Schlacht 08, Kreuzberg vs Friedrichshain

28. Juli 2008

Es gibt Wasserschlachten, die werden mit Wasser geschlagen. Und es gibt Wasserschlachten in Berlin, die werden vorwiegend mit faulem Gemüse, verrottetem Obst und jeder Menge Mehlbeutel geführt; Wasser, bei 31 Grad Hitze ein Kriegskörper, den man gerne auf sich einschlagen sieht, bleibt eine Seltenheit, wie sie sonst bei Wassergemetzeln schwerlich zu finden ist.
Nichtsdestotrotz findet in jedem Jahr auf der Oberbaumbrücke, die die beiden Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain voneinander trennt, die so genannte Wasserschlacht zwischen den beiden Bezirken statt. Geworfen werden darf mit allem, was eklig, alt, stinkend, vergammelt und nicht zu hart ist – geschlagen hingegen wird mit Schaumstoffknüppeln und Pappkartonagen.
Da dies mein erster Kampfeinsatz für das Kreuzberger Barrio war, beging ich einige wohl typische Anfängerfehler, vor allem was die Kleidung und die Ausrüstung betraf; ich kam Oben-ohne, in kurzer Hose und Flipflops. Gerade letzteres sollte sich als großer Fehler erweisen.
Schnell begriff ich, wo es mir an Ausrüstung mangelte. In meinem Beachoutfit war ich wohl der schlechtgeschützteste Mann auf dem Platz. Ein Schild plus Fullface-Helm, einen Ganzkörper-Plastikanzug, festes Schuhwerk und ein geeignetes Waffenarsenal: das alles kleidete die anderen – und der mickrige Beutel Biomüll, den ich von Zuhause mitnahm, war flugs verschossen.

Aber los ging’s. Mehr als eintausend gröhlende Menschen zogen in den Sonntagskrieg, ihren vegetablen Untergang.
Glitschige, triefende Körper fielen übereinander her.
Es hagelte ranziges Obst.
Eier zerbrachen auf Haut.
Stimmen zitterten.
Männer und Weiber schwitzen.
Die Brücke dampfte, bebte.
Kinder wurden in Sicherheit gebracht.
Gemüse traf.
Essig floss.
Als erstes übermannte ich einen Friedrichshainer und stahl ihm seine Knüppel; in den folgenden zwei Stunden entfesselte sich ein schweißtreibender Kampf um die begehrten Waffen, die man immer wieder verlor und wiedereroberte.
Kreuzberg gelang eine starke Startoffensive, der gemeine Friedrichshainer sah sich der unglaublichen Wucht und Verzweiflung der Kreuzberger gegenüber, welche traditionell diese Schlacht verlieren.
Im Vorfeld wurde mir berichtet, dass in Friedrichhain die Siegesfeier schon einen Abend vor der Schlacht stattfindet. Etwas unerhörtes, wie mir schien, und so warf ich mich den Latte-Machiatto-Trinkern mit all meinem verletzten Stolz entgegen.
Wir gewannen Raum.
Mehlwolken hingen über den Köpfen wie saurer Regen.
Orangenhälften bedeckten Gesichter.
Schmierige Fäulnis belagerte Leiber.
Jeder trosch auf jeden.
Chaos beflügelte.
Aus den Augen triefte Brei.
Schleim verstopfte Gehörgänge.
Münder rissen Parolen gen Himmel.
Dreck reinigte.
Ich hörte jemanden kommentieren: „Die Wurfgeschosse sind dieses Mal recht zivil – außer unsere!“ Aus wessen Lager diese Aussage kam, konnte ich nicht feststellen, denn ich stand mit einigen Kollegen an der Linie, die ich für die Hauptfront hielt, und rächte jede voreilige Siegesfeier.
Ein Blick nach hinten allerdings verriet mir, dass ich mit einigen anderen auf weiter Flur und an der Linie schmachtete, die man wohl die vorderste Front nennen konnte: vor und hinter uns Friedrichshainer. Als wir nun zur main comat zone zurückliefen und so durch die Reihen der angreifenden F-Hainer brachen, bezogen wir von den eigenen Leuten Prügel, was im Wirrwarr der Menschenmassen und aufgrund der unzureichenden Uniformierung keine Seltenheit war – zwei Kerle z.B. gerieten in einen persönlichen Kampf und hörten selbst dann nicht auf, als die Kräfte sie merklich verließen, sondern als sie irgendwann feststellten, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen: nämlich gegen stinkende Kreuzberger.

Etwas öliges, fischiges klatschte mir in den Mund, gerade, als ich den Kreuzberger Kampfschrei („Kreuzberg!!!“) tenorte. Ich zog mich etwas zurück.
Setze mich. Spuckte. Ein Kotzreiz durchlief meinen Körper. Die Straße und ich waren in zentimeterstarke Schmiere getränkt, Schmutz und Schmodder und Plörre. Ich stand wieder auf, ein ebenfalls erschöpfter Kamerad stützte mich.
Er sagte: „Ich hab gehört, die haben sogar mit Kotzbeutel geworfen.“ Es half mir nichts. Ich löste mich aus seinem Griff und würgte.
Wenn es die Friedrichshainer Seite gewesen wäre, o.k.: mich aber in den eigenen Reihen zu übergeben kam einfach nicht in Frage. Ich verweigerte die Schwach des Kotzens mit einer derartigen Willensanstrengung, dass ich danach schon glaubte, Kraft meiner Überzeugung 500 verbliebene Friedrichshainer alleine Richtung Warschauer Brücke metzgern zu können.

Das Schlachtfeld, inklusive den Protagonisten, stank wortwörtlich zum Himmel. Der Friedrichshainer hatte Boden gut gemacht, unser Hauptturm wurde auf Seite gedrängt und war nun völlig unbrauchbar; rostend glühte der unter der unbarmherzigen Sonne.
Für eine Sekunde sammelte ich meine Kräfte, presste die Hand stärker um meine Waffe, kratzte etwas verdorbenes Obst von mir und schaute über die sommerfarbene Spree, deren Kristalle von der Sonne mannigfaltig gebrochen wurden.
„Schönheit“, stand auf einem Anzug geschrieben, „gibt es nur im Krieg (gegen Friedrichshain).“ Also weiter.
Das nächste, was ich in den Mund kriegte, war eine dickflüssige, filmige Soße. Es war eine Soldatin aus den eigenen Reihen. „Was zum Teufel war das für eine Scheiße?“, schrie ich. Verlegen zeigte sie mir die Tube. Es war die Kräuterremoulade von Lidl. Und da ich freundlich zu mir selbst bin, verweigerte ich mir den prüfenden Blick auf das Haltbarkeitsdatum.
Ich durstete nach Wasser, etwas klaren, unverdorbenen. Und als Beweis, dass ein Gott mich gehört hatte, wurde ich am rechten Auge von einer mächtigen Wasserbombe getroffen, die nicht zerplatzte und zu Boden fiel wie ein Stück totes Fleisch.
Noch während ich mich krümmte und mir das Auge hielt, pfefferte ein Kollege das Ding zurück hinter die Friedrichshainer Linien.
Es war, als spiegelte sich an meiner persönlichen Misere der kollektive Niedergang des Bezirks. Schritt um Schritt wichen wir zurück, eine Viertelmelone ging auf meinen Nacken nieder und streckte mich kurzzeitig auf die glitschige, von allen möglichen Überresten überzogene Straße. Ein Zwei Leute fielen über mich, man half mir auf, ich rotze etwas Matsch aus meiner Nase, „es geht schon“, sagte ich, und ein Gummiknüppel schlug in meiner Stirn ein. Ich hatte meine Waffen verloren und taumelte auf meinen rutschigen Flipflops umher. Ich zog sie aus und versuchte es barfuss, was noch schlimmer ging und Schnittverletzungen vorprogrammierte. Also wieder rein in die Latschen, Waffen besorgen, taumeln, gegenhalten, nicht locker lassen, Kotzen vermeiden.
Körper klatschten.
Wasser klatschte.
Süff klatschte.
Die ganze Welt triftete klatschend auseinander.
Schreie.
Schmerzen.
Anfeuerungen.
Kollateralschaden.
Klatsch.
Tausende Male klatsch.
Kratzer.
Spucke.
Rotz.
Kotze.
Nass.

Vor einigen Jahren griff die Polizei ein, als man begann, den Gegner mit vollen Babywindeln zu attakieren – laut der Gesetzeshüter war dies ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Menschenwürde? Ich bekam aus einem Meter eine aufgeplatzte Plastiktüte fragwürdigen Inhalts ins Gesicht und revanchierte mich, indem ich das zermanschte Allerlei vom Boden auflas und es meinem Angreifer in Gesicht und Rachen rieb. Klatsch – irgendwo darunter lag sie, die Menschenwürde.

„Ein Glück bin ich von gestern noch so besoffen“, resümierte jemand aus den feindlichen Reihen.
Die Kreuzberger wurden mit schallenden „Raus aus Ost-Berlin“ Schlachtrufen weiter in ihre Heimat geschlagen und ich stutze für einen Moment, als ich mich auf die Angreifer stürzte: Komme ich nicht auch aus Ost-Berlin? Habe ich vielleicht die Schlacht auf der falschen Seite geschlagen? Wenn sich hier West und Ost-Territorien gegenüberstanden, warum kämpfte ich an der Westfront? Wie selbstverständlich stellte ich meine Kraft in Kreuzberger Dienste, nur weil ich 100 Meter entfernt wohne und mich überwiegend dort aufhalte. Aber jetzt überzulaufen kam nicht in Frage. Und selbst wenn ich in Treptow wohne, mein Herz hätte keine Sekunde für die Friedrichshainer geschlagen sondern für das der Kreuzbe-
…Aus kürzester Distanz rauschte ein Beutel Mehl in meinen Mund und unterbrach meine Gedanken. Ich fiel erneut. Röchelte. Hustete weißen Staub. Bekam keine Luft.
Wasser. Mein einziger Gedanke war: Wasser. Eine vermeintliche Wasserschlacht ohne verdammtes Wasser. Wo war jetzt die Polizei, wenn man sie brauchte! Wo war nun der Brechreiz, der meine Kehle säuberte? Ich glaubte, zu ersticken. Las schon die Schlagzeilen:
„Sommer ade: Kreuzberger Straßenkämpfer erstickte an zwei Kilo Mehl.“

Ich fand eine Wasserbombe und biss hinein. Der widerliche Schmodder, der an ihr klebte, war nunmehr scheißegal. Ich wollte an das klare, kühle, nasse Innere, doch ich benahm mich zu ungestüm und blöd – klatschend brach es zu Boden. Mir blieb ein Plastikfetzen im Mund, gelb wie alles übrige.
Ein Knüppel lag herrenlos herum. Ich startete zur letzten Gegenwehr. Einige Leute begannen, die vorbeifahrende Straßenbahn zu bewerfen.
„Wir verhandeln nicht mit Touristen“ stand auf einem der Friedrichshainer Plakate. Und tatsächlich: auf der Kreuzberger Seite säumten unzählige Schaulustige den Weg, die mit ihren dämlichen Kameras und Handys hantierten, während sich auf der gegenüberliegenden Seite alles, was Gliedmaßen und Verstand besaß, in den tollwütigen Kampf schmiss.
Unsere Verteidigungslinie brach, die Friedrichshainer wussten um ihre Überlegenheit und marschierten nun todbringend auf die Schlesische Straße zu.
So ging Kreuzberg, wieder mal, unter. Meine Analyse ergibt folgendes:

1.
Hauptgrund für die Niederlage war das weibliche, starke Geschlecht. Auf Kreuzberge Seite bemerkte ich während des stundenlangen Kampfes nur eine einzige Soldatin, die ihr kratzbürstiges Bestes gab. Der Feind hingegen hielt ein ganzes Bataillon sturmwütiger Amazonen bereit; darüber hinaus den militanten Ring etlicher Feministengruppierungen, die zuschlugen und bis zum bitteren Ende den wackeren Linksgenossen Gegenfeuer gaben, als gelte es, Vorverkaufskarten für ein Konzert der „Beatsticks“ zu verteidigen.
2.
Kreuzberger Reserven waren zu schnell verbraucht. Die erste, gelungene Angriffswelle verebbte und es rückte wenig nach, während viele verkaterte Friedrichshainer erst eine Stunde nach Schlachtbeginn aufliefen und ihre mit Gemüsemüll beladenen Einkaufswagen in wohlbedachte Stellung brachten.
3.
Die Kreuzberger Mannschaft war zahlenmäßig hoch unterlegen. Da halfen auch die „Für Sparta“ Rufe wenig. Zudem gingen Gerüchte um, die Neuköllner wären zu den Friedrichshainer übergelaufen; vielleicht haben sie auch irgendwann gemerkt, dass sie doch eher das Ost-Gefüge repräsentierten.
4.
Die Friedrichshainer besaßen mehr Erfahrung, waren die von der Vergangenheit beseelten. Handfertiger, organisierter, schlagsicherer.
Es war, als spielte der FC Bayern gegen St.Pauli.
5.
Siehe Punkt 1.

Sonnenbrand, Schürfwunden, Kratzer, blaue Flecken, ein ekelerregender, in der Hitze des Mittags verfaulender Körper – darum hat es sich also gelohnt. Nun konnte ich einer langgehegten Befürchtung auf den Grund gehen.
Und wirklich: Lässt man sich vom Kreuzberger Ufer in die Spree hinab, wird man von einer Unterwassertreppe aus alten Möbeln, Einkaufswagen und Fahrrädern sicher in tiefere Gewässer geleitet. Die Wasserpolizei scheucht einen dann ruckzuck wieder an Land und dort steht man, gereinigt und erfrischt, und hält die mürbe Haut in die Sonne.
Eine Stunde später sieht die Oberbaumbrücke aus, als hätte nie etwas auf ihr stattgefunden. Nur der zähe Geruch fauler Eier durchzieht den Teer. Vereinzelt zeugen weiße Flecken von Mehlattacken. Die Reinigungsdienste sind abgezogen, die Kämpfenden schon längst zur Eisdiele vorgestoßen.
Da hörte ich noch, sozusagen als Schlussstrich unters Gefecht:
„Ist schon okay, dass die Friedrichshainer immer gewinnen. Immerhin bezahlen die ja auch die Reinigungskosten.“
Schöne letzte Worte, bevor es in den Park geht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.