Halfejeer. Ein Märchen.
25. Juli 2008
Seinen eigentlichen Charme bezieht dieses Märchen aus einer Wahrheit, bzw. aus verschiedenen Tatsachen, die wahr wurden in kollektiver Phantasie. Vier Menschen saßen an einem Abend zusammen, und aus einem genuschelten ” half a year” wurde “Halfejeer”, und der Rest der Geschichte fügt sich aus Themen und Situationen zusammen, die an besagtem Abend von den besagten vier Menschen ansatzweise verlautbart wurden. Am nächsten Morgen wurde dieser Text geschrieben, eigentlich für den kleinen illustren Kreis der anwesenden Herrschaften; darüber hinaus bleibt es aber ein Märchen, und ein Märchen kann man ja einfach so lesen, auch wenn man es nicht selbst erlebt hat:
Es war einmal ein Dorf namens Halfejeer, welches kaum 50 Kilometer nordöstlich von Osaka lag und zum Bundesstaat Kleusbelg gehörte. Dieses Dorf besaß sieben Hütten und drei Bäume: den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.
Es waren die einzigen Nahrungsquellen des Dorfes (hier und dort wurde etwas Rotwein konsumiert), und sie alle trugen verschiedene Früchte, die, in ihrem Äußeren entweder niedlich oder grotesk, vom den weit in den Himmel gewölbten Bäumen baumelten.
Allein der aufgezwungenen Fruchtmischung war es zu verdanken, dass ausgewogen genascht wurde. Nie trug einzig ein Baum alleine seine niedlichen oder grotesken Früchte, stets standen sie alle gleichzeitig in Blüte; das ganze Dorf war somit stets versorgt und hatte genug Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern: zum Beispiel warum es auf Saturns größtem Mond flüssiges Methan regnet, und warum das Universum guterdings flach ist.
Dies allen voran: Die Menschen lebten glücklich und zufrieden. Kinder wurden gezeugt und vor den Bauch gebunden. Die Erwachsenen schauten Sport oder jäteten im Garten. Wurstbudenromantik inspirierte. Vögel zahlreich, und Löschwassereinspeisungen.
Glücklich und zufrieden, alle mitsamt. Bis die Jahreszeiten aufhörten …
Den Bäumen machte es nichts aus, sie blühten weiter, trieben Knospe und Frucht, obwohl immer Nacht war. Genug zu essen hatte man also. Rotwein lagerte in Kellern. Aber die Leute waren nicht mehr zufrieden, nicht mehr allumfassend glücklich. So beschlossen sie, das Dorf aufzuteilen in vier gleiche Barrios. In einem sollte Frühling, im anderen Sommer, im nächsten Herbst und im letzten Winter herrschen.
Geteilt war schnell, Mauern standen. Die Jahreszeiten kehrten gevierteilt zurück. Feste fielen. In jede Nachbarschaft, die nun von einer Jahreszeit regiert wurde, kam ein Baum der Erleuchtung, ein Baum des anämischen Schustergesellen und ein Baum des formidablen Wissens.
Nun wurde wild besucht. Kein Gesprächstoff schien mehr auszugehen. Oft saß man auf Bürgersteigen, lud Vorübergehende ein, lauschte fremdsprachiger Schunkelmukke, klemmte Lampen an zweckentfremdete Stühle und sprach besoffen, ja bohemienhaft in weinbefleckte Büchlein, aß Früchte (niedlich oder grotesk).
Allmählich bildeten die vier neuen Dorfnachbarschaften, da sie durch eine 65 Meter hohe Mauer getrennt lagen, eigene, i.j.F. jahreszeitbezogene Charaktere. Also mussten Namen her, neue Chiffrierungen, die nach Gefühlen schmeckten. Folgende Namen erwachten zu Leben:
Trilinbad, Ham, Neurecklinghausen, Findukush.
Untereinander waren die neuen Quartiere durch einen Tunnel verbunden. Zuerst wurden Fehler begangen. Man stieg in den Tunnel und sofort wieder hinaus. Von Winter in den Herbst, oder vom Herbst in den Sommer, oder vom Sommer in den Winter, oder vom Frühling in den Sommer, oder vom Winter in den Sommer, oder vom Herbst in den Frühling, oder vom Sommer in den Frühling, oder vom Frühling in den Herbst, oder vom Herbst in den Winter, oder vom Frühling in den Winter oder vom Sommer in den Herbst, oder vom Winter in den Frühling. Und wieder zurück. Das verkrafteten die körpereigenen Säfte nicht; sie erkrankten fiesfotzig. Dickeitrige Mandelentzündungen und Dickdarmbeschwerden waren lästige Folge. Es wurde bestimmt, im Inneren der Erde eine Umgewöhnungszeit von 30 Stunden zubringen zu müssen, woraufhin der Tunnel unter den Bürgern nur noch „Transformation Tube“ genannt wurde. Danach hielt man es aus. Hier sah man Eiskristalle, dort brannte Heu. Hier gab’s Erdbeereis mit Sahne, dort isolierte man Fenster dickschäumig.
Die Menschen wurden eigen, auch wenn Besuche konstant blieben (mittlerweile gab’s einen Tischfussball im Transformation Tube und eine Bar, an der eine großbusige Bardame Weißweinschorle und Nüsse verkaufte …)
Dinge machten sich breit. Man verhaarte. Meist in einer Sache. Das Klima war nicht immer angenehm – in Trilinbad blies zuviel Wind, in Ham streikten die Kühlsysteme. Während in Neurecklinghausen Kälte unaufhörlich in Glieder stieg, nagelten die Einwohner in Findukush vergeblich Solarzellen auf alles Mögliche. Bald waren die vier neuen Abschnitte, verwaltet von jeweils einer Jahreszeit, für Eigentümlichkeiten bekannt:
Trilinbad: In Trilinbad schuf man neue Sprachen. Erweiterte Syllogismen, Syntaxen von erheblicher Dauer, Sprachverwurschtelungen und Rinnsalpoetiken, der sich selbst die mistgabelnahen Bauern bedienten. Eine Strophe des meistzitiertesten Anhänger des neuen Standardism, Cladio Tosho:
Liebe Frau im Pelz
so schmelz, so schmelzend
dass dir Haare wachsen –
Das ist ein Kreislauf, verlass
dich auf schmelzendes nur – verlass:
Frau im Pelz schmelz.
Oder seine Frau, Tosho-Tosho, studierte Betriebsfachwirtin, mit einem ihrer ersten, alle medieninszinierte Erwartungen übertreffenden Erfolge:
Un
zu
län
gl
i c h
k
eit
e
n.
Damit war es nicht getan. Der Duden sollte zu einem Luden umgeschrieben werden, neue Wortarten zuhauf, frische Alliterationen und Buchstaben, die man erst kaufen musste, um sie zu erfinden. Hinzu kamen lächerliche Ersatzworte und schiefe Floskeln. Einige Beispiele:
- Bürger bzw. Leser bzw. Lastkraftwagenfahrer wurden zu verkrüppelten
BürgerInnen, LeserInnen und LastkraftwagenfahrerInnen degradiert.
- das Adjektiv „fachmännisch“ passte aufgrund seiner hegemoniellen, patriarchalisch-imperialistischen Zwangsaussage nicht mehr in die neue postkleriale Zeit und wurde gelöscht, bzw. als „fächig“ wiedereingeführt.
- Assi hieß nun Prekariat.
- Vollassi hieß abgehängtes Prekariat, mitunter mit dem Zusatz: bildungsfern.
- Assitürken hießen BürgerInnen mit Migrationshintergrund
- Eine Stadt hieß City und die Supermarktkasse Counter.
- Raiders nannte man Twix.
Ham:
In Ham hingegen ging es um Zahlen. Die Menschen begannen, die Bäume durchzunummerieren. Von Eins über Zwei bis Drei. Drei Bäume immerhin. Das erschien simpel, doch wusste man lange Zeit nicht, wo anzufangen. Links oder rechts? Vorne oder hinten? Gegen oder mit dem Uhrzeigersinn?
Jedenfalls hatte der stadtbekannteste Mathematiker, Ernst Ramstiedl („Eine Diagonale ist immer auch eine Linie, gerade durchaus, äh, schwarz und lang, die in einem verückbaren Nirgendwo enden könnte, könnte zumindest; jemand müsste das mal ausrechnen!“), hatte herausgefunden, dass die sich aus scheinbar ureigenstem Antrieb verwirklichende Natur nichts weiter als eine Kodierung darstellte, eine Zahlen- und Ziffernabfolge, die einem inhärenten Prinzip von entschlüsselbaren, auf logisch-arithmetische Beweisfunktionen zurückgreifende Formeln beruhte, vereinfacht im weiteren nur noch „F.O.R.M.E.“ ( Fabric Or: Revealing Matter Energysm) genannt.
Jetzt war guter Rat teuer. Ein Volksentscheid – unverbindlich, aber irgendwie nett – musste her. Die sieben Einwohner bekamen Nummern, einen Zettel, Bleistift. Doch bei wem beginnen, zu nummerieren?
Jeder wollte der erste sein, ein erstes Kreuzchen machen dürfen. Ramstiedl, für den Wahlhergang verantwortlich, benahm sich wie ein Esel und gab sich selbst die Nummer Eins, was nicht gut ankam. Faules Obst flog. Banner wurden gehisst. Protestbewegungen waren die Folge. Das Vertrauen, die Zustimmung der Bürger sank.
Eine Abstimmungssucht begann. Alles wurde gekürt, geehrt, platzierend gewürdigt. Teilweise kam es durch den allgemeinen Zahlenverfall zu wahnwitzigen Szenen – nur der siebschönste Strand wurde zum siebschönsten Strand gekürt; die ersten sechs gingen leer aus. Jemand schlug vor, alle Bäume schlichtweg zu fällen, damit sei dann das nummerologische Problem für alle Zeiten gelöst, außer, es wachse was nach. Die Idee jedoch wurde verworfen, zum Glück, und man besann sich einer besseren Lösung, die natürlich wieder von den rotzfrechen Kindern stammte, die nunmal ihre Klappe nicht halten können: ein Mädchen in roten Pömps fand in der Nähe des Baumes des formidablen Wissens ein Stück Pappmache. Darauf kritzelte sie die Zahlen von eins bis drei, jeweils in dreifacher Ausführung, und band sie den Bäumen um den Stamm. Fertig. Die F.O.R.M.E. jedoch blieb.
Neurecklinghausen:
In Neurecklinghausen besah, beroch, fummelte und forschte man an Silberfischchen, Lepisma saccharina genannt. Die kleinen Viecher tummelten sich überall. Zuerst wurden sie verachtet, gering geschätzt. Dann akzeptiert, um schließlich als Wunder betrachtet zu werden. Hochschulen eröffneten, der MinisterInn schnitt ein Band durch, Klatschen ringsum. Es kamen Labore in Massen, Inder wurden gegreencard.
Man fand: Ein Insekt ohne Flügel, silbergrau den Körper. Zu der Ordnung der Zygentoma, den Fischchen gehörend, schwänzelt es bereits seit 300 Mio. Jahren über die Erde und war schon vor den ersten Unkenrufen des Homoprimaten.
Der Silberfisch häutet sich beachtliche Male; glänzt erst nach dem dritten Durchgang. Zum Erwachsenwerden – erstaunlich – benötigt es mindestens vier, mitunter aber auch 36 Monate; es kann bis zu acht Jahre alt werden.
Lichtscheu und nachtaktiv, kann es sich gut verstecken und versteckt sich die ganze Zeit gut. Die Bewohner von Neurecklinghausen brauchten geschlagene 27 Jahre, um hinter das Geheimnis der Fortpflanzung zu gelangen, dann aber rief man die Presse beisammen. Des intimen Aktes wegen sprach man mit aemotionaler Stimme:
Während des Fortpflanzungsvorganges laufen das Männchen und das Weibchen erregt umher, sich drehend, rotierend. Schließlich sucht der Mann einige Spinnfäden. Sodann ist er es, der die Spermatophore –also das Samenpaket, die Spermientüte, quasi sein Ejakulat – unter den Fäden platziert und solange seinen Balztanz nicht beendet, bis seine Angebetete unter den Fäden hindurchgekrochen und mit dem Wixebrocken abgehauen ist. Nun kommt es in Weibchen zur Befruchtung. Sie, gut erkennbar am gezielteren Schritt, legt cirka 100 Eier in diversen Ritzen, Spalten und Fugen aus, also da, wo sich das Silberfischchen am liebsten aufhält. Bumms, irgendwann Nachwuchs.
Silberfischchen essen gerne stärkehaltige Mahlzeiten wie Kartoffeln, Bücher, Fotos, Kleister, Haare, Schmutz, Kunstfaser und ihre eigenen Häutungsüberreste. Wichtig: Silberfischchen sind zur Verdauung von Cellulose nicht von Endosymbionten abhängig. Ebenso können sie über etliche Monate lang hungern, ohne zu sterben oder überhaupt an Körpermasse abzunehmen, ohne einen Mucks von sich zu geben.
Das alles macht das Silberfischchen zum beliebtesten Tier in Neurecklinghausen.
Findukush:
In Findukush war Sommer. Die Menschen benutzen, weil mehr geschwitzt wurde, Waschlappen. Aus Biobaumwolle. Den Findukushianern rief man Spitzfindigkeit, aber auch Verschrobenheit nach. In jedem Fall waren sie schlauer als alle anderen. Banken gab es keine – alles Geld wurde sofort ausgegeben oder, wenn es nicht gerade in dickflüssige Bananenshakes investiert wurde, in Jackenfutter eingenäht. Dort war es sicher und warm.
Besonderheit des Viertels: die Pinienwälder, von denen allabendlich geträumt wurde, standen bis zum Meer. Die Jugendlichen stürzten, des Thrills wegen, direkt von den Baumkronen ins azurblaue Wasser. Zwischen all den Pinien gab es einen Muskatnussbaum, auch er wurde erträumt und musste für die örtlichen Bekanntmachungen herhalten. Männer mit tiefen Stimmen setzten an:
“Wenn wir sie ( die unorganische Welt ) nun mit forschendem Blicke betrachten, wenn wir den gewaltigen, unaufhaltsamen Drang sehen, mit dem die Gewässer der Tiefe zueilen, die Beharrlichkeit, mit welcher der Magnet sich immer wieder zum Nordpol wendet, die Sehnsucht, mit der das Eisen zu ihm fliegt, die Heftigkeit, mit welcher die Pole der Elektrizität zur Wiedervereinigung streben und welche, gerade wie die der menschlichen Wünsche, durch Hindernisse gesteigert wird; wenn wir den Kristall schnell und plötzlich anschiessen sehen, mit soviel Regelmäßigkeit der Bildung, die offenbar nur eine von Erstarrung ergriffene und festgehaltene ganz entschiedene und genau bestimmte Strebung nach verschiedenen Richtungen ist; wenn wir die Auswahl bemerken, mit der die Körper, durch den Zustand der Flüssigkeit in Freiheit gesetzt und den Banden der Starrheit entzogen, sich suchen und fliehn, vereinigen und trennen; wenn wir endlich ganz unmittelbar fühlen, wie eine Last, deren Streben zur Erdmasse unser Leib hemmt, auf diesen unablässig drückt und drängt, ihre einzige Bestrebung verfolgend – so wird es uns keine große Anstrengung der Einbildungskraft kosten, selbst aus so großer Entfernung unser eigenes Wesen wiederzuerkennen, jenes Nämliche, das in uns beim Lichte der Erkenntnis seine Zwecke verfolgt, hier aber in den schwächsten Erscheinungen nur blind, dumpf, einseitig und unveränderlich strebt, jedoch, weil es überall eines und dasselbe ist, – so gut wie die erste Morgendämmerung mit den Strahlen des vollen Mittags den Namen des Sonnenlichts teilt, – auch hier wie dort den Namen Willen führen muss, welcher das bezeichnet, was das Sein an sich jeden Dinges in der Welt und der alleinige Kern jeder Erscheinung ist.”
Das unterschrieb man. Plakatierte. Da der Sommer nie zu Ende ging, waren die Bürgersteige des Viertels stets bis tief in die Nacht von Menschen und ihren Liedern gefüllt. Das mochte der Findukusher, und er war fröhlich und gemütlich.
Einmal im Jahr gab es in Halfejeer ein Dorffest, für das der Schutzwall kurzfristig abgerissen werden musste; kurzerhand dienten die ehemals riesigen Mauern als Festgarnitur: steinerne Tische und Bänke. Für drei Tage im Jahr war Halfejeer wieder vereint.
Es gab zu lachen und zu staunen und, hinterher, zu berichten – vom Essverhalten der FindukushierInnen, von den Silberfischproben der Neurecklinghauser, der Zahlennaseweißerei der Hamser und der lyrischen Verbollwerkung Trilinbads – dazu Suff und zu Marmelade verkochte, überreife Aprikosen. Und natürlich den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.