Saft und Zeit

25. Juni 2008

Als ich aufwachte lag sie nicht schlafend und weich neben mir, in reichweite eines Armes, sondern saß an der Bettkante, angezogen und mit Kaffee, und sah mich an mit wachen braunen Augen, die Sonne fiel in etlichen Quadern in das Zimmer und ich hatte das Gefühl, etwas Bedeutungsvolles verpasst zu haben, ein Stück Leben und Dasein, das aus der Erinnerung des Morgen entfernt wurde und nicht wieder einzusetzen war. Sie war wach und ich war es nicht, ich stank aus dem Mund und spürte den klebrigen Schlaf am ganzen Körper, hatte bereits verloren gegen die Zeit und das lebendige Licht in den niedrigen Ecken des Raumes, und sie roch nach sonnenschweren Bohnen und nach blauem Wasser, Kraft rann durch ihren Blick und sie hielt ihre warme Hand an meinen Knöchel und fragte, Kaffee, und ich wusste, sogar von der Espressomaschine bin ich überrumpelt worden, sogar von Gas, und ich sagte, ja, Kaffee, und wartete, bis sie in der Küche verschwunden war, richtete mich auf, kippte das Fenster; steif und ohnmächtig fror ich und bekam den Kaffee überreicht, wie einen Orden, eine Absolution, dass ich es endlich doch noch geschafft hatte in den unausweichlichen Wahn des Tages.
Ich duschte, und währenddessen war das Schlafzimmer verwandelt worden in einen nackten und ortslosen Raum, einen weißen Magneten, der jeglichen Schmutz anzog und verdaute, kein Mensch war je hier gealtert, nicht eine Minute wurde der Ewigkeit geschenkt, niemand hatte jemals zwischen diesen weiten Wänden das Leben verschlafen mit pelzigem Atem und dem beizenden Duft des Schweißes, des fleischvollen Körpers, voller Vergessen und Mond.
Ich ging über die abgezogenen Dielen und deren weißes Licht, das ständig in ungewisse Rasterpunkte zerfiel, so, wie man über Wasser gehen würde. Im Spiegel betrachtete ich meine trockene Haut, die der Winter verwitterte, und ich schmierte mich ein mit ihren Cremes, zog frische Klamotten an, putze den Belag von den Zähnen, löschte die Kaffeebohnenfahnen und gab ihr einen Kuss, als sie schon in der Tür stand mit ihren zwei Taschen und einem leuchtenden Tag, die Haare noch warm aufgeföhnt, leicht und wie Wind, ich roch an ihrer Wange und sie schmeckte nach Indien, nach Amber und Zimt und Kardamon und saftigem Grün, du riechst gut, sagte ich, und küsste sie erneut bevor sie kehrtmachte und ging.
Ich aß und schrieb und verrichtete meine Geschäfte, ich ging laufen und wusste nicht wohin mit den salzigen, stinkenden Klamotten, und ich warf sie auf den Balkon, wo der Regen sie auswusch. Sie kam zurück, spät, braun und lebendig, ihre Taschen sahen aus wie am Morgen, ihr Haar unbenutzt, die Kleider legte sie zusammen und in den Schrank, dann zog sie sich ganz aus und sagte, ich geh mal duschen, und als sie im Bad verschwunden war roch ich an ihrer Unterhose, die blumig war und unverletzt, ich roch an den Stiefeln, die sie den ganzen Tag trug, sie waren warm und ledern, die Socken rochen wie das Feinwaschmittel, dass ich stets ins falsche Fach goss, und alles legte ich zurück an seinen Platz und war verzweifelt. Ich erinnerte mich des Sommers, als sie von ihren Tanzstunden kam, durch den schwülen, engen Leib des Mittags fuhr und die Wohnung betrat mit perlendem Schweiß an den erhitzen Schläfen, und ich sagte mir, so, jetzt, und ich verführte sie und zog ihre nassen Sachen aus, warf sie und mich aufs Bett, ich wühlte in den Achselhöhlen und trank aus ihrem Scham, vergrub mein Gesicht zwischen ihren Beinen und legte die Zunge in ihre dunkelsten, dampfensten Ecken, doch nichts; nichts quälte meine Sinne außer ihrem nebligen, frühlingsfrühen Duft, zart und silberfarben, sie roch nach mehr, nach immer immer mehr und nach simpler Erlösung, die keines Wortes bedarf. Ich weinte und sie fragte, was hast du, und ich sagte feige, ich weine vor Glück.
Sie kam aus der Dusche, saftig und frisch, und machte uns Tee. In ihren Haaren hingen glasige Perlen, die sanft auf ihre Schultern fielen und nach Licht schmeckten. Ich koche, sagte ich, und sie sagte fröhlich, gut, dann räume ich ein bisschen auf, und das ärgerte mich maßlos. Im Schrank, den sie geordnet hatte, stand das Essen, standen die Gewürze und das Gemüse wie Dekoration, unbeweglich und genau, und ich fand, das es in all diesem System ja immer nur der Mensch sein kann, der aus der Ordnung schlägt und am falschen Ort sein Wesen platziert. Ich suchte die Käsetortellini, schnitt Zwiebeln und drei Zehen Knoblauch und schmiss Spinat und Sahne in die Pfanne. Sofort hing mir der Rauch im Hemd und an der Hose, und ich hatte vergessen, mich zu rasieren, und die Stoppeln würden grau werden und ihre Lippen verletzten, ich rief, Essen ist fertig, und sie schob den Dunst beiseite, der im Raum schwamm wie Regen, und setzte sich und war perfekt.
Meine Knie juckten, und ein Lungenröcheln überfiel mich. Mit der Zunge spürte ich, wie die Zwiebeln am Gaumen klebten und der Spinat zwischen den Zahnsteinen, und ich machte einen Witz, so dass sie lachte von der einen Seite des Gesichts zur anderen, ihre Zahnreihen kletterten aus ihrem Mund und die Augen flackerten auf; nicht ein einziges, nicht ein einziges gottverdammtes Blatt Spinat klemmte im Weiß ihrer Zähne, nicht ein Zwiebelstückchen, nicht ein Funken Pfeffer oder Sahne, und ich senkte den Kopf und blieb stumm und traute mich nicht mehr, nach meinem tollen Witz, den Mund aufzumachen.
Wie oft habe ich sie nach langen, verhangenen Nächten morgens geweckt und an ihrem Atem geschnüffelt, nach Zeichen gesucht für eine Wandlung, nach Spuren, dass auch in ihr die Zeit existiert und nach Bakterien, die irgendwas zersetzen, doch nie schien sie wirklich durch die Nacht oder den Schlaf gegangen zu sein, nie trennte sie sich von diesem Ufer, das aus Blüten und Aromen und Süße bestand, und neben ihr wurde ein anderer Körper feucht und mufflig und hastete, ohne dass sie es merkte, wie besoffen durch die Monate und eigenen Säfte. Morgens zog sie mein Shirt hoch und sagte, schau, da ist schon wieder ein Fusel in deinem Bauchnabel, mal war es ein blauer oder ein roter oder ein grauer, und ich ging ebenfalls an ihren Nabel und schaute, und natürlich war da nichts, kein Textil und kein grünlicher, hässlicher Rand, ich steckte meine Zunge hinein und es war immer nur Tau: kristallne, gläserne Tropfen, die ich von ihr leckte wie eigene Tränen.
Nachdem ich gespült hatte musste ich ins Bad, und ich klopfe an da ich wusste, dass sie noch drinnen war und irgendwas tat, und ich fragte, was machst du, und sie sagte, ich bin auf Toilette, was hieß, dass sie schiss, denn wenn sie pinkeln musste sagte sie immer, sie müsse pinkeln und hätte nie gesagt, ich muss auf Toilette, und ich stand erleichtert an der verschlossenen Türe, presste das Ohr gegen die Türe und lauschte ihrem gärendem Akt, dem Unsinn, den jeder Mensch mitmachen muss, und ich stand lange da und war zufrieden und lauschte, obwohl ich nichts hören konnte. Dann ertönte die Spülung und ich wusste, selbst in ihr gibt es Unverdautes, und sie kam heraus und ging ins Wohnzimmer, ich fiel sofort ins Bad und sperrte hinter mir zu, schloss die Augen, atmete tief ein; doch ich roch nur dünnfädrige Seife, die noch in kleinen Bläschen im Waschbecken aufplatzte, und mein Herzschlag schoss in den Himmel und ich klappte den Klodeckel hoch und roch tief und es roch nach Wasser und nur nach Wasser und ich begann zu schwitzen und ging in die Mitte des Raumes, ich schloss die Tür auf, ging hinaus und noch mal herein, doch es machte keinen Unterschied: ich vernahm nichts als die heizungswarme, geflieste Luft und ein Fetzen Seife und Shampoo.
Nein, dachte ich, nein nein, ich schaute in den Spiegel und dort wuchsen die Haare wild über meinen Kopf, mal zum Haareschneiden gehen, hatte sie letztens gesagt, und der Mund ist bleich und aufgerissen von der Kälte, und wenn ich ihn einschmiere reißt er nur noch mehr auf, die fahlen Ringe unter den Augen überdauern den Morgen, ich sah eingeknickt aus und unvollendet, eine Schuppe löste sich und fiel mir aufs Augenlid, unter Anstrengung schloss ich den Mund und den Verstand, umklammerte das Becken und fand mich nur wieder in dieser Welt und in diesem Raum und in diesem Geschehen, weil ich mich wahrnahm durch den zähen Schlauer meines Dunstes, der von meinem Oberkörper, von den Schamhaaren und den Zehenzwischenräumen aufstieg, der Geschmack, der mich in der Wirklichkeit festhielt und wahr und endlich machte.
Sie saß dort und las, mit frischen Socken und weißem Oberteil, aus dem ihre Brüste wie vollkommene Versprechen stießen, sie las und schlug die Beine übereinander und schaute mich an und lächelte, du siehst müde aus, sagte sie besorgt, und ich grinste zurück und flüsterte, ja, ich mache noch mal Kaffee, und ich fragte, ob sie auch einen wolle, und da sagte sie, ja, auch ich verspüre den Verlust des Tages, und ich ging in die Küche und kochte unseren Kaffee in dieser glitzernden Wunde.

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