Harry Tse Tschung
18. Juni 2008
Ich lebe in einer asiatischen Straße. Karl Kunger Kietz ist eine gemütliche, hübsche und sympathische Verweilstraße, die sich fest in einzelhändlerischen Händen befindet.
Hier kauft man Brot, steht Ecke, lässt sein Rad aufpumpen, trödelt, kann frische Tulpen sowie gefälschte Markenware erstehen und seine Bilder galeriesieren lassen, sich betrinken und Mini-Döner (1.30) essen, hier findet man, was andere Leute wegschmeißen (Mikrowelle Backsteine Hustenbonbons zwei tote Tauben). Hauptfront im Kleinwirtschaftskrieg bildet hier der Vietcong bzw. der Thai bzw. eine Mischung aus beidem bzw. eine Allianz der beiden Nationen, die alle Blumen- und Gemüseläden innehaben plus einige Kioske, Trinkhallen und nun auch ein Restaurant/Bistro. Fröhlich sieht man den Verkäufer von hier mal dort kassieren, der Blumenmann steht plötzlich an der Kioskkasse und umgekehrt, die Kioskkasse steht auf einmal zwischen Papierwickel an der Blumentheke.
Meine Lieblingsverkäuferin ist jedoch mit Abstand Frau Pleng (Name verniedlicht), die, wie ich herausgefunden habe, aus Thailand stammt.
23 Stunden täglich steht sie im GemüseAsialaden und betreut Kunden wie mich, die immer mal Gemüse, frisches Obst oder Kokosmilch einkaufen kommen und ansonsten höflich und unvermittelt durch die Fensterscheibe grüßen. Da die Ladentüre immer weit geöffnet ist und sich somit das Interieur herrlich von draußen einsehen lässt, kenne ich Frau Pleng nur als pinke Daunenjacke hinter dem Tresen, aus welcher ein kleiner, unnötig sowie kunterbunt geschminkter Kopf ragt. Hallöchen, trällert sie, und ich sage dann auch, Hallihallo.
Was dalf´s heute sein, fragt sie, als ob ich jeden Tag ihren Laden aufsuchen und zudem immer verschiedene Objekte meiner Begierde erstehen würde. Meist kauf ich dies und das, mal jenes und solches, und dann stehe ich noch kurz vor dem Weinregal, ja, es gibt auch ein nicht zu kleines Sortiment an wenig edlem, aber durch die Bank weg brauchbaren Wein. Hier findet meine Lieblingsbegegnung mit Frau Pleng, bzw. Frau Hai (Name syntaxiert) statt. Jedes Mal, wenn ich meine Augen über die Etiketten wandern lasse, sagt sie piepsig und forsch: Vielleicht noch eine Wein? – Zuerst dachte ich, es sei eine stinknormale und noch dazu berechtigte Frage gewesen, bis mir auffiel, dass sie jedes Mal diesen einen Satz sagt, in genau der gleichen Frequenz, dem gleichen Tonfall und dem selben Moment, ja sogar in der selben Körperhaltung, der selben Frisur.
Obwohl ich nie bei ihr Wein kaufe, passiere ich doch jedes mal das Regal, vagabundiere kurz, fliege mit dem Blick über die braunen Flaschen, nur um diesen Satz zu hören, Vielleicht noch einen Wein, und nie hab bei ihr einen Wein gekauft, außer einmal, da ich schon Angst hatte, sie würde irgendwann nicht mehr fragen, wenn ich nicht auch mal einen mitnähme.
Meine Liebe zu dieser Frage, die mich auf eine dunkle, geheimnisvolle Art süchtig gemacht hat, geht sogar derart verschroben weit, dass ich manchmal, wenn ich nur am Laden vorbeigehe, kurz hineinschlüpfe, mich vors Weinregal stelle, gucke, und dann, nachdem sie gefragt hat – schrill und vogelgleich – ob ich Vielleicht noch eine Wein wolle, nein sage, einanderesmal, und gehe.
Ja, ein Großstadtalltag steckt voller Rituale. Ich z.B. gehe neuerdings immer mit einer Zeitschrift aufs Klo. Etwas, was ich mein ganzes Leben lang unterlassen hatte, eine Art männliches Zeremoniell, dem ich mich bisher ketzerisch entzog und für das ich nie auch nur das geringste Verständnis aufbringen konnte. Jetzt sitze ich da, es ist kalt und es stinkt und ich lese. Gestern war ich auf einem Spaziergang im Kiez und dachte wirklich den nun folgenden Gedanken, bei dem ich vor Vorfreude glücklich wurde und, kurz aber knapp, in die Luft hopste: Wenn ich gleich Zuhause bin, setzt ich mich aufs Klo, scheisse und lese.
Zudem geht man gern in Lokale. Ich habe herausgefunden, dass selbst wenn ich alle mein Zutaten umsonst bekäme, man doch am heimatlichen Herd mehr Geld los wäre als in den so genannten „Restaurants“, in denen ich verkehre – schließlich muss ich auch Gas und Wasser bezahlen, und wenn man Zuhause ist will man es warm haben, ergo: man heizt. Dann hört man Musik: Strom. Zudem verheizt selber Kochen mehr körperhaushaltliche Energie, die mit einer proportionalen Mehreinnahme von Lebensmitteln auszugleichen ist, demnach muss auch mehr eingekauft werden, was erstens wieder Geld kostet und zweitens wieder Energie verbrennt, sodass der hier einmal in Gang geratene Teufelskreis nicht mehr zu beschönigen noch, der Name hat es verraten, aufzuhalten oder gar zu ertragen ist. Für zwei Euro bekomme ich beim Vietnamnesenthai an der Ecke eine solide Mahlzeit, die zwar nach nichts schmeckt, dafür aber auch schon kalt ist und unappetitlich aussieht.
Übrigens heißt das Bistro „Huenq que“, also so, dass man nicht weiß, wie man es korrekt aussprechen soll. So ist es ganz natürlich zu sagen, man gehe mal „beim Vietnamesen“ oder „beim Marrokaner“ essen, während man bei deutschstämmigen Buden immer noch davon spricht, „zum Schraders“ oder „bei Kalle“ zu gehen. Integrationsmännich bleibt der Umstand, dass man ausländische Lokalitäten nicht bei ihren Namen nennen kann, ungemein tragisch und ein eingliederungspolitisches Fiasko: „Der Türke auf der Falkensteiner“ oder „der Afghane an der U-Bahn Hermannsplatz“!
Hier beginnt Ausgrenzung schon dort, wo sie gemeinhin beginnt: in den Köpfen. (Apropos: An der Toilettentür eines türkischen Internetcafes in Wedding las ich kürzlich die zwei eindringlichen Sätze, die als generelle Lebensmaxime auf alle Teile der Bevölkerung ausgeweitet werden sollten, um ein menschengerechtes, mit allen göttlichen Wasser gewaschenes Leben zu gewährleisten: Wer an dem Toiletten ran oder zu geht, bitte so wie vorher lassen ok. Sauberkeit kommt aus Kopf. )
Klar, dass diese Leute nie „ankommen“ in unserer Gesellschaft, wenn sie ständig bloß mit Ecken, verkommenden Bahnstationen und widerlichen Straßen in Neukölln in Verbindung gebracht werden. Also sagte ich zu Herrn Blong (Name versilbert) vom Vietnamesen-Thai-Asia-China-Bistro, den Mund voller fader Glasnudeln und einiger Sojasprossen: Zwei Euro, stimmt so, und übrigens: wie spricht man denn den Namen aus? Warum so kompliziert für uns Deutsche?
Er grinste. Ich schlug vor: wie wär´s mit „Tisch am Quai“ oder „Lama–Lama“. Oder „bei Günther“.
Er lachte und sagte heiter, nein, das sei ein Scheißname.
Polithistorischer Nachtrag:
Die meisten Menschen wissen ja, dass der kubanische Revolutionsführer Ernesto Guevara (Hasta la L.A Lakers siempre), genannt „der Che“, kein Kubaner, sondern Argentinier (Maradonna, Rind) war; jedoch ist es eine leidlich unbekannte Tatsache (a.v. KP-Propaganda), dass der große Vorsitzende Mao Zedong (der große Sprung nach vorn, der Weg ist das Ziel) eben nicht aus der Provinz Xinjing (China) stammte, wie es heute noch immer die Schulbücher (Reispapier, beige) lehren, sondern der minderbemittelt („minus plus minus ergibt plus“) phlegmatische Gastarbeitersohn (8, Despoten-charakter: aggressiv, schwul, perspektivlos) einer vietnamesischen Reiskrämerfamilie war, die als erste „boat-people“ überhaupt vom völlig verarmten (= Regression) Hanoi (Karl-Marx-Stadt) in die chinesiche Metropole Peking (China) geschippert kamen.