PingPong

18. Juni 2008

Für Dinge, und ich meine amtsgängerische Sachangelegenheiten und Erledigungen scheinbar vertrackter Besorgungen, habe ich neuerdings Thementage eingeführt ( das Thema ist freilich immer das gleiche, nämlich eine Vielzahl vertrackter Besorgungen ).
Wenn all die Kleinigkeiten, die man nicht macht, weil sie Kleinigkeiten sind, die man einfach nicht macht, zu einem baumgleichen Gedankenblock herangewachsen sind und man nunmehr zu Stift und Papier greifen muss, um der absoluten Kleinigkeitenwirrnis einigermaßen mannhaft Herr zu werden – so hat sich dieser spezielle Tag manifestiert, an dem es gilt, abzuharken.
Also fuhr ich los. Ich hob Geld ab. Kaufte Tee in dem Teeladen, der bald zumachen wird: alles halber Preis. Der Antwortbrief an die GEZ, dreimal wurde ich zum letzten Mal aufgefordert, ist nun bei der Post. Informationen über den W-Lan Anschluss meines Computers wurde eingeholt. Ich fand ein passendes Buch, ein Geschenk. Ich kaufte einen Kühlschrank und Gericht Nr. 171 beim China/Thai Imbiss. Fertig. Nach zwei Stunden war alles erledigt, was sich drei Wochen hat anbahnen müssen; mein Themenzettel wurde ordnungs-gemäß entsorgt.
Was nun? Die Sonne schien, Blau lag der Tag über den Dächern. Ich war jung und brauchte kein Geld. In Kreuzberg saß man auf den Bürgersteigen, Musik dröhnte. Ich fuhr los.
Es heißt, der Zufall sei das Vehikel der Notwendigkeit, und zufällig traf ich, kaum war ich losgeradelt, mein Ex-Babysitterkind samt seiner Mutter. Sie, Julia, hatte Tischtennisschläger dabei. Nando, das Kind, schlief.
So durchkreuzten wir den Görlitzer Park und suchten die zwei Tischtennis-platten auf, die sich am Kanalufer befinden. Dort erwachte Nando pünktlich zum ersten Ping des Balles. Glücklich und ruhig war er nunmehr nur, wenn von seiner Mutter in den Arm genommen, und schnell wurde es Julia zu heikel und zu körperbewältigend, ihn während der schweißtreibenden Sportverrichtung links balancieren zu müssen, während sie rechts wuchtig schmetterte.
Ich brauchte neue Partner. Schnell war klar, dass hier nur Profis am Werke waren. Sechs Menschen, allesamt Cracks, Fanatiker. Jedem Grüppchen sein Örtchen: Jamaika sitzt immer am selben Flecken, die immerselben Alkis auf der immerselben Bank, die turtelnden türkischen Jugendlichen in den selben Gebüschen, und nun wusste ich, wo sich die Berliner Tischtennisfreaks trafen – ich hatte ihren geweihten Ort betreten, ihre zweitönige Gladiole, und nahm nun teil an ihrem Leben, knallte Bälle, keuchte, spielte Einzel und etliche Doppel. Es ging passabel. Zuerst mächtig eingeschüchtert erinnerte ich mich dann doch, zweifacher Sinner Dorfmeister gewesen zu sein, und es ging recht passabel.
Nach fast drei Stunden hatte ich folgendes über Tischtennisspieler gelernt:
Man darf, als wirrer und verschrobener Kleinschlägerfan, keinen Ball unkommentiert lassen. Keinen! Schlägt man eine Wahnsinnsbahn, wird ein „Ja“ exaltiert, verpasst man aber die Platte oder drischt den Ball ins gusseiserne Netz, muss dies kommentiert werden, „Mann Mann Mann“, oder „Das is ja wieder hier“, oder, an sich selbst gerichtet, voller Emo-Schmerz, „Was ist den los!?!“
Ich meinerseits begnügte mich damit, eigene Fehler mit „Arrgghh“ zu beschwichtigen und über meine Glanztaten zu schweigen. Wenn aber mein Doppelkollege eine Vollgranate aus hinterster Ecke sauber und für den Gegner unerreichbar über das Feld hämmerte, gurgelte ich stets – ein ansehnlicher Reflex – ein mächtiges „Ahhhh, SUPER!“ ans Tageslicht.
Verbissen, ja, verbissen ging es zur Sache, und schnell wurde mir klar: dies ist kein Spiel, sondern der Kriegsschauplatz einiger degradierter Hanswürste, die im anderen Leben aknevernarbte Junggesellen sind und es in ihrer unterkandidelten Menschenlaufbahn bis genau hierhin gebracht hatten: an die Platte.
Wind war ein Problem. Auch wenn kein Wind ging, war er permanent an allen Fehlern schuld, der arme, körperlose Wind. Nach einem versiebten Schlag skandierte mein Gegenüber, der Ball stehe ja förmlich in der Luft, und als ich erwiderte, dies sei eben richtiges Tischtennis und kein Hallenhalma, wusste ich auch, dass mit den Herrschaften nicht zu scherzen war. Die ordinäre Verbitterung schlug mir fortan als subtile persönliche Abneigung entgegen und ich sah mich gezwungen, alle meine Spiele mit Absicht zu verlieren, nur damit eine weitere Aufwallung der schwächelnden Gefühle wohlweislich abgewendet blieb.
Schlimmer erging es einem anderen Spieler, der einfach so vorbeikam und einfach mitspielen wollte, einfach mal so – ein großer netter Kerl mit grundfeinem Charakter und anständiger Ruhe. Doch er war kein großes Talent und wurde fertiggemacht. „Das ist ja grotten-, grottenschlecht“, hieß es, und „Ne ne ne“, „Mann Mann Mann“ und der Oberknaller, nachdem der Gebeutelte schlurfend das Schlachtfeld mit den Worten verließ, dies sei doch nur ein Spiel: „Da spielt ja meine Oma noch besser!“ Also ne.
Als Sportkameraden, die wir ja doch noch irgendwie waren, sollten verbale Entgleisungen dieser Art allgemein geächtet werden. Er ging, und kurz darauf war auch bei mir die Luft raus. Ich hatte hardcore getischtennist und seit Mittag nichts mehr getrunken, mein Mund klebte, ich stank – kaum konnte ich mich verabschieden.
Noch immer schien die Sonne. Ich beschloss, am Hügel des Parks zu verweilen. Oben angekommen, brauchte ich Wasser, hatte aber keines, und so frug ich ein Pärchen nebenan, ob man mir denn was Wasser abgeben könne.
„Bist du breit?“, fragte er, und ich sagte, nein, die Dehydration stamme vom Tischtennisspielen …
Man lud mich auf Bier und weiteres Bier ein. Frank, so hieß er, belegte bei den Magdeburgschen Meisterschaften einmal den fünften platz, und ich hatte einen neuen Tischtennisfreund gefunden, bei dem ich noch den Abend verbrachte und solange über Belage philosophierte, bis die Sonne rötlich in einem dicken Wolkenschimmer wütete und den Tag verwarf. Es wurde ein lustiger Abend. Irgendwann fuhr ich besoffen nach Hause und kritzelte noch auf einen kleinen Zettel, den ich neben meinem Computer platzierte:
Tischtennisschläger kaufen!

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