht mehr sein können, als das, was wir sind.
Fahrrad, dachte ich. Zuallererst brauche ich ein Fahrrad.
Am nächsten Morgen stand ich in der Regenbogenfabkrik, dort gab es Fahrräder auszuleihen und ich war glücklich über das Fahrradausleihen und über die kolumbianische Landschaft, die mich mit zarten, aber wildbraunen Augen und offener Liebenswürdigkeit durch ihre fliederbunte Topographie dieser fremden Stadt begleitete, auf ihrem Rad saß wie ein Engel und ich war und wurde froh über den Zustand der Welt, dass wir das sind, was wir nicht vermeiden können und guterdings fähig, zu sein
und zu lieben.

Lauf

Mit leichthändiger Schnarchnasigkeit bediente uns eine nette, dicke Frau, und gab mir ein Fahrrad. Schon sattelte ich auf und war fast verschwunden, da schrie sie, halt, Moment, sie habe was vergessen, die Vorderbremse funktioniere nicht. Als sie nun so schnellen Schrittes auf mich zukam, fiel mir auf, dass ihre Gangart in mir das Wort „olympisch“ heraufassoziierte. Ich entgegnete, die Vorderradbremse sei mir egal, das Rad verfüge über einen einwandfreien Rücktritt und das reiche allemal aus.
In Indien, fügte ich dann noch weltfachmännisch hinzu, besäße mein Fahrrad überhaupt keine Bremsen. Es half wenig. Die nette, dicke Frau sagte, sie könne das Fehlen der Vorderradbremse nicht verantworten. Nicht verantworten!
Man schien mir hier ein wenig knauserisch zu sein, schließlich ist das hier nicht irgendein Acker in Vorpommern, sondern Berlin, kurzum: Weltstadt!
Der sich selbst in elegantem Weltvertrauen wiegende Tourist und kulturkritische Beobachter muss sich hier zwangsläufig die Frage stellen, was denn genau der Berliner verantworten kann und was nicht.
Bereits fiel mir eine Bäckerei ins Auge, die „Bäcker-lecker“ hieß. Hosen, die Jeans waren, aber Leggins sein wollten. Zwei Freunde verabschiedeten sich mit dem Ausspruch „Wir bleiben in Kontakt“. Oder dass der Berliner überall uneinsichtige Stufen hinbaut. In Badezimmer, an Kiosk-Eingänge, in Nachtclubs, sogar in Parks. Überall Fallen. Wenn man mich demnächst fragen wird, die es denn in Berlin so gewesen sei, käme ich nicht drumrum zu sagen, ich wäre in Berlin vor allem gestolpert.

Bier

Pluspunkte dieser Stadt: Man trinkt richtiges Bier, keine Kölsch-Plörre, die nach abgestandenem Sudwasser schmeckt oder nach dem, was nach einem übersäuerten, rundum alkoholisierten Abend am nächsten Morgen in die Toilette entleert wird.
Das Warten an Fußgängerüberwegen wird durch die Berliner Ampelmännchen enorm aufgeheitert, befinden sich hier nämlich nicht die üblichen Geh- oder Stehsymbole in Form eines etwas trantünig wirkenden Menneken, der steif steht und bei Grün etwas gelangweilt einen Fuß leicht in Gang und über das Interface setzt, sondern der krülle Jazzer, der Ampelmann mit Ska-Hütchen, etwas ausfallender Bauchpartie (welche auf große Lebensfreude und sinnlichem Appetit schließen lässt) und flockigen Takt im Schritt, innerlich durchbeschallt vom Swing eines Sonny Clarks oder Thelonious Monk. Ja, ich ging in Berlin lockerer über Strassen. Pfeifend. Fröhlich.

Weite Leere

Partout bestand man also auf einer Vorderradbremse. Das einzige noch vorhandene Rad war allerdings, wie die nette, dicke, olympische Frau mir entschuldigend mitteilte, ein Damenrad. Das machte mir nichts. Im Gegenteil. Damenfahrräder sind durchaus praktischer, da der Auf- und Abstieg nicht durch eine von Lenker zu Sattel gezogene Stange unnötig behindert und erschwerlicht wird. Ein Damenrad besitzt eindeutig mehr Jazz, während das Herrenrad eher Blues ist.
Neun Stunden fuhren wir durch Berlin.
In der Gegend um den Reichstag überkam mich das Gefühl, in einer zweidimensionalen Architekturskizze gelandet zu sein, und dem exorbitanten Raum fehlte es an Inhalt, an Fülle. Ein weniger optimistischer Mensch könnte zweifelsohne behaupten, das Scheitern bzw. die Seelenverlorenheit des Deutschen Volkes sei an dieser Stelle stadtplanerisch ganz wunderbar zum Ausdruck gebracht. Aber ich lag auf einer Wiese vor der so genannten Waschmaschine und fand diesen Ort hervorragend, um Eve zu küssen und mit ihr durchs sommernasse Gras zu toben, aber ich traute mich noch nicht und aß stattdessen einen spritzigen Apfel.
Am Berliner Dom entlud sich faltiges Licht, zwei dreimal gefaltet, die Schattenklekse von Jahrhunderten. Materie und Zeit bildeten hier ein wunderbar klotziges Gerüst, und man erkennt sofort, dass die Farbe der Verwandlung und des Untergangs Schwarz ist, Schwarz, in welches das Wetteifern von Vergangenheiten greift. Wir fuhren über die Museumsinsel, die mir leider nur als Baustelle in Erinnerung bleiben wird, und tauchten unsere Füße in einen Brunnen an der Staatsbibliothek, die einzusehen einem Nichtmitglieder wie mir verboten wurde.
Ich bezwang ein Falafel-Sandwich in einem türkischen Grill in Berlin-Mitte, der sich „All-in-One“ nannte, und wir ruhten etwas in einem efeubehangenem Hof, den ein schwuler Guide einer Touristengruppe einem Block von Einheimischen zuschrieb, deren Merkmale er als die folgenden postulierte: Jung, Wohlhabend, Modebewusst und Kreativ.
Wir besichtigten Tacheles, die Oranienstrasse, das beeindruckende Holocaust Mahnmal (auf gar keinen Fall sollte man Denkmal zu diesem Mahnmal
sagen!), welches zum großen Glück ein durchweg lebendiger und heiterer Ort ist. Nicht dass diese Adjektive zu jenen Geschehnissen passen, die das Dritte Reich herauf beschwor, jedoch sind Kinder und Erwachsene und Verliebte, die zwischen den Graustelen lachend fangen und verstecken spielen und dabei die Vergangenheit ruhen lassen die bestmöglichste Methode, eben jene traurige Vergangenheit nicht mit noch mehr Traurigkeit und Leid aufzupäppeln und einen ungezwungeneren Umgang v.a. mit der bestmöglichsten Gegenwart zu pflegen. Das einzige Schlimme an diesem Ort fand man in Gestalt einer hochkurzfrisierten Kampflesbe, die sich als Ordnunghut verdingte und züngelnd auf jeden Fehltritt verwies bzw. mit einem bismarkhaften „Runter da!“ dort für Recht sorgte, wo sonst nur noch die Waffen SS hätte eingreifen können.
Wir fuhren weiter und ich winkte andere Touristen an. Überhaupt sind die meisten Berliner gar keine Berliner, sondern eben Touristen, die nur aufgrund ihres Aufenthalt in Berlin von anderen Berlinern oder Touristen nicht als Touristen, sondern Berliner ausgemacht werden, obwohl ich nicht glaube, das dass soeben Geschriebene stimmt, denn die Berliner Touristen ( also Touristen, die sich in Berlin tourisieren ) treten in mächtigen, schwarmartigen Konglomeraten ihren Sehenswürdigkeiten entgegen und können meist weder Deutsch noch Englisch. Eve, seit sieben Jahren in Berlin, kann einen waschechten Hauptstadtbewohner auf 500 Meter von einem lediglich Dahergekommenen präzise unterscheiden.
Der schlimmste Ort Berlins ist aber der umgangssprachliche Alex, der Alexanderplatz. Nur hier war ich aufrichtig erschüttert.

Himmelzweig

Wir fuhren in den Osten. Das Cafe Moskau schien mir ein klasse Glaskasten zu sein. Niemand parkte irgendwo und die Strassen waren leer. Dann fuhren wir wieder aus dem Osten heraus.
Eve zeigte mir ihr Lieblingsgebäude, ein in Kreuzberg aufgestellter Eckblock, grau, grauschwarz, schwarzgrau hässlich und doch oder vielleicht gerade deswegen hat sich jemand die wundervolle Mühe gemacht, an eben dieses Stück emporgeschraubten Steins die Worte „Bonjour Tristesse“ zu verewigen, welche im Kopf munter nachhallen.
Abend. Langer Sonnenuntergang. Eine kosmische Rotation legte sich vor das fliehende Licht; still verabschiedete sich ein Freitag. Ich trank ein Club-Mate und wir besuchten eine Graffitti-Street-Art-Kunstaustellung, ich schmierte einige Punkte und Striche und ein Haiku an die Wand und ruhte mich, um meinen von der vielen Bewegung angeschwollenen Fuß zu entlasten, etwas auf einem Bett aus: Den Hintern rückte ich bis an die Wand und stieß die Beine senkrecht und wandlängs in die Höhe.
Dieses Verhalten fand Nachahmer und bald lagen wir zu viert, bald zu fünft und bald wieder zu viert auf diesem Bett und warfen unsere Beine in den Himmel, eine Frau sagte, ach genau, das sei gut gegen Krampfadern, und jeder machte ein Photo von uns und unserer unkomplizierten wie heiteren Neuinszenierung eines an die Wand gerückten Schlafgestelles. Mit nur einer winzigen Übertreibung könnte ich behaupten, wir waren das Hochlicht der Ausstellung, welche sich immerhin auf vier Stockwerke verteilte und unerwartet wenig von diesen legginsartigen Jeanshosenträgern besucht war, von denen schon mal die Rede war und die sich heutzutage unverblümt und scheinbar überall in Berlin antreffen lassen.
Es spielte eine klasse Jazz-Band und ich redete mich in einen Rausch über Sinne und die daraufhin entstehende Persönlichkeit, das ultrasichere Ende der Sinne und das damit schon rein sachlich und rechnerisch unausweichliche Ende der Persönlichkeit, was auch immer man da an etwaigen Seelenfabulierungen ins Feld führen mag. Mein eloquentes Todesgeschwätz machte Eindruck auf Eve.
Wir gingen in den „Club der Visionäre“, und sie küsste mich. Um im Club nicht völlig aus der Reihe zu fallen, trank ich ein Bier, und sie hatten das wunderbare Augustiner aus Bayern und ich trank es gerne, weil es gut schmeckte und ein richtiges Bier war. Schnell schon wurde mir klar, welchen – wenig utopischen – Visionen das Publikum in diesem Establishment nachging; nie in meinem bisherigen Leben bin ich binnen einer Stunde derartig oft gefragt worden, ob ich etwas „E“, „Pillen“ oder „Was“ hätte. Setzt man die Buchstaben dieser so häufig an mich herangetragenen Fragen anders beisammen ( und verschluckt mit Hilfe eines großen Schluckes Augustiners das mickrige wie unwichtige i ), so kommt der wertvolle Satz „We all ESPN“ heraus, den ich bald als Paradeantwort parat hatte und dessen wie ein Fragezeichen im Raum wankender Mystizismus dem gut durchgeflöteten Hirn des Fragestellers einiges an Einbildungskraft abverlangte. Komischerweise wurde nie nachgefragt, was denn ESPN sei, und wer alles drauf sei auf ESPN. Etwas irritiert wandte man sich ab. Keine Neugier, nix. Eventuell kennt man den gleichnamigen Fernsehsender, weiß aber nicht, dass ESPN auch für
„E sowie Pillen narkotisiert“ oder „Evangelischer Sängerhain Pottersstett-Nansenhausen“ stehen könnte.

Gebäudereinigung Unker

Als wir übernachteten und uns liebten und aufwachten und ich ganz glücklich war über ihre Anwesenheit und die gleichzeitige Abwesenheit von allem anderen, kletterte ein Bauarbeiter draußen am Gerüst vorbei (ihr Wohnhaus wird gerade renoviert) und um nicht gesehen zu werden (sie lag auf der zum Fenster zugewandten Seite des Bettes) drehte sie sich zu mir um und somit dem Fenster den Rücken zu, so als ob sie von hinten kein Mensch mehr wäre. Ich grub mich in ihre Wärme und dachte noch zwei Tage darüber nach, wie wenig sich wohl die meisten Menschen von hinten definieren; alles, was uns gemeinhin ausmacht, ist gut und ohne weitere Accessoire frontal einzusehen. Und wie ein Kind, das die Augen schließt und meint, es könnte somit die objektive Welt auslöschen, glauben auch die meisten Menschen, dass sie von hinten nicht bzw. weniger existieren. Allein sexuelle Lustgegenstände wie Nacken, Schulterblatt, Lendenwirbelsäule und Arsch verdingen sich durch eine von ihrem Besitzer zumeist nicht einsehbare Importanz. Aber das bleibt Ansichtssache. Was jeder weiß und fernab jeglicher grenzpersönlicher Interpretation liegt, ist, dass es verdammt cool ist, im Vorüberradeln von einer verkifften Bande Jamaikaner im Görlitz-Park mit „Peace, Man!“ gegrüßt zu werden und seinerseits, aus ernsthaftem wie souveränem Schweigen mit dem Peace/Victory Zeichen zu antworten und einfach weiterzufahren, einfach so, als wäre nicht gerade etwas vollkommen cooles geschehen.

Ascorbinsäure

Samstag war Wetter. Paula hatte frei und Eve und Paula und ich lagen im Treptower Park. Man machte sich lustig über mich, weil ich anfangs und aus versehen „Treppeltow“ zu Treptow gesagt hatte. Irgendwann schliefen wir alle ein, wachten auf, der Himmel hatte sich zugezogen, wir fütterten einen Schwan und ich erfuhr, dass die Stadt Berlin Ein-Euro-Jobber anstellt, um Schwäne auseinander zu ferchen.
Dahinter steckt: Rotten sich auf Spree und Kanälen zu viele der vielfedrigen Eleganzgenossen zu einem buschelweißen Haufen zusammen, gibt es Ärger und man fällt übereinander her. Dann bekriegt sich selbst der so himmlisch anmutende Schwan, weil er ein Tier ist und es wahrscheinlich für immer bleiben wird, außer, und an dieser Stelle wirft man sich vielleicht und trotz des schlechten Wetters noch einmal auf die Wiese und lässt die Fantasie einige Stunden schweifen, wenn der Mensch die Besten der Besten miteinander paart, mutieren lässt und so ein Wesen heranzüchtet, das ( im Flug ) kompliziert ausgefräste Holzstückchen ineinander stecken kann und weiß, welcher Wochentag nicht auf der Silbe „Tag“ endet.
Generell lässt sich nicht nur darunter leiden, dumme, einfältige und gewalttätige Tiere zu romantisieren, sondern auch Ein-Euro-Jobs. Das Leben, dachte ich bei mir, wäre doch gar nicht so schlecht, wenn man tagein tagaus damit beschäftigt wäre, im freien an einem Flussufer entlang zu spazieren und ab und an ein „Kuschkusch“ oder „Frrrrinnnnggg“ auszustoßen, damit man ein wunderschön zu betrachtendes Tier in alle Himmelsrichtungen verscheucht und somit sicherstellt, dass es seinen edlen Nachbarn nicht totschnabelt, denn man hört immer wieder, ein Schwan könne gehörig zulangen mit dem verhärteten Lippenersatz.
Soviel Ruhe und Anmut also. Demütigkeit gewönne der Euro-Jobber, und Respekt vor der Natur. Hin und wieder könnte man die Füße ins Wasser baumeln lassen, den Liebenden entlang der Coniche zusehen, ein Bier öffnen, in ein belegtes Käsebrötchen beißen und glücklich sein.

Fährte

Beim reisenden Hugo kauften wir lecker Softeis. Als ich meine Schoko-Vanille Mischung schon aufschlürfte und herzhaft in das Hörnchen biss, erklärte mir Pauli als alteingesessene Berlinerin, jenau so habe die DDR jeschmeckt – nach Pappe.
Ich wollte dann auch nicht mehr aufessen. Nicht, weil es zu sehr nach angestaubten Bolschewismus mundete, sondern weil ich generell keine Dinge esse, von denen ich weiß, dass sie keinerlei brauchbare Nährstoffe für meinen Körper enthalten und in diesem Waffel-Fall das angekaute Zuckerknaster noch nicht mal Objekt meiner Begierde war, lediglich Mittel zum Zweck, also Mittel zum Softeiscremehalten. Den Hinweis mit dem Osten aber notierte ich mir, um ihn später auf meinem Laptop erneut zu notieren.

Sonderbares, verwunschenes Berlin! – Niemand stellt leere Pfandflaschen auf Mülleimern ab. In Köln existiert eine unglaubliche Armada an Menschen, die nicht auf Ein-Euro-Jobs angewiesen sind, da sie das einsammeln, was andere leer stehen lassen. Und es werden immer mehr.
In der ganzen Stadt sichtet man Abends Altbärtige, Langzeit- pfandflascheneinsammler und rumänische Kleinfamilien, die mit Einkaufswägen und 35 Liter Plastiktüten die Stadt leer sammeln wie tollwütige Stadtleersammler. Auch habe ich interne Ausschreitungen miterlebt. Wüste Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Womöglich sollte man Ein-Euro-Jobber anstellen, die Pfandflascheneinsammler bei kritischer Versammlungsstärke mit einem „Kuschsch“ oder „Flllirrrtzz“ auseinander treiben und so Böses rechtzeitig abwenden.
Jedenfalls machte Evelyn den Vorschlag, beim nächsten Kioskgang, den ich schon ankündigte, doch die leere Flasche abzugeben; eine Idee also, auf die ich überhaupt gar nicht mehr gekommen wäre. Des Weiteren, und um noch etwas in der schmuddeligen Ecke zu verweilen, traf ich in Berlin niemanden, der in ein Gebüsch pinkelte und traf beim Ins-Gebüsch-Pinkeln niemanden, der ebenfalls die von mir verrichtete Tätigkeit ausführte. Im Gegenteil:
Ich habe viele Damen und Herren – eigentlich befand sich feines Grünland zur Hand – auf ein Klo gehen sehen, an dessen Pforte ein Betrag von 50 Cent zu entgelten war, übersetzt heißt das, eine Mark (Mack). Fürs pinkeln! Das hätte damals niemand bezahlt …
Übrigens ist es eine interessante Tatsache, dass die Love Parade im Tiergarten verboten wurde, da sich dort eine derartige Anzahl internationales pseudoliebesbesessenes Provinzdrogentum auf alles emporkeimende Grün und Gras entwässerte, dass die gute Muttererde samt ihren Blümchen, Pflänzchen und Sträuchlein diese exorbitante Überstrapazierung an Empathie und altruistischer Fürsorge nicht verkraftete und wegstarb.
Aber genug vom in die Ecke pinkeln, schließlich geht es hier um die Hauptstadt.
Also. Berlin. Ab und zu riecht es. Dies stamme aus der Kanalisation, wurde ich aufgeklärt. Folgendes geschah: Mit Zunahme der Spülstoptasten in deutschen Klos sparten die Deutschen, und natürlich auch die knauserigen Berliner, viel Wasser, was nunmehr dazu führte, das die Kanalisation unzureichend durchflutet wurde und all die Bracke, die der Mensch in sein Klo setzte, fäulend und schmoddernd an Ort und Stelle, also unter der Erde, verweilte. Das stank. Also müssen nun die Berliner Wasserwerke zusätzlich Wasser durch die Kanalisation pumpen, damit alles wieder so reibungslos läuft und abfließt wie früher. Soviel zum Wassersparen in Berlin.

Das indische Auge:
Es existiert eine fast schon ermüdende Anzahl an indischen Restaurants, die alle beim selben Möbelgroßhändler einkaufen. Und den Tandori-Palace, der sich sonst in jeder Stadt, die etwas auf ihre Weltbürgertauglichkeit hält, mindestens zwei Mal antreffen lässt, habe ich in Berlin (noch) nicht gefunden.

Termin

Leider wurde mir nicht gestattet, einen Berliner Flohmarkt zu besuchen, da es am Sonntag heftig runterregnete und so frühstückte ich in einem Cafe am Heinrichplatz und fuhr nach Hause mit einem in ein Nofx T-Shirt gekleideten Mittzwanziger, dem die Haare an allen Enden gleichzeitig lichte zu werden begannen, der des weiteren sechs Stunden lang „Die Ärzte“ hörte und dabei unentwegt mit seinen schlaksigen Krähenfingern Mal-mehr-meistens-Weniger rhythmisch das Lenkrad penetrierte.
An einer Raststätte kaufte ich Salat, der sehr gut war, und eine Beerenschorle. Am Abend stand der Mond halbgeschnitten über den Hügeln, die Deutschland waren und unsere Fahrt begleiteten. Eine weitere Mitfahrerin kam gerade aus Hongkong zurück, wo sie einige Zeit lebte und studierte.
So quatschen wir über ausländische Sitten und den neuen, einzig dem Internet zu verdankenden Trend drittweltiger Länder, dort, im Netz also, Übersetzungen für ausländische Gäste vorzunehmen. Ich wusste um die beste Anekdote, die sich in Uganda ereignete:
Dort wollte man zur Zeit der Fußball WM in einem Lokal mit Television um deutsche Besucher werben. Flugs im Zwischennetz nachgeschaut und „Welcome all World-Cup Fans“ übersetzt, so dass auf einem prächtig vorzeigbaren Banner über der Eingangstüre „Willkommen alle Welt-Schalen Ventilatoren“ in großen Lettern zu bewundern stand.
Meine Mitfahrerin verschluckte vor lauter Gekicher ein Stück ihres Rosinenbrötchens und wir mussten anhalten, dass sie etwas laufen, atmen, und ich ihr auf den Rücken klopfen konnte.
Zurück in Köln endete die Berlinreise mit einer heiteren wie außer-gewöhnlichen Begebenheit, von der mir ein Freund berichtete: Am Nachmittag war er Laufen gewesen und bekam aufgrund des an der Brust scheuernden Hemdes eine Brustwarzenüberreizung, im Zuge derer er das nunmehr zur Qual gewordene Joggen abbrechen musste.

Eine Antwort zu „BerlinBlues – Classic“

  1. Martin Sagt:

    Sehr interessante Post .. hat mir sehr gut gefallen danke , bin nämlich sehr interessiert in den thema und finde ihren blig grossartig.


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