Tag Eins

30. Juni 2008

Die Sonne blendet ihre ersten Richtstrahlen und ich weiß, dass dies Osten sein muss. Ein anderes Land. Wie Schatten zäh, und dann, schließlich, ganz vernichtet werden. Farben wechseln diesen Ort, zersetzen ihn, alles sät aus, holt ein. Vielleicht ankommen, hier.
Ich lege mich in einen windstillen Flecken und schlafe. Ringsrum singt die Weite die Lieder meines Traumes, der wie der Tag hell war, und lang. Das Erwachen kein Erwachen. Nur der Raum ändert sich, verknappt. Leicht erhebe ich mich, Staub abzuschlagen von den Kleidern. Gerade noch die Sonne. Wieder wachsen die Schatten, das Anorganische. Gewand einer neuen Geburt, einer Tagesstätte, um die sich die Nacht und ein neuer Tag inwendig schließen.
Ich scheisse. Dann pisse ich neben meinen dünnpfiffigen Haufen, auf welchem schon die erste Fliege sitzt. Kurz weiter onaniere ich. Geräuschlos schmiegt sich meine Ladung über den ausgetretenen Kies; kein Jubel, kein Erreichen. Mit dem Finger vermische ich.
Als ich kam, schwand der letzte Sonnenmantel von der Erde. Nur das Ostgebirge bleibt rötlich beleuchtet und wartet auf die Gegner der Nacht.
Mein Erguss kühlt. Derart entleert und hingegeben begreife ich mich als bemächtigt, hierzubleiben. Nackt laufe ich umher. Gehe meine Wege, die keine sind: Ausstriche nur, und ich trinke den Vormittag.
Im Boden einige dörre Bäumchen und Sträucher, Büschel, kantig in der Ferne das Zickzack von Hügelkrusten, Sperrzacken, die sich durch die untergehende Sonne scharf absetzen vom Kolorit des Abends; in dieser Stunde, im Vakuum des Lichtüberganges, liegt alles wie betäubt, matt, und wie gestaltet, um darin zu leben, zu überleben – um darin sich lösen zu dürfen. Kein Ende umsetzt diese Wohnung, kein Beginn dieses Seeruders. Ausgeblasen und zur Unendlichkeit vergrößert sitzt alles Dasein, hockt die Szenerie. In den Ecken geht alles weiter. Scharf. Dann wieder dunkel, schaukelnd, aus den Stürmen genommen.
Nicht weit liegen meine Sachen. Eine Decke für die Nacht, Wollmütze, etwas Wasser, ein Buch. Ein zwei vier Seiten lese ich, als ich zwischen zerkloppten Steinen sitze, ich frage mich, wer die Zahlen erfand, den Wortlaut. Warum trägt man ein solches Buch in die Wüste? Noch eine Seite, die von weit her klingt, dann werfe ich das flatterige Buch in die Arme der Steppe. Hole es zurück. Stecke es quer in meine Scheisse. Alles für sie. Das Panorama meiner Hingabe, kräftig, ehrlich. Ich, Ausgezogener, der Wind hebt…
Hockend betrachte ich, was ich kreiere. Habe Gefühle. All das bin ich gewesen, dies der entblößte Rest Mensch. Und noch spüre ich Knochen, die Finger meines Antlitzes, den dumpfen Schmerz, der leise sticht über die Nervenbahnen, hinziehend wandernd noch drinnen ist, bei mir.
Auch das Ostgebirge ist nun kalt. Graubraune Masse, an deren Rändern ich die Rinnsale der Zeit herabfließen sehe. Ich denke an ein Wort: Ökonomisch. Frage mich, was das zur Sache tut; der Himmel geht auf, Licht durchdringt, gilbt, wendet sich zwischen den Steinseiten, den Falten der Erde, spiegelt sich in den Erinnerungen des Tages, ist das lange stramme Gesicht mit den hinter dem Horizont erloschenen Augblitzen.
Ich laufe umher, achte nicht auf den Weg, verletzte mir, in einer unvorsichtigen Spalte, den Fuß. Schaue an mir herab wie wenn man einen Wald durchläuft, mein Sehen tötet. Die Haare die Pigmente der eilige Schritt, wenn das Denken will. Mit etwas Gewalt quillt Blut aus der Wunde. Leerdrücken, alles raus lassen muss ich.
Längst wieder angezogen, den es war empfindlich kalt geworden, ist alles weiss. Der Mond, welcher in sieben Tagen voll sein wird.
Bald Tag und Wärme, ich ziehe mich aus, komme rum. Wie ich mich wieder anziehen will, merke ich, dass die Kleider ordentlich zusammenliegen. Wütend schmeiße ich sie weg, weg in den Staub, das blasse Erdgesicht, weg, wo sie nun in Unordnung liegen und nichts sind alleine, dann sammle ich sie auf, ziehe sie an, wieder an.
Der Blick, ein unruhiges Tier, geht langsam umher, später unter. Lange elastische Dämmerung, biegsam wie die menschliche Seele, huscht die Steppe entlang, weitet sie, klingt lange nach. Ich, meine Person, Überwurf, gegen eine Felswand gelehnt, gereinigt und nur das Kühl des Rücken vom Schattenversteck des großen Steines. Dort warte ich und zähle. Zuerst Sekunden, dann Minuten, später Zeitbrocken.
(Und als diese nicht mehr zu erkennen sind: die Sterntruppen, lau abwerfend Scharen von Lichtzentren, die allmählich aus dem Himmelsdunkel glutstrandig herabtauchen und behutsam, weil weit fort, den Fels vorglimmen.)
Ist dies schon Nacht? Noch ein wenig hell über der Berghaube. Diese benötigt lange, am längsten. Ist noch lange da. Noch immer. Ich laufe los in ihren Turm, die erhöhte Geselligkeit, und als sie verschwindet gehe ich alle Richtungen, über den ersten Tau, den Frostboden und seine eisige Zunge, Namen des Winters vorsprechend, obwohl der Sommer dicke, mit Mittagssonne und allem, getischt hat, vorgefallen ist mit den Keimen des Frühlings, der sich nähert, scheu noch, rosenblütrig – den Knospen ist kein Herbst mittelbar. Alle Richtungen laufe ich ab, bleibe hier und da stehen um zu schauen, wie sich alles entwickelt, wie sich, gehörig und fromm, alles ins Dunkle banalisiert.
Schon wird es voller. Mikroskop der Erde, an den Hügeln kappt ein Gedanke. Ich scheisse und pisse weitere Male, spucke, rotze. Trete aus. Quetsche weiter Blut. Versuch der Onanie, als noch sechs Tage den Mond werden füllen müssen;
es mag nichts kommen. Schlaff und rübig hängt er unbemüht. Das Werk des Mannes: ein trockener Jammer, klammes Garnichts. Es macht mir nichts. Der Mond wird voll sein in sechs Tagen, in sechs Tagen wird der Mond voll sein.

Wie heißt dieser Sonnengott – Keine Sonne seit Tagen, oder waren das Jahre? Mitunter ist der Tag stumm, grätig, kommt nicht. So also, in einer Nacht, die alles sehend machen musste, stieg ich abermals in ein Loch und verletzte den Fuß, wieder diesen Fuß, als ich den Blick zu hoch gen Himmel nahm und schräg hinfiel. Nun humple ich. Ziehe den Fuß nach.
Dem Schmerz entnehme ich Dank; er legt sich flach aus, bauchlängs, und die Steppe gießt nach mit kräftigen Hieben. An der Felswand, die vor Wind schützt, vor welchem ich keinen Schutz suche, schlafe ich, bin ich wieder weg einen Traum einen Lidstoß lang. Bares Erwachen (wieder), dem sich völliges Unverständnis kurzatmig anschließt.
Der Tanz zwischen den Abgründen, wildes Gedankengepolter, lebendig sein, schlafend sein und unvorhanden, ausgezogen verflochten in Leere und ummantelt mit der Erden ewiger Vorsehung, ein Windkreisel in der Ferne, ich laufe laufe einfach drauf los, der kaputte Fuß schwer hinterher, wieder biegt mich Nacht und Traum. Durch die Welten – die Sturzbäche der Dialektik – wachse ich mit dem Feuer des Tieres, der Gabe Mensch, ein Funken Göttliches zwischen meinen Venenkanal, dem Flügelschlag meiner Sprache, der Pädagogik des Gehirn, Masse aus meiner Absicht. Bis alles verkommt.
In mir: Gezeiten und entfernte Ursprünge, die Sehnsucht von Jahrtausenden, Meere, die einst diese Landschaft mit schnellen Wassern bebaute. Leere Flußbette nun, etliche. Ständig durchlaufe ich Gräben und Wasserrelikte, das genommene Gestern.

Nicht Sand Stein und Trockenheit regieren die Wüste, sondern Wind. Etwas, eine Chemie. Überall hat er Fels geschnitten, Dünen aufgetragen, sich in lange Winkel gesetzt, heimisch gemacht im Bauch, im Leib der von ihm umwilderten Form, inkarnierte Geometrie, alles evident, alles Beweiß weiterer Bilanzen, Zahlen.
(Nein, Wind darf er nicht heißen…)Skulpturen und Höfe mit glattem Strich gemeißelt. Ein wenig noch bleibe ich, endlich aufgewacht, hier, und sehe einfach herein. Zurück an meiner Felswand versuche ich, zu erbrechen.
Aber kein Essen. Alles leer alles raus. Hektisch kratze ich Kruste von meiner Wunde. Wie naher Mond fließt neues, dickes Blut, nimmt sich langsam den gefallenen Staub der Sterne.
Mein Unterschlupf, ja, die Felsenwand, kurz von einer unruhigen, schwer- geformten Klippe überhangen, ist schön. Fuß eines etwa 60 Meter hohen Steinberges (man hat ihm einen Namen gegeben, den ich nicht ausspreche), der still starr schon immer fast immer steht und um welchen sich der Wind mit seinen kräftigen Stromschnellen legt, am Platze hält. Stets beschützend, klein, angenehm. 60 Meter! Sagte ich dies nicht gerade?! Ich ohrfeige mich. Nehme ihm die Höhe, streiche seine Zahl und sein Metrum und stelle ihn, hoch, den hohen Berg, der schon immer fast immer dort steht, zurück, so wie er stand noch vor dem Menschen. Schielender Reflex, die böse Tat. Leer werden, leer…

Ich überlebe. Nummeriere, wenn wenig hinzugegeben wird, teichflache Gegenwarten über das ferne Plateau auf. Nimm die Vögel mit, die kleine Maus, eine Schlange und die Fliegen, die sich über meine Auswürfe hermachen. Schon ist der Kot schwarz, fasrig trocken.
Unter dieser Schicht: Würmer. Kleine Raupen, Geschosse. Leben. Einfach so, bis das Essen fort, der Atem voll genossen ist. Bei keinem Namen nenne ich die Dinge; es sind Substitutionen, eine neue Totalität. Das reine Gewissen. Keine Neuronen, kein An- oder Ausbau, unexistent der morgige Kram, all das. Flüssiges Wissen, Gas, und weg.
Das Dämmerlicht bricht ist wieder leicht verschoben, noch schwachrot geschlossen. Aufgehoben und übersetzt wo hier, und dort vorne, der Sonnenteppich flüchtig schmal wird.
Dünnes Bewusstsein. Oft glaube ich, wirr zu werden. Doch finde ich, auch nach Nächten, die wie zähe Wasser sind, wieder zu meinem Unterschlupf.
Neulich verwechselte ich die Riffe der fernen Hügelbahnen mit den bogenlampig zustoßenden Wolken des Südens. Aber nur, so sage ich mir jetzt (gutmütig, gewiss!), da der Mondschein, die Fackel der Dunkelheit, von wolligen Wolkengurten verhindert, abgedämpft wurde. Sonst bin ich normal. Auch wenn beim Scheissen nichts mehr kommen will. Dafür beginne ich, meinen Urin in einer alten Blechdose, die ich in der Ferne fand und auflas, zu sammeln und diese Büchse, wann immer sie halb gefüllt ist, zur Reinigung meiner Körperausgänge zu verwenden. Ohren Nase Mund Augen Penis Anus; die Wunde, die ich permanent aufreibe und heilen lasse: selbst bei langen Wanderungen kommt die Blechbüchse mit. Ab und an schlage ich auf ihr einen Ton. Versuch, meine Nägel auszureißen, der misslingt – zu sehr will alles bleiben.
Dann geht mir Wasser aus, doch kommt mir das gelegen. So kann ich Zeit sparen. Mich beeilen, vollzuwerden. Rascher bei Ziel sein. Nah, möglichst.
Mit einem langen, schweren Stein ritze ich Zeichen und Landvermerke, Geometrien in meine Felswand. Auch Zahlen, einfache Striche, die ich später zu rudimentären Skizzen ausarbeite. Niemals ritze ich Buchstaben, zeichne ich Wort. Dann singe ich in einer Sprache, die ich nicht kenne, die womöglich keine ist.
Im Rücken: Ausläufer der Tagesorgane, wie Luft noch einmal – bevor sie zu Farbe wird – leicht aufatmet. Keine Klarheit, warum es überhaupt Wandel gibt, warum nicht alles schlichtweg dasteht, ohne das es Hoch oder Tief oder Licht oder Dunkel genannt werden kann. Heftig beiße ich auf meine Zunge, spucke Blut über die Wand über meine Füße. Wahrscheinlich bin ich hier – um Köperverzicht bemüht – zum ersten Male nicht einsam.
Weit hole ich aus, gehe ich, dann bin ich zurück und schlafe, begierig angelehnt, einfach ein und durch drei vier volle Tage, halbherzige Minuten. Untersuche die neue Haut des Werdens. Wie ich erwache schleicht ein Wüstenfuchs um meine Sachen. An der Mütze riecht er. Sieht mich und rennt davon. Ich hinterher, bis ich außer Atem bin und der Fuchs verschwunden, der Fuß taub vor Schmerz.
Welch seltsames Glück; verlieren, was man nie besaß. Nur noch Schatten der Erinnerung, dicht wie das eigne Sein. Eiserner Hammer der pochende Fuß, dessen Gicht bis in die Adern meiner Schläfen heraufweht. Starkes Ufer, von Schmerz besetzt, geschliffen von straffen Metallen. Das Ding von rotem Staub. Ein Kreis aus tonfarbenen Steinen, den ich markiere, in den ich lege den Fuß. Er ruht, und ich schaue ins wohlgeformte Gebilde, meine Schöpfung. Körperteil und Steinkreis. Ich murmele, stottere. Irgendwas. Ahne nur langsam, bin unsicher. Zerlumpte Gedankenspiele, Fesseln einer entmaterialisierten Gewalt, die sagt ja, die sagt nein, die sagt: vielleicht.
Schließlich merke ich, wie ich meinem Fuß huldige. Der schwache, so geschwollen gemarterte. Märtyrer nenne ich ihn, werfe eine Handvoll Staub, lobpreise, vollziehe. Wie ein Pfahl steht er, die Zehen gereckt, inmitten des Kreises, den ich erst gezogen: Abkömmling, den ich erschuf. Kurze buschige Haare, mit der Farbe der Landschaft. Einige Verse, sogar einen Reim sage ich auf. Schon sieht er verlassen und unbewohnt aus. Das einzige, was ihn noch in mir erhält, ist Erinnerung. Den anderen Fuß, den anderen Bestand, massiere ich mir. Hart ist die Sohle, stechend und drückend kommt nichts. Das bin ich. Schmerz, kein Gefühl, Leder, blinzelndes Erdenende. Womöglich heilt mich der Abend, womöglich der skandalöse Morgen, aus welchem die Tage brechen, Morgen, und ich schlafe in diesen Rachen bis ich ersticke an Licht.

Wieder Wechsel und Farbenspiel. Flankiert von abtrünnigen Gestalten: aus den Feldern der trockenen Einheiten fließt noch des Abends zittrige Stimme zu den ehemaligen Flussläufen und verdickt dort, wurzelt, treibt aus zu neuen Nächten Monaten Epochen.
Unendliche Geschlossenheit, der Garn der Zeit, voll aufgewebt. Indem sich der Vorhang der Morgendämmerung mit weiten Scheunen lichtklar öffnet, schwebt die Hitze aus der südlichen Flimmerweite hoch über diese Stunden. Schließt sich ebenmündig an. Eine Salbe Schweiß, ein Schuss Salz.
Hinterrücks verschmilzt, was zusammengehört; kaskadenhaft tropfen ovale Perlen aus meinem Körper, von der Klippe des Gebirges, den Lippen der Öde, Gang des Felsens. Später, mannigfaltig umstellt, immer wieder Abendrot in seiner bedauernswerten Kürze.
Ich gehe, weil ich mehr finden will. Suche Töne, ausgespuckt und dagelassen von dem, was ich sehe, aus dem, was die Wüste (die volle, aststarke Wüste!) ausscharrt und unter Lichtaugen zahlreich vermehrt, schlicht überreicht. Überall hinmissioniert. Ich biedere mich an. Fordere wohlwollen. Proklamiere. Möchte, einst verloren, aufgenommen werden. Nochmals erreicht sein, bekannt. Ganz.
Schneide mir den Finger, überkreuz mit dem kaputtem Fuß, mit der Blechbüchse ein. Schmiere das Blut auf einige Wege einige Steinbäche, Urahnen. Doch es kommt nur wenig geflossen. Einen langen, krummen Schnitt kerbe ich in die Unterseite meines Oberarmes (vielleicht der linke, vielleicht der rechte). Sobald ist der Saft quellrot und schneller. Furchtbar hektisch reibe ich Dreck und Staub, kleine Steinchen in die brodelnde Wunde.
Rein, raus, ich weiß es nicht mehr! Bin wirr, ja! Kruste nun, die ich erneut erneut aufkratze, wegbeiße, mit Pisse aus der Büchse einweichen lasse. Zu sehr bin ich mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht auf den Fuchs achte, der womöglich zurückgekommen ist oder in der Ferne umherstreunt.
Aus dem oberen Kanal bläst der Wind nun finsterer durchs gespreizte Tal. Ich hinke umher, bald irr, bald wieder zum Felsen gelangend. Pünktlich. Es wird Abend. Ein niedriger Sarg, den die Wucht der Luft abstellt, dann Nacht. Sterne, punktgenau und sonst großzügig über den Balg des Himmels geworfen, die so ferne stehen, nicht mehr sind und doch so viel Ewigkeit versprechen: weniger klar bei wachsendem Mondkranz. Dafür viel Flur, brandende Stromwerke, und wo kein Wasser mehr läuft ergießt sich der blaue Wall, heftiger, behutsam versprechend. Kalt ist es. Der Leib erschlagen, eingewilligt, karg. Trinkwasser ist aus. Freude, wenn ich nun weinen kann und die Tränen in der Büchse sammel…
Dergestalt wenig bin ich. Meine alte Scheisse wird immer kleiner; kaum, das man Feuer machen könnte. Fast ist nichts mehr da. Suchend beuge ich mich, stochere. Samen, Flüssigkeit, Essensreste, abstruses Mental: Schon lange nicht mehr. Nix. Warum auch?
Einfach und monoton gehen die Wesen zugrunde, sterben die Dinge im reißenden Gefieder ihres Daseins und kommen woanders an. Große Sandterrassen durchqueren, hohe Sphären erobern sie. Mitunter gewöhnlich, da klar ist, was geschieht. Sie kloppen Höhlen aus Tatbestand. Diskutieren untereinander nicht. Ihnen ist das egal. Und weil niemand denkt außer dem Menschen, weil niemand zählt behält und weil niemand sortiert und abtrennt außer dem Menschen, löst sich alles blütenhaft – von Reife und Herbst genommen – von einem zum anderen, ohne Namen zu verlieren. Arkaden voller Annahme, voller Gewissheit. Treue. Durch meinen Leib gespalten schon der sichere Untergang. Stets herausgezögert. Der erwartete Rausch, die Gegenwart, welche ich nie habe retten können.

Sehnsucht. Ein Wort, dass ich langsam vergesse. Erinnerungslos wäre ich?…
Aufraffen. Wieder gehe ich los. Der Fuß, ich benutze ihn wie einen brennenden Stecken. Diesen Körperbau wie den Rohbau des Lichtes. Das nicht zu erkennende Ende der Prärie, des farbenblumigen Spektakels glückseliger Zeuge: bin ich. Niemals sehe ich nichts, nie ist es leer, was ist. So liege ruhe ich kaum. Sondern mache mich durchs Land (Vielleicht sehe ich einen, den Fuchs wieder!). Nur der Laut meiner Schritte ist vernehmbar. Doch ich wünschte, man hörte ihn nicht. Auch weiß ich, dass der Bauch atmet, die Lunge atmet, Saft atmet, der Mund gierig schnappt. Dass Venen pumpen, systolischer Regen ausbricht und nirgendwo endet. Selbst den Wind vermag ich zu hören, kann ihn ablesen vom Gewusel der Erde. Wie er sich hier und dort einlegt, verändert, umsetzt. Den Urin alkalisiert. Der Mond brennt ein weißes Loch in die derbe Nacht. Sein Glanz färbt tropfenartig ab. Schon bin ich See, empfangendes Gewässer. Aus der Büchse reiße ich mir einen scharfen Zacken, ein rostiges Ende heraus und beginne, die Ohren einzuschneiden. Beide. Nie wieder links und rechts sein. Nie wieder wählen. Blut im Gehörgang, bis es gerinnt, fibrinös krustet. Alles gedämpft, nur der Schmerz drinnen wie draußen, heulende Bestie. Ich falle hin und erschrecke gerade noch. Eisern bleibe ich hocken.
Das schafft Wüste: mit sehr wenig alles sein. Zwei Drei Dinge, nüchtern, die voller Überzeugung sind, denen nichts anbei gestellt werden kann. Klares Wissen. Nichts unnötig. Alle Farben finden sich, wenn ausharrend und richtig der Blick ist. Versteckt zuerst, dann herrisch hervorgaffend und mit herkulesschen Schwerte, flink gezückt aus dem Schaft der blauen Dunkelheit. Sonne, Feuer, gnadenloser Akt – keinen Schatten werfe ich.
Alles senkrecht. Um mich herum ziehe ich einen Kreis, lege allerlei Gestein auf die Bahn. Bereit. Vollmond in fünf Tagen. Der Sonnenuntergang klemmt: altes Schloss, welches nicht schließt. Noch immer Gelb; Zirkel, Allerweltsgeographie der Schein der Sonne. Zuerst trifft sie die Krone dieses Dingsda, dieses Gebirges, der Lavaküste aus reinem Erdmetall.
Fortan reißt sie alles hinweg mit sich. Wird Spektral. Ist Treppe, die den Abend hinunter führt, herauf, lange abtritt. Unmaskiert, zwischen dem Bau des Tages und der Wiege der Nacht, von Weis wird alles Rot wird alles Gelb wird alles multipliziert. Stundenlang reist dieser Schatten umher, macht die Nacht nicht kommen. Still ist es und es wird noch stiller. Ausgefahrene Hand, alles offenhaltend. Wie Honigmasse: Geruch Spezies Gewölb, das durch Welten zieht, Äonen verbrennt. Ich bin, glaube ich, dieses Schauspiel, dieser aufgetrennte Faden am Firmament, sich abseilend und aufgliedernd, dieser Faden, der ungerafft hängt und zerwirbelt und von allem beschaut wird. Ausgekundschaftet und Lebenswidrig. Ich bin dies Loch des Kreises, dies architektonische Innern, bin Schmerz und inmitten von Zukunft und Vergangenem weit klaffend. Ich schließe die Augen, öffne sie. Die Seele des Augenblickes ist ohne Netzhaut, ohne Neuronenblitze: ohne Becher.
Krug, ja, den ich schlicht platziere. Ich stelle mich auf. Die Unterschiede sinken. Vergehen im Bett der Geschichte. Das Soll meiner Bewegung (mehr Steinchen und Runen lege ich auf die von mir gezogene Bahn). Ich, in zwei Kreisen. Der Erde und des Lebens. Wieder falle ich, mit dem Gesicht nach unten, so dass ich Staub und Ähre, die Asche der Verwandlung schmecke. Auch das Wasser, welches hier einst floss. Noch sehe ich die Ausläufer des Tages und den Mond (der in vier Tagen seine Fülle erhält) sich hinbiegend in quadratische Dunkelheit.
Plötzlich Meer. Ich weiß nicht, ob ich noch denke, oder ob das schon weniger ist.
Und wie ich stumm daliege, ausgegossen und von Menschengestalt zerpflückt, höre ich Atem meinen Atem zum ersten Male die ganze Unendlichkeit meinen Brustkorb heben, den ich sogleich verliere und abstreife wie Schlangenhaut. Nicht außerhalb spüre ich die Luft ihre Messer wetzen und lege mich aus in der spitzen Umgebung.
Über die Felder spanne ich meine Gesichter trage ich Spiel und vogelgleiche Annäherung, wabig Heime erschließend. Das Licht der Sonne das Licht des Mondes ist, noch mehr Klarheit, welche die Gestirne einschließt in dieses gewaltige Hell und immer diese Strahlen, die mich durchdringen, mich aufnehmen nicht mehr sein lassen denn was ist außer Dir?
Das Gedächtnis verschwindet und schafft Platz für Erinnerung, das Mosaik der Suche ein immer fester Ort in den ich lachend laufe den ich umarme ohne Körpersein. Mit dem Anschlag des Morgens gehe auch endlich ich.
Das Bersten der imaginären Landschaft als Mythos, als immerklare Erzählung meiner Seele, aber Seele, das ist nicht.
Himmel sehe ich und Sterne darinnen sehe ich einen Fuchs erkenne ich zwischen dem Hier und Jetzt meines Wachens eine Gestalt sich alsbald verlaufend und die die Fangarme der Wildnis, die nun überall ist, zügig einfängt vorn anstellt an Augenblicke und asketisch vermessene Dichtung diktiert. Keine Worte aber füllt dieses Blatt mehr, Poesie aus Zeit und ihrem einzigen Moment. Im Kreis in zwei Kreisen liege ich und atme noch und alles atmet mit mir, kurz bewege ich mich mit den Beinen des Felsens und den Füßen des Nachmittages, sehe die Adern der Vorstellung spreche mit der Hitze Zungen lasse mich fallen und falle hinauf. Erstmalig sehe ich das Gebirge im Osten, wie es aus der Welt genommen wird und das sperrige Licht prescht über die Urlandschaft den archaischen Ansatz und die liebliche Steppe spielt ein Lied spielt ein Lied spielt spielt so dass alle und vielleicht auch niemand es hört und ich sehe den Geier tanzen die barracke Weite Rhythmus schlagen. Wir treffen uns und verlegen Linien, die wir einst zogen, verstauen Körper die wir einst besaßen denen wir Namen gaben.
Mond, der immer voll ist.
Uferlos breche ich entzwei und nehme alles an. Licht den Abgang des Schmerzes den Tau dieser Erfahrung und das märchenweite Erobern. Mit der Hand des Vollkommenen schließe ich Lebenswege mit den Ohren der Gegenwart höre ich sie flüstern wie noch nie laut wie noch nie. Und sobald ich kann stehe ich auf mit den Schultern des Neugeborenen den Botschaften einer ewigen Nachricht, falle in den Staub der Erde wo ich zersplittre wo die Anfänge enden wo ich die Perlen nicht wieder zusammenlese und tief hinabschaue zum bereits bekannten Erdenkontakt, Waage und das Feuer der Freude.
Endlich ausgeschüttet, Stein geworden.

One Response to “Tag Eins”

  1. Moritz Says:

    Dieser Mensch gehört ins Narrenhaus


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