Gleichgewichtsorgan

18. Juni 2008

Er prüft seinen Blick im Spiegel, sein Hemd, ob es sitzt, seine Hose, ob sie sitzt, sein Lachen, das schief wird. So könne er nicht gehen. Im Kleiderschrank findet er einen anderen Gürtel, er besitzt nicht viele, er besitzt zwei, und den einen zieht er durch die Schlaufen heraus und legt ihn an seinen Platz, wiederauffindbar, falls er noch einmal zurückkäme, und den anderen, nachdem er die Löcher geprüft hat und den Duft des Leders, zieht er durch die Schlaufen und findet, es ertrage sich.
Er greift seinen Hut.
Im Spiegel noch immer sein Gesicht, nun mit Hut und neuem Gürtel um die Hose; ich höre Geräusche von der Straße, aber wahrscheinlich ist es nichts, Autoreifen überm Pflaster, grelle Telefonate, geschrieen, ein Kinderkreischen – man muss es nicht wissen.

Ich biege das Lachen zurecht, draußen ist eine Welt, dann geht er los.

Seine Fußmatte legt er zurecht, ohne sich zu bücken, mit der Spitze seines Fußes schiebt er sie herum, die lange Kante an die Türschwelle bis sie glatt sitzt und der wenige Staub, den sie von ihren Ecken riss, an neuer Stelle herabsetzt. Hat er den Schlüssel, ja, er hat ihn, schließt ab, noch ein zweites Mal, dreht ein Mal wieder auf und dann wieder nach rechts, um doppelt zuzuschließen, ich bin unentschlossen: aber vermutlich ist es meine Geschichte, die ich in aller Treppenhausstille fabuliere, vermutlich meine Geschichte, kein Ende nehmend wie mein Wille, sie zu entwerfen, und unten am Hauseingang wartet eine Uhrzeit auf mich, gewiss, ein Datum, gewiss, und womöglich irgendeine Person, die mich für jemand Bestimmten hält und mir Korrekturen abnimmt, die Sonne wird über dem Tag stehen, jetzt, hell und feucht, da Frühling ist und die Luft leicht und voller Geschmack; das Geländer ist kalt, er berührt es nicht, mit den Händen in den Hosentaschen geht er los.
Ich bleibe stehen vor den goldenen Rechtecken, die die Sonne hereinwirft. Sie liegen im Hausflur und über den Wänden, verbogen, wo die Räume sich ändern oder enden, das frische Licht verknappt. Sie bewegen sich, sobald ich hindurchlaufe, ich zähle –
er merkt sich ihre Strukturen, traut ihnen nicht und kann sie selbst jetzt nicht für wahr halten, nur weil sie existieren, er zählt die langen Schattenbalken, die das große Lichtbild in vier kleinere zergliedern und die Rechnung begleichen: er merkt es sich, sicher ist er sich nicht, und er kennt die Traumata eines Standpunktes, möglich zu werden und ob. Die Rechnung:
Ein Großes vier Kleine, oder vier Kleine ein Großes und immer so weiter. Dann zwei Große acht Kleine, dann zwölf Kleine drei Große, dann noch einmal und er wird unten vor den Parkplätzen stehen, alle Stockwerke genommen und verbindlich nummeriert, ein silberner Audi wird da sein wie immer, die Blumenfrau von gegenüber wird dastehen mit ihrem grünen Kittel und der roten Schürze und nichts zu tun haben, als gelegentlich einen Strauß Tulpen aus dem Eimer zu ziehen und geräuschvoll einzupacken, und vor der Bäckerei sitzen die drei Männer auf den Bierbänken vorne und schlucken ihren Kakao zu Butterbroten, der Kanal wird so dahinfließen und die Bäume mit saftigen Blättern so dahinfließen und das Gras am steilen Ufer.
Also Stockwerke zählen anhand einer einfachen Rechnung. Über Fußböden und Kanten und Wände die tagklare Einheit des Lichts, wie es fällt.

Dann, es ist der zweite Stock, ein Schlüssel im Schloss, die Tür ist geschlossen.

Ich weiß: es wird niemand da sein. Auch wenn ich es mir vorstelle, ich weiß:
Man hat den Müll – den Wertstoffmüll, um endlich präzise zu sein – mit hinausgenommen und auf die nächste Treppenstufe gestellt, damit man die Hände freihabe, die Tür zugezogen und den Schlüssel ins Schloss gesteckt. Gerade, als man abschließen wollte und kehrtwenden, kippte die Tüte; einige Verpackungen glitten über den Boden, etwas nasse Folie, nass vom Fleisch, das vorher darinlag, ein Joghurtbecher und vielleicht der dazugehörige Aluminium-deckel. Man flucht und räumt es zurück in die Tüte, eine Fingerspitze wird schmutzig, man reibt sie an der Tüte ab, außen, denkt ans Waschen und Staubputzen und diese ganzen Dinge, die sich permanent wiederholen und die man nicht bezwingen, denen man nicht entkommen kann, all diese Dinge, die das Leben bestimmen und immer wieder gemacht werden und immer wieder anfallen und deren Bewältigung so unvollkommen sein wird wie das erste Luftholen, wenn man aus porösen Träumen erwacht, das ständige Wäschewaschen also und das Abspülen, den Harrwuchs, den Schweiß.
Diesmal schnürt man die Tüte zu.
Und geht verärgert über die Umstände, die doch alles sind, was ist, und der Schlüssel schwebt alleine im Schloss; fast hört man die Stille, die von ihm ausgeht und seinen Körper Schliff an Schliff liegen wie etwas, was wirklich hatte sein sollen, ich weiß es:
Es eilte. Schon hat man die Kopfhörer im Ohr. Elektro. Dann durch den Bass der Nachbar, gerade, als man zusperren wollte, der Nachbar von oben, nicht gerade ein Freund aber auch kein Fremder, die Treppe hinunterstürzend. Ach, soundso. Kurzes Gespräch, nervös, da man weg muss, sich wenig kennt, die Kopfhörer baumeln um den Hals doch der Nachbar entledigt sich keines Kommentars ob der Musik, man hat ja den selben Weg, also los, ein Schulterklopfen, dann endlich los. Der Schlüsselbund mit Schlüsseln für Haustüre, Fahrradkeller und Fahrrad, Postfach und Vereinsraum – und im Schloss der Wohnungsschlüssel, ich weiß es, als habe ich zusehen dürfen:
Man stritt. Aufkommende Erkenntnis, dass dem mit Wein und lauer Absicht nicht beizukommen ist, das Körperliche ins Perverse gesteigert, um noch Sinne zerreißen zu spüren, und dass der Opel gekauft, nun endgültig gekauft war; wie lange hatte man es verzögert und verzögert und es schon nicht mehr gewollt und schon unlängst gewusst, dass der Kauf des Gemeinsamen diesen kaputten Irrtum nicht wird beheben können, den sie aneinander begingen in ihrer Annahme, für den anderen zu sein oder nirgends, die Rechnungen halbiert. Noch zögert man mit Namen, die einen Strich unter ihr Leben ergäben, die Haut und die Stunden der anderen, in denen man Sehnsucht in fremde Körper schob und dabei schwor, dass dies alles nur Lüge sei und eine abtreibende Sehnsucht, ebenso unreal in einem anderen Leben, wie es gewünscht wurde und in dem nichts von alledem galt, in einem anderen Leben also, als ob man so viele hätte, das durch die Namen erst vollbracht wäre: Anna, Fatima, Clarissa, Maggie mit den feuerfarbenen Haaren und den marmormatten Augen, und auf der anderen Seite Kai, an dem sie alles mochte außer seinen Namen und der jetzt nachhallte, immer nachhallen wird.
Absperren wollen, dann ein furchtbares Wort, der Puls im Hals, beide werden laut. Den Rest vergisst man. Und im Schloss der Schlüssel.

Also: Niemand wird da sein.

Er öffnet, es ist nicht zugesperrt, nimmt den Schlüssel ab und tritt ein.

Zug. Und wie jemand, der weiß, wo er hinmuss, bewegt er sich durch die Wohnung, ohne an irgendeiner Kante oder einem Tischbein anzuschlagen, nimmt die zweite Tür rechts, die offen steht, das Wohnzimmer mit leeren Wänden, da ist eine Tür zum Balkon und er schließt sie und der Zug stoppt.
Er setzt sich in einen Sessel, dann auf die Couch, steckt eine Zigarette an, denkt: was für eine durchschnittliche Wohnung. Hier wohnt ein Mann und die Frau, falls es sie gibt, kommt ab und zu und stellt den Müll in den Flur, aber so, dass er nicht umkippt, kratzt das Kerzenwachs vom Tisch, befriedigt ihn nach ihren besten Möglichkeiten. Aber da stehen keine Kerzen, im ganzen Wohnzimmer nicht, nicht auf dem Fensterbrett, ich sehe: keine Farbeinheit, ein zu kleiner Fernseher, kein Vorhang an den Fenstern und kein Schrank. Nur ein langes Regal, Bücher darauf. Der Sessel und die Couch, ich darinnen, zwei Tische. Magazine: Querpolitisch, alles Standard.
Dazu Tageszeitungen, gefaltet und sortiert auf einem Stapel und darauf etwas Asche, womöglich von mir, aber nirgends ein Aschenbecher, vielleicht irgendwo; streng marschiere ich in die Küche, eine Aufgabe, die baldige Aufklärung verlangt, als gälte es nun: dem Ganzen einen Sinn zu geben, ein klar abgestecktes Ziel, das vorkommt, sich finden und verwirklichen lässt, und ich klappe die Schranktüren auf, zuerst die kleinen, Tassen, Becher, Kannen, Espressomaschine, noch verpackt, Vasen und kleine Teller, dann die großen Türen, überwiegend große Teller, Schüsseln, eine Salatschleuder, wie sie Menschen haben, die gerne ihren Salat mit etwas Anderem schleudern als ihren Händen, obwohl man auch hier Gebrauch macht von seiner Muskelkraft, eine jetzt maschinelle Bewegung, die weitaus kräftezehrender ist als einfach mit der Hand abzuschleudern, ich schließe die Türen, kein Aschenbecher, wonach suche ich überhaupt?

Ich frage mich.

Auf den Ablagen kleine Pflanzen und ein Messerblock, eine Notiz. Unleserlich. Ein Schneidebrett. Eine Postkarte überm Becken, Spülen macht Freunde, ich drehe mich um, da sind Wasch- und Spülmaschine, es ärgert mich, ich nehme die Karte ab, Spülen macht Freunde, und weiß nicht wohin aber weiß wohl, dass es mich ärgert. Ich klebe sie zurück, sie hält nicht. Tesafilm, ich öffne die Schranktüren, erst die kleinen dann die großen, nur Teller und anderes Material darinnen, kein Tesafilm und noch immer kein Aschenbecher, vielleicht unter der Spüle, jetzt sind es schon zwei Sachen, die ich suche und nicht finden kann, vielleicht unter der Spüle, sehr wahrscheinlich sogar, irgendwo an kleinen Orten, Nischendinge, doch ich gehe zurück ins Wohnzimmer und rauche eine Zigarette auf der Couch, rauche langsam – Kopf im Nacken, die linke Hand auf der Lehne, die rechte zum Mund – und blase den Rauch an die Decke, so langsam, wie er sich eben auspusten lässt von einem Menschen, dem der Atem und der Herzschlag schlichtweg geregelt wird; keiner wird kommen, sie können es also gerne riechen, dass jemand hier war und nichts fand, keine Erklärung für sich und kein Tesafilm für eine Postkarte, die sich erübrigt; keinen Behälter für Asche.
Er lässt auf die Tageszeitungen rieseln, die Kippe von vorher. Dahinter eine graue Kladde, handgebunden, schlich und kühn, dünnes Papier wie aus China, eine Handschrift genau und winzig, nirgends sieht er einen Stift herumliegen, er geht in die Küche und öffnet alle Schubladen, die mit dem Besteck und den Gummis und den Taschentüchern und den Korken und findet ein Aluminium-blech, das er mitnimmt zu sich auf die Couch und als Aschenbecher benutzt, wahrlos öffnet er die Kladde – Unser Vermögen zu sprechen, zu lieben, zu hassen und die Welt um uns herum wahrzunehmen sowie unsere Erinnerungen, unsere Träume, ja sogar die Geschichte unserer Art sind entstanden aus dem Zusammenspiel vieler elektrischer Signale, die sich in unserem Gehirn ausbreiten wie ein Gewitter, das in einer Sommernacht über den Himmel fegt – weiter ascht er auf den Stapel Zeitungen, dann fällt ihm das Blech ein. Ich platziere es. Meine Gürtelschnalle ist lose, bald wird sie abfallen, der Gürtel – wird sich erübrigt haben.
Was habe ich noch nicht gesehen, das Bad. Ich gehe. Das Bad ist klein und schmal, so wie alle anderen Bäder in dieser Stadt, klein und schmal und immer kahl, eine Badewanne mit weißem Vorhang, kein Design, weiß, auf dem Waschbecken ein Becher mit zwei Zahnbürsten, ich fasse sie an und die eine ist rau und die andere ist weich, das Klo stinkt nicht nach Urin, ein Badvorleger, Melisse, Handtücher an Harken und zwei Körbe mit Utensilien an den Wänden. Ich pisse ins Waschbecken, es hat eine gute Höhe zum reinpissen, ich finde Seife im Korb und wasche das Becken, nachdem ich kräftig abspült habe, wasche mir die Hände und benutze eines der Handtücher, ganz steif und kratzig trocken, und stehe wieder im Flur, blicke in die Küche, woran ich nichts finden kann.

Ich rauche. Klopfe Asche auf die Dielen.

Und weiß: Mein Name ist so unaufgefordert wie mein Aufenthalt in diesem Flur, der Kranz des blauen Rauchs unter der Decke; was also, wenn sich Elektronen irren? Oder eines Tages verschwinden wie ein Auf-Dem-Herzen-Haben, das man zu lange ertragen hat? Gibt es eine Wiedergeburt des Fraglichen, zu dem also, was man sein möchte unter dem Vielen, das man ist?
Es könnte: er blickt in die Küche, das Küchenfenster hinaus in einen weißen Tag, außerhalb, und denkt, es könnte:

Wenn ich bin, so mag dies eine Tat sein, die ich voraussehen kann.

Einen Tag wählen. Eine Geschichte. Assimilieren also.

Ich suche nach Zigaretten so wie ich schon wieder nach Tesafilm suche und zuvor einen Aschenbecher suchte und die Erklärungen sind zu banal, zu simpel und unverbesserlich, als dass man sie wahrhaben wollte. Wenn ich gehe, ist das Elektrizität. Der Gedanke – Grundbaustein Nichts – lässt sich rausschneiden. Und es bleibt also schwierig – wenn man da sitzt und irgendwo hinstarrt um zu vergessen, was man sich vorher erfand, und wenn man erneut beginnt mit Vermutungen, die Wirklichkeit werden. Er ahnt es und tut wie eine Überraschung, als er sich auf der Couch wiederfindet – links die Lehne, rechts die Bewegung zum Mund. Obwohl er weiß, wie es endet, und obwohl er weiß, dass es natürlich so hatte sein wollen.

Und wenn jetzt ein Telefon klingelte?

Und wenn jetzt die Türe aufspringe?

Jetzt drückt er die Kippe aus, am Blech, und oben links hinter dem Fernseher, als habe man es in aller Öffentlichkeit an einer weißen Wand verstecken wollen, ein Rahmen und ein Gemälde von einem Mann, Öl auf –. Einfach ein strenges Gesicht, verschroben. Einfach ein Kopf vor rotbraunen Hintergrund, die Brauen buschig, fest die Nase, kernig und wachsend die Stirn.
Kein Glanz um die Augen, die saftlosen Lippen, und das Kinn hängt am Ganzen wie zufällig; einfach ein Kopf, bartlos. Ein Selbstportrait.
Schiefe Aussage, die als Beweis taugt: einfach ein Bild mit einem Kopf
(er wiederholt es sich), den es einmal zu malen galt, nicht vor einem Spiegel sondern aus wunschlosen Erinnerungen, die die Zeit verdreht haben mag, angepasst, wie so häufig an das rein Vorstellbare, ein quasi Absolutes, und nicht ohne Bagatelle zu sein; die unmerklichen Ohren, der allmählich krumme Blick, ein Wirbel im Haar, dürr, erschreckt. Kein Glanz um die Augen und niemand der ihm beistand, das ganze Vorhaben nicht zu beenden, niemand, der jetzt behaupten könnte, dass er da säße, wo er sitzt, auf der Couch und – wie er sich gedacht, erinnert hat – im Mundwinkel den Geschmack von Nelken und Kraut, wie er dasitzt: und nach Magazinen greift.

Ich reibe mir die Stirn. Schwitze. Wieder so eine Sache.

Wie er da sitzt, seine Kippe ausdrückt und ein Magazin aufhebt, sieht er den Balkon.

Wie heißt die Stadt? Berlin, richtig. Er stößt das Fenster auf und sieht das Maybachufer, Trauerweiden silbern im gemächlichen Wind, den Kanal, letztens hatten ein paar Türken ein altes Bettgestell dort hineingeworfen und gelacht, gerade dort vom Kopf der Brücke, wo jetzt ein Mann, zu warm gekleidet für den Frühling, steht und raucht, sein Gesicht verdunkelt, Qualm steigt über seine Stirn, kaum sichtbar, dahinter mehr Menschen ohne Zigaretten, auf der anderen Seite die Bäckerei, die Fußballkneipe, davor fettgrüne Blätter, Maybachufer, das Wasser zu lahm und zu warm für Geräusche. Oder doch nur Wasser, irgendwo auf der Welt, an das man sich erinnert, ein Ufer voller Bäume, wer gibt ihnen Namen, verdienen sie überhaupt Namen, wer sagt, das sie am Kanal stehen und wer nimmt Maybachufer in den Mund, wo er doch irgendein Wasser und irgendein Ufer meint, das zu jeder Zeit existiert haben mag, ein Punkt, den man anfügt und fortnimmt wie es einem passt, einen Betonkanal, Firlefanz und tausende Mücken überm Dunkelgrün. Zu dreckig, um darin zu baden.
Ein Ufer, gewiss, vielleicht sogar Wasser, aber wo! Vielleicht haben wir uns schon einmal gesehen, vielleicht sind wir zu Synapsen verschmolzen und tauschten Gepflogenheiten, klitschige Händedrücke oder ein nettes Wort oder die Frau; der Mann wirft seine Kippe von der Brücke, greift in seine Innentasche, öffnet eine Schachtel und hustet still in den Wind, den lahmen, nicht in die Hand, er zündet eine Zigarette und raucht und zieht in die Lunge; Qualm steigt über seine Stirn, steht in Kreisen unter der Zimmerdecke, ich lehne mich aus dem Fenster und sehe den ersten Löwenzahn unten, wie er losbricht und das Wasser im Kanal. Vielleicht kennen wir uns. Berlin? – Sicher bin ich mir nicht.

Im Flur eine Stereoanlage, warum im Flur, CDs in Stapeln daneben, ein alter Drucker, wahrscheinlich kaputt, ich blicke in die Küche, zur Haustür – will er gerade gehen? Müsste ich nichts hinterlassen als Zeichen, dass ich da war und auf der Couch rauchte und den Arm wie von alleine auf die weinrote Lehne legte, die Kippen auf den Dielen ausdrückte und eine Postkarte von der Küchenwand riss, und dass ich nach Anhaltspunkten suchte und immer wieder auf der Couch saß, nie im Sessel, wie jemand, der absolut grundlos gekommen war und sich nichts daraus machte, ebenso grundlos wieder zu verschwinden und ohne Hoffnung, wiederzukommen.
Keine neue Notiz in der Kladde, kein Eintrag mehr von Irgendwem, der in den Schubladen wühlte und die Balkontür schloss, weil es zog …

Und neben der Küche das Schlafzimmer, ich trete hinein, die Tür, die sich mit einem leichten Ruck aufstoßen lässt, war nur angelehnt, ein Telefon auf dem Boden (vielleicht höre ich den Anrufbeantworter ab) ein Laptop, einen Schrank und kein Bett, auch keine Matratze, ein riesiger Spiegel, eingefasst in der Schranktür.
Er prüft seinen Blick darinnen, sein Hemd, ob es sitzt, seine Hose, ob sie sitzt, sein Lachen, das schief wird. So könne er nicht gehen.
Im Kleiderschrank findet er einen anderen Gürtel, er besitzt nicht viele Gürtel aber genug, um sie dann und wann zu wechseln, er zieht einen neuen durch die Schleifen ein und legt den alten an seinen Platz, dass er wiederauffindbar sei, falls er noch einmal zurückkäme. Er schaut sich an und findet, es ertrage sich nicht.

Er greift seinen Hut.

Im Spiegel noch immer sein Gesicht, nun mit Hut und neuem Gürtel um die Hose; ich höre Geräusche von der Straße, aber vermutlich ist es nichts. Zurufe zweier Freunde, eine Hupe, die die Stadt durchbricht, ein Hundebellen, ein Flötist – man muss es nicht wissen.
Ich stoße mich an der Stereoanlage und greife die Klinke, biege das Lachen zurecht.
Draußen ist eine Welt. Dann geht er los.

Eine Antwort zu „Gleichgewichtsorgan“

  1. Arron Sagt:

    Incredible. dennisfreischlad.com is great.


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