Erleuchtung plus
8. Juli 2008
Stille.
Nur das Krachen der Bäume
beweißt noch
die brennenden Herzen.
Die Stakkatowolken galten mir
die strenge Ordnung der Zeit das
Nuss-
Knacker-
Hirn.
Von Träumen, tagelang –
Worte wirklicher als Münder, die sie sprechen,
Münder wirklicher als Gedanken, die sie tragen,
eine Ahnung, heller als ein Sonnenfleck,
der Marter, der es ausspricht,
sagt:
Was bleibt wird alles sein
was war. Auf den Grund gehen:
dem feuchten Moos auf den Grabsteinen.
Das I-Tüppfelchen der Üs, Ös, Äs
8. Juli 2008
An der Kaffebud, auf dem Weg ins Poeten-Jobcenter, ich:
„Kaffee bitte. Zum Mitnehmen.“
Sie, bereits gereizt und schroff: „Schwarz, Weiß, oder Komplett?“
„Schwarz-Weiß.“
„Also Weiß.“
„Ja. Erst Schwarz, dann Weiß.“
„Das heißt dann Weiß. Einfach Weiß.“
„Schwarz-Weiß nehm ich auch …“
„Denn mit Milch, ja?“
„Natürlich. Kaffee mit Milch. Erst Schwarz, dann –“
„…Weiß.“
„Jupp. Zum Mitnehmen.“
Sie stellt Becher ab.
„Hier!“
„Hamse nen Deckel für den Becher?“
„Nee, mann. Jibet nüscht.“
„Na, denn muss ick den woohl ufm Weg verschütten, wa!” Plötzlich mich besinnend:
“Ich muss zum Arbeitsamt, zum Jobcänter. Kann ich doch nicht mit Kaffeeflecken aufm Hemd …–“
„Keen Deckel!“
„Normalerweise ist …–“
„Keen Deckel!!!“
„…Mitnehmen aber mit Deckel.“
„Normalerweese kenn ick nüscht. 70 Cent dann.“
„Hier steht aber 60 Cent.“
Sie, lauter:
„Dat is für hiier triinkeen!“
„Und für to-go?“
„Na 70, Mann!“
„Allein fürs Auf-dem-weg-Verschütten?“
„Siebzich…oder lass es, mann.“
„Dann trink ich den hier anner Bude.“
„Kost auch siebzich …“
Ich, aufmüpfig: „Wieso?“
„Na deswegen! Wegen dem Becher, und weil der zum Mitnehmen is.“
„Ich trink den aber denn hier. Mit den anderen.“
Behände wies ich auf einige Alkoholiker zu meiner linken, die alle an ihren Keramiktassen herumschlürften.
Daraufhin Sie, ebenfalls aufmüpfend:
„Jenau deine Liga, die verehrten Kollegen…“
„Sie werden ja wohl nicht ihr Kunden beleidigen wollen, die ihnen ihren schönen, von allen finanziellen Sorgen befreiten Lebensabend ermöglichen. Wer sichert denn ihre Altersleistungen?“
„Junge, ick geb dir gleich …verpiss dich!“
„Piss dich selber!“
„Verpiss dich jetzte!“
„Na schön. Der Klügere g–“
„ …verpisst sich, jenau.“
Berliner reden eben anders. Berliner sind eben nicht so gut drauf. Und das, was gemeinhin von irgendwelchen minderbemittelten Pappnasen oder zugezogenen Dörflern – die in ihrer zugrundegerichteten Heimat nur oberflächliches, inhalt- und seelenloses Palaver und Dorfschabrackentum unterster Klassifizierung erfahren haben – als originelle, so herrlich frisch und authentische Berliner Schnauze tituliert wird ist nichts weiter als eine herkömmliche, verbal offenbarte Frustration. Wems scheiße geht, dem hört man das an, und diese tiefe Lebensenttäuschung, die man hier stets mit einer wundersamen Ehrlichkeit verwechselt, ist allgegenwärtig.
Noch ein Beispiel:
Kürzlich stand ich im lokalen Plus-Markt und wollte mich über die Verfügbarkeit eines Produktes erkunden; welches, das ist mir jetzt entfallen, und so fragte ich eine der noch jungen Mitarbeiterinnen, die gerade – zu wild, wie ich meinte – etwas Toffifee auffüllte, Tschuldigung, fragte ich sie, doch sie räumte weiterhin ein, ohne mich zur Kenntnis zu nehmen, ich sagte nochmals, Entschuldigung, etwas lauter, und wieder missachtete sie mich und griff weiter mit voller Gewalt nach ihren Toffifees, und als ich dann zum dritten Mal, Hallo, Entschuldigung, sagte, schwang sie urplötzlich herum und kreischte, Wat ist denn, verdammt, ick hab sie doch gehört!!!
Ne ne, diese niedlichen, so charmant-direkten Berliner mir ihrer so kühnen rotzigen Schnauze, total authentisch und irgendwie: erfrischend anders.
Dazu ein letztes Wort:
Berliner sind übelgelaunte, schon ein wenig bemitleidenswerte, einigermaßen traurige (= Winter, Osten, SPD) und griesgrämige Zeitgenossen; ein Glück gibt es in der Stadt nicht viele von ihnen, da hier nur Ausländer (Pakistan, Preußen, Pankow) wohnen.
Noch ein Beispiel von gestern Abend:
Ab und an gehe ich abends runter zur Bushaltestelle und lese dort ein bisschen. Die Werbung wirft ein angenehmes Licht, es ist ruhig und die Luft entweder warm oder kalt oder feucht, in jedem Fall aber angenehm. Gestern ging ich nach meiner Lektüre noch spazieren und suchte im Wrangelkiez die Jasmin-Bar auf, eine derbe Berliner Assispelunke, die Abends mit alten belegten Brötchen aus der Uni-Mensa bestückt und von Bruce Springsteens Kneipenröhre durchflutet wird. Jedenfalls stehe ich dort mit Britta, der versoffenen Bardame, auf guten Fuß und knappere plaudernd an kostenlosen Käseschrippen, bestelle ein Bier und setzte mich draußen auf die Bierbank, schlage mein Buch auf.
Kurz darauf stolpert aus der Nachbarkneipe, die noch abgeranzter, noch runtergerauchter ist als die Jasmin-Bar, eine besoffene Mittvierzigerin und singt Marmor Stein und Eisen bricht. Dann sieht sie mich.
„Ey ey ey,“ ruft sie ihren Kollegen zu, die vom Leben gedemütigt müde Glieder über den Tresen hängen, „in Berlin gibt es tatsächlich jemand, der lesen kann! L-E-S-E-N.“ Drei Menneken stiefeln heraus. Dann klatschen sie und rufen „Bravo“ oder „eine tolle Leistung“ und lassen mich wieder allein.
Ralle steigt aus der Jasmin Bar, setzt sich zu mir. Er:
„Biste’n Intellektueller. Oder’n Student oder wat?!“
Wenn ich eines in Berlin gelernt habe, dann Gegenfeuer zu geben, angewandte Schroffheit mit angewandter Schroffheit zu vergelten.
„Hast du schon mal ein Buch gelesen?“, frage ich.
„Nu ja …“
„Aber deswegen bist du nicht intelligent, oder?“
„ …“
Wie dem auch sei. Im öffentlichen Sprachgebrauch schleichen sich vor allem neue Schimpfwörter ein, die einiges an klaren Klang und sonarer Aussagekraft vermissen lassen, die schönen alten Beleidigungen werden durch nur noch brutal klingende Anfeindungen billig-tölpelhaft ersetzt. Da dieser traurige Fortschritt nur zu einer wachsenden Versuppung des Sprachgefühls führen kann, steuere ich hiermit mit einigen altbekannten Beispielen dagegen (Involution). Beleidigungen wie Hurensohn oder Opfer haben ab sofort den Schimpfklassikern das Feld zu räumen, namentlich:
Sackgesicht.
Arschgesicht.
Fickgesicht.
Pissgesicht.
Pissnelke.
Pisser.
Penner.
Flachwixer.
Drecksau.
Schweinepriester.
Furzknochen (eher liebevoll).
Hornochse.
FotzeFotzeFotze.
Schwachmat.
Kümmeltürke.
Spast oder Spastmat oder Spasti.
Depp.
Zigeuner.
Trottel.
Hackfresse.
Kackfresse.
Spack oder Spacko oder Spacken.
Pappnase.
Pottsau.
Lurch.
Spaten.
Schlachtenseebummler
6. Juli 2008
In einer Sekunde Wasser
im schnellen grünen Untergang
wie es nach See roch und nach Überzahl
und die fetten Bäume lichtern alle
von sich aus über Ufern standen
herabgesetzt zu blauen Worten
(
stieß die Welt nur einmal sich an
hielt die Welt nur einmal kurz an
)
hieß es am Ende waldgetan:
die Sonne wachzuküssen im Gras.
Deutschlandreise
6. Juli 2008
(Berlin-Wasserburg)
Abgeknicktes Gras, bei Herzberg großflächig,
im Wald knallt Regen.
Ein kleiner Bach hält
Anstöße um Anstöße aus
dem Buchfink kracht ein Lied.
In Beilrode blättert
zielbewusst der Wind;
und das Graffiti fragt
why? Selbst-
vergessend zögern die Backsteine,
ins Reine zu kommen am sterbenden Haus.
Wiesen um Wiesen so viel
platz, um der Länge nach
zu sein, so viel platz
für Kapillarkarossen.
Dunkle Bäume leises Herantreten,
wo sich Halme aufstellen auf Haut:
Mockrehna – ein schönes Wort.
Böhlen, ein anderes.
Kinder im Zug schreien nach mehr
davon hat Böhlen nicht. Später
wird die Landschaft silbern,
weich die erste Luft, Vögel
lagern flusswärts und mit kleinen Schritten
nimmt sich die Zeit den
Schlafmohn zu mustern, die Ähre.
Eine alte Frau redet von Ewigkeit,
ihrem Jesu am Kreuz.
Die junge Frau gegen-
über: Libertin …
(Pferde knien in Wiesen wie Kühe.
Draußen bei den wehenden Schatten.)
Umsteigen in Hof.
Wir kommen zurück wie der Sommer.
Über Obstbäume, voll, und Berg-
rücken stets Postk-
artentreu.
Acker vor Aich, vorbestellt,
und stramme Furchen darinnen
weiß man von mehr, ja, von Samen,
entkernend im Grün –
dass sie da sind.
Ist der Wald denn immer
noch nicht tot? Insekten,
schwitzend an Grasnarben, Blüten,
einheimisch kommunizierbar:
Jettenbach beugt den Himmel ins Blau,
Silos speichern Sonnen.
Der Maisverschleiß schreitet voran,
Kohl wächst nach dem Leben.
Um Haaresbreite Wind.
Landshut, wer weiß es,
und fleckige Schuppen, erntegroß.
Ein deutsches Märchen
sicherlich
erzählt von langen Pappeln –
auch ohne blutwarmes Denken.
(Nun schaffen wir Zauber ringsum
indem wir Kranichnester trinken …)
Man ahnt ein Dorf,
die Hitze im Heu.
Die Welt scheint
in Ordnung.
Keine Stimmen stören das Land.
2
Spiegelung des Innenraums im Wald,
Spiegelung des Waldes im eigenen Innern,
Spiegel
mit Haut und Haar verwachsen:
eine elysische Kraft
entblüht und vergilbt.
Und immer die Kirchturmspitze zu Gott. Immer
ein Flüstern hinter Mauern, Dekodierung:
Wenn Winde fallen.
Wenn Flüsse biegen.
In Wasserburg treten wir nah.
Nichts mahnend
erreicht uns der Abend.
Morgenelegie
3. Juli 2008
Haben wir nicht als unsereins
- von Fortgehen zu Fortgehen leise -,
noch beharrt im fraglich kurzen,
obgleich der nächsten, wahren Reise?
Noch Licht von einem alten Leben,
das über sich gehöht nun stirbt,
aus dem verwaisten Seelenkreise,
das neue Gold von Gestern birgt.
Erneut verlassen, um zu werden,
die Stunden atmen Liedgesang:
und noch am dünnen Faden Sterben
das Göttliche in Farben hang.