Molekulargedicht
31. Juli 2008
Für Paulus Böhmer
Von sich aus gehen die Krähen zugrunde
im blonden Wasser verkeilt sich der Tod.
Wiederholung um Wiederholung
treten wir aststark zur Plörre
das saubere Brot
und wälzen Erzengut silurisch
zünden an blaumorpher Tinte die Zahl.
Menschengemacht, der Schotter im Lachen
die Blütensaat Sternsucht -
obgleich keiner Wahl.
Naturgemacht, das Aas in den Quanten.
Nachts rücken wir bernsteinig nah.
Gefroren zwischen den kommenden Leben
erfinden sich Seelchen in
Mondstücken zahlbar.
Die große Bindung kehrt heim ohne Gott
von sich aus verheizen T-Helferzellen.
Wiederholung um Wiederholung
sperren wir Atem ins Holz
der Urwasserschnellen.
Zitatenkresse
29. Juli 2008
Weißes Blatt
und darüber sichere Zeit.
Das Altherrensein woanders
kramen die Fragen lautbar im Roggen
steigen sie furchtbar zu Früchten
hinab.
Weiße Zeit
und darinnen kehliges Wort.
Wie junges, brüchiges Licht
das vernommene Salz auf den Lippen.
Wie Milch weiß, wie Lorbeer
und Äonen voller Blau.
Sie haben es richtig betont:
dass wir da waren und nicht.
Schlacht 3
28. Juli 2008
Schlacht 2
28. Juli 2008
Schlacht 08, Kreuzberg vs Friedrichshain
28. Juli 2008
Es gibt Wasserschlachten, die werden mit Wasser geschlagen. Und es gibt Wasserschlachten in Berlin, die werden vorwiegend mit faulem Gemüse, verrottetem Obst und jeder Menge Mehlbeutel geführt; Wasser, bei 31 Grad Hitze ein Kriegskörper, den man gerne auf sich einschlagen sieht, bleibt eine Seltenheit, wie sie sonst bei Wassergemetzeln schwerlich zu finden ist.
Nichtsdestotrotz findet in jedem Jahr auf der Oberbaumbrücke, die die beiden Stadtteile Kreuzberg und Friedrichshain voneinander trennt, die so genannte Wasserschlacht zwischen den beiden Bezirken statt. Geworfen werden darf mit allem, was eklig, alt, stinkend, vergammelt und nicht zu hart ist – geschlagen hingegen wird mit Schaumstoffknüppeln und Pappkartonagen.
Da dies mein erster Kampfeinsatz für das Kreuzberger Barrio war, beging ich einige wohl typische Anfängerfehler, vor allem was die Kleidung und die Ausrüstung betraf; ich kam Oben-ohne, in kurzer Hose und Flipflops. Gerade letzteres sollte sich als großer Fehler erweisen.
Schnell begriff ich, wo es mir an Ausrüstung mangelte. In meinem Beachoutfit war ich wohl der schlechtgeschützteste Mann auf dem Platz. Ein Schild plus Fullface-Helm, einen Ganzkörper-Plastikanzug, festes Schuhwerk und ein geeignetes Waffenarsenal: das alles kleidete die anderen – und der mickrige Beutel Biomüll, den ich von Zuhause mitnahm, war flugs verschossen.
Aber los ging’s. Mehr als eintausend gröhlende Menschen zogen in den Sonntagskrieg, ihren vegetablen Untergang.
Glitschige, triefende Körper fielen übereinander her.
Es hagelte ranziges Obst.
Eier zerbrachen auf Haut.
Stimmen zitterten.
Männer und Weiber schwitzen.
Die Brücke dampfte, bebte.
Kinder wurden in Sicherheit gebracht.
Gemüse traf.
Essig floss.
Als erstes übermannte ich einen Friedrichshainer und stahl ihm seine Knüppel; in den folgenden zwei Stunden entfesselte sich ein schweißtreibender Kampf um die begehrten Waffen, die man immer wieder verlor und wiedereroberte.
Kreuzberg gelang eine starke Startoffensive, der gemeine Friedrichshainer sah sich der unglaublichen Wucht und Verzweiflung der Kreuzberger gegenüber, welche traditionell diese Schlacht verlieren.
Im Vorfeld wurde mir berichtet, dass in Friedrichhain die Siegesfeier schon einen Abend vor der Schlacht stattfindet. Etwas unerhörtes, wie mir schien, und so warf ich mich den Latte-Machiatto-Trinkern mit all meinem verletzten Stolz entgegen.
Wir gewannen Raum.
Mehlwolken hingen über den Köpfen wie saurer Regen.
Orangenhälften bedeckten Gesichter.
Schmierige Fäulnis belagerte Leiber.
Jeder trosch auf jeden.
Chaos beflügelte.
Aus den Augen triefte Brei.
Schleim verstopfte Gehörgänge.
Münder rissen Parolen gen Himmel.
Dreck reinigte.
Ich hörte jemanden kommentieren: „Die Wurfgeschosse sind dieses Mal recht zivil – außer unsere!“ Aus wessen Lager diese Aussage kam, konnte ich nicht feststellen, denn ich stand mit einigen Kollegen an der Linie, die ich für die Hauptfront hielt, und rächte jede voreilige Siegesfeier.
Ein Blick nach hinten allerdings verriet mir, dass ich mit einigen anderen auf weiter Flur und an der Linie schmachtete, die man wohl die vorderste Front nennen konnte: vor und hinter uns Friedrichshainer. Als wir nun zur main comat zone zurückliefen und so durch die Reihen der angreifenden F-Hainer brachen, bezogen wir von den eigenen Leuten Prügel, was im Wirrwarr der Menschenmassen und aufgrund der unzureichenden Uniformierung keine Seltenheit war – zwei Kerle z.B. gerieten in einen persönlichen Kampf und hörten selbst dann nicht auf, als die Kräfte sie merklich verließen, sondern als sie irgendwann feststellten, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen: nämlich gegen stinkende Kreuzberger.
Etwas öliges, fischiges klatschte mir in den Mund, gerade, als ich den Kreuzberger Kampfschrei („Kreuzberg!!!“) tenorte. Ich zog mich etwas zurück.
Setze mich. Spuckte. Ein Kotzreiz durchlief meinen Körper. Die Straße und ich waren in zentimeterstarke Schmiere getränkt, Schmutz und Schmodder und Plörre. Ich stand wieder auf, ein ebenfalls erschöpfter Kamerad stützte mich.
Er sagte: „Ich hab gehört, die haben sogar mit Kotzbeutel geworfen.“ Es half mir nichts. Ich löste mich aus seinem Griff und würgte.
Wenn es die Friedrichshainer Seite gewesen wäre, o.k.: mich aber in den eigenen Reihen zu übergeben kam einfach nicht in Frage. Ich verweigerte die Schwach des Kotzens mit einer derartigen Willensanstrengung, dass ich danach schon glaubte, Kraft meiner Überzeugung 500 verbliebene Friedrichshainer alleine Richtung Warschauer Brücke metzgern zu können.
Das Schlachtfeld, inklusive den Protagonisten, stank wortwörtlich zum Himmel. Der Friedrichshainer hatte Boden gut gemacht, unser Hauptturm wurde auf Seite gedrängt und war nun völlig unbrauchbar; rostend glühte der unter der unbarmherzigen Sonne.
Für eine Sekunde sammelte ich meine Kräfte, presste die Hand stärker um meine Waffe, kratzte etwas verdorbenes Obst von mir und schaute über die sommerfarbene Spree, deren Kristalle von der Sonne mannigfaltig gebrochen wurden.
„Schönheit“, stand auf einem Anzug geschrieben, „gibt es nur im Krieg (gegen Friedrichshain).“ Also weiter.
Das nächste, was ich in den Mund kriegte, war eine dickflüssige, filmige Soße. Es war eine Soldatin aus den eigenen Reihen. „Was zum Teufel war das für eine Scheiße?“, schrie ich. Verlegen zeigte sie mir die Tube. Es war die Kräuterremoulade von Lidl. Und da ich freundlich zu mir selbst bin, verweigerte ich mir den prüfenden Blick auf das Haltbarkeitsdatum.
Ich durstete nach Wasser, etwas klaren, unverdorbenen. Und als Beweis, dass ein Gott mich gehört hatte, wurde ich am rechten Auge von einer mächtigen Wasserbombe getroffen, die nicht zerplatzte und zu Boden fiel wie ein Stück totes Fleisch.
Noch während ich mich krümmte und mir das Auge hielt, pfefferte ein Kollege das Ding zurück hinter die Friedrichshainer Linien.
Es war, als spiegelte sich an meiner persönlichen Misere der kollektive Niedergang des Bezirks. Schritt um Schritt wichen wir zurück, eine Viertelmelone ging auf meinen Nacken nieder und streckte mich kurzzeitig auf die glitschige, von allen möglichen Überresten überzogene Straße. Ein Zwei Leute fielen über mich, man half mir auf, ich rotze etwas Matsch aus meiner Nase, „es geht schon“, sagte ich, und ein Gummiknüppel schlug in meiner Stirn ein. Ich hatte meine Waffen verloren und taumelte auf meinen rutschigen Flipflops umher. Ich zog sie aus und versuchte es barfuss, was noch schlimmer ging und Schnittverletzungen vorprogrammierte. Also wieder rein in die Latschen, Waffen besorgen, taumeln, gegenhalten, nicht locker lassen, Kotzen vermeiden.
Körper klatschten.
Wasser klatschte.
Süff klatschte.
Die ganze Welt triftete klatschend auseinander.
Schreie.
Schmerzen.
Anfeuerungen.
Kollateralschaden.
Klatsch.
Tausende Male klatsch.
Kratzer.
Spucke.
Rotz.
Kotze.
Nass.
Vor einigen Jahren griff die Polizei ein, als man begann, den Gegner mit vollen Babywindeln zu attakieren – laut der Gesetzeshüter war dies ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Menschenwürde? Ich bekam aus einem Meter eine aufgeplatzte Plastiktüte fragwürdigen Inhalts ins Gesicht und revanchierte mich, indem ich das zermanschte Allerlei vom Boden auflas und es meinem Angreifer in Gesicht und Rachen rieb. Klatsch – irgendwo darunter lag sie, die Menschenwürde.
„Ein Glück bin ich von gestern noch so besoffen“, resümierte jemand aus den feindlichen Reihen.
Die Kreuzberger wurden mit schallenden „Raus aus Ost-Berlin“ Schlachtrufen weiter in ihre Heimat geschlagen und ich stutze für einen Moment, als ich mich auf die Angreifer stürzte: Komme ich nicht auch aus Ost-Berlin? Habe ich vielleicht die Schlacht auf der falschen Seite geschlagen? Wenn sich hier West und Ost-Territorien gegenüberstanden, warum kämpfte ich an der Westfront? Wie selbstverständlich stellte ich meine Kraft in Kreuzberger Dienste, nur weil ich 100 Meter entfernt wohne und mich überwiegend dort aufhalte. Aber jetzt überzulaufen kam nicht in Frage. Und selbst wenn ich in Treptow wohne, mein Herz hätte keine Sekunde für die Friedrichshainer geschlagen sondern für das der Kreuzbe-
…Aus kürzester Distanz rauschte ein Beutel Mehl in meinen Mund und unterbrach meine Gedanken. Ich fiel erneut. Röchelte. Hustete weißen Staub. Bekam keine Luft.
Wasser. Mein einziger Gedanke war: Wasser. Eine vermeintliche Wasserschlacht ohne verdammtes Wasser. Wo war jetzt die Polizei, wenn man sie brauchte! Wo war nun der Brechreiz, der meine Kehle säuberte? Ich glaubte, zu ersticken. Las schon die Schlagzeilen:
„Sommer ade: Kreuzberger Straßenkämpfer erstickte an zwei Kilo Mehl.“
Ich fand eine Wasserbombe und biss hinein. Der widerliche Schmodder, der an ihr klebte, war nunmehr scheißegal. Ich wollte an das klare, kühle, nasse Innere, doch ich benahm mich zu ungestüm und blöd – klatschend brach es zu Boden. Mir blieb ein Plastikfetzen im Mund, gelb wie alles übrige.
Ein Knüppel lag herrenlos herum. Ich startete zur letzten Gegenwehr. Einige Leute begannen, die vorbeifahrende Straßenbahn zu bewerfen.
„Wir verhandeln nicht mit Touristen“ stand auf einem der Friedrichshainer Plakate. Und tatsächlich: auf der Kreuzberger Seite säumten unzählige Schaulustige den Weg, die mit ihren dämlichen Kameras und Handys hantierten, während sich auf der gegenüberliegenden Seite alles, was Gliedmaßen und Verstand besaß, in den tollwütigen Kampf schmiss.
Unsere Verteidigungslinie brach, die Friedrichshainer wussten um ihre Überlegenheit und marschierten nun todbringend auf die Schlesische Straße zu.
So ging Kreuzberg, wieder mal, unter. Meine Analyse ergibt folgendes:
1.
Hauptgrund für die Niederlage war das weibliche, starke Geschlecht. Auf Kreuzberge Seite bemerkte ich während des stundenlangen Kampfes nur eine einzige Soldatin, die ihr kratzbürstiges Bestes gab. Der Feind hingegen hielt ein ganzes Bataillon sturmwütiger Amazonen bereit; darüber hinaus den militanten Ring etlicher Feministengruppierungen, die zuschlugen und bis zum bitteren Ende den wackeren Linksgenossen Gegenfeuer gaben, als gelte es, Vorverkaufskarten für ein Konzert der „Beatsticks“ zu verteidigen.
2.
Kreuzberger Reserven waren zu schnell verbraucht. Die erste, gelungene Angriffswelle verebbte und es rückte wenig nach, während viele verkaterte Friedrichshainer erst eine Stunde nach Schlachtbeginn aufliefen und ihre mit Gemüsemüll beladenen Einkaufswagen in wohlbedachte Stellung brachten.
3.
Die Kreuzberger Mannschaft war zahlenmäßig hoch unterlegen. Da halfen auch die „Für Sparta“ Rufe wenig. Zudem gingen Gerüchte um, die Neuköllner wären zu den Friedrichshainer übergelaufen; vielleicht haben sie auch irgendwann gemerkt, dass sie doch eher das Ost-Gefüge repräsentierten.
4.
Die Friedrichshainer besaßen mehr Erfahrung, waren die von der Vergangenheit beseelten. Handfertiger, organisierter, schlagsicherer.
Es war, als spielte der FC Bayern gegen St.Pauli.
5.
Siehe Punkt 1.
Sonnenbrand, Schürfwunden, Kratzer, blaue Flecken, ein ekelerregender, in der Hitze des Mittags verfaulender Körper – darum hat es sich also gelohnt. Nun konnte ich einer langgehegten Befürchtung auf den Grund gehen.
Und wirklich: Lässt man sich vom Kreuzberger Ufer in die Spree hinab, wird man von einer Unterwassertreppe aus alten Möbeln, Einkaufswagen und Fahrrädern sicher in tiefere Gewässer geleitet. Die Wasserpolizei scheucht einen dann ruckzuck wieder an Land und dort steht man, gereinigt und erfrischt, und hält die mürbe Haut in die Sonne.
Eine Stunde später sieht die Oberbaumbrücke aus, als hätte nie etwas auf ihr stattgefunden. Nur der zähe Geruch fauler Eier durchzieht den Teer. Vereinzelt zeugen weiße Flecken von Mehlattacken. Die Reinigungsdienste sind abgezogen, die Kämpfenden schon längst zur Eisdiele vorgestoßen.
Da hörte ich noch, sozusagen als Schlussstrich unters Gefecht:
„Ist schon okay, dass die Friedrichshainer immer gewinnen. Immerhin bezahlen die ja auch die Reinigungskosten.“
Schöne letzte Worte, bevor es in den Park geht.
Schlacht 1
28. Juli 2008
Schlacht!!!
Poesieverweis
26. Juli 2008
1
Lange wartend
auf deine immergleichen Worte
und dann kommen sie in
weißen Gewändern behangen mit Gold
oder ist es ein Grün oder Grau?
2
Vielleicht ahnte ich lange die Silbernächte
die Bäckershände voller Tage und Glut;
das Mehl anhand lautloser Zeichen.
Und dann den Mund aufmachen zum Sturz
der Stirn hinter die Silben.
Halfejeer. Ein Märchen.
25. Juli 2008
Seinen eigentlichen Charme bezieht dieses Märchen aus einer Wahrheit, bzw. aus verschiedenen Tatsachen, die wahr wurden in kollektiver Phantasie. Vier Menschen saßen an einem Abend zusammen, und aus einem genuschelten “ half a year“ wurde „Halfejeer“, und der Rest der Geschichte fügt sich aus Themen und Situationen zusammen, die an besagtem Abend von den besagten vier Menschen ansatzweise verlautbart wurden. Am nächsten Morgen wurde dieser Text geschrieben, eigentlich für den kleinen illustren Kreis der anwesenden Herrschaften; darüber hinaus bleibt es aber ein Märchen, und ein Märchen kann man ja einfach so lesen, auch wenn man es nicht selbst erlebt hat:
Es war einmal ein Dorf namens Halfejeer, welches kaum 50 Kilometer nordöstlich von Osaka lag und zum Bundesstaat Kleusbelg gehörte. Dieses Dorf besaß sieben Hütten und drei Bäume: den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.
Es waren die einzigen Nahrungsquellen des Dorfes (hier und dort wurde etwas Rotwein konsumiert), und sie alle trugen verschiedene Früchte, die, in ihrem Äußeren entweder niedlich oder grotesk, vom den weit in den Himmel gewölbten Bäumen baumelten.
Allein der aufgezwungenen Fruchtmischung war es zu verdanken, dass ausgewogen genascht wurde. Nie trug einzig ein Baum alleine seine niedlichen oder grotesken Früchte, stets standen sie alle gleichzeitig in Blüte; das ganze Dorf war somit stets versorgt und hatte genug Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern: zum Beispiel warum es auf Saturns größtem Mond flüssiges Methan regnet, und warum das Universum guterdings flach ist.
Dies allen voran: Die Menschen lebten glücklich und zufrieden. Kinder wurden gezeugt und vor den Bauch gebunden. Die Erwachsenen schauten Sport oder jäteten im Garten. Wurstbudenromantik inspirierte. Vögel zahlreich, und Löschwassereinspeisungen.
Glücklich und zufrieden, alle mitsamt. Bis die Jahreszeiten aufhörten …
Den Bäumen machte es nichts aus, sie blühten weiter, trieben Knospe und Frucht, obwohl immer Nacht war. Genug zu essen hatte man also. Rotwein lagerte in Kellern. Aber die Leute waren nicht mehr zufrieden, nicht mehr allumfassend glücklich. So beschlossen sie, das Dorf aufzuteilen in vier gleiche Barrios. In einem sollte Frühling, im anderen Sommer, im nächsten Herbst und im letzten Winter herrschen.
Geteilt war schnell, Mauern standen. Die Jahreszeiten kehrten gevierteilt zurück. Feste fielen. In jede Nachbarschaft, die nun von einer Jahreszeit regiert wurde, kam ein Baum der Erleuchtung, ein Baum des anämischen Schustergesellen und ein Baum des formidablen Wissens.
Nun wurde wild besucht. Kein Gesprächstoff schien mehr auszugehen. Oft saß man auf Bürgersteigen, lud Vorübergehende ein, lauschte fremdsprachiger Schunkelmukke, klemmte Lampen an zweckentfremdete Stühle und sprach besoffen, ja bohemienhaft in weinbefleckte Büchlein, aß Früchte (niedlich oder grotesk).
Allmählich bildeten die vier neuen Dorfnachbarschaften, da sie durch eine 65 Meter hohe Mauer getrennt lagen, eigene, i.j.F. jahreszeitbezogene Charaktere. Also mussten Namen her, neue Chiffrierungen, die nach Gefühlen schmeckten. Folgende Namen erwachten zu Leben:
Trilinbad, Ham, Neurecklinghausen, Findukush.
Untereinander waren die neuen Quartiere durch einen Tunnel verbunden. Zuerst wurden Fehler begangen. Man stieg in den Tunnel und sofort wieder hinaus. Von Winter in den Herbst, oder vom Herbst in den Sommer, oder vom Sommer in den Winter, oder vom Frühling in den Sommer, oder vom Winter in den Sommer, oder vom Herbst in den Frühling, oder vom Sommer in den Frühling, oder vom Frühling in den Herbst, oder vom Herbst in den Winter, oder vom Frühling in den Winter oder vom Sommer in den Herbst, oder vom Winter in den Frühling. Und wieder zurück. Das verkrafteten die körpereigenen Säfte nicht; sie erkrankten fiesfotzig. Dickeitrige Mandelentzündungen und Dickdarmbeschwerden waren lästige Folge. Es wurde bestimmt, im Inneren der Erde eine Umgewöhnungszeit von 30 Stunden zubringen zu müssen, woraufhin der Tunnel unter den Bürgern nur noch „Transformation Tube“ genannt wurde. Danach hielt man es aus. Hier sah man Eiskristalle, dort brannte Heu. Hier gab’s Erdbeereis mit Sahne, dort isolierte man Fenster dickschäumig.
Die Menschen wurden eigen, auch wenn Besuche konstant blieben (mittlerweile gab’s einen Tischfussball im Transformation Tube und eine Bar, an der eine großbusige Bardame Weißweinschorle und Nüsse verkaufte …)
Dinge machten sich breit. Man verhaarte. Meist in einer Sache. Das Klima war nicht immer angenehm – in Trilinbad blies zuviel Wind, in Ham streikten die Kühlsysteme. Während in Neurecklinghausen Kälte unaufhörlich in Glieder stieg, nagelten die Einwohner in Findukush vergeblich Solarzellen auf alles Mögliche. Bald waren die vier neuen Abschnitte, verwaltet von jeweils einer Jahreszeit, für Eigentümlichkeiten bekannt:
Trilinbad: In Trilinbad schuf man neue Sprachen. Erweiterte Syllogismen, Syntaxen von erheblicher Dauer, Sprachverwurschtelungen und Rinnsalpoetiken, der sich selbst die mistgabelnahen Bauern bedienten. Eine Strophe des meistzitiertesten Anhänger des neuen Standardism, Cladio Tosho:
Liebe Frau im Pelz
so schmelz, so schmelzend
dass dir Haare wachsen –
Das ist ein Kreislauf, verlass
dich auf schmelzendes nur – verlass:
Frau im Pelz schmelz.
Oder seine Frau, Tosho-Tosho, studierte Betriebsfachwirtin, mit einem ihrer ersten, alle medieninszinierte Erwartungen übertreffenden Erfolge:
Un
zu
län
gl
i c h
k
eit
e
n.
Damit war es nicht getan. Der Duden sollte zu einem Luden umgeschrieben werden, neue Wortarten zuhauf, frische Alliterationen und Buchstaben, die man erst kaufen musste, um sie zu erfinden. Hinzu kamen lächerliche Ersatzworte und schiefe Floskeln. Einige Beispiele:
- Bürger bzw. Leser bzw. Lastkraftwagenfahrer wurden zu verkrüppelten
BürgerInnen, LeserInnen und LastkraftwagenfahrerInnen degradiert.
- das Adjektiv „fachmännisch“ passte aufgrund seiner hegemoniellen, patriarchalisch-imperialistischen Zwangsaussage nicht mehr in die neue postkleriale Zeit und wurde gelöscht, bzw. als „fächig“ wiedereingeführt.
- Assi hieß nun Prekariat.
- Vollassi hieß abgehängtes Prekariat, mitunter mit dem Zusatz: bildungsfern.
- Assitürken hießen BürgerInnen mit Migrationshintergrund
- Eine Stadt hieß City und die Supermarktkasse Counter.
- Raiders nannte man Twix.
Ham:
In Ham hingegen ging es um Zahlen. Die Menschen begannen, die Bäume durchzunummerieren. Von Eins über Zwei bis Drei. Drei Bäume immerhin. Das erschien simpel, doch wusste man lange Zeit nicht, wo anzufangen. Links oder rechts? Vorne oder hinten? Gegen oder mit dem Uhrzeigersinn?
Jedenfalls hatte der stadtbekannteste Mathematiker, Ernst Ramstiedl („Eine Diagonale ist immer auch eine Linie, gerade durchaus, äh, schwarz und lang, die in einem verückbaren Nirgendwo enden könnte, könnte zumindest; jemand müsste das mal ausrechnen!“), hatte herausgefunden, dass die sich aus scheinbar ureigenstem Antrieb verwirklichende Natur nichts weiter als eine Kodierung darstellte, eine Zahlen- und Ziffernabfolge, die einem inhärenten Prinzip von entschlüsselbaren, auf logisch-arithmetische Beweisfunktionen zurückgreifende Formeln beruhte, vereinfacht im weiteren nur noch „F.O.R.M.E.“ ( Fabric Or: Revealing Matter Energysm) genannt.
Jetzt war guter Rat teuer. Ein Volksentscheid – unverbindlich, aber irgendwie nett – musste her. Die sieben Einwohner bekamen Nummern, einen Zettel, Bleistift. Doch bei wem beginnen, zu nummerieren?
Jeder wollte der erste sein, ein erstes Kreuzchen machen dürfen. Ramstiedl, für den Wahlhergang verantwortlich, benahm sich wie ein Esel und gab sich selbst die Nummer Eins, was nicht gut ankam. Faules Obst flog. Banner wurden gehisst. Protestbewegungen waren die Folge. Das Vertrauen, die Zustimmung der Bürger sank.
Eine Abstimmungssucht begann. Alles wurde gekürt, geehrt, platzierend gewürdigt. Teilweise kam es durch den allgemeinen Zahlenverfall zu wahnwitzigen Szenen – nur der siebschönste Strand wurde zum siebschönsten Strand gekürt; die ersten sechs gingen leer aus. Jemand schlug vor, alle Bäume schlichtweg zu fällen, damit sei dann das nummerologische Problem für alle Zeiten gelöst, außer, es wachse was nach. Die Idee jedoch wurde verworfen, zum Glück, und man besann sich einer besseren Lösung, die natürlich wieder von den rotzfrechen Kindern stammte, die nunmal ihre Klappe nicht halten können: ein Mädchen in roten Pömps fand in der Nähe des Baumes des formidablen Wissens ein Stück Pappmache. Darauf kritzelte sie die Zahlen von eins bis drei, jeweils in dreifacher Ausführung, und band sie den Bäumen um den Stamm. Fertig. Die F.O.R.M.E. jedoch blieb.
Neurecklinghausen:
In Neurecklinghausen besah, beroch, fummelte und forschte man an Silberfischchen, Lepisma saccharina genannt. Die kleinen Viecher tummelten sich überall. Zuerst wurden sie verachtet, gering geschätzt. Dann akzeptiert, um schließlich als Wunder betrachtet zu werden. Hochschulen eröffneten, der MinisterInn schnitt ein Band durch, Klatschen ringsum. Es kamen Labore in Massen, Inder wurden gegreencard.
Man fand: Ein Insekt ohne Flügel, silbergrau den Körper. Zu der Ordnung der Zygentoma, den Fischchen gehörend, schwänzelt es bereits seit 300 Mio. Jahren über die Erde und war schon vor den ersten Unkenrufen des Homoprimaten.
Der Silberfisch häutet sich beachtliche Male; glänzt erst nach dem dritten Durchgang. Zum Erwachsenwerden – erstaunlich – benötigt es mindestens vier, mitunter aber auch 36 Monate; es kann bis zu acht Jahre alt werden.
Lichtscheu und nachtaktiv, kann es sich gut verstecken und versteckt sich die ganze Zeit gut. Die Bewohner von Neurecklinghausen brauchten geschlagene 27 Jahre, um hinter das Geheimnis der Fortpflanzung zu gelangen, dann aber rief man die Presse beisammen. Des intimen Aktes wegen sprach man mit aemotionaler Stimme:
Während des Fortpflanzungsvorganges laufen das Männchen und das Weibchen erregt umher, sich drehend, rotierend. Schließlich sucht der Mann einige Spinnfäden. Sodann ist er es, der die Spermatophore –also das Samenpaket, die Spermientüte, quasi sein Ejakulat – unter den Fäden platziert und solange seinen Balztanz nicht beendet, bis seine Angebetete unter den Fäden hindurchgekrochen und mit dem Wixebrocken abgehauen ist. Nun kommt es in Weibchen zur Befruchtung. Sie, gut erkennbar am gezielteren Schritt, legt cirka 100 Eier in diversen Ritzen, Spalten und Fugen aus, also da, wo sich das Silberfischchen am liebsten aufhält. Bumms, irgendwann Nachwuchs.
Silberfischchen essen gerne stärkehaltige Mahlzeiten wie Kartoffeln, Bücher, Fotos, Kleister, Haare, Schmutz, Kunstfaser und ihre eigenen Häutungsüberreste. Wichtig: Silberfischchen sind zur Verdauung von Cellulose nicht von Endosymbionten abhängig. Ebenso können sie über etliche Monate lang hungern, ohne zu sterben oder überhaupt an Körpermasse abzunehmen, ohne einen Mucks von sich zu geben.
Das alles macht das Silberfischchen zum beliebtesten Tier in Neurecklinghausen.
Findukush:
In Findukush war Sommer. Die Menschen benutzen, weil mehr geschwitzt wurde, Waschlappen. Aus Biobaumwolle. Den Findukushianern rief man Spitzfindigkeit, aber auch Verschrobenheit nach. In jedem Fall waren sie schlauer als alle anderen. Banken gab es keine – alles Geld wurde sofort ausgegeben oder, wenn es nicht gerade in dickflüssige Bananenshakes investiert wurde, in Jackenfutter eingenäht. Dort war es sicher und warm.
Besonderheit des Viertels: die Pinienwälder, von denen allabendlich geträumt wurde, standen bis zum Meer. Die Jugendlichen stürzten, des Thrills wegen, direkt von den Baumkronen ins azurblaue Wasser. Zwischen all den Pinien gab es einen Muskatnussbaum, auch er wurde erträumt und musste für die örtlichen Bekanntmachungen herhalten. Männer mit tiefen Stimmen setzten an:
„Wenn wir sie ( die unorganische Welt ) nun mit forschendem Blicke betrachten, wenn wir den gewaltigen, unaufhaltsamen Drang sehen, mit dem die Gewässer der Tiefe zueilen, die Beharrlichkeit, mit welcher der Magnet sich immer wieder zum Nordpol wendet, die Sehnsucht, mit der das Eisen zu ihm fliegt, die Heftigkeit, mit welcher die Pole der Elektrizität zur Wiedervereinigung streben und welche, gerade wie die der menschlichen Wünsche, durch Hindernisse gesteigert wird; wenn wir den Kristall schnell und plötzlich anschiessen sehen, mit soviel Regelmäßigkeit der Bildung, die offenbar nur eine von Erstarrung ergriffene und festgehaltene ganz entschiedene und genau bestimmte Strebung nach verschiedenen Richtungen ist; wenn wir die Auswahl bemerken, mit der die Körper, durch den Zustand der Flüssigkeit in Freiheit gesetzt und den Banden der Starrheit entzogen, sich suchen und fliehn, vereinigen und trennen; wenn wir endlich ganz unmittelbar fühlen, wie eine Last, deren Streben zur Erdmasse unser Leib hemmt, auf diesen unablässig drückt und drängt, ihre einzige Bestrebung verfolgend – so wird es uns keine große Anstrengung der Einbildungskraft kosten, selbst aus so großer Entfernung unser eigenes Wesen wiederzuerkennen, jenes Nämliche, das in uns beim Lichte der Erkenntnis seine Zwecke verfolgt, hier aber in den schwächsten Erscheinungen nur blind, dumpf, einseitig und unveränderlich strebt, jedoch, weil es überall eines und dasselbe ist, – so gut wie die erste Morgendämmerung mit den Strahlen des vollen Mittags den Namen des Sonnenlichts teilt, – auch hier wie dort den Namen Willen führen muss, welcher das bezeichnet, was das Sein an sich jeden Dinges in der Welt und der alleinige Kern jeder Erscheinung ist.“
Das unterschrieb man. Plakatierte. Da der Sommer nie zu Ende ging, waren die Bürgersteige des Viertels stets bis tief in die Nacht von Menschen und ihren Liedern gefüllt. Das mochte der Findukusher, und er war fröhlich und gemütlich.
Einmal im Jahr gab es in Halfejeer ein Dorffest, für das der Schutzwall kurzfristig abgerissen werden musste; kurzerhand dienten die ehemals riesigen Mauern als Festgarnitur: steinerne Tische und Bänke. Für drei Tage im Jahr war Halfejeer wieder vereint.
Es gab zu lachen und zu staunen und, hinterher, zu berichten – vom Essverhalten der FindukushierInnen, von den Silberfischproben der Neurecklinghauser, der Zahlennaseweißerei der Hamser und der lyrischen Verbollwerkung Trilinbads – dazu Suff und zu Marmelade verkochte, überreife Aprikosen. Und natürlich den Baum der Erleuchtung, den Baum des anämischen Schustergesellen und den Baum des formidablen Wissens.
!!!
21. Juli 2008
In leere Hallen packten wir Sehnsucht
an dumpfe Schatten hielten wir Licht
und drangen weich vor in die Härte
gegen Einspruch sogar vor Gericht
wir schufen das Land aus sprachloser Öde
die helle Frucht im Kehricht im Teer
und bogen den Himmel in Keller hinab
liebten wir doch die Kohle zu sehr
wir schlossen den Kreis und trugen die Schulter
pflanzten auf unseren Grabsteinen Moos
löschten das Feuer mit Funken und Flammen
und schenkten auch noch der Größe das Groß
wir stahlen dem Nein ganz sachte das Ja
brannten Farben auf graue Gezeiten
neurologisch gesehen konnten wir so
das Denken zu Göttlichem weiten
wir gaben der Tat und fütterten Gras
und erfanden die Freiheit in Mauern
als Wasser im Sand die Nachricht sodann
wird Staub und die Zeit überdauern.
