Kirschblüten am Weg
30. Juni 2008
Wir meinten Granaten zu sehen
den Stamm des Apfels zerspringen
am Goldfischteich
und wir horchten nach Implosionen
weder Homogenität noch Spezifikation
und fingen die Frucht
dass es schepperte.
Falls noch wer nachkommt:
Soll er uns suchen im nackten Gras
wo wir Blaulichtlieder tauschten
und der Bärlauch plötzlich blühte
kurz war und feurig
wie der Wurf mit wummen Waffen.
Wir meinten, dass wir Blindgang seien
und schenkten unser Grün den Bohnen.
Unsre Sprengkraft reichte reichte
und ging, den Frühling nass zu taufen.
Als ob wir es immer gewusst hätten -
am Ende werden es doch noch
Flügel summender Körper.
Tag Eins
30. Juni 2008
Die Sonne blendet ihre ersten Richtstrahlen und ich weiß, dass dies Osten sein muss. Ein anderes Land. Wie Schatten zäh, und dann, schließlich, ganz vernichtet werden. Farben wechseln diesen Ort, zersetzen ihn, alles sät aus, holt ein. Vielleicht ankommen, hier.
Ich lege mich in einen windstillen Flecken und schlafe. Ringsrum singt die Weite die Lieder meines Traumes, der wie der Tag hell war, und lang. Das Erwachen kein Erwachen. Nur der Raum ändert sich, verknappt. Leicht erhebe ich mich, Staub abzuschlagen von den Kleidern. Gerade noch die Sonne. Wieder wachsen die Schatten, das Anorganische. Gewand einer neuen Geburt, einer Tagesstätte, um die sich die Nacht und ein neuer Tag inwendig schließen.
Ich scheisse. Dann pisse ich neben meinen dünnpfiffigen Haufen, auf welchem schon die erste Fliege sitzt. Kurz weiter onaniere ich. Geräuschlos schmiegt sich meine Ladung über den ausgetretenen Kies; kein Jubel, kein Erreichen. Mit dem Finger vermische ich.
Als ich kam, schwand der letzte Sonnenmantel von der Erde. Nur das Ostgebirge bleibt rötlich beleuchtet und wartet auf die Gegner der Nacht.
Mein Erguss kühlt. Derart entleert und hingegeben begreife ich mich als bemächtigt, hierzubleiben. Nackt laufe ich umher. Gehe meine Wege, die keine sind: Ausstriche nur, und ich trinke den Vormittag.
Im Boden einige dörre Bäumchen und Sträucher, Büschel, kantig in der Ferne das Zickzack von Hügelkrusten, Sperrzacken, die sich durch die untergehende Sonne scharf absetzen vom Kolorit des Abends; in dieser Stunde, im Vakuum des Lichtüberganges, liegt alles wie betäubt, matt, und wie gestaltet, um darin zu leben, zu überleben – um darin sich lösen zu dürfen. Kein Ende umsetzt diese Wohnung, kein Beginn dieses Seeruders. Ausgeblasen und zur Unendlichkeit vergrößert sitzt alles Dasein, hockt die Szenerie. In den Ecken geht alles weiter. Scharf. Dann wieder dunkel, schaukelnd, aus den Stürmen genommen.
Nicht weit liegen meine Sachen. Eine Decke für die Nacht, Wollmütze, etwas Wasser, ein Buch. Ein zwei vier Seiten lese ich, als ich zwischen zerkloppten Steinen sitze, ich frage mich, wer die Zahlen erfand, den Wortlaut. Warum trägt man ein solches Buch in die Wüste? Noch eine Seite, die von weit her klingt, dann werfe ich das flatterige Buch in die Arme der Steppe. Hole es zurück. Stecke es quer in meine Scheisse. Alles für sie. Das Panorama meiner Hingabe, kräftig, ehrlich. Ich, Ausgezogener, der Wind hebt…
Hockend betrachte ich, was ich kreiere. Habe Gefühle. All das bin ich gewesen, dies der entblößte Rest Mensch. Und noch spüre ich Knochen, die Finger meines Antlitzes, den dumpfen Schmerz, der leise sticht über die Nervenbahnen, hinziehend wandernd noch drinnen ist, bei mir.
Auch das Ostgebirge ist nun kalt. Graubraune Masse, an deren Rändern ich die Rinnsale der Zeit herabfließen sehe. Ich denke an ein Wort: Ökonomisch. Frage mich, was das zur Sache tut; der Himmel geht auf, Licht durchdringt, gilbt, wendet sich zwischen den Steinseiten, den Falten der Erde, spiegelt sich in den Erinnerungen des Tages, ist das lange stramme Gesicht mit den hinter dem Horizont erloschenen Augblitzen.
Ich laufe umher, achte nicht auf den Weg, verletzte mir, in einer unvorsichtigen Spalte, den Fuß. Schaue an mir herab wie wenn man einen Wald durchläuft, mein Sehen tötet. Die Haare die Pigmente der eilige Schritt, wenn das Denken will. Mit etwas Gewalt quillt Blut aus der Wunde. Leerdrücken, alles raus lassen muss ich.
Längst wieder angezogen, den es war empfindlich kalt geworden, ist alles weiss. Der Mond, welcher in sieben Tagen voll sein wird.
Bald Tag und Wärme, ich ziehe mich aus, komme rum. Wie ich mich wieder anziehen will, merke ich, dass die Kleider ordentlich zusammenliegen. Wütend schmeiße ich sie weg, weg in den Staub, das blasse Erdgesicht, weg, wo sie nun in Unordnung liegen und nichts sind alleine, dann sammle ich sie auf, ziehe sie an, wieder an.
Der Blick, ein unruhiges Tier, geht langsam umher, später unter. Lange elastische Dämmerung, biegsam wie die menschliche Seele, huscht die Steppe entlang, weitet sie, klingt lange nach. Ich, meine Person, Überwurf, gegen eine Felswand gelehnt, gereinigt und nur das Kühl des Rücken vom Schattenversteck des großen Steines. Dort warte ich und zähle. Zuerst Sekunden, dann Minuten, später Zeitbrocken.
(Und als diese nicht mehr zu erkennen sind: die Sterntruppen, lau abwerfend Scharen von Lichtzentren, die allmählich aus dem Himmelsdunkel glutstrandig herabtauchen und behutsam, weil weit fort, den Fels vorglimmen.)
Ist dies schon Nacht? Noch ein wenig hell über der Berghaube. Diese benötigt lange, am längsten. Ist noch lange da. Noch immer. Ich laufe los in ihren Turm, die erhöhte Geselligkeit, und als sie verschwindet gehe ich alle Richtungen, über den ersten Tau, den Frostboden und seine eisige Zunge, Namen des Winters vorsprechend, obwohl der Sommer dicke, mit Mittagssonne und allem, getischt hat, vorgefallen ist mit den Keimen des Frühlings, der sich nähert, scheu noch, rosenblütrig – den Knospen ist kein Herbst mittelbar. Alle Richtungen laufe ich ab, bleibe hier und da stehen um zu schauen, wie sich alles entwickelt, wie sich, gehörig und fromm, alles ins Dunkle banalisiert.
Schon wird es voller. Mikroskop der Erde, an den Hügeln kappt ein Gedanke. Ich scheisse und pisse weitere Male, spucke, rotze. Trete aus. Quetsche weiter Blut. Versuch der Onanie, als noch sechs Tage den Mond werden füllen müssen;
es mag nichts kommen. Schlaff und rübig hängt er unbemüht. Das Werk des Mannes: ein trockener Jammer, klammes Garnichts. Es macht mir nichts. Der Mond wird voll sein in sechs Tagen, in sechs Tagen wird der Mond voll sein.
Wie heißt dieser Sonnengott – Keine Sonne seit Tagen, oder waren das Jahre? Mitunter ist der Tag stumm, grätig, kommt nicht. So also, in einer Nacht, die alles sehend machen musste, stieg ich abermals in ein Loch und verletzte den Fuß, wieder diesen Fuß, als ich den Blick zu hoch gen Himmel nahm und schräg hinfiel. Nun humple ich. Ziehe den Fuß nach.
Dem Schmerz entnehme ich Dank; er legt sich flach aus, bauchlängs, und die Steppe gießt nach mit kräftigen Hieben. An der Felswand, die vor Wind schützt, vor welchem ich keinen Schutz suche, schlafe ich, bin ich wieder weg einen Traum einen Lidstoß lang. Bares Erwachen (wieder), dem sich völliges Unverständnis kurzatmig anschließt.
Der Tanz zwischen den Abgründen, wildes Gedankengepolter, lebendig sein, schlafend sein und unvorhanden, ausgezogen verflochten in Leere und ummantelt mit der Erden ewiger Vorsehung, ein Windkreisel in der Ferne, ich laufe laufe einfach drauf los, der kaputte Fuß schwer hinterher, wieder biegt mich Nacht und Traum. Durch die Welten – die Sturzbäche der Dialektik – wachse ich mit dem Feuer des Tieres, der Gabe Mensch, ein Funken Göttliches zwischen meinen Venenkanal, dem Flügelschlag meiner Sprache, der Pädagogik des Gehirn, Masse aus meiner Absicht. Bis alles verkommt.
In mir: Gezeiten und entfernte Ursprünge, die Sehnsucht von Jahrtausenden, Meere, die einst diese Landschaft mit schnellen Wassern bebaute. Leere Flußbette nun, etliche. Ständig durchlaufe ich Gräben und Wasserrelikte, das genommene Gestern.
Nicht Sand Stein und Trockenheit regieren die Wüste, sondern Wind. Etwas, eine Chemie. Überall hat er Fels geschnitten, Dünen aufgetragen, sich in lange Winkel gesetzt, heimisch gemacht im Bauch, im Leib der von ihm umwilderten Form, inkarnierte Geometrie, alles evident, alles Beweiß weiterer Bilanzen, Zahlen.
(Nein, Wind darf er nicht heißen…)Skulpturen und Höfe mit glattem Strich gemeißelt. Ein wenig noch bleibe ich, endlich aufgewacht, hier, und sehe einfach herein. Zurück an meiner Felswand versuche ich, zu erbrechen.
Aber kein Essen. Alles leer alles raus. Hektisch kratze ich Kruste von meiner Wunde. Wie naher Mond fließt neues, dickes Blut, nimmt sich langsam den gefallenen Staub der Sterne.
Mein Unterschlupf, ja, die Felsenwand, kurz von einer unruhigen, schwer- geformten Klippe überhangen, ist schön. Fuß eines etwa 60 Meter hohen Steinberges (man hat ihm einen Namen gegeben, den ich nicht ausspreche), der still starr schon immer fast immer steht und um welchen sich der Wind mit seinen kräftigen Stromschnellen legt, am Platze hält. Stets beschützend, klein, angenehm. 60 Meter! Sagte ich dies nicht gerade?! Ich ohrfeige mich. Nehme ihm die Höhe, streiche seine Zahl und sein Metrum und stelle ihn, hoch, den hohen Berg, der schon immer fast immer dort steht, zurück, so wie er stand noch vor dem Menschen. Schielender Reflex, die böse Tat. Leer werden, leer…
Ich überlebe. Nummeriere, wenn wenig hinzugegeben wird, teichflache Gegenwarten über das ferne Plateau auf. Nimm die Vögel mit, die kleine Maus, eine Schlange und die Fliegen, die sich über meine Auswürfe hermachen. Schon ist der Kot schwarz, fasrig trocken.
Unter dieser Schicht: Würmer. Kleine Raupen, Geschosse. Leben. Einfach so, bis das Essen fort, der Atem voll genossen ist. Bei keinem Namen nenne ich die Dinge; es sind Substitutionen, eine neue Totalität. Das reine Gewissen. Keine Neuronen, kein An- oder Ausbau, unexistent der morgige Kram, all das. Flüssiges Wissen, Gas, und weg.
Das Dämmerlicht bricht ist wieder leicht verschoben, noch schwachrot geschlossen. Aufgehoben und übersetzt wo hier, und dort vorne, der Sonnenteppich flüchtig schmal wird.
Dünnes Bewusstsein. Oft glaube ich, wirr zu werden. Doch finde ich, auch nach Nächten, die wie zähe Wasser sind, wieder zu meinem Unterschlupf.
Neulich verwechselte ich die Riffe der fernen Hügelbahnen mit den bogenlampig zustoßenden Wolken des Südens. Aber nur, so sage ich mir jetzt (gutmütig, gewiss!), da der Mondschein, die Fackel der Dunkelheit, von wolligen Wolkengurten verhindert, abgedämpft wurde. Sonst bin ich normal. Auch wenn beim Scheissen nichts mehr kommen will. Dafür beginne ich, meinen Urin in einer alten Blechdose, die ich in der Ferne fand und auflas, zu sammeln und diese Büchse, wann immer sie halb gefüllt ist, zur Reinigung meiner Körperausgänge zu verwenden. Ohren Nase Mund Augen Penis Anus; die Wunde, die ich permanent aufreibe und heilen lasse: selbst bei langen Wanderungen kommt die Blechbüchse mit. Ab und an schlage ich auf ihr einen Ton. Versuch, meine Nägel auszureißen, der misslingt – zu sehr will alles bleiben.
Dann geht mir Wasser aus, doch kommt mir das gelegen. So kann ich Zeit sparen. Mich beeilen, vollzuwerden. Rascher bei Ziel sein. Nah, möglichst.
Mit einem langen, schweren Stein ritze ich Zeichen und Landvermerke, Geometrien in meine Felswand. Auch Zahlen, einfache Striche, die ich später zu rudimentären Skizzen ausarbeite. Niemals ritze ich Buchstaben, zeichne ich Wort. Dann singe ich in einer Sprache, die ich nicht kenne, die womöglich keine ist.
Im Rücken: Ausläufer der Tagesorgane, wie Luft noch einmal – bevor sie zu Farbe wird – leicht aufatmet. Keine Klarheit, warum es überhaupt Wandel gibt, warum nicht alles schlichtweg dasteht, ohne das es Hoch oder Tief oder Licht oder Dunkel genannt werden kann. Heftig beiße ich auf meine Zunge, spucke Blut über die Wand über meine Füße. Wahrscheinlich bin ich hier – um Köperverzicht bemüht – zum ersten Male nicht einsam.
Weit hole ich aus, gehe ich, dann bin ich zurück und schlafe, begierig angelehnt, einfach ein und durch drei vier volle Tage, halbherzige Minuten. Untersuche die neue Haut des Werdens. Wie ich erwache schleicht ein Wüstenfuchs um meine Sachen. An der Mütze riecht er. Sieht mich und rennt davon. Ich hinterher, bis ich außer Atem bin und der Fuchs verschwunden, der Fuß taub vor Schmerz.
Welch seltsames Glück; verlieren, was man nie besaß. Nur noch Schatten der Erinnerung, dicht wie das eigne Sein. Eiserner Hammer der pochende Fuß, dessen Gicht bis in die Adern meiner Schläfen heraufweht. Starkes Ufer, von Schmerz besetzt, geschliffen von straffen Metallen. Das Ding von rotem Staub. Ein Kreis aus tonfarbenen Steinen, den ich markiere, in den ich lege den Fuß. Er ruht, und ich schaue ins wohlgeformte Gebilde, meine Schöpfung. Körperteil und Steinkreis. Ich murmele, stottere. Irgendwas. Ahne nur langsam, bin unsicher. Zerlumpte Gedankenspiele, Fesseln einer entmaterialisierten Gewalt, die sagt ja, die sagt nein, die sagt: vielleicht.
Schließlich merke ich, wie ich meinem Fuß huldige. Der schwache, so geschwollen gemarterte. Märtyrer nenne ich ihn, werfe eine Handvoll Staub, lobpreise, vollziehe. Wie ein Pfahl steht er, die Zehen gereckt, inmitten des Kreises, den ich erst gezogen: Abkömmling, den ich erschuf. Kurze buschige Haare, mit der Farbe der Landschaft. Einige Verse, sogar einen Reim sage ich auf. Schon sieht er verlassen und unbewohnt aus. Das einzige, was ihn noch in mir erhält, ist Erinnerung. Den anderen Fuß, den anderen Bestand, massiere ich mir. Hart ist die Sohle, stechend und drückend kommt nichts. Das bin ich. Schmerz, kein Gefühl, Leder, blinzelndes Erdenende. Womöglich heilt mich der Abend, womöglich der skandalöse Morgen, aus welchem die Tage brechen, Morgen, und ich schlafe in diesen Rachen bis ich ersticke an Licht.
Wieder Wechsel und Farbenspiel. Flankiert von abtrünnigen Gestalten: aus den Feldern der trockenen Einheiten fließt noch des Abends zittrige Stimme zu den ehemaligen Flussläufen und verdickt dort, wurzelt, treibt aus zu neuen Nächten Monaten Epochen.
Unendliche Geschlossenheit, der Garn der Zeit, voll aufgewebt. Indem sich der Vorhang der Morgendämmerung mit weiten Scheunen lichtklar öffnet, schwebt die Hitze aus der südlichen Flimmerweite hoch über diese Stunden. Schließt sich ebenmündig an. Eine Salbe Schweiß, ein Schuss Salz.
Hinterrücks verschmilzt, was zusammengehört; kaskadenhaft tropfen ovale Perlen aus meinem Körper, von der Klippe des Gebirges, den Lippen der Öde, Gang des Felsens. Später, mannigfaltig umstellt, immer wieder Abendrot in seiner bedauernswerten Kürze.
Ich gehe, weil ich mehr finden will. Suche Töne, ausgespuckt und dagelassen von dem, was ich sehe, aus dem, was die Wüste (die volle, aststarke Wüste!) ausscharrt und unter Lichtaugen zahlreich vermehrt, schlicht überreicht. Überall hinmissioniert. Ich biedere mich an. Fordere wohlwollen. Proklamiere. Möchte, einst verloren, aufgenommen werden. Nochmals erreicht sein, bekannt. Ganz.
Schneide mir den Finger, überkreuz mit dem kaputtem Fuß, mit der Blechbüchse ein. Schmiere das Blut auf einige Wege einige Steinbäche, Urahnen. Doch es kommt nur wenig geflossen. Einen langen, krummen Schnitt kerbe ich in die Unterseite meines Oberarmes (vielleicht der linke, vielleicht der rechte). Sobald ist der Saft quellrot und schneller. Furchtbar hektisch reibe ich Dreck und Staub, kleine Steinchen in die brodelnde Wunde.
Rein, raus, ich weiß es nicht mehr! Bin wirr, ja! Kruste nun, die ich erneut erneut aufkratze, wegbeiße, mit Pisse aus der Büchse einweichen lasse. Zu sehr bin ich mit mir selbst beschäftigt, dass ich nicht auf den Fuchs achte, der womöglich zurückgekommen ist oder in der Ferne umherstreunt.
Aus dem oberen Kanal bläst der Wind nun finsterer durchs gespreizte Tal. Ich hinke umher, bald irr, bald wieder zum Felsen gelangend. Pünktlich. Es wird Abend. Ein niedriger Sarg, den die Wucht der Luft abstellt, dann Nacht. Sterne, punktgenau und sonst großzügig über den Balg des Himmels geworfen, die so ferne stehen, nicht mehr sind und doch so viel Ewigkeit versprechen: weniger klar bei wachsendem Mondkranz. Dafür viel Flur, brandende Stromwerke, und wo kein Wasser mehr läuft ergießt sich der blaue Wall, heftiger, behutsam versprechend. Kalt ist es. Der Leib erschlagen, eingewilligt, karg. Trinkwasser ist aus. Freude, wenn ich nun weinen kann und die Tränen in der Büchse sammel…
Dergestalt wenig bin ich. Meine alte Scheisse wird immer kleiner; kaum, das man Feuer machen könnte. Fast ist nichts mehr da. Suchend beuge ich mich, stochere. Samen, Flüssigkeit, Essensreste, abstruses Mental: Schon lange nicht mehr. Nix. Warum auch?
Einfach und monoton gehen die Wesen zugrunde, sterben die Dinge im reißenden Gefieder ihres Daseins und kommen woanders an. Große Sandterrassen durchqueren, hohe Sphären erobern sie. Mitunter gewöhnlich, da klar ist, was geschieht. Sie kloppen Höhlen aus Tatbestand. Diskutieren untereinander nicht. Ihnen ist das egal. Und weil niemand denkt außer dem Menschen, weil niemand zählt behält und weil niemand sortiert und abtrennt außer dem Menschen, löst sich alles blütenhaft – von Reife und Herbst genommen – von einem zum anderen, ohne Namen zu verlieren. Arkaden voller Annahme, voller Gewissheit. Treue. Durch meinen Leib gespalten schon der sichere Untergang. Stets herausgezögert. Der erwartete Rausch, die Gegenwart, welche ich nie habe retten können.
Sehnsucht. Ein Wort, dass ich langsam vergesse. Erinnerungslos wäre ich?…
Aufraffen. Wieder gehe ich los. Der Fuß, ich benutze ihn wie einen brennenden Stecken. Diesen Körperbau wie den Rohbau des Lichtes. Das nicht zu erkennende Ende der Prärie, des farbenblumigen Spektakels glückseliger Zeuge: bin ich. Niemals sehe ich nichts, nie ist es leer, was ist. So liege ruhe ich kaum. Sondern mache mich durchs Land (Vielleicht sehe ich einen, den Fuchs wieder!). Nur der Laut meiner Schritte ist vernehmbar. Doch ich wünschte, man hörte ihn nicht. Auch weiß ich, dass der Bauch atmet, die Lunge atmet, Saft atmet, der Mund gierig schnappt. Dass Venen pumpen, systolischer Regen ausbricht und nirgendwo endet. Selbst den Wind vermag ich zu hören, kann ihn ablesen vom Gewusel der Erde. Wie er sich hier und dort einlegt, verändert, umsetzt. Den Urin alkalisiert. Der Mond brennt ein weißes Loch in die derbe Nacht. Sein Glanz färbt tropfenartig ab. Schon bin ich See, empfangendes Gewässer. Aus der Büchse reiße ich mir einen scharfen Zacken, ein rostiges Ende heraus und beginne, die Ohren einzuschneiden. Beide. Nie wieder links und rechts sein. Nie wieder wählen. Blut im Gehörgang, bis es gerinnt, fibrinös krustet. Alles gedämpft, nur der Schmerz drinnen wie draußen, heulende Bestie. Ich falle hin und erschrecke gerade noch. Eisern bleibe ich hocken.
Das schafft Wüste: mit sehr wenig alles sein. Zwei Drei Dinge, nüchtern, die voller Überzeugung sind, denen nichts anbei gestellt werden kann. Klares Wissen. Nichts unnötig. Alle Farben finden sich, wenn ausharrend und richtig der Blick ist. Versteckt zuerst, dann herrisch hervorgaffend und mit herkulesschen Schwerte, flink gezückt aus dem Schaft der blauen Dunkelheit. Sonne, Feuer, gnadenloser Akt – keinen Schatten werfe ich.
Alles senkrecht. Um mich herum ziehe ich einen Kreis, lege allerlei Gestein auf die Bahn. Bereit. Vollmond in fünf Tagen. Der Sonnenuntergang klemmt: altes Schloss, welches nicht schließt. Noch immer Gelb; Zirkel, Allerweltsgeographie der Schein der Sonne. Zuerst trifft sie die Krone dieses Dingsda, dieses Gebirges, der Lavaküste aus reinem Erdmetall.
Fortan reißt sie alles hinweg mit sich. Wird Spektral. Ist Treppe, die den Abend hinunter führt, herauf, lange abtritt. Unmaskiert, zwischen dem Bau des Tages und der Wiege der Nacht, von Weis wird alles Rot wird alles Gelb wird alles multipliziert. Stundenlang reist dieser Schatten umher, macht die Nacht nicht kommen. Still ist es und es wird noch stiller. Ausgefahrene Hand, alles offenhaltend. Wie Honigmasse: Geruch Spezies Gewölb, das durch Welten zieht, Äonen verbrennt. Ich bin, glaube ich, dieses Schauspiel, dieser aufgetrennte Faden am Firmament, sich abseilend und aufgliedernd, dieser Faden, der ungerafft hängt und zerwirbelt und von allem beschaut wird. Ausgekundschaftet und Lebenswidrig. Ich bin dies Loch des Kreises, dies architektonische Innern, bin Schmerz und inmitten von Zukunft und Vergangenem weit klaffend. Ich schließe die Augen, öffne sie. Die Seele des Augenblickes ist ohne Netzhaut, ohne Neuronenblitze: ohne Becher.
Krug, ja, den ich schlicht platziere. Ich stelle mich auf. Die Unterschiede sinken. Vergehen im Bett der Geschichte. Das Soll meiner Bewegung (mehr Steinchen und Runen lege ich auf die von mir gezogene Bahn). Ich, in zwei Kreisen. Der Erde und des Lebens. Wieder falle ich, mit dem Gesicht nach unten, so dass ich Staub und Ähre, die Asche der Verwandlung schmecke. Auch das Wasser, welches hier einst floss. Noch sehe ich die Ausläufer des Tages und den Mond (der in vier Tagen seine Fülle erhält) sich hinbiegend in quadratische Dunkelheit.
Plötzlich Meer. Ich weiß nicht, ob ich noch denke, oder ob das schon weniger ist.
Und wie ich stumm daliege, ausgegossen und von Menschengestalt zerpflückt, höre ich Atem meinen Atem zum ersten Male die ganze Unendlichkeit meinen Brustkorb heben, den ich sogleich verliere und abstreife wie Schlangenhaut. Nicht außerhalb spüre ich die Luft ihre Messer wetzen und lege mich aus in der spitzen Umgebung.
Über die Felder spanne ich meine Gesichter trage ich Spiel und vogelgleiche Annäherung, wabig Heime erschließend. Das Licht der Sonne das Licht des Mondes ist, noch mehr Klarheit, welche die Gestirne einschließt in dieses gewaltige Hell und immer diese Strahlen, die mich durchdringen, mich aufnehmen nicht mehr sein lassen denn was ist außer Dir?
Das Gedächtnis verschwindet und schafft Platz für Erinnerung, das Mosaik der Suche ein immer fester Ort in den ich lachend laufe den ich umarme ohne Körpersein. Mit dem Anschlag des Morgens gehe auch endlich ich.
Das Bersten der imaginären Landschaft als Mythos, als immerklare Erzählung meiner Seele, aber Seele, das ist nicht.
Himmel sehe ich und Sterne darinnen sehe ich einen Fuchs erkenne ich zwischen dem Hier und Jetzt meines Wachens eine Gestalt sich alsbald verlaufend und die die Fangarme der Wildnis, die nun überall ist, zügig einfängt vorn anstellt an Augenblicke und asketisch vermessene Dichtung diktiert. Keine Worte aber füllt dieses Blatt mehr, Poesie aus Zeit und ihrem einzigen Moment. Im Kreis in zwei Kreisen liege ich und atme noch und alles atmet mit mir, kurz bewege ich mich mit den Beinen des Felsens und den Füßen des Nachmittages, sehe die Adern der Vorstellung spreche mit der Hitze Zungen lasse mich fallen und falle hinauf. Erstmalig sehe ich das Gebirge im Osten, wie es aus der Welt genommen wird und das sperrige Licht prescht über die Urlandschaft den archaischen Ansatz und die liebliche Steppe spielt ein Lied spielt ein Lied spielt spielt so dass alle und vielleicht auch niemand es hört und ich sehe den Geier tanzen die barracke Weite Rhythmus schlagen. Wir treffen uns und verlegen Linien, die wir einst zogen, verstauen Körper die wir einst besaßen denen wir Namen gaben.
Mond, der immer voll ist.
Uferlos breche ich entzwei und nehme alles an. Licht den Abgang des Schmerzes den Tau dieser Erfahrung und das märchenweite Erobern. Mit der Hand des Vollkommenen schließe ich Lebenswege mit den Ohren der Gegenwart höre ich sie flüstern wie noch nie laut wie noch nie. Und sobald ich kann stehe ich auf mit den Schultern des Neugeborenen den Botschaften einer ewigen Nachricht, falle in den Staub der Erde wo ich zersplittre wo die Anfänge enden wo ich die Perlen nicht wieder zusammenlese und tief hinabschaue zum bereits bekannten Erdenkontakt, Waage und das Feuer der Freude.
Endlich ausgeschüttet, Stein geworden.
Gewaltlos durch das Material
25. Juni 2008
Wenn den Kacheln Flügeln wachsen
Zement über den Meeren tanzt
Wenn man in qualmverseuchten Gruben
Göttliches in Schwarzgrau stanzt
Wenn im Plastik Zauber wohnt
und das Schicksal jener Industrie
endlich Safran wird und Segen
und der Ruß dann noch Magie:
Nonviolence looks very nice
hatte der Dalai Lama gesagt
und Salpeter noch und nöcher
übers Brandenburger Tor gespannt
die Sonne entzündet
mit Motorenöl
mit Rost.
Saft und Zeit
25. Juni 2008
Als ich aufwachte lag sie nicht schlafend und weich neben mir, in reichweite eines Armes, sondern saß an der Bettkante, angezogen und mit Kaffee, und sah mich an mit wachen braunen Augen, die Sonne fiel in etlichen Quadern in das Zimmer und ich hatte das Gefühl, etwas Bedeutungsvolles verpasst zu haben, ein Stück Leben und Dasein, das aus der Erinnerung des Morgen entfernt wurde und nicht wieder einzusetzen war. Sie war wach und ich war es nicht, ich stank aus dem Mund und spürte den klebrigen Schlaf am ganzen Körper, hatte bereits verloren gegen die Zeit und das lebendige Licht in den niedrigen Ecken des Raumes, und sie roch nach sonnenschweren Bohnen und nach blauem Wasser, Kraft rann durch ihren Blick und sie hielt ihre warme Hand an meinen Knöchel und fragte, Kaffee, und ich wusste, sogar von der Espressomaschine bin ich überrumpelt worden, sogar von Gas, und ich sagte, ja, Kaffee, und wartete, bis sie in der Küche verschwunden war, richtete mich auf, kippte das Fenster; steif und ohnmächtig fror ich und bekam den Kaffee überreicht, wie einen Orden, eine Absolution, dass ich es endlich doch noch geschafft hatte in den unausweichlichen Wahn des Tages.
Ich duschte, und währenddessen war das Schlafzimmer verwandelt worden in einen nackten und ortslosen Raum, einen weißen Magneten, der jeglichen Schmutz anzog und verdaute, kein Mensch war je hier gealtert, nicht eine Minute wurde der Ewigkeit geschenkt, niemand hatte jemals zwischen diesen weiten Wänden das Leben verschlafen mit pelzigem Atem und dem beizenden Duft des Schweißes, des fleischvollen Körpers, voller Vergessen und Mond.
Ich ging über die abgezogenen Dielen und deren weißes Licht, das ständig in ungewisse Rasterpunkte zerfiel, so, wie man über Wasser gehen würde. Im Spiegel betrachtete ich meine trockene Haut, die der Winter verwitterte, und ich schmierte mich ein mit ihren Cremes, zog frische Klamotten an, putze den Belag von den Zähnen, löschte die Kaffeebohnenfahnen und gab ihr einen Kuss, als sie schon in der Tür stand mit ihren zwei Taschen und einem leuchtenden Tag, die Haare noch warm aufgeföhnt, leicht und wie Wind, ich roch an ihrer Wange und sie schmeckte nach Indien, nach Amber und Zimt und Kardamon und saftigem Grün, du riechst gut, sagte ich, und küsste sie erneut bevor sie kehrtmachte und ging.
Ich aß und schrieb und verrichtete meine Geschäfte, ich ging laufen und wusste nicht wohin mit den salzigen, stinkenden Klamotten, und ich warf sie auf den Balkon, wo der Regen sie auswusch. Sie kam zurück, spät, braun und lebendig, ihre Taschen sahen aus wie am Morgen, ihr Haar unbenutzt, die Kleider legte sie zusammen und in den Schrank, dann zog sie sich ganz aus und sagte, ich geh mal duschen, und als sie im Bad verschwunden war roch ich an ihrer Unterhose, die blumig war und unverletzt, ich roch an den Stiefeln, die sie den ganzen Tag trug, sie waren warm und ledern, die Socken rochen wie das Feinwaschmittel, dass ich stets ins falsche Fach goss, und alles legte ich zurück an seinen Platz und war verzweifelt. Ich erinnerte mich des Sommers, als sie von ihren Tanzstunden kam, durch den schwülen, engen Leib des Mittags fuhr und die Wohnung betrat mit perlendem Schweiß an den erhitzen Schläfen, und ich sagte mir, so, jetzt, und ich verführte sie und zog ihre nassen Sachen aus, warf sie und mich aufs Bett, ich wühlte in den Achselhöhlen und trank aus ihrem Scham, vergrub mein Gesicht zwischen ihren Beinen und legte die Zunge in ihre dunkelsten, dampfensten Ecken, doch nichts; nichts quälte meine Sinne außer ihrem nebligen, frühlingsfrühen Duft, zart und silberfarben, sie roch nach mehr, nach immer immer mehr und nach simpler Erlösung, die keines Wortes bedarf. Ich weinte und sie fragte, was hast du, und ich sagte feige, ich weine vor Glück.
Sie kam aus der Dusche, saftig und frisch, und machte uns Tee. In ihren Haaren hingen glasige Perlen, die sanft auf ihre Schultern fielen und nach Licht schmeckten. Ich koche, sagte ich, und sie sagte fröhlich, gut, dann räume ich ein bisschen auf, und das ärgerte mich maßlos. Im Schrank, den sie geordnet hatte, stand das Essen, standen die Gewürze und das Gemüse wie Dekoration, unbeweglich und genau, und ich fand, das es in all diesem System ja immer nur der Mensch sein kann, der aus der Ordnung schlägt und am falschen Ort sein Wesen platziert. Ich suchte die Käsetortellini, schnitt Zwiebeln und drei Zehen Knoblauch und schmiss Spinat und Sahne in die Pfanne. Sofort hing mir der Rauch im Hemd und an der Hose, und ich hatte vergessen, mich zu rasieren, und die Stoppeln würden grau werden und ihre Lippen verletzten, ich rief, Essen ist fertig, und sie schob den Dunst beiseite, der im Raum schwamm wie Regen, und setzte sich und war perfekt.
Meine Knie juckten, und ein Lungenröcheln überfiel mich. Mit der Zunge spürte ich, wie die Zwiebeln am Gaumen klebten und der Spinat zwischen den Zahnsteinen, und ich machte einen Witz, so dass sie lachte von der einen Seite des Gesichts zur anderen, ihre Zahnreihen kletterten aus ihrem Mund und die Augen flackerten auf; nicht ein einziges, nicht ein einziges gottverdammtes Blatt Spinat klemmte im Weiß ihrer Zähne, nicht ein Zwiebelstückchen, nicht ein Funken Pfeffer oder Sahne, und ich senkte den Kopf und blieb stumm und traute mich nicht mehr, nach meinem tollen Witz, den Mund aufzumachen.
Wie oft habe ich sie nach langen, verhangenen Nächten morgens geweckt und an ihrem Atem geschnüffelt, nach Zeichen gesucht für eine Wandlung, nach Spuren, dass auch in ihr die Zeit existiert und nach Bakterien, die irgendwas zersetzen, doch nie schien sie wirklich durch die Nacht oder den Schlaf gegangen zu sein, nie trennte sie sich von diesem Ufer, das aus Blüten und Aromen und Süße bestand, und neben ihr wurde ein anderer Körper feucht und mufflig und hastete, ohne dass sie es merkte, wie besoffen durch die Monate und eigenen Säfte. Morgens zog sie mein Shirt hoch und sagte, schau, da ist schon wieder ein Fusel in deinem Bauchnabel, mal war es ein blauer oder ein roter oder ein grauer, und ich ging ebenfalls an ihren Nabel und schaute, und natürlich war da nichts, kein Textil und kein grünlicher, hässlicher Rand, ich steckte meine Zunge hinein und es war immer nur Tau: kristallne, gläserne Tropfen, die ich von ihr leckte wie eigene Tränen.
Nachdem ich gespült hatte musste ich ins Bad, und ich klopfe an da ich wusste, dass sie noch drinnen war und irgendwas tat, und ich fragte, was machst du, und sie sagte, ich bin auf Toilette, was hieß, dass sie schiss, denn wenn sie pinkeln musste sagte sie immer, sie müsse pinkeln und hätte nie gesagt, ich muss auf Toilette, und ich stand erleichtert an der verschlossenen Türe, presste das Ohr gegen die Türe und lauschte ihrem gärendem Akt, dem Unsinn, den jeder Mensch mitmachen muss, und ich stand lange da und war zufrieden und lauschte, obwohl ich nichts hören konnte. Dann ertönte die Spülung und ich wusste, selbst in ihr gibt es Unverdautes, und sie kam heraus und ging ins Wohnzimmer, ich fiel sofort ins Bad und sperrte hinter mir zu, schloss die Augen, atmete tief ein; doch ich roch nur dünnfädrige Seife, die noch in kleinen Bläschen im Waschbecken aufplatzte, und mein Herzschlag schoss in den Himmel und ich klappte den Klodeckel hoch und roch tief und es roch nach Wasser und nur nach Wasser und ich begann zu schwitzen und ging in die Mitte des Raumes, ich schloss die Tür auf, ging hinaus und noch mal herein, doch es machte keinen Unterschied: ich vernahm nichts als die heizungswarme, geflieste Luft und ein Fetzen Seife und Shampoo.
Nein, dachte ich, nein nein, ich schaute in den Spiegel und dort wuchsen die Haare wild über meinen Kopf, mal zum Haareschneiden gehen, hatte sie letztens gesagt, und der Mund ist bleich und aufgerissen von der Kälte, und wenn ich ihn einschmiere reißt er nur noch mehr auf, die fahlen Ringe unter den Augen überdauern den Morgen, ich sah eingeknickt aus und unvollendet, eine Schuppe löste sich und fiel mir aufs Augenlid, unter Anstrengung schloss ich den Mund und den Verstand, umklammerte das Becken und fand mich nur wieder in dieser Welt und in diesem Raum und in diesem Geschehen, weil ich mich wahrnahm durch den zähen Schlauer meines Dunstes, der von meinem Oberkörper, von den Schamhaaren und den Zehenzwischenräumen aufstieg, der Geschmack, der mich in der Wirklichkeit festhielt und wahr und endlich machte.
Sie saß dort und las, mit frischen Socken und weißem Oberteil, aus dem ihre Brüste wie vollkommene Versprechen stießen, sie las und schlug die Beine übereinander und schaute mich an und lächelte, du siehst müde aus, sagte sie besorgt, und ich grinste zurück und flüsterte, ja, ich mache noch mal Kaffee, und ich fragte, ob sie auch einen wolle, und da sagte sie, ja, auch ich verspüre den Verlust des Tages, und ich ging in die Küche und kochte unseren Kaffee in dieser glitzernden Wunde.
Beleuchtung
25. Juni 2008
An so einem Sommertag
sind die UV-Strahlen gefährlich sagst du
und ich antworte wir hätten uns
einreiben sollen mit blauen Gebeten
und das Gold aus der Sonne zu graben
wäre ein brennendes Luftloch geworden
brennend auf schweißheller Haut
auf Kieselsteinworten.
Vergegenwärtigung
19. Juni 2008
Wir werden zu Steinen werden
rückwärts gehen in der Zeit
uns begnadigen lassen
von Salz.
Unweit in den Schimmel
am Glockenturm frisst Blei:
am Ende werden wir
Elfenbein
und saubere Tode.
Gleichgewichtsorgan
18. Juni 2008
Er prüft seinen Blick im Spiegel, sein Hemd, ob es sitzt, seine Hose, ob sie sitzt, sein Lachen, das schief wird. So könne er nicht gehen. Im Kleiderschrank findet er einen anderen Gürtel, er besitzt nicht viele, er besitzt zwei, und den einen zieht er durch die Schlaufen heraus und legt ihn an seinen Platz, wiederauffindbar, falls er noch einmal zurückkäme, und den anderen, nachdem er die Löcher geprüft hat und den Duft des Leders, zieht er durch die Schlaufen und findet, es ertrage sich.
Er greift seinen Hut.
Im Spiegel noch immer sein Gesicht, nun mit Hut und neuem Gürtel um die Hose; ich höre Geräusche von der Straße, aber wahrscheinlich ist es nichts, Autoreifen überm Pflaster, grelle Telefonate, geschrieen, ein Kinderkreischen – man muss es nicht wissen.
Ich biege das Lachen zurecht, draußen ist eine Welt, dann geht er los.
Seine Fußmatte legt er zurecht, ohne sich zu bücken, mit der Spitze seines Fußes schiebt er sie herum, die lange Kante an die Türschwelle bis sie glatt sitzt und der wenige Staub, den sie von ihren Ecken riss, an neuer Stelle herabsetzt. Hat er den Schlüssel, ja, er hat ihn, schließt ab, noch ein zweites Mal, dreht ein Mal wieder auf und dann wieder nach rechts, um doppelt zuzuschließen, ich bin unentschlossen: aber vermutlich ist es meine Geschichte, die ich in aller Treppenhausstille fabuliere, vermutlich meine Geschichte, kein Ende nehmend wie mein Wille, sie zu entwerfen, und unten am Hauseingang wartet eine Uhrzeit auf mich, gewiss, ein Datum, gewiss, und womöglich irgendeine Person, die mich für jemand Bestimmten hält und mir Korrekturen abnimmt, die Sonne wird über dem Tag stehen, jetzt, hell und feucht, da Frühling ist und die Luft leicht und voller Geschmack; das Geländer ist kalt, er berührt es nicht, mit den Händen in den Hosentaschen geht er los.
Ich bleibe stehen vor den goldenen Rechtecken, die die Sonne hereinwirft. Sie liegen im Hausflur und über den Wänden, verbogen, wo die Räume sich ändern oder enden, das frische Licht verknappt. Sie bewegen sich, sobald ich hindurchlaufe, ich zähle –
er merkt sich ihre Strukturen, traut ihnen nicht und kann sie selbst jetzt nicht für wahr halten, nur weil sie existieren, er zählt die langen Schattenbalken, die das große Lichtbild in vier kleinere zergliedern und die Rechnung begleichen: er merkt es sich, sicher ist er sich nicht, und er kennt die Traumata eines Standpunktes, möglich zu werden und ob. Die Rechnung:
Ein Großes vier Kleine, oder vier Kleine ein Großes und immer so weiter. Dann zwei Große acht Kleine, dann zwölf Kleine drei Große, dann noch einmal und er wird unten vor den Parkplätzen stehen, alle Stockwerke genommen und verbindlich nummeriert, ein silberner Audi wird da sein wie immer, die Blumenfrau von gegenüber wird dastehen mit ihrem grünen Kittel und der roten Schürze und nichts zu tun haben, als gelegentlich einen Strauß Tulpen aus dem Eimer zu ziehen und geräuschvoll einzupacken, und vor der Bäckerei sitzen die drei Männer auf den Bierbänken vorne und schlucken ihren Kakao zu Butterbroten, der Kanal wird so dahinfließen und die Bäume mit saftigen Blättern so dahinfließen und das Gras am steilen Ufer.
Also Stockwerke zählen anhand einer einfachen Rechnung. Über Fußböden und Kanten und Wände die tagklare Einheit des Lichts, wie es fällt.
Dann, es ist der zweite Stock, ein Schlüssel im Schloss, die Tür ist geschlossen.
Ich weiß: es wird niemand da sein. Auch wenn ich es mir vorstelle, ich weiß:
Man hat den Müll – den Wertstoffmüll, um endlich präzise zu sein – mit hinausgenommen und auf die nächste Treppenstufe gestellt, damit man die Hände freihabe, die Tür zugezogen und den Schlüssel ins Schloss gesteckt. Gerade, als man abschließen wollte und kehrtwenden, kippte die Tüte; einige Verpackungen glitten über den Boden, etwas nasse Folie, nass vom Fleisch, das vorher darinlag, ein Joghurtbecher und vielleicht der dazugehörige Aluminium-deckel. Man flucht und räumt es zurück in die Tüte, eine Fingerspitze wird schmutzig, man reibt sie an der Tüte ab, außen, denkt ans Waschen und Staubputzen und diese ganzen Dinge, die sich permanent wiederholen und die man nicht bezwingen, denen man nicht entkommen kann, all diese Dinge, die das Leben bestimmen und immer wieder gemacht werden und immer wieder anfallen und deren Bewältigung so unvollkommen sein wird wie das erste Luftholen, wenn man aus porösen Träumen erwacht, das ständige Wäschewaschen also und das Abspülen, den Harrwuchs, den Schweiß.
Diesmal schnürt man die Tüte zu.
Und geht verärgert über die Umstände, die doch alles sind, was ist, und der Schlüssel schwebt alleine im Schloss; fast hört man die Stille, die von ihm ausgeht und seinen Körper Schliff an Schliff liegen wie etwas, was wirklich hatte sein sollen, ich weiß es:
Es eilte. Schon hat man die Kopfhörer im Ohr. Elektro. Dann durch den Bass der Nachbar, gerade, als man zusperren wollte, der Nachbar von oben, nicht gerade ein Freund aber auch kein Fremder, die Treppe hinunterstürzend. Ach, soundso. Kurzes Gespräch, nervös, da man weg muss, sich wenig kennt, die Kopfhörer baumeln um den Hals doch der Nachbar entledigt sich keines Kommentars ob der Musik, man hat ja den selben Weg, also los, ein Schulterklopfen, dann endlich los. Der Schlüsselbund mit Schlüsseln für Haustüre, Fahrradkeller und Fahrrad, Postfach und Vereinsraum – und im Schloss der Wohnungsschlüssel, ich weiß es, als habe ich zusehen dürfen:
Man stritt. Aufkommende Erkenntnis, dass dem mit Wein und lauer Absicht nicht beizukommen ist, das Körperliche ins Perverse gesteigert, um noch Sinne zerreißen zu spüren, und dass der Opel gekauft, nun endgültig gekauft war; wie lange hatte man es verzögert und verzögert und es schon nicht mehr gewollt und schon unlängst gewusst, dass der Kauf des Gemeinsamen diesen kaputten Irrtum nicht wird beheben können, den sie aneinander begingen in ihrer Annahme, für den anderen zu sein oder nirgends, die Rechnungen halbiert. Noch zögert man mit Namen, die einen Strich unter ihr Leben ergäben, die Haut und die Stunden der anderen, in denen man Sehnsucht in fremde Körper schob und dabei schwor, dass dies alles nur Lüge sei und eine abtreibende Sehnsucht, ebenso unreal in einem anderen Leben, wie es gewünscht wurde und in dem nichts von alledem galt, in einem anderen Leben also, als ob man so viele hätte, das durch die Namen erst vollbracht wäre: Anna, Fatima, Clarissa, Maggie mit den feuerfarbenen Haaren und den marmormatten Augen, und auf der anderen Seite Kai, an dem sie alles mochte außer seinen Namen und der jetzt nachhallte, immer nachhallen wird.
Absperren wollen, dann ein furchtbares Wort, der Puls im Hals, beide werden laut. Den Rest vergisst man. Und im Schloss der Schlüssel.
Also: Niemand wird da sein.
Er öffnet, es ist nicht zugesperrt, nimmt den Schlüssel ab und tritt ein.
Zug. Und wie jemand, der weiß, wo er hinmuss, bewegt er sich durch die Wohnung, ohne an irgendeiner Kante oder einem Tischbein anzuschlagen, nimmt die zweite Tür rechts, die offen steht, das Wohnzimmer mit leeren Wänden, da ist eine Tür zum Balkon und er schließt sie und der Zug stoppt.
Er setzt sich in einen Sessel, dann auf die Couch, steckt eine Zigarette an, denkt: was für eine durchschnittliche Wohnung. Hier wohnt ein Mann und die Frau, falls es sie gibt, kommt ab und zu und stellt den Müll in den Flur, aber so, dass er nicht umkippt, kratzt das Kerzenwachs vom Tisch, befriedigt ihn nach ihren besten Möglichkeiten. Aber da stehen keine Kerzen, im ganzen Wohnzimmer nicht, nicht auf dem Fensterbrett, ich sehe: keine Farbeinheit, ein zu kleiner Fernseher, kein Vorhang an den Fenstern und kein Schrank. Nur ein langes Regal, Bücher darauf. Der Sessel und die Couch, ich darinnen, zwei Tische. Magazine: Querpolitisch, alles Standard.
Dazu Tageszeitungen, gefaltet und sortiert auf einem Stapel und darauf etwas Asche, womöglich von mir, aber nirgends ein Aschenbecher, vielleicht irgendwo; streng marschiere ich in die Küche, eine Aufgabe, die baldige Aufklärung verlangt, als gälte es nun: dem Ganzen einen Sinn zu geben, ein klar abgestecktes Ziel, das vorkommt, sich finden und verwirklichen lässt, und ich klappe die Schranktüren auf, zuerst die kleinen, Tassen, Becher, Kannen, Espressomaschine, noch verpackt, Vasen und kleine Teller, dann die großen Türen, überwiegend große Teller, Schüsseln, eine Salatschleuder, wie sie Menschen haben, die gerne ihren Salat mit etwas Anderem schleudern als ihren Händen, obwohl man auch hier Gebrauch macht von seiner Muskelkraft, eine jetzt maschinelle Bewegung, die weitaus kräftezehrender ist als einfach mit der Hand abzuschleudern, ich schließe die Türen, kein Aschenbecher, wonach suche ich überhaupt?
Ich frage mich.
Auf den Ablagen kleine Pflanzen und ein Messerblock, eine Notiz. Unleserlich. Ein Schneidebrett. Eine Postkarte überm Becken, Spülen macht Freunde, ich drehe mich um, da sind Wasch- und Spülmaschine, es ärgert mich, ich nehme die Karte ab, Spülen macht Freunde, und weiß nicht wohin aber weiß wohl, dass es mich ärgert. Ich klebe sie zurück, sie hält nicht. Tesafilm, ich öffne die Schranktüren, erst die kleinen dann die großen, nur Teller und anderes Material darinnen, kein Tesafilm und noch immer kein Aschenbecher, vielleicht unter der Spüle, jetzt sind es schon zwei Sachen, die ich suche und nicht finden kann, vielleicht unter der Spüle, sehr wahrscheinlich sogar, irgendwo an kleinen Orten, Nischendinge, doch ich gehe zurück ins Wohnzimmer und rauche eine Zigarette auf der Couch, rauche langsam – Kopf im Nacken, die linke Hand auf der Lehne, die rechte zum Mund – und blase den Rauch an die Decke, so langsam, wie er sich eben auspusten lässt von einem Menschen, dem der Atem und der Herzschlag schlichtweg geregelt wird; keiner wird kommen, sie können es also gerne riechen, dass jemand hier war und nichts fand, keine Erklärung für sich und kein Tesafilm für eine Postkarte, die sich erübrigt; keinen Behälter für Asche.
Er lässt auf die Tageszeitungen rieseln, die Kippe von vorher. Dahinter eine graue Kladde, handgebunden, schlich und kühn, dünnes Papier wie aus China, eine Handschrift genau und winzig, nirgends sieht er einen Stift herumliegen, er geht in die Küche und öffnet alle Schubladen, die mit dem Besteck und den Gummis und den Taschentüchern und den Korken und findet ein Aluminium-blech, das er mitnimmt zu sich auf die Couch und als Aschenbecher benutzt, wahrlos öffnet er die Kladde – Unser Vermögen zu sprechen, zu lieben, zu hassen und die Welt um uns herum wahrzunehmen sowie unsere Erinnerungen, unsere Träume, ja sogar die Geschichte unserer Art sind entstanden aus dem Zusammenspiel vieler elektrischer Signale, die sich in unserem Gehirn ausbreiten wie ein Gewitter, das in einer Sommernacht über den Himmel fegt – weiter ascht er auf den Stapel Zeitungen, dann fällt ihm das Blech ein. Ich platziere es. Meine Gürtelschnalle ist lose, bald wird sie abfallen, der Gürtel – wird sich erübrigt haben.
Was habe ich noch nicht gesehen, das Bad. Ich gehe. Das Bad ist klein und schmal, so wie alle anderen Bäder in dieser Stadt, klein und schmal und immer kahl, eine Badewanne mit weißem Vorhang, kein Design, weiß, auf dem Waschbecken ein Becher mit zwei Zahnbürsten, ich fasse sie an und die eine ist rau und die andere ist weich, das Klo stinkt nicht nach Urin, ein Badvorleger, Melisse, Handtücher an Harken und zwei Körbe mit Utensilien an den Wänden. Ich pisse ins Waschbecken, es hat eine gute Höhe zum reinpissen, ich finde Seife im Korb und wasche das Becken, nachdem ich kräftig abspült habe, wasche mir die Hände und benutze eines der Handtücher, ganz steif und kratzig trocken, und stehe wieder im Flur, blicke in die Küche, woran ich nichts finden kann.
Ich rauche. Klopfe Asche auf die Dielen.
Und weiß: Mein Name ist so unaufgefordert wie mein Aufenthalt in diesem Flur, der Kranz des blauen Rauchs unter der Decke; was also, wenn sich Elektronen irren? Oder eines Tages verschwinden wie ein Auf-Dem-Herzen-Haben, das man zu lange ertragen hat? Gibt es eine Wiedergeburt des Fraglichen, zu dem also, was man sein möchte unter dem Vielen, das man ist?
Es könnte: er blickt in die Küche, das Küchenfenster hinaus in einen weißen Tag, außerhalb, und denkt, es könnte:
Wenn ich bin, so mag dies eine Tat sein, die ich voraussehen kann.
Einen Tag wählen. Eine Geschichte. Assimilieren also.
Ich suche nach Zigaretten so wie ich schon wieder nach Tesafilm suche und zuvor einen Aschenbecher suchte und die Erklärungen sind zu banal, zu simpel und unverbesserlich, als dass man sie wahrhaben wollte. Wenn ich gehe, ist das Elektrizität. Der Gedanke – Grundbaustein Nichts – lässt sich rausschneiden. Und es bleibt also schwierig – wenn man da sitzt und irgendwo hinstarrt um zu vergessen, was man sich vorher erfand, und wenn man erneut beginnt mit Vermutungen, die Wirklichkeit werden. Er ahnt es und tut wie eine Überraschung, als er sich auf der Couch wiederfindet – links die Lehne, rechts die Bewegung zum Mund. Obwohl er weiß, wie es endet, und obwohl er weiß, dass es natürlich so hatte sein wollen.
Und wenn jetzt ein Telefon klingelte?
Und wenn jetzt die Türe aufspringe?
Jetzt drückt er die Kippe aus, am Blech, und oben links hinter dem Fernseher, als habe man es in aller Öffentlichkeit an einer weißen Wand verstecken wollen, ein Rahmen und ein Gemälde von einem Mann, Öl auf –. Einfach ein strenges Gesicht, verschroben. Einfach ein Kopf vor rotbraunen Hintergrund, die Brauen buschig, fest die Nase, kernig und wachsend die Stirn.
Kein Glanz um die Augen, die saftlosen Lippen, und das Kinn hängt am Ganzen wie zufällig; einfach ein Kopf, bartlos. Ein Selbstportrait.
Schiefe Aussage, die als Beweis taugt: einfach ein Bild mit einem Kopf
(er wiederholt es sich), den es einmal zu malen galt, nicht vor einem Spiegel sondern aus wunschlosen Erinnerungen, die die Zeit verdreht haben mag, angepasst, wie so häufig an das rein Vorstellbare, ein quasi Absolutes, und nicht ohne Bagatelle zu sein; die unmerklichen Ohren, der allmählich krumme Blick, ein Wirbel im Haar, dürr, erschreckt. Kein Glanz um die Augen und niemand der ihm beistand, das ganze Vorhaben nicht zu beenden, niemand, der jetzt behaupten könnte, dass er da säße, wo er sitzt, auf der Couch und – wie er sich gedacht, erinnert hat – im Mundwinkel den Geschmack von Nelken und Kraut, wie er dasitzt: und nach Magazinen greift.
Ich reibe mir die Stirn. Schwitze. Wieder so eine Sache.
Wie er da sitzt, seine Kippe ausdrückt und ein Magazin aufhebt, sieht er den Balkon.
Wie heißt die Stadt? Berlin, richtig. Er stößt das Fenster auf und sieht das Maybachufer, Trauerweiden silbern im gemächlichen Wind, den Kanal, letztens hatten ein paar Türken ein altes Bettgestell dort hineingeworfen und gelacht, gerade dort vom Kopf der Brücke, wo jetzt ein Mann, zu warm gekleidet für den Frühling, steht und raucht, sein Gesicht verdunkelt, Qualm steigt über seine Stirn, kaum sichtbar, dahinter mehr Menschen ohne Zigaretten, auf der anderen Seite die Bäckerei, die Fußballkneipe, davor fettgrüne Blätter, Maybachufer, das Wasser zu lahm und zu warm für Geräusche. Oder doch nur Wasser, irgendwo auf der Welt, an das man sich erinnert, ein Ufer voller Bäume, wer gibt ihnen Namen, verdienen sie überhaupt Namen, wer sagt, das sie am Kanal stehen und wer nimmt Maybachufer in den Mund, wo er doch irgendein Wasser und irgendein Ufer meint, das zu jeder Zeit existiert haben mag, ein Punkt, den man anfügt und fortnimmt wie es einem passt, einen Betonkanal, Firlefanz und tausende Mücken überm Dunkelgrün. Zu dreckig, um darin zu baden.
Ein Ufer, gewiss, vielleicht sogar Wasser, aber wo! Vielleicht haben wir uns schon einmal gesehen, vielleicht sind wir zu Synapsen verschmolzen und tauschten Gepflogenheiten, klitschige Händedrücke oder ein nettes Wort oder die Frau; der Mann wirft seine Kippe von der Brücke, greift in seine Innentasche, öffnet eine Schachtel und hustet still in den Wind, den lahmen, nicht in die Hand, er zündet eine Zigarette und raucht und zieht in die Lunge; Qualm steigt über seine Stirn, steht in Kreisen unter der Zimmerdecke, ich lehne mich aus dem Fenster und sehe den ersten Löwenzahn unten, wie er losbricht und das Wasser im Kanal. Vielleicht kennen wir uns. Berlin? – Sicher bin ich mir nicht.
Im Flur eine Stereoanlage, warum im Flur, CDs in Stapeln daneben, ein alter Drucker, wahrscheinlich kaputt, ich blicke in die Küche, zur Haustür – will er gerade gehen? Müsste ich nichts hinterlassen als Zeichen, dass ich da war und auf der Couch rauchte und den Arm wie von alleine auf die weinrote Lehne legte, die Kippen auf den Dielen ausdrückte und eine Postkarte von der Küchenwand riss, und dass ich nach Anhaltspunkten suchte und immer wieder auf der Couch saß, nie im Sessel, wie jemand, der absolut grundlos gekommen war und sich nichts daraus machte, ebenso grundlos wieder zu verschwinden und ohne Hoffnung, wiederzukommen.
Keine neue Notiz in der Kladde, kein Eintrag mehr von Irgendwem, der in den Schubladen wühlte und die Balkontür schloss, weil es zog …
Und neben der Küche das Schlafzimmer, ich trete hinein, die Tür, die sich mit einem leichten Ruck aufstoßen lässt, war nur angelehnt, ein Telefon auf dem Boden (vielleicht höre ich den Anrufbeantworter ab) ein Laptop, einen Schrank und kein Bett, auch keine Matratze, ein riesiger Spiegel, eingefasst in der Schranktür.
Er prüft seinen Blick darinnen, sein Hemd, ob es sitzt, seine Hose, ob sie sitzt, sein Lachen, das schief wird. So könne er nicht gehen.
Im Kleiderschrank findet er einen anderen Gürtel, er besitzt nicht viele Gürtel aber genug, um sie dann und wann zu wechseln, er zieht einen neuen durch die Schleifen ein und legt den alten an seinen Platz, dass er wiederauffindbar sei, falls er noch einmal zurückkäme. Er schaut sich an und findet, es ertrage sich nicht.
Er greift seinen Hut.
Im Spiegel noch immer sein Gesicht, nun mit Hut und neuem Gürtel um die Hose; ich höre Geräusche von der Straße, aber vermutlich ist es nichts. Zurufe zweier Freunde, eine Hupe, die die Stadt durchbricht, ein Hundebellen, ein Flötist – man muss es nicht wissen.
Ich stoße mich an der Stereoanlage und greife die Klinke, biege das Lachen zurecht.
Draußen ist eine Welt. Dann geht er los.
Harry Tse Tschung
18. Juni 2008
Ich lebe in einer asiatischen Straße. Karl Kunger Kietz ist eine gemütliche, hübsche und sympathische Verweilstraße, die sich fest in einzelhändlerischen Händen befindet.
Hier kauft man Brot, steht Ecke, lässt sein Rad aufpumpen, trödelt, kann frische Tulpen sowie gefälschte Markenware erstehen und seine Bilder galeriesieren lassen, sich betrinken und Mini-Döner (1.30) essen, hier findet man, was andere Leute wegschmeißen (Mikrowelle Backsteine Hustenbonbons zwei tote Tauben). Hauptfront im Kleinwirtschaftskrieg bildet hier der Vietcong bzw. der Thai bzw. eine Mischung aus beidem bzw. eine Allianz der beiden Nationen, die alle Blumen- und Gemüseläden innehaben plus einige Kioske, Trinkhallen und nun auch ein Restaurant/Bistro. Fröhlich sieht man den Verkäufer von hier mal dort kassieren, der Blumenmann steht plötzlich an der Kioskkasse und umgekehrt, die Kioskkasse steht auf einmal zwischen Papierwickel an der Blumentheke.
Meine Lieblingsverkäuferin ist jedoch mit Abstand Frau Pleng (Name verniedlicht), die, wie ich herausgefunden habe, aus Thailand stammt.
23 Stunden täglich steht sie im GemüseAsialaden und betreut Kunden wie mich, die immer mal Gemüse, frisches Obst oder Kokosmilch einkaufen kommen und ansonsten höflich und unvermittelt durch die Fensterscheibe grüßen. Da die Ladentüre immer weit geöffnet ist und sich somit das Interieur herrlich von draußen einsehen lässt, kenne ich Frau Pleng nur als pinke Daunenjacke hinter dem Tresen, aus welcher ein kleiner, unnötig sowie kunterbunt geschminkter Kopf ragt. Hallöchen, trällert sie, und ich sage dann auch, Hallihallo.
Was dalf´s heute sein, fragt sie, als ob ich jeden Tag ihren Laden aufsuchen und zudem immer verschiedene Objekte meiner Begierde erstehen würde. Meist kauf ich dies und das, mal jenes und solches, und dann stehe ich noch kurz vor dem Weinregal, ja, es gibt auch ein nicht zu kleines Sortiment an wenig edlem, aber durch die Bank weg brauchbaren Wein. Hier findet meine Lieblingsbegegnung mit Frau Pleng, bzw. Frau Hai (Name syntaxiert) statt. Jedes Mal, wenn ich meine Augen über die Etiketten wandern lasse, sagt sie piepsig und forsch: Vielleicht noch eine Wein? – Zuerst dachte ich, es sei eine stinknormale und noch dazu berechtigte Frage gewesen, bis mir auffiel, dass sie jedes Mal diesen einen Satz sagt, in genau der gleichen Frequenz, dem gleichen Tonfall und dem selben Moment, ja sogar in der selben Körperhaltung, der selben Frisur.
Obwohl ich nie bei ihr Wein kaufe, passiere ich doch jedes mal das Regal, vagabundiere kurz, fliege mit dem Blick über die braunen Flaschen, nur um diesen Satz zu hören, Vielleicht noch einen Wein, und nie hab bei ihr einen Wein gekauft, außer einmal, da ich schon Angst hatte, sie würde irgendwann nicht mehr fragen, wenn ich nicht auch mal einen mitnähme.
Meine Liebe zu dieser Frage, die mich auf eine dunkle, geheimnisvolle Art süchtig gemacht hat, geht sogar derart verschroben weit, dass ich manchmal, wenn ich nur am Laden vorbeigehe, kurz hineinschlüpfe, mich vors Weinregal stelle, gucke, und dann, nachdem sie gefragt hat – schrill und vogelgleich – ob ich Vielleicht noch eine Wein wolle, nein sage, einanderesmal, und gehe.
Ja, ein Großstadtalltag steckt voller Rituale. Ich z.B. gehe neuerdings immer mit einer Zeitschrift aufs Klo. Etwas, was ich mein ganzes Leben lang unterlassen hatte, eine Art männliches Zeremoniell, dem ich mich bisher ketzerisch entzog und für das ich nie auch nur das geringste Verständnis aufbringen konnte. Jetzt sitze ich da, es ist kalt und es stinkt und ich lese. Gestern war ich auf einem Spaziergang im Kiez und dachte wirklich den nun folgenden Gedanken, bei dem ich vor Vorfreude glücklich wurde und, kurz aber knapp, in die Luft hopste: Wenn ich gleich Zuhause bin, setzt ich mich aufs Klo, scheisse und lese.
Zudem geht man gern in Lokale. Ich habe herausgefunden, dass selbst wenn ich alle mein Zutaten umsonst bekäme, man doch am heimatlichen Herd mehr Geld los wäre als in den so genannten „Restaurants“, in denen ich verkehre – schließlich muss ich auch Gas und Wasser bezahlen, und wenn man Zuhause ist will man es warm haben, ergo: man heizt. Dann hört man Musik: Strom. Zudem verheizt selber Kochen mehr körperhaushaltliche Energie, die mit einer proportionalen Mehreinnahme von Lebensmitteln auszugleichen ist, demnach muss auch mehr eingekauft werden, was erstens wieder Geld kostet und zweitens wieder Energie verbrennt, sodass der hier einmal in Gang geratene Teufelskreis nicht mehr zu beschönigen noch, der Name hat es verraten, aufzuhalten oder gar zu ertragen ist. Für zwei Euro bekomme ich beim Vietnamnesenthai an der Ecke eine solide Mahlzeit, die zwar nach nichts schmeckt, dafür aber auch schon kalt ist und unappetitlich aussieht.
Übrigens heißt das Bistro „Huenq que“, also so, dass man nicht weiß, wie man es korrekt aussprechen soll. So ist es ganz natürlich zu sagen, man gehe mal „beim Vietnamesen“ oder „beim Marrokaner“ essen, während man bei deutschstämmigen Buden immer noch davon spricht, „zum Schraders“ oder „bei Kalle“ zu gehen. Integrationsmännich bleibt der Umstand, dass man ausländische Lokalitäten nicht bei ihren Namen nennen kann, ungemein tragisch und ein eingliederungspolitisches Fiasko: „Der Türke auf der Falkensteiner“ oder „der Afghane an der U-Bahn Hermannsplatz“!
Hier beginnt Ausgrenzung schon dort, wo sie gemeinhin beginnt: in den Köpfen. (Apropos: An der Toilettentür eines türkischen Internetcafes in Wedding las ich kürzlich die zwei eindringlichen Sätze, die als generelle Lebensmaxime auf alle Teile der Bevölkerung ausgeweitet werden sollten, um ein menschengerechtes, mit allen göttlichen Wasser gewaschenes Leben zu gewährleisten: Wer an dem Toiletten ran oder zu geht, bitte so wie vorher lassen ok. Sauberkeit kommt aus Kopf. )
Klar, dass diese Leute nie „ankommen“ in unserer Gesellschaft, wenn sie ständig bloß mit Ecken, verkommenden Bahnstationen und widerlichen Straßen in Neukölln in Verbindung gebracht werden. Also sagte ich zu Herrn Blong (Name versilbert) vom Vietnamesen-Thai-Asia-China-Bistro, den Mund voller fader Glasnudeln und einiger Sojasprossen: Zwei Euro, stimmt so, und übrigens: wie spricht man denn den Namen aus? Warum so kompliziert für uns Deutsche?
Er grinste. Ich schlug vor: wie wär´s mit „Tisch am Quai“ oder „Lama–Lama“. Oder „bei Günther“.
Er lachte und sagte heiter, nein, das sei ein Scheißname.
Polithistorischer Nachtrag:
Die meisten Menschen wissen ja, dass der kubanische Revolutionsführer Ernesto Guevara (Hasta la L.A Lakers siempre), genannt „der Che“, kein Kubaner, sondern Argentinier (Maradonna, Rind) war; jedoch ist es eine leidlich unbekannte Tatsache (a.v. KP-Propaganda), dass der große Vorsitzende Mao Zedong (der große Sprung nach vorn, der Weg ist das Ziel) eben nicht aus der Provinz Xinjing (China) stammte, wie es heute noch immer die Schulbücher (Reispapier, beige) lehren, sondern der minderbemittelt („minus plus minus ergibt plus“) phlegmatische Gastarbeitersohn (8, Despoten-charakter: aggressiv, schwul, perspektivlos) einer vietnamesischen Reiskrämerfamilie war, die als erste „boat-people“ überhaupt vom völlig verarmten (= Regression) Hanoi (Karl-Marx-Stadt) in die chinesiche Metropole Peking (China) geschippert kamen.
Licht im Mond
18. Juni 2008
Und ich bleibe noch wach um zu sehen
Und ich bleibe um zu sehen
Wach
Wie der Mond über die Nacht geht
Wie der Mond
Heruntersteigt ins Elektron
Und durch die Nacht kein Ende findet
Und die Elektronen krönend
Einander in den Lichtkranz jagen.
Ich bleib wach.
Und seh im oberen Quartal den Mond.
Und fasse seinen weißen Ring:
Durch die Brust der Nacht
Um noch am Herzen zu atmen.
PingPong
18. Juni 2008
Für Dinge, und ich meine amtsgängerische Sachangelegenheiten und Erledigungen scheinbar vertrackter Besorgungen, habe ich neuerdings Thementage eingeführt ( das Thema ist freilich immer das gleiche, nämlich eine Vielzahl vertrackter Besorgungen ).
Wenn all die Kleinigkeiten, die man nicht macht, weil sie Kleinigkeiten sind, die man einfach nicht macht, zu einem baumgleichen Gedankenblock herangewachsen sind und man nunmehr zu Stift und Papier greifen muss, um der absoluten Kleinigkeitenwirrnis einigermaßen mannhaft Herr zu werden – so hat sich dieser spezielle Tag manifestiert, an dem es gilt, abzuharken.
Also fuhr ich los. Ich hob Geld ab. Kaufte Tee in dem Teeladen, der bald zumachen wird: alles halber Preis. Der Antwortbrief an die GEZ, dreimal wurde ich zum letzten Mal aufgefordert, ist nun bei der Post. Informationen über den W-Lan Anschluss meines Computers wurde eingeholt. Ich fand ein passendes Buch, ein Geschenk. Ich kaufte einen Kühlschrank und Gericht Nr. 171 beim China/Thai Imbiss. Fertig. Nach zwei Stunden war alles erledigt, was sich drei Wochen hat anbahnen müssen; mein Themenzettel wurde ordnungs-gemäß entsorgt.
Was nun? Die Sonne schien, Blau lag der Tag über den Dächern. Ich war jung und brauchte kein Geld. In Kreuzberg saß man auf den Bürgersteigen, Musik dröhnte. Ich fuhr los.
Es heißt, der Zufall sei das Vehikel der Notwendigkeit, und zufällig traf ich, kaum war ich losgeradelt, mein Ex-Babysitterkind samt seiner Mutter. Sie, Julia, hatte Tischtennisschläger dabei. Nando, das Kind, schlief.
So durchkreuzten wir den Görlitzer Park und suchten die zwei Tischtennis-platten auf, die sich am Kanalufer befinden. Dort erwachte Nando pünktlich zum ersten Ping des Balles. Glücklich und ruhig war er nunmehr nur, wenn von seiner Mutter in den Arm genommen, und schnell wurde es Julia zu heikel und zu körperbewältigend, ihn während der schweißtreibenden Sportverrichtung links balancieren zu müssen, während sie rechts wuchtig schmetterte.
Ich brauchte neue Partner. Schnell war klar, dass hier nur Profis am Werke waren. Sechs Menschen, allesamt Cracks, Fanatiker. Jedem Grüppchen sein Örtchen: Jamaika sitzt immer am selben Flecken, die immerselben Alkis auf der immerselben Bank, die turtelnden türkischen Jugendlichen in den selben Gebüschen, und nun wusste ich, wo sich die Berliner Tischtennisfreaks trafen – ich hatte ihren geweihten Ort betreten, ihre zweitönige Gladiole, und nahm nun teil an ihrem Leben, knallte Bälle, keuchte, spielte Einzel und etliche Doppel. Es ging passabel. Zuerst mächtig eingeschüchtert erinnerte ich mich dann doch, zweifacher Sinner Dorfmeister gewesen zu sein, und es ging recht passabel.
Nach fast drei Stunden hatte ich folgendes über Tischtennisspieler gelernt:
Man darf, als wirrer und verschrobener Kleinschlägerfan, keinen Ball unkommentiert lassen. Keinen! Schlägt man eine Wahnsinnsbahn, wird ein „Ja“ exaltiert, verpasst man aber die Platte oder drischt den Ball ins gusseiserne Netz, muss dies kommentiert werden, „Mann Mann Mann“, oder „Das is ja wieder hier“, oder, an sich selbst gerichtet, voller Emo-Schmerz, „Was ist den los!?!“
Ich meinerseits begnügte mich damit, eigene Fehler mit „Arrgghh“ zu beschwichtigen und über meine Glanztaten zu schweigen. Wenn aber mein Doppelkollege eine Vollgranate aus hinterster Ecke sauber und für den Gegner unerreichbar über das Feld hämmerte, gurgelte ich stets – ein ansehnlicher Reflex – ein mächtiges „Ahhhh, SUPER!“ ans Tageslicht.
Verbissen, ja, verbissen ging es zur Sache, und schnell wurde mir klar: dies ist kein Spiel, sondern der Kriegsschauplatz einiger degradierter Hanswürste, die im anderen Leben aknevernarbte Junggesellen sind und es in ihrer unterkandidelten Menschenlaufbahn bis genau hierhin gebracht hatten: an die Platte.
Wind war ein Problem. Auch wenn kein Wind ging, war er permanent an allen Fehlern schuld, der arme, körperlose Wind. Nach einem versiebten Schlag skandierte mein Gegenüber, der Ball stehe ja förmlich in der Luft, und als ich erwiderte, dies sei eben richtiges Tischtennis und kein Hallenhalma, wusste ich auch, dass mit den Herrschaften nicht zu scherzen war. Die ordinäre Verbitterung schlug mir fortan als subtile persönliche Abneigung entgegen und ich sah mich gezwungen, alle meine Spiele mit Absicht zu verlieren, nur damit eine weitere Aufwallung der schwächelnden Gefühle wohlweislich abgewendet blieb.
Schlimmer erging es einem anderen Spieler, der einfach so vorbeikam und einfach mitspielen wollte, einfach mal so – ein großer netter Kerl mit grundfeinem Charakter und anständiger Ruhe. Doch er war kein großes Talent und wurde fertiggemacht. „Das ist ja grotten-, grottenschlecht“, hieß es, und „Ne ne ne“, „Mann Mann Mann“ und der Oberknaller, nachdem der Gebeutelte schlurfend das Schlachtfeld mit den Worten verließ, dies sei doch nur ein Spiel: „Da spielt ja meine Oma noch besser!“ Also ne.
Als Sportkameraden, die wir ja doch noch irgendwie waren, sollten verbale Entgleisungen dieser Art allgemein geächtet werden. Er ging, und kurz darauf war auch bei mir die Luft raus. Ich hatte hardcore getischtennist und seit Mittag nichts mehr getrunken, mein Mund klebte, ich stank – kaum konnte ich mich verabschieden.
Noch immer schien die Sonne. Ich beschloss, am Hügel des Parks zu verweilen. Oben angekommen, brauchte ich Wasser, hatte aber keines, und so frug ich ein Pärchen nebenan, ob man mir denn was Wasser abgeben könne.
„Bist du breit?“, fragte er, und ich sagte, nein, die Dehydration stamme vom Tischtennisspielen …
Man lud mich auf Bier und weiteres Bier ein. Frank, so hieß er, belegte bei den Magdeburgschen Meisterschaften einmal den fünften platz, und ich hatte einen neuen Tischtennisfreund gefunden, bei dem ich noch den Abend verbrachte und solange über Belage philosophierte, bis die Sonne rötlich in einem dicken Wolkenschimmer wütete und den Tag verwarf. Es wurde ein lustiger Abend. Irgendwann fuhr ich besoffen nach Hause und kritzelte noch auf einen kleinen Zettel, den ich neben meinem Computer platzierte:
Tischtennisschläger kaufen!